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Full text of "Die erste Theilung Polens"

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ERSTE THEILUNG POLEM 



ADOLF BE-^ 



ERSTER BAN 



WIEN. 

E UHD VERLAG TON CARL OBROLD'S SOHN. 
1873. 



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Da8 Becht der Debenetzniig, wie alle andern Bechte behält sich 
der Verfasser tot. 



IzcJbyCoOgIC 



VOKWOET, 



Hundert Jahre sind rerflossen, seitdem eines der 
folgenreichsten Ereignisse europäischer Geschichte sich voll- 
zog. Am 5. August 1773 einigten sich die drei Mächte, 
Oesterreieh, Freusseo und Hussland, flher die erste Theilung 
Polens. Seit jener Zeit hat sich die historische Wissenschaft 
vielfach damit beschäft^, das geheimnissTolle Dunkel zu 
IKften, welches jene Verhandlungen umhüllt. Eine kleine 
Literatur ist erwachsen, ohne dass es bisher gelungen wäre, 
volle Klarheit Ober das ganze Geäder von Tbatsachen zu 
verbreiten. 

Lange Zeit hindurch beherrschten Bulhi^re und sein 
Fortsetzer Ferrand die Anffassnng Aber die Qenesis des 
Theiiuugsrertrages. Diesen Männern standen recht um- 
fassende Hilfsmittel zu Gebote : mündliche üeberlieferungea 
und schriftliche Aufzeichnungen. Dennoch waren sie nicht 
in der Lage, einen ganz richtigen Einblick in die Verhand- 
lungen zu gewähren und die vieirach verschlungenen Fäden 
vollständig zu entwirren. Die ihnen zur Verfügung stehen- 
den Quellen waren blos secundärer Natur. In vielen Punkten 
streifen sie hart an die Wahrheit, ohne jedoch in's Sehwarze 
zu treffen. 



IzcJbyCoOgIC 



Die preussiscbf^n HUtoriker bescbränkten sich im We- 
sentlichen auf die Darstellung der wichtigsten Thataachen; 
sie suchten die Beschuldigung, dass Friedrich der Motor 
der Theilung gewesen, zu entkräften. Merkwürdigerweise 
fanden sie keinen Glauben, und in den letzten Decenniea 
bürgerte sich immer mehr die Ansicht ein, dass gerade 
Friedrich zumeist auf eine Theilung hingesteuert, und die 
unverstQmmelte Heraasgabe der königlichen Aufzeichnungen 
schien hiefÜr neue Belege zu liefern. 

Das Material, welches dem Forscher bisher zur Verftigung 
stand, war spärlich gentig. Abgesehen von einigen belang- 
losen Memoiren, konnten blos die von Gört z yeröifentlich- 
ten Documente benutzt werden; die wichtigste Schrift, die 
Aufzeichnungen Friedrich 's, wnrde mit entschiedenem Miss- 
trauen angesehen und desshalb nicht genügend ausgebeutet. 
Herrmann zog in seiner russischen Geschichte, bei Dar- 
stellung der ersten Theihng, das Dresdener Archiv heran. 
Zumeist waren es die Depeschen Esseu's, die von ihm be- 
nutzt wurden. So werthToIl auch die Berichte dieses Beob- 
achters sind, sie gewähren nur einen reichhaltigen Stoff 
fQr die Schilderung der inneren Verhältnisse Polens, über 
den Theilungsprocess als solchen verbreiten sie der Natur 
der Sache nach kein Licht. Essen war in dieser Beziehung 
auf das blosse Hörensagen angewiesen, von den Strömungen 
in Berlin, Petersburg und Wien konnte er nur oberflächliche 
Kunde haben. HemnaDn bringt auch in der That keine 
neue Auffassung, so verdienstvoll und zutreffend seine son- 
stige Darstellung der polnischen Zustände ist. 

Die Pnblication Smitt's (FrM^ric II., Catharine Tl. 
1S60) liess neue Aufschlflsse erwarten. Dieser Schriftsteller 



IzcJbyCoOgIC 



hatte sieh durch einige Werke einen achtbaren Nameu ge- 
macht, und man mochte hoflen, dass er die ihm zugäng- 
lichen russischen Archive in eingehender Weise auäbeuten 
werde. In diesen Erwartungen sah man sich allerdings ge- 
täuscht. Seine Arbeit hat keinen andern Zweck, als den 
seiner Ansicht nach strictestea Nachweis zu liefern , dass 
Friedrich, and nur Friedrich, direct auf die Theilung hin- 
gearbeitet. In dem ersten Theile seiner Arbeit, der 1850 
niedergeschrieben wurde, hatte er doch wenigstens einiger- 
massen Anhaltspunkte für diese Behauptung. Aber auch 
in dem letzten Abschnitte, den Smitt aehn Jahre spater 
hinzugefügt , lässt er sich in seiner Auffassung nicht be- 
irren, obwohl mittlerweile mancherlei in die Oeffentlichkeit 
trat, was bei unbefangener WOrdigang seine Ansichten £u 
modiScireu geeignet gewesen wäre. Es musste anderseits 
mit Miestrauen erfflllen, dass Smitt, dem russische Mate- 
rialien zugänglich waren , nicht ein einziges Actenstflck 
mittheilt, welches einigermassen Äufsehlass über die rus- 
sische Politik gewährt, sondern sich damit begnügt, Depe- 
schen Friedrich's an Solms zu veröffentlichen. Auch ver- 
fährt er keineswegs bei Benützung seines Materiales, gelinde 
gesagt, kritisch genug, er wBrde sonst manche falsche Inter- 
pretation, um nicht zu sagen Verdrehung, vermieden haben. 
Im Laufe der fttnfniger Jahre erschien, leider nicht 
vollständig, der Briefwechsel Friedrich's mit Heinrich, der 
werthvolle Angaben über die vorli^eude Frage enthält, 
sodann veröffentlichte SchlSzer seine jedenfalls interessante 
Studie : Catharina und Friedrieb , wobei das preussische 
Archiv zum ersten Male benutzt ist. Der Charakter der 
SchlCzer'schen Arbeiten ist bekannt genug, und wie man 



IzcJbyCoOgIC 



auch über dieselben denken mag, seine Angaben sind zu- 
TerUssig, seine Auszüge aus dem Schriftwechsel des EOnigä 
mit seinem Gesandten in Petersburg getreu, wenn auch 
etwas spärlioh. Eine überzeugende Kraft wohnt !:>chriften 
solchen Gepräges nicht inne; sie gelten, wenn aueh mit 
Unrecht, nicht für voll. SchlCser hat den Stoff nicht erschöpft 
und viele Bäthsel nugelöst gelassen. 

Die beiden letzten Schriftsteller, die über den vorlie- 
genden Gegenstand gOEchriebea, sind: Ssolowjoff und 
Janssen. Brsterer hat in seinem Werke, „Der Fall Polens", 
auch russische Quellen benOtst, aber er verwerthet dieselben 
bloäs zur Schilderung der inneren Verhältnisse der Repu- 
blik, um das Vorgehen Busslands eu erklären oder wo mög- 
lich zn rechtfertigen; über den wiebtigsten Punkt gleitet 
er mit bewunderungswürdiger Geschicklichkeit hinweg und 
hält an der blfherrgen Auffassung fest. Auch die Arbeit 
Janssen's bewegt sich in den hergebrachten Geleisen. Mit 
Benfitzung von Smitt und der Publieation von Theiner 
sucht er die Genesis der ersten Theilung blosi^znl^en, 
ohne sich der richtigen Ansicht m nähern, denn von den 
Depescheu des Nuntina gilt dasselbe, was oben von E.'-sen 
gesagt ist. WerthvoU ffir die Voi^nge in der polnischen 
Hauptstadt, Eind sie fflr die entscheidende Frage vollständig 
unbrauchbar. Zudem hat die Arbeit Janssen's einen con- 
fessionellen Anstrich.') 

') Ate der Druck meines Buch» bis tarn G. Bogta dea zweiten 
Bandes TorgerQcIct war, wurde mir eine Arbeit vom Gtb, Käthe Max 
Dnnker .Die Erwerbang WealpreusEoDg" zugesendet. Dieselbe beruht 
auf Studien im Berliner Archive, fast auf denselben Papieren, die mir 
zur VerfBgQng standen: leider lionnte ich eine oder di« andere Notii 



IzcJbyCoOgIC 



vn 

Die Bemübungeo, za einem vollständig befriedigenden 
Besultate zu gelaogeii, konnten nur dur(di Erfiffonng der 
ArchiT« zu Berlin und Wien fom Erfo^e jfekrdnt werden^ 
denn die Mt^lichkeit der Benfltsimg der rossiECben Schatze 
scheint noeb in weate Ferne hinuisgeröckt zu sein. Darob 
Verwerthung d«B Wiener und Berliner üateiüls konnte man 
in den Stand gesetzt werden , den Yerfaandlangen schritt* 
vBise sü folgen odd keinen wesentlichen Punkt unerhellt 
zu lassen. 

In Wien und Berlin war ich so glOcklich den SchatK 
BU beben. Aus Studien in diesen Archives, sowie ans einer 
nochmaligen Durcb&tfstdiiuig des I^resdener At^itb iet das 
vorlie^nde Buch «rwadisen. Was die fisteneiohisohe Po- 
litik anbelangt, glaube icb in meiser Arbat einen toU- ' 
ständig klaren Nachwein Aber ihre Stellung zu dieser Frage 
g^eben zu haben. Nicht minder ist die Antheilnahme Frie- 
drich's des Grossen an diesem Ereignisse nach den mir zu Ge- 
bote stellenden Quellen unwiderleglich feat^estellfc. Manche 
Bftthsel bietet noch immer die polnisohe Politik Bnestands, 
obzwar die Tendenz fQr Jeden, der klar sehen will, keinem 
Zweifel unterliegen kaim. Man wird es hoffentlich nicht 
tadeln wollen, wenn man in meiner Arbeit die Sucht nach 
Hypothesen venniset. Wer mit dem Handwerk bekannt ist, 
weies, wie leiehten Kaufes diese zu machen sind, und seit- 
dem ich durch ein genaues Studium der einschlagen 
Literatur mich Überzeugt habe, dass fast alle büher ange- 
stellten Versuche hinter das Gebeimniss zu kommen, sich 

aas dem Briefwechsel Friedrich'» mit seinem Eradcr nicht mehr ver- 
werthen, nnd ich kuu mich nur frenan, dus unsere Remiltate bezflg- 
lich der preDBeiEchen Politik fast dieselben sind. 



IzcJbyCoOgIC 



vm 

als eitel erniesen , liabe ich die Lust , mich in ähn- 
lichen Bahnen herumsubewegen , verloreti. Ich beschränke 
mich auf die Darstellung dessen, wozu die mir zur Ver- 
fügung gestandenen archi?aliscben Quellen eine Handhabe 
bieten, und flberlasse es der weiteren Forschung, Einzelnes 
noch mehr aufzuhellen , als es durch mich geschehen 
konnte. 

Die Einäussnahme einer jeden der drei Mächte auf 
die Theilnng dürfte nun Tollkommen sichergestellt sein, 
und die Historiker hätten sieh viel Mühe und Arbeit er- 
sparen können , wenn sie den Angaben Friedrich's mehr 
Qlanben geschenkt hätten , denn diese werden dciroh die 
angestellten Untersachongeu in jeder Beziehung bestätigt. 

Nur der grösste Historiker der Gegenwart hat auch 
in dieser Fr^^e seinen intuitiren Scharfsinn bewiesen. 
Leopold von Ranke bertlhrt in seinem jüngsten Werke die 
Theilung Polens und folgt, unbeirrt durch alle Einwen- 
dungen, der Ueberlieferung Frledrioh's: „Man würde Fried- 
rich mit Unrecht", sagt Leopold v. Ranke, „als den ersten 
Urheber einer den drei Mächten gemeinschaftliclidn Qebiets- 
erweiteruag auf Kosten Polens betrachten ; dieser Gedanke 
ist, von Oesterreich veranlasst, in den Salons von Peters- 
burg ergriffen worden: dass derselbe aber so grosse Dirnen- 
sionen annahm und zu einer Umgestaltung der Machtver- 
hältnisse im Norden und Osten führte, dazu hat Friedrich 
ohne Zweifel den Anstoss gegeben." 

lieber diesen Punkt kann nunmehr kein Zweifel ob- 
walten. Wir besitzen fUr diese Behauptung einen Gewährs- 
mann , dessen Glaabwürdigkeit wohl Nieoiand anfechten 
wird: Eannitz. Heber die Genesis der Theilnng stimmt 



IzcJbyCoOgIC 



der Csterreicliische Staatskanzler mit dem preussiecheti 
EOnige im WeseotlicbeQ übereln. In einer Denkschrift vom 
25. September 1771, welche den Titel führt: „Kurze Schü- 
deruog der dtesseitigen Masanahmen während des zwischen 
den Türken nnd Bussen obwaltenden Krieges", legt Kaunitz 
dar: die Politik Oesterreichs habe ei bewerkstelligt, dass 
sich PreuBsen jeder feindseligen Einmischnng in die pol- 
nischen Angelegenheiten enthalten und nicht den kleinsten 
Schritt gewagt habe, sich auf Kosten Polens zu rei^rOssern. 
Sodann fährt er wörtlich fort: „Dieses dauerte so lange, 
bis wir die Anfangs blos zu unserer Sicherheit in Vor- 
schlag gebrachten Cordonsan^talten gegen mein weniges 
Einrathen in einen Eroberungsplan verwandelt und dadurch 
dem KSnig von Preussen die gewOnschte Gelegenheit ge- 
geben haben, sieh auf unser Beispiel zu beziebea, solches 
in verdoppeltem Maass nachzuahmen und sich den Weg 
zu allen denjenigen geheimen Bearbeitungen bei dem 
russischen Hofe zu bahnen, welche hlois auf seine eigene 
Vei^rösserung und Nebenyortheile abzielen." 



, Zu besonderem Dank fühle ich mich dem königlichen 
preussisehen Staatsministerium gegenüber verpflichtet, wel- 
ches mir bereitwilligst die Erlaubniss zur Benützung des 
Berliner Archivs ertheilt hat. Nicht minder habe ich Ur- 
sache, den Vorständen der Archive zu Berlin, Dresden und 
Wien für die bereitwillige Unterstützung, die sie mir bei 
meinen Studien angedeihen Hessen, erkenntlich zu sein. 
Am 5, August 1872. 

Adolf Beer. 



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INHALTSVEEZEICHNISS. 



Eretss Capitel. 

Nach dem siebenjährigen Eiiege. Seite 1—31. 
Folgen des Krj^es. — Stellong der Weltmichte in der ersten 
H&lfte de* 18. Jahrhunderts. — Bildung der preugdBchen Orosamacht 
and ihr Einflass auf die Beiiehangen der einzelnen Staaten. ~- Maria 
Theresin. — BaTt«natein. — Eanniti. — Sein Terhfiltniss la Hari& 
Tbereiia. — Politieehea System des Staattkanilers. — Das SBtetreichiscb- 
fiansösiiche Bündnisa. — Das Terhältniie Oesterreichs la Rnseland. — 
BesonderB seit dem Tode Elisabeth'B. — Frankreichs Stellung zu 
Oesterreich. — PrensBen. — Friedrich der Grosse. — RuBsIand. — 
Catharina. — Charakteristik derselben. — Orlow. — Bestnecheff — 
Woronzow. — Fanin. -- CathariDa's Stellung in Oesterreich nnd 
Frenssen. ~ Zu Frankreich und England- — Zu Polen. 

Zweites Capitel. 

Guckblick anf Polens Vergangenheit Seit» 3S-5C. 
Polens grösste territoriale Ansdehnung. — Aufgabe des König- 
thnms. — Qegens&tie in Polen. — Lnhliner Union. — Die Henschaft des 
Adels. — Polen nach dem Aussterben der Jsgellonen. — Beschrsn- 
kang der königlichen Uacht. — Der Reichstag. — Die wirthschaft- 
liehen Terhältnisse. — Die Stellang der Juden. — Religiöse Wirren. 

— Verbreitung des Protestantiamus. — Katholische Uegeabewegnng. 

— Die griechiBch-orien tausche Eirche. — Polen and die europäischen 
Mächte. -- Verluste Polens. — Die sSchbiscben Forsten in Polen. 

Drittes Capitel. 

Das TUBsisch-preaBsiBohe Bflndniss. Seite 56-105. 

Pläne für die Nachfolge nach dem Tode Augast's III. — Rusa- 

land und Kurland. — Parteien in Polen. — Brach der Ciartorjski 

mit dem sächsischen KBnigshause. — Catharina's Plan zur Erhebung 

Staiiislaus Poniatowski's. — PteuEsen nnd Bncsland. — Die Sen- 



IzcJbyCoOglC 



XU 

dang voH Solms nach Petersburg. — Seine lustraotion. — Faniu. — 
Schwanken Catlmrinai'a. — Ihr Versnch sich mit Oeaterreick Bber 
Polen 2U versündigen. — Haltung Oesterroicha, dessen Antwort. — 
Rosslanda Anwürfe in l-Vankreich. — Erklärung Friedrich'«, — Ueber- 
sendnng eines VertnigH-Entworfes niich FeteraboTg. — Bassland nnd 
England. — Catbarina's Briefe an Kriediicb vom G, October 1T63, 
und BQ Maria Theresia. — Veiduclie Oesterreicbs einer Eiuigong 
mit Fränkreich über die Neuwahl eines EQnigs. — Vorschlags von 
Eannitz. — Die Ansicht des Staatskanjlers Ober die Polen. — Die 
in Frankreich Qber die KSnigawahl berrechenden Ansichten. — Oester- 
reich gegen einen Fiasten. — Ueberaeugnng Ton den geheimen Ab- 
machungen zwischen Prensssn und EusBland. — Aufträge an Mercj 
sich Klarheit zu verschaffen. — Oesterreicb und die Integrität Polens. 

— Die polnischen Angelegenheiten zwingen Catharina zu dem Bund- 
nigB mit Prcussen. — Antwort Haria Tbareaia's auf das Schreiben das 
CzariD. — Die Uebernahme der Geschäfte durch Faniu. — Busslands 
Forderungen an Preusuen. — Friedrich's Auffaeeang derselben. — 
Seine Absiclit bloa auf den AbEcblnss einer DefensivalliaDZ gerichtet. 

— Der Vertrag vom 11. April ]7(i4. — Die einzelnen Bestimmungen 
4ies3elbeu. 

Viertes Capitel. 

Die Wahl Stanislaus August's. Seite 106-174. 
Tod Auguet's III. — Der Eribischot von Gneaen übernimmt 
-die Geschäfte. — Bestrebangen und Aussichten Sachsens, die polnische 
Krone m erlangen. — Anwürfe in Frankreich. — In Berlin. — In 
Petersburg. — In Wien. — Thron Candida ten in Polen, — Stellung 
des Primas zu dieser Frage. — Parteien in Russland. — Die Instruc- 
tion Catharina's an die russiachen Gesandten in Warschau. — Ent- 
EcblÜEse in Dresden, — Kannitzens Stellung zu deaeelben. — Hoffonngs- 
loaigkeit, die Pforte zu einer Theilnahme zu bewegen. — Die Can- 
didatnr Branicki's. — Eintreffen Mercj's in Warschau. -^ Sein Antrag 
eine Declaration zix erlassen von Kaunitz anfangs abgelehnt — später 
Angenommen. — Eindruck der Erklärungen üesterreichs und Frank- 
reichs. — Die Polen fordern Geld. ~ Einröcken mssiacher Truppen. 

— Friedrich's AufEassung. — Die Polen wenden sich nach Wien. — 
Conferenz daselbst ober die polnischs E'rage, — Kauiiitiens Dar- 
legungen. — Anträge Oestcrreich's in Berlin. — Die Wahlen in PoleD. 

— Vorgeben der Ruasen in Graurteutz. — Stellung der Patriotenpar- 
tei. — Ert>ffnung des Convocationsreichstages. — ünscblüaaigkeit der 
Patrioten. — Pläne der Csartoryaki über Aenderuugon der Verfas- 
sung. — Beschlüsse des ConvocationBreicbBtages über die Wahl. — 
Auffassung der Sachlage in Frankreich und Oesterreich. — Versuche 
des Staatskanzlers mit den Czartorjeki. — Abberufung Paulmj's und 
llercj's. — Der Wahlreichstag. — Die Wahl Stanislaud August's. 



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Fünftes Capjtel. 

Die etsUn Begierniigejahrc StaniElana AuguBt's. 
Seite 175-225. 
AoeikeDDUDg di^e ueuen KSaigs ron ä«ite der emoplisctiet» 
Mächte. — Oeeteireicii und die AoerkenDuDg. — Mannigfache Schirait- 
knngen. — Grledigang der AnerkennQDgBfrtLge. — Die TliAtigkeit de» 
polnischen KBnige. ~ Sein Charakter. — Ka^Und und PreuE»eD gegen 
Beformen. — Die Dissidenten frage. — Oehahren der Russen in Polen,. 

— Caspar tod Saldern'g Mission. — Differenz zwischen Berlin and 
Petersburg in Bezug auf Polen. — Neuer Heichstag. — Die Dissi- 
dentenfrage wichtigster Uegenstand dusselben. — Parteien aaf dem 
Beichstag. — Eri^ffnung desselben. — Der Eizbiaehof von Erakau. 
über die DUsidenten, — Stanislaas Angust und die Dissidenten, — 
Seine Bestrebungen zur Erweiterung dar kBniglichen FrärogatiTe, — 
fieschlfisse des Beicbetagea. — Bussland schreitet an die Bildung 
einer Conföderation. — Pläne des Eribischofa tod Krakaa. — Nea- 
wahlen. — Die Bestrebungen der Curie gegen dio Dissidenten. — Zd- 
sammeDtritt des Reichstagee. — Bewilligung dar rnsEiscbeD Anträge. 

— GarantieBbemahine der polniecheu Verfassung durch ßuesland. 

Sechstes Capitsl. 

von Bar und der Türkenkrieg. 



Conföderation von Bar. — Rnseland und die OonfQderation. — 
Haltung Stanislaua AngnsVe. — Kampfe zwischen Polen und Bussen. 

— Äasbrnch des Türkenkri^ee, — Die Diplomatie vcrsncht die DifTe- 
renzen beizulegen. — Eindruck der Kriegserklärung in Petersburg. — 
In Polen. — Fruchtlose Versnche Bepnins znr Paciflcatieu Pokoa. — 
Die CzartoTjekL — Abbemfong Bepnin's. — Wolkoneki. — Stania- 
lans Angnst's heroisches Verhalten, — Intrignen der sächsischen Par- 
tei, — Die ConfMeration rechnet anf das Ausland. — Hissioa TauUs. 

— Pläne Cboisecrs, — Domoariez in Pulen, — Die Truppeamacht 
der ConfBderfttion. — Stan Choisenrs. — Kämpfe zwischen Buasland 
und dei Pforte. — Die russischen Siege. — Eindruck derselben in Wien 
und Berlin. 

Siebentes Capttel. 

Ooeterreich und Prensson. Seite 260-305. 
Friedrich miaabilligt das Vorgehen Baselanda in Polen. — 
Boesland und die nordische Liga. — Friedrich Terhält eich abweh- 
rend, — Vermeintliche BQstnngen Üesterreicha. — FreosEisch • RuEii- 



IzcJbyCoOglC 



XIV 

BchM Boadniis. — Friedrich redet TenOhnlichen Schritten das Wort. 

— Seine Aobjaniig de« Ttrkenkri^w. — Basaland begnügt (ich mit 
Uilfigeldern. — Antrmg PrenucaB inr Erneaerang des Vertrag«, 

— Bnsiwcbe FoTdaugen. — Friedrich Tertagt dne Eatwbeidoiig 
bis Dach der ZaMinnieukiiiift mit Joaef. — Oeaterreicha Poli^k. — 
ÜMtenrich und FnukTeicL — Joeeft Einflon. — Oeaterreicli und 
England. — Oeaterreieb InaetiTit&t. — OeeUrreieh and Prenuen. — 
Scheiteni einer Zuammeiikiuift im Jahre 1766. - Kanniti bet&rwor- 
tet aahnga 1766 die Entrerae. — AnwBrfe am Ende dee Jahres. — 
Bedenken in Berlin. — EiDwilligncg Friedrich'«. — Ein originelle« 
Project des Staatakanilen, Schleeiea dnreh Abtretong Knriande la 
erlangen. ~ Jotef dagegen. — Die Ztuammenkonft in Keisse. — 
Friedrich'« Hoffnungen, eb beasere« EiDTemebmeu mit Oeeterreich an- 
nbabnen. — ErneDemng dee rasaiscb-preiuaiecheQ Vertrages. 

Achtes CapKel- 

Die Saterreichiech-preuBsische Mediation and dieZn- 
aammeoknnft in Nenatadt. Seite 1106—329. 
Friedrieh fflr den Frieden in Conrtaniinopel. — In Wien herr- 
schende An&ssnng. — Znummensiebang von Trappen in Sieben- 
bergen. — Tb&tigkeit Thngnt's in ConibwtinopeL — Seine Verencbe 
ZOT Mediation aiifang« abgelehnt ~ später angenommen. — Zosam- 
menknnft in Neustadt — Kaoniti and die ConfSderirten. — Yorbe- 
reitnng de« 8taat«kantlcrs inr Zasammenknnft. — Geepriche dee 
Ffirtten K4iuiiU mit Friedrich. ~ Der Decalog. 



BerlDlrtl|UB|e> iid Dnt^rihler. 

S. 24 fehlt der Hinweis aaf den ge ist rollen Essaj Sybel's, 
dem ich einige Striche bei der Cliankteristik Cathsrina's entlehnt habe, 

8. '24, Zeile 3 anstatt maaste lies „sollte", 

8. 33, Zeile 2 anstatt Westen lies iSOdwesten-*. 

An einer Stelle beisst ea „PreuBsiicb -Polen" anstatt Polnisch- 
Preassen. 

Darcb meine Abwesenheit vom Dnickorte haben uch einige 
tTngMehmssaigknten in der Scbreibang eingeschlicben, so anf dem 
-ersten Bogen .Katharina", sonst durchweg, wie sie sich schrieb, ,Cb- 
tbarina*; Curland ond Kurland n. dgL m. 



IzcJbyCoOgIC 



Die erste Theiluog Polens. 



Bear: Dia mtf Tballsig Felesa. 



Dgilizc-ObyCoOglC 



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Erstes Capitel. 

Europa nach dem siebenjährigen Kriege. 

Der Hnbertsburger Friede war geschloaaen. Mit ge- 
spannten Blicken hatte das gesammte Europa fast sieben 
Jahre lang den grossartigen Kampf des HeldenkSnigs ver- 
folgt, der zumeist auf sich angewiesen einer Welt starrender 
Waffen die Stirnehot. Oft geschlagen, nie ganz besiegt, hielt 
er Stand, und jene gewaltigen Pläne, die auf die Yernichtung 
des aufstrebenden Staatswesens abgezielt, raussten fflr immer 
zn Grabe getragen werden. 

Die Welt sehnte sich nach Kühe und Frieden, nach 
den langen verheerenden Kämpfen, die sie in bangem Athem 
gehalten. Ganz Mitteleuropa zeigte nur zu deutlich die 
Sporen der Kriegsfiirie. Verödete Städte, entvölkerte Ort- 
schaften, niedergebrannte Stätten, unbebaute Gegenden wa- 
ren fast überall zu erblicken. Der materielle Wohlstand 
war auf Jahre hinaus vernichtet, der Ackerbau, Handel 
und Industrie hatten tief gelitten, und es bedurfte der 
grössten Sorgfalt, des angestrengtesten Fleisses, der hinge- 
hendsten Thätigkeit, um die Wunden zu heilen, die überall 
sichtbar waren. 

Hatte der Eri^ auch in den Gebietsverhättnissen der ■ 
einzelnen Staaten keine Aendening herbeigeführt, die Be- 
ziehnngen derselben unter einander erfulwen manche be-- 
deutsame Umgestaltung. Durch den Krieg waren alte AUian- 



IzcJbyCoOgIC 



zen gelöst, neue noch nicht angeknüpft worden, nnd da.« 
gesammte europäische Staatensystem befand sich in einenn 
Zustande der G&hning und Umwandlung. Voraussichtlich 
bedurfte es einiger Zeit, ehe neue Eristallisationspunkte sich 
herausgebildet hatten. 

Gewaltigf Verändenrngen hatten sieh iu den letzten 
zwei Dezennien vollzogen. Der Gegensatz zwischen Frank- 
reich und England bestimmte die gesammte Politik in den 
ersten Jahrzehnten des Jahrhundertes der Aufklärung. Fast 
alle Staaten wurden davon berührt; auf alle bedeutenden 
nnd unbedeutenden Fragen, welche die europäische Welt in 
Anspruch nahmen, blieb dies Verhältniss nicht ohne Rück- 
wirkung. Ganu Europa war daran betheiligt, wenn England 
es unternahm , den m&cht^en endlosen üebei^riffen der 
franzSsischen Macht Schranken za setzen. Selbst an den 
Kämpfen um die Herrschaft auf dem Meere, die blos Frank- 
reich und Englimd speciell betrafen, konnten die eontinen- 
talen Staaten sich nicht entschlagen, Antheil zu nehmen. 
Mochten jene um Indien oder Amerika an eiu!i.nder gera- 
then: Europa wurde in Mitleidenschaft gezogen. Der Streit 
war nnn entschieden; England blieb Sieger und befestigte 
fOr die Dauer seine maritime Seeherrschaft. Erschßpft nnd 
ans tausend Wunden blutend legte Frankreich das Schwert 
aus der Hand, vorläufig ohne Aussicht, da? verlorene Ter- 
rain wieder zu gewinnen. 

Weit folgenreicher noch fflr die iMerativen Berie- 
hungen der einzelnen Staaten seit dem Osterreichischen Erb- 
folgekriege war die Bildung der prenssischen Grosam&cht 
und der gewichtige Einfluss , den Bussland im Lanfe des 
Jahrhundertes auf die europäischen Yerhältnisse allmälig. 
aber stfttig gewonnen hatte. Durch die Erwerbni^ Schle- 
siens hatte der preuesische Staat mit einem Schlage eine 
entscheidende Bedeutung &ir die gesammte Politik erUi^, 
insbesondere aber war es die Osterreichisobe Monarchie, die 



IzcJbyCoOgIC 



durch das Aufkommen des Nachbarstaates sich hart ge- 
troffen fühlte. An die Stelle der bernbigeuden Sicherheit, 
mit Ausnahme der Pforte in unmittelbarer Nllhe keinen 
gefahrdrohenden Oegner zu wissen, trat nun die Ueber- 
aengung, dass der Dooanstaat in Zukunft bei allen Erentuali- 
tfiten mit einer neuen Macht rechnen müsse, welche die Be- 
strebungen desselben zu kreusen und zn hemmen im Stand 
war, deren Bekämpfung und NiederdrQckung daher ein 
Axiom der SsteneiobiBcben Politik wurde. Nach Innen und 
nach Aussen Tollzog sich in Folge dessen in den dem sieben- 
jährigen Kriege Torangehenden Jahren ein bedeutsamer Um- 
schwung. Den hababurgischen Kegenten war es bisher nicht 
gelungen, aus den heterogenen Elementen der ihrem Scepter 
unterworfenen Länder ein einheitliches Staatsgebilde zu 
schaffen. Alle Massnahmen in dieser Bichtung kamen über 
die Anlage nicht hinaus. Mannigfache Ursachen wirkten 
hierbei mit, am meisten wohl der Umstand, dass die Staats- 
lenker Oesterreichs mehr die auswärtige Politik in's Auge 
fassten nnd der Consolidirung nach Innen hin von jeher nur 
geringe oder nur vorQbei^hende Aufmerksamkeit schenkten. 
Selbst dem grSssten Staatsnmnne , den die Monarchie be- 
sessen, dem Prinzen Eugen, war es nicht gelungen, in dieser 
Beziehung eine totale Aenderung herbeizuführen. Viele, ja 
die meisten seiner dahin gerichteten Bestrebungen schei- 
terten und mussten scheitern, so lange man in Wien zu 
einer Beschränkung einer nach allen Gegenden der Wind- 
rose lugenden Politik sich nicht bequemen konnte. 

Einer Frau blieb es vorbehalten, viel zu spät für den 
Staat, einen Umschwung zu vollEiehen. 

Unter den Frauengestalten , die je einen Thron ge- 
ziert, gibt es wohl wenige, die mit der Tochter des letzten 
Habsburgers verglichen werden kennen. An Grostsartigkeit 
der politischen Ideen, an Selbstständigkeit der Initiative, an 
wahrhaft schOpferiBchem Herrschei^^eiste ist Maria Theresia 



IzcJbyCoOgIC 



TOD anderen öbertroffen worden; was sie aoszeiehaet, ist die 
Reinheit des Charakters, die Menschheit der Sitte und Zucht, 
der Adel des GemÜthes, die Stärke der Empfindung. Nicht 
allein die Herrscherin, das Weib übte auf jeden, der sich 
dieser Persönlichkeit nahte, einen unbeschreiblichen Zauber 
ans. Die sQssen Freuden der Liebe, die nagenden Schmerzen 
des Hasses hatte sie mächtig in sich erfahren, and diese see- 
lischen Eftoipfe drückten ihrem Wesen ein eigenartiges Ge- 
präge auf. Wohl wenige Frauen besassen eine solch klare 
und tiefe Vorstellung von den grossen Pflichten, die ihnen 
als Herrscherinnen oblagen. Mit unermüdlicher Hingebung 
nahm sie sich der mannigfachen, vielfach lästigen Geschäfte 
an und unterzog sich den mühevollen Aufgaben, die ihr 
als Gebieterin vieler an Cultur und Sitte unter sich ver- 
schiedenen Volker zufielen. Als heranbldhendes Weib war 
sie zum Thron gelangt, und auch nach den wechselvoHen 
Ereignissen einer dreiundzwanzigjährigen Herrschaft warcoi 
'die Spuren ihrer Schönheit noch nicht verwischt. Die Zeit 
war indess auch an dieser Zaubergestalt nicht spurlos vor- 
flbei^egangen, sie hatte den Sorgen und Mühen ihres Amtes 
ihren Tribut gezollt. Gleich beim Beginne ihrer Regierung 
sah sie sich, die junge unerfahrene Königin, einer Welt von 
Feinden gegenüber, und erst nach mannigfachen, hartnäcki- 
gen Kämpfen war das Erbe ibier Väter gegen alle An- 
fechtung sichergestellt. Nach Herstellung des Friedens nah- 
men die grossen Aufgaben der inneren Verwaltung ihre 
Thätigkeit in Anspruch ; unter ihrer Betheiligang und Mit- 
wirkui^ vollzog sich die bedeutsame ümwandlai^ der ihrem 
Scepter anvertrauten Länder ans einem mittelalterlichen, 
patriarchalischen Staatswesen zum modernen Staate. Die 
meisten staatlichen Einrichtungen des heutigen Oesterreichs 
zeigen noch die Spuren Maria Theresianischen Schaffens 
und Wirkens, und Decennien nach ihrem Kingange zehrte 
man von den Anordnungen, die sie getrofi'en. Aaf dem Ge- 



IzcJbyCoOglC 



biete der Verwaltung und der Jnstiz, in den TerBchiedenea 
Zwe^n des ünterriohtswesens und der Finanzen hat sie 
.geradezu epochemacbend gewirkt, nnd wenn später Oeater- 
reioh so mannigfachen Gtefohren trotzte und aus den stOr- 
misehen Zeiten revolutionärer Tage nuTerkürzt hervorging, 
Eo dürfte ein grosser Theii des Verdienstes der Frau zu- 
fallen, die, der erste Oesterreicher in Oesterreich, es ver- 
stand, ans einem Conglomerat einzelner Länder ein einheit- 
liches Qefüge zu bilden und den Grund zn legen zur Schaf- 
fung des modernen Staates an den Ufern der Donau. 

Wenn mancher Schatten diese sonst reine Gestalt 
trübt, so findet dies in eigenthOmlicIien VerhSltuissen eine 
Erklärung. Als Frau auf die Mitwirkung und Unterstützung 
Anderer angewiesen, fühlte sie nur zu oft da^ tiefe Bedürf- 
niss des Bathes ausserhalb ihres Familienkreises stehender 
Personen , da es an einer bedeutenden Persönlichkeit in 
ihrer unmittelbaren Umgebung fehlte. Ihr Gemahl, Franz I-, 
ragte Aber die Mittelmässigkeit trotz mancher vortrefflichen 
Eigenschaften nicht hinaus. Indolent und träge hielt er 
sich von den Staatsgesehäflen gern ferne; selbst wo er ein- 
grif , legte er durchaus keine grosse Auffassui^ an den Ti%. 
In den ersten Jahren ihrer Regierung war es der Sohn des 
Strassbui^er Professors, Bartenstein, dessen Führung Uarla 
Theresia sieh anvertraute, der die fast kenntnieslose, aber 
hochb^abte Frau in die sorgenvollen Geschäfte des neuen 
Amtes einweihte. Seine ausserordentliche Geschäftskenntniss, 
seine nnermfidliche , erstaunliche Arbeitskraft, sein energi- 
scher ausdauernder Fleiss, seine treue Hingabe an. Ihr Land 
und ihre Person erwarben Bartenstein das volle Vertrauen der 
Herrin. Ihm übergab sie die Erziehung ihres Erstgeborenen, 
«einem Bathe lauschte sie in grossen und kleinen Fn^n, 
und später noch, nachdem er Jahre lang von dem wichtigen 
Posten, den er bekleidet, entfernt gewesen war, wendete 
ais sich in Tagen bedeutungsvoller Entscheidung an ihn, 



IzcJbyCoOgIC 



seine Ansicht zu erkunden, ehe sie einen Entschloss fasste. 
Bis an ihr Lebensende bewahrte sie dem Manne ein treues, 
dankbares Andenken. 

Ein i&st noch grösseres Vertrauen brachte sie dem 
Grafen Kaunitz entgegen, der seit dem Mai 1753 fast ein 
halbes Jahrhundert lang das Staatskanzleramt in Händen 
hatte. In Kaunitz erkannte und ehrte Maria Theresia den 
hochbegabten Mann, und selbst die Fehler und Schwächen 
seines Wesens erschienen ihr in einem ganz anderen Liebte. 
Bei dem sonst nicht gewöhnlichen Scharfblicke für Men- 
schen und Verbältnisse, welchen die Monarcbin unstreitig 
bpsass, bleibt es jedenfalls eigenthümliob, dass sie nie einen 
vollständigen Einblick in sein Wesen , keinen richtigen 
Massstab für die Beurtbeilung seines Charakters gewann. 
Wohl war man aller Orten einig über die hohe Begabung 
des Mannes , wohl erkannte man überall sein bedeutendes 
staatsmännisches Talent. Soost gingen die Meinungen schrufi* 
auseinander. In den Augen Maria Theresia's war Eanniti 
der genialste Mann , der uneigennütz^te Charakter , der 
geradeste Politiker. In seiner Gewundenheit sah sie staats- 
mäunische Gewandtheit, in seiner Verschlagenheit diploma- 
tische Ueberlegenheit, in den Kreuz- und QuerzUgen seiner 
Thät^keit politische Geschicklichkeit, in seiner masslosea 
Eitelkeit, und grenzenlosen Selbstüberschätüung nur be- 
rechtigtes Selbstgefühl, und währaad Andere der Ansicht 
waren, dass Kaunitz fortwährend auch sein eigenes Interesse 
im Ange habe, erblickte sie überall selbstlose Hingebung 
und aufopferndste That. In keinem Momente ihres Lebens 
zweifelte sie daran , dass ihr Staatskanzler der ehrlichste 
Manu der Welt sei, und wenn Kaunitz sich vielfach ver- 
gebens Mühe gab , diesen Glauben auch bei anderen zu 
erwecken und zu festigen, bei der Monarchin fand er jeden- 
falls ein gläubiges Gemflth, welches ihm freiwillig den Tribut 
zollte, nach dem er sonst fruchtlos rang. 



IzcJbyCoOgIC 



Ea ist nioht uhae Interesse, die Beziebuugea Maria 
Tberesla's zu dem Staatskanzler eu verfolgen. Mit fast 
engelartiger Geduld ertrug sie alle seine launeii, fügte sie 
sieb in seine Sonderbarkeiten , die aller Welt unbequem 
nui'den, doeb immer bei der Mooarcbin liebevolle Entschuldi- 
gung und Erklärung faaden. Die Fehler und Schwächea 
des Menscben vurd&n in ibren Augen durch die grossen 
Eigemcbaften des Staatsmannes aufgewogen. Bei jeder Ge- 
legenheit hatte sie ein freundliohes Wort fQr ihn in Be- 
reitscbait, wohl selten las sie ein grosseres Schriftstück, 
ohne ihrer Bewunderung in der anerkennendsten Weise Aus- 
druck zu geben. Namentlich in spatern Jahren, als das Ein- 
greifen Josefs den anumschrfinkten Machteinflusa des Staats- 
kanalers zu schmälern drohte, wurde die Monarchin nicht 
müde zu beschwichtigen, zu versöhnen, auszugleichen, wenn 
die Ansichten der beiden Männer einander diametral ent- 
gegenstanden und einen Bruch befürchten liessen. Es ist 
rührend au leieo, welch' freundlichen Worte sie an Kau- 
nitz richtete, um ihn zu begütigen, wie sie ihn bat, sie 
ja nicht zu verlassen und bis au ihr Lebensende bei ihr 
auszuharren. Wie oft beklagte sie sich bitter, dass er in 
einem solch kalten Tone zu ihr rede, nicht wie ein Freund 
an eine gute, bewährte Freundin, die von seinem Werthe über- 
zeugt sei und sich ihm verschuldet lUhle. Und wennEaunitz 
in einer Anwandlung verletzten Selbstgefühles um seine 
Entlassung bat, standen ihr die herztichsten Biltea zur Ver- 
fügung, um ihn von seinem Vorhaken abzubringen. 

Richelieu ausgenommeu, bat wohl selten ein Staats- 
mann auf ein Land einen solchen nachhaltigen Einfluss aus- 
geübt und die Geschicke desselben in solch entscheidender 
Weise bestimmt, als Qraf, spSter Fürst Kaunitz. Ehe Jo- 
sef als Kaiser und Mitregent sich an deu Geschäften be- 
theiligte, gab es keine Persönlichkeit in den Wiener Prei- 
sen, deren Kath so sehr ausschlaggebend war. Der frühzeitige 



IzcJbyCoOgIC 



If 



Tod des Grafea Harrach, das Ableben des Grafen Haug- 
witz entled^tea ihn der einiigen gewichtigen Nebenbuhler, 
ileren Talent nnd Kenntnisse mit den seinen TergUchen 
Verden konnten. Kifersüchtig auf seine Stellung und seinen 
unumschränkten Einduss duldete £aunitz kein ebenbür- 
tiges Talent in seiner Nähe, welches einen gewissen Grad 
von Selbstständigkeit Yerrieth, Er wollte herrschen, unbe- 
schränkt, unbeirrt durch die Einsprache oder Widerrede 
Anderer. Eitel bis zum üebermass regte ihn jeder Wider- 
spruch auf; in seiner Einbildung gab es Niemanden, dessen 
geistige Begabung sich mit der seinen messen konnte. Ein 
Talent ersten Banges, dQnkte er sich ein Genie, der bedeu- 
tendste Diplomat seines Jahrhundorts, lebte er in dem Wahne 
der grCsste Staatsmann desselben zu sein. Niemand kannte 
seiner Meinung nach die Bedarfnisse des Staates genauer 
als er, keiner besass eine solch eingehende Kenntniss von 
-den Verhältnissen anderer Staaten. 

Das politische System Oesterreichs hat er auf eine Beihe 
von Jahren hinaus bestimmt. Das grosse BAudniss gegen den 
grossen Gegner der habsburgiichen Monarchie war einzig und 
allein sein Werk. Was fast für unmöglich gehalten wurde, 
die widerstrebenden Interessen Oesterreichs und Prankreichs 
wenigstens momentan in den Hintergrund zu drängen und 
-die beiden Mächte zu einem Bunde gegen den aufstrebenden 
Nachbarstaat zu vereinen, ihm gelang die schwier^e That. 
Und selbst als nach harten, mühseligen K&mpfen diese 
Pläne gescheitert waren, erhielt er sieh nicht nur in. der 
Gunst der Monarchin, sondern rettete noch in die Zukunft 
'den Gedanken der Osterreichisob-franzOsisehen Alliam:. So 
schroff und schneidend auch die Politik Oesterreichs und 
Frankreichs in manchen Pr^en auseinanderging, so sehr 
axick die beiden Staaten einander vielfach entgegenarbeiteten : 
*n dem Grundgedanken des politischen Systems hielt der 
Österreichische Staatskanzler nach wie vor fest und immer 



IzcJbyCoOgIC 



II 



nur für kurze Zelt, &st mit 'Widerstreben, befreundete er 
sich mit andern Ideen. Kor dorcfa ein BQndniss mit Frank- 
reich und KoGaland sollte Oesterreich einen dauernden Schats 
gegen die preussische Macht finden kQnnen. Darin insbesondere 
bestand der grosse Umschwung, der sich in dem eoropäisohen 
ijtaatensystem durch das Emporkommen Frenssens Tollzogen 
hatte, d&s3 der Donaustaat bei seiaer aunm^rigen Politik 
Ton den nach anderen Richtungen nur sn oft Obergreifeadea 
Tendenzen abgezogen und zu einer Concentrirung seiner 
Kräfte gegen die Macht an der Spree gezwungen wurde. 
Hatte auch das Büainiss mit Frankrdich die langjährig 
genährten Hoffnungen des OsterrBlchischen Staatskanzlers 
ihrer Bealisirui^ nicht um eineu Schritt näher gebracht, 
war auch der Flau. Oesterreich von saiaem gefährlichsten 
Nebenbuhler zu befreien, gescheitert, nach wie vor sah 
Kauoitz in Frankreich die einzige Stütze gegen den Nach- 
barstaat. Der ehemaligen Allianz mit den Seemächten blieb 
er Zeit seines Lehens abhold; nur einmal noch während 
seiaer so langjährigen Amtswirksamkeit sah er sich durch 
die Macht der Umstände gezwungen, — es war im Jahre 
1789 — in einer Verbindung mit dem Inselstaate ein Heil 
fQr die Monarchie zu erblicken. 

Wie die Dinge damals lagen, hatte man in Wien kei- 
nen stichhaltigen Orund der Allianz mit Frankreich den 
Kücken zu kehren. Zwar gewährte dieselbe bei der bekann- 
ten Wetterwendigkeit der französischen Staatsmänner und 
bei der geringen Sympathie fUr Oesterreich in den Ter- 
sailler Kreisen keinen dauernden Schutz fAr alle Wechsel- 
fälle der Zukunft, aber momentan war an eine Losung dieser 
erst kürzlich geschürzten Bande nicht zu denken, da nach 
keiner Bichtnng ein Ersatz zu hoffen war. Für die Gegen- 
wart reichte das Bündniss mit Frankreich genugsam aus, in 
der Zukunft mussten sich die Mittel ergeben, neuen Qefah- 
ren begegnen zu kennen. Im Falle eines Absprunges Frank- 



IzcJbyCoOglC 



13 



Teichs war immer Zeit genug, eine WiedeiaQbillpfuug der 
politiscben Verbiaduugen mit England zu Tersucheo, und bei 
dem Gegensätze, der die beiden M&chte an der Seine nnd 
Themse von einander trennte, konnte fUr den Fall eines 
Bruches mit Frankreich eine Verütfindigung mit den britischen 
Staatsmännern nicht ausbleiben. 

Auch seine Auffassung über die Stellung Oester- 
reichs zu Bussland änderte £aunitz nicht , obzwar in den 
letzten Jahren in Fetersbuig ein bedeutsamer politischer 
Umschwung zu Tage getreten war. Nach der Ansicht des 
fistei-reicbischen Staatskanzlers bestanden zwischen den beiden 
Staaten eigentliche Differenzen nicht, denn auch im russi- 
schen Interesse lag es, gegen Freussen fortwährend auf der 
Hut zu seiu und sich dem zunehmenden Einflüsse desselben zn 
widersetzen, und inConstantinopel fielen die Aufgaben Oester- 
reicbs und Busslands ebenfalls in derselben Richtung zosam- 
meu. Nach der Ansicht des Grafen Kaunitz bewegte sich 
die russische Politik auf falscher Fähi-te, wenn sie diese zwin- 
genden Wahrheiten in den Wind schlug und eine vollstän- 
dige Frontyerfindeiung vornahm. 

Dem Abfalle Busslands von der grossen Coalitiou gegen 
Freussen schrieb man es in der Wiener Hofburg zu, dass 
die Vernichtung desselben uicht erfolgt war. So hart am 
Ziele alle Anstrengungen scheitern zu sehen, war allerdings 
schmerzlich genug. Mit Aengstlichkeit hatte man schon in 
den letzten Jahren der Begierung Elisabeths den Vorgängen 
in Petersburg gelauscht, wäre zu den grössten Opfern bereit 
gewesen, um den Grossfttrsten von seiner bekannten Hin- 
neigung zu Friedrich abzubringen und fQr die Allianz mit 
Oestereich zu gewinnen. Vergebens. Dem bedeutenden Talente 
des damaligen Vertreters am russischen Hofe, Mercy, ge- 
lang es nicht, den Bruch Busslands mit Oesterreich abzu- 
wenden. Der Ti-actat vom Jahre 1762 blieb aber nach der 



IzcJbyCoOgIC 



13 



BefaKoptnng des Grafen Eannit» der grOsste Fehler d«r 
rassischen Politik. 

Han machte auch in Versailles aus der trostlosen 
Lage, in weichet mau sich befand, kein Hehl, erklärte sich 
geneigt, auf einen Congress einzugehen, nm durch Vermitt- 
lung Englands und Frankreichs zn einem aüständigen Frieden 
zu gelangen. Aach die Abberufung Mercy's war beschlossene 
Sache. Da gelangte die Nachricht Ton der Thronrerftn- 
derung in Petersburg nach Wien. Die erste Nachricht er- 
hielt man ans Warschan, ohne ihr rechten Glauben beiza- 
messen. Zwischen Furcht und Hoffnung taumelten die Wiener 
Kreise in den nächsten Tagen dahin, bis die sichere Be- 
stätigung eingelangt war. In dem er8t>en Kausche gab mau 
sich den kühnsten Erwartungen hin, ei-ging sich in vollster 
Bewunderung über das kluge und herzhafte Benehmen der 
neuen Monarchin, hielt dafür, dass der- neunte Juni nicht 
nur für die Mitwelt, sondern auch fUr die Nachwelt ewig 
denkwürdig bleiben werde, „beugte sich vor der göttlichen 
Vonehnng, die über Oesterreich, das russische Reich und 
die Christenheit gewachet hat". „So lange wir leben", 
heisst es in einem kaiserlichen Rescripte, „ist mir keine 
Nachricht zugekommen, welche uns grossere Herzensfreude, 
als jene von der glflcklichenThronbesteigung verursachlhat."') 

Allem Anscheine nach hatte man auch allen Gnmd 
dazu. Der kluge Gesandte, von einer Sohaar trefflich abge- 
richteter Agenten gut bedient, hatte über die einzelnen 
Stadien der Bevolntion genaue Kunde erhalten, sich auch 
beeilt, nachdem der glückliche Ausgang fflr Katharina zwei- 
fellos war, noch zeitig genug „schickliche Merkmale seiner 
Theilnahme" zu bekunden und sein Vorgehen zum Vortheile 



') Beacript an Meicj Tom S9. Juli 1763, Bunmt einer Anz&hl 
TOD P. S. Am 29, Jnni hatte man Mercy die Weianng gegeben, nnter 
Umständen Bein ÄbbemfangBBchTeiben in Qbergeben (Wiener Ärcbir), 



IzcJbyCoOgIC 



seiner Monarcbin geltend zu DUtcheu.') Das Manifest, welches 
die Kaiserin am Ti^e nach ibrer Tbronbesteigang erliess, 
musste die Hoffnungen anf diesen Begierongsweclisel noch 
mehr emporschnellen. Man zweifelte nicht daran, dass Ka- 
tharina die Absicht habe, die geßlhiliche Macht Prenssens 
thnnlicbst zu beschränken und einen nach Umständea 
billigeD und anständ^en Frieden bewerkstelligen zu helfen. 
Man war auch augenblicklich mit guten Bathschl^en bei der 
Hand, auf welche Weise dies am leiehteste» and raschesten 
zu erreichea sei. I>ebhafit wünschte man, dass die Kaiserin 
noch im laufenden Jahre den Feldzug gegen Freussen eTJ^ffnea 
mochte, nnd die Gelegenheit nicht verabsäuDit wOrde, den 
Feind im Herzen seines Landes in die grj^sste V'erl^enheit 
zu setzen, und dass man sich bereit erklärte, zur Erreichung 
dieses Zieles die Hand zn bieten, begreift sich leicht. Min- 
destens aber erwartete man die Belassung russischer Truppen 
in Fommern und Freussen bis zum Abschlüsse eines Frie- 
dens, wenn Katharina mit Bücksicht auf die inneren Yer- 
hältnisse Busslands zn einer Offensive gegen Friedrich nicht 
bewogen werden konnte. Auch wurde der Qedanke hinge- 
worfen, Katharina mCge sich Dänemark gegenüber in dem 
bolfteinisohen Tauschgeschäft willfährig erweisen, jedoch nnter 
der Bedingung, dass es mit einem Theile seiner Kriegsmacht 
Freussen bekämpfen helfe.*) Man erwog alle möglichen Be- 
dingungen, welche die Kaiserin etelleu kannte, seihst das 
Aufgehen der Allianz mit Frankreich. Auch dies wollte man 
vorläufig nicht schlechterdings zurückweisen, nur b^eillich 
machen, dass es sich mit dem Ansehen und der Ehre Oester- 
reichs nicht vertrüge, während des Krieges das Bündniss mit 
Frankreich zu lotsen. 



') Von Meroj 12. Juli 1782. P. S. {Wiener Arcbiv). 
*) An Ueri^ 20. Jwi, 29. Joli n. P. 1. vom 29. JnlL 



Cg.lzccbyCoOglC 



IS 



In der That wurde mao in Wien noch mehr bestärkt, 
dass sich in Petersburg nicht blos ein Personenwechsel, son- 
dern aach eine Systemänderung vollzogen habe , nachdem 
von Mercy am 31. Juli gemeldet wurde, dass das russische 
Cabinet eine Reihe vonAnfragen an ihn gestellt habe, und auch. 
Öalitein , der russische Gesandte am Osterreichischen Hofe, 
sich mit Eannitz in ausführlichen Gesprächen erging. Diese 
bezogen sich auf die Beziehnngen zu den Türken , auf die 
Emeaenmg der Allianz und die Mediation Russlands in dem 
Kampfe zwischen Oesterreich und Preussen. Damals lag die 
Wiederanbahnung eines freundschaftlichen Verhältnisses zu 
dem Petersburger Hofe in der Hand des österreichischen 
Staatskanzlers. Von Constantinopel waren Gerächte kriege- 
rischer Tendenzen nach der russischen Hauptstadt gedrui^en» 
und Katharina befiirehtete ernstliche Verwickelungen mit der 
Pforte. Sie suchte eine Veratfind^ng mit Wien. Hätte man ■ 
hier eine genaue Kunde von der friedlichen Stimmung in Con- 
stantinopel gehabt, man würde mit Feuereifer sich bemüht 
haben, die Willfährigkeit zu einer TJnterstützmig Busslands zu 
bekunden. Der Argwohn und dasMisstrauenKaunitzen's liesseu 
ihn zu einem rechten Entschlüsse nicht kommen. Katharina 
hatte mittlerweile den Frieden mit Preussen einfach bestätigt. 
Als daher Fürst Qalitzin die Erneuerung' der Allianz, die 
er den veränderten Umständen gemäss modificirt wissen 
wollte, in Anregung bi'achte, lautete die Antwort des öster- 
reichischen Ministers nicht ganz zufriedenstellend. Mau habe 
nicht erwartet, liess er sich vernehmen, dasa Busalaud die 
eroberten Gebiete herausgeben werde, sich jedoch hierin ge- 
täoscht, sehe Überhaupt über die eigentlichen Absichten der 
russischen Monarchin nicht klar. So lange man aber mit den 
Zielen nnd Tendenzen der Politik in Petersburg nicht be- 
kannt sei, könne man auf nichts eingehen. Auch die Me- 
diation, die Katharina lebhaft beanspruchte, nahm man 
nicht einfach nnd rflckhaltalos an, sondern verwies dar- 



IzcJbyCoOglC 



r« 



auf , dass Stahremberg erst kSrzlich die Vermitteluug 
Frankreichs «nd Englands in Antr^ gebracht habe, wovon 
man daher nicht al^hen kSnne. Doch gab Kaunitz ein 
Mittel an, wodurch die Absichten der Kaiserin, sich andern 
Friedensehluss in hervorragender Weise zu betheiligen, er- 
reicht werden k{)nnteu, wenn sie sich n&mlich entschliessen 
würde, im Besitze der prenssischen Provinzen zu bleiben 
und eine bewaffnete Mediation ins Werk zn setsen.') 
Hierauf ging man in Petersburg nicht ein- 
Die leisen Hoffnungen , die mit der Thronbesteigung 
Katharina 's rege geworden, mussten daher wieder zn Grabe 
getragen werden. Bussland war und blieb wenigstens fBi- 
die nächste Zeit fSr Oesterreich verloren, aber in keinem 
Momente liess der Staatskauzler die Httglichkeit einer Wie- 
deranknüpfung der alten Beziehungen zu dem nordiüchen 
■ Staate aus dem Auge, und welch' scheinbaren Gleichrnnth 
«r anch Ober die Abtrünnigkeit Russlands zur Schau trug, 
er hing doch immer dem Gedanken na«h, dasB man in Peters- 
burg der neuen Staatsknnst, die im Widerspruche mit aller 
Erfahrung uud jeder vernünftigen Vorsicht stand, und nur 
in unrichtigen Begriffen und unberechtigten Vorui-theilen 
wurzelte, den Bücken kehren werde. 

Denn, trotz dieser gerade nicht erfreulichen Erfahrungen 
leistete man docti längere Zeit nicht auf alle Hoffuui^ Ver- 
zicht, dass es der österreichisch gesinnten Partei gelingen 
k&nnte, dauernd ans Buder zu kommen. Namentlich Be- 
stiischeff hielt mau für eine starke Säule. Man beattbelte 
zwar diesen Staatsmann ziemlich richtig, man verkannte 
seinen Wankelmnth nicht, die Geriebenheit und Verschla- 
genheit seines ganzen Wesens, seine besondere Vorliebe für 
krumme Wege und verwickelte Frojecte, allein seine Grund- 
sätze, s^te man sich wieder, seien gut, und er wäre schon 



) Ad Meroy 26. Äng. 1782 (W. A.). 



ze'dbyGoOgIc 



zu YorgerQckt ao Jahren, um seine politüehen üeberzeu- 
gnngen zu ändern. Und man wäbnte, dass es ihm doch 
noch gelingen kOnnte, dauernd Kejserlingk und Fanin, die 
entschiedensteu Oegner Oesterreichs, zu stürzen. Man wusste 
in Wien , wie sehr Bestusclieff den Leidenschaften der 
Monarchiu schmeichle, und war mit dessen Plan einer Ver- 
mählung OrlowB mit Katharina bekannt. Wenn der efae- 
mal^e Grosskanzler dennoch bisher seine frQbere Stellung 
nicht wiedererobert hatte, so erblickte man darin, wieEaunitz 
sich ausdrQekte, ein kluges und besonnenes Vorgehen, iadam 
er zuerst die notbwendigen Vorbereitungen treffen, die Pfeile 
erst scharf zuspitzen wolle, ehe er sie abi-chiesEe. 

Die geringe Aussicht auf eiue YerstELndigung mit Kuss- 
land fiel um so bedeutsamer in die Wagscbale, als Frank- 
reich allein keineswegs nach allen Richtungen fftr die Sicher- 
stellung der Monarchie ein TOlIstftndiges Oenfigen bot. Man 
besass allerdings die Gewähr, nicht bei jeder Fn^e, die 
in der europäischen Politik auftauchte, in activer Weise in 
Anspruch genommen zu werden, allein das Bündniss mit 
Tersallles lealisirte auch nicht jene kfibneu Hoffhungen, die 
bei seiner Bildung daran geknApft worden waren. 

Mannig&che Ursachen wirkten hiebei mit. Frankreich 
hatte im lA.nfe der letzten Jahrzehnte seine tonangebende 
Stellung in der politischen Welt eingebflsst. Es fehlte zwar in 
den französischen Kreisen nicht die Begier, in allen bedeut- 
samen Fragen ein entscheidendes Wort mitzusprechen, wohl 
aber die Kraft. Die inneren Verhältnisse waren die trQbsten 
der Welt, die Finanzen zerrflttet, dae Heer vemachlafiaiget, 
die Flotte trotz mancher darauf verwendeten Fürsorge in 
keinem, blähende» Zustande, die Verwaltung iii fast chao- 
tischer Unordnung. Dazu kam der Mangel einer bedeutenden 
PersCnlichkeit, welche Fähigkeit besessen bitte, die gebun- 
dencQ Kräfte zu entfesseln und die wahrhaft unerschöpflichen. 
' Hil&mittel dee Landes flü^g m machen und zu ververthen. 

Btaii MxntaTlwUiuwFolM*. 2 



IzcJbyCoOgIC 



IH 



Die Allianz mit Oesterreich hing wie ein Bleigewicht 
au Frankreich. Nach keiner Bichtung konnte ea eine selbst- 
ständige conseqaente Politik entfalten, fast flberaU wurde ea 
durch den Bundesgenossen geheaimt. Der Grundgedanke der 
damal^en französischen Politik mündete in dem Satze: Fest- 
halten an dem Bflndnisse mit Wien, Znrflckdrängung Bass- 
lands von einer Einflnssnahme in die europ&ischen Angele- 
genheiten. In letzterer Beziehung stimmten der Cßntg und sein 
Premierminister der Dnc von ChoiseulObecein. Viel hatte Frank- 
reich salbst daiEU beigetragen, dass Bussland in den gewich- 
tigen Fragen des europäischen Continents eine bedeutungs- 
vollere Bolle als frfiher spielte. Durch das Heranziehen der 
nordischen Macht zum Eampfe gegen Freussen erlangte diese 
ein Ansehen, wie nie zuvor. Der Fehler Hess sich nicht so 
leicht verbessern, der vorwftrtsatrebenden rassischen Macht 
kein Halt zuinfen, Auch gingan in dieser !^iohtung die An- 
sichten der Staatsmänner zu Wien und Versailles auseinander. 
Zu einer Beschränkung Basslands bot Eaunits nnr die Hand, 
so lange er es in inniger Verbindung mit Freussen wusste, 
er war nie gesonnen, alle Brücken der Verständigung voU- 
stftndig abzubrechen, um in jedem Momente in Bereitschaft 
zu sein, die alten Beziehungen wieder aufnehmen zu können. 
i^olaJigedierus&iäch-preussischeÄllianznnerachfitterlich schien, 
wurde Kaunitz allerdings nicht müde, auf die grosse Gefahr 
hinzuweisen, die daraus für das europäische Staatensystem er- 
wuchs, zu einem energiechen Voi^hen hätte er gewiss jede 
Mitwirkung versagt. Auch herrschte zwischen Ludw^XV. nnd 
Choiseul über die Richtung, in weldier derGmni^edanke der 
französischen Politik verwirklicht werden sollte, keine voll- 
ständige Gleichartigkeit der Gesinnung. Choiseul war nicht 
abgeneigt, die Verbiodnng mit Oesterräch nöthigenfalls 
preiszugeben, an welcher Ludwig mit fast ungewohnter 
Zäh^keit festhing. Die Allianz mit Wien sah er als seine 
eigenste Tfaat an. Das Osterreichisch-franzOBi&che Bündniss 



IzcJbyCoOgIC 



19 



hatte in den Ver^ailler Kreisen ansser dem Könige keioe ent- 
schiedenen Vertheidiger. Auch in einem anderen Punkte 
wichen der König nnd sein Minister von einander ah. Letz- 
terö- hatte in manchen Momenten seiner "Wirksamkeit auch 
kriegerische Anwandlnogen, mit deaen er aber bei seinem 
Herrn keinerlei Anklang fand, nach dessen Ansicht die Ten- 
densen der französischen Politik nur auf friedlichäm Wege 
ihre Bealisirnng finden sollten. Nur zu einem Kampfe mit 
England hatte Ludwig seine Zustimmung nicht versagt; 
dieser Öedanke allein vermochte ihn noch ans seiner sonsti- 
gen Indolenz nnd Trl^heit au&nrQtteln und ihm, wenn auch 
nnr für knn» Zeit, eine gewisse geistige Spannkraft zu ver- 
leihen. Die Bestrebungen um Hebung der Flotte fanden da- 
her bei ihm einen beredten Anwalt. Ben Plan an eine 
Landung in Kngland hielt er bi-- an sein Lebensende fest; 
nntep den königlichen Papieren fand man ein hierauf bezOg- 
Itchbs, vollständig ausgearbeitetes Project ?or. 

Mangelte schon an nnd für sich jede Einheitlichkeit 
in den leitenden Kreisen, so ging diese noch mehr in die 
Brflche durch die sonderbare' Neigung des KOnigs, hinter 
dem Bocken seiner Hinister auf eigene Faust Politik zu 
machen. Ein ganzes Heer geheimer Agenten empfing spe- 
cielle Aufti^ge und Weisungen aus den königlichen Qe- 
mächem, die vielfooh den miaisteriellea widersprachen. In 
Petersburg und Warschau, in Stockholm und Wien besass 
Ludwig geheime Correspoudenten, deren Berichte ihm allein 
zugingen. 

In einer weit besseren Lage als Oesterreich, welches 
fruchtlos sieben Jahre lang die grössten Anstrengungen ge- 
malzt hatte, beftnd sich Preussen. Wohl blutete der Staat 
aus tausend Wunden, fast ein Drittel der Bevölkerung li^ 
auf den Schlachtfeldern, auch fiel der Verlust an Menscben- 
capital weit schneidender in die Wi^schaie als in Oester- 
reich. Aber die gebrachten Opfer wurden von den grossen 



IzcJbyCoOgIC 



ze 



Vortheilen aufgewogen. Schlesiea kounte wohl für immer den 
altea Stammlanden eiageftlgt betrachtet werden. Die neue 
Frovinz hatte ihre Zugehörigkeit zu Freussen mit Blnt be- 
siedelt. In dem europäischen Staatensysteme hatte sich der 
junge Staat eine achtunggebietende Stellung erworben. Auf 
deutschem Boden war eine neue Grosamaeht entstanden, 
deren Interessen mit jenen Deutschlands von nun an zu- 
sammenfielen, Und die eine gewaltige Anziehungskraft auf 
die anderen deutschen Stämme ausüben musete. Vollzog sich 
dieser Frocess auch langsam und äUmSlig. jedenfalls war 
es bedeutungsvoll , dass die habsbui^che Fräponderanz 
damals noch härter getroffen wurde, als es ohnehin schon 
durch die Torbei^ehenden Ere^nisse des 18. Jahrhunderts 
der Fall -gewesen war. Der moderne Staat hatte aber den 
patriarchalischen den Sieg davongetrageu. 

Nicht der Tüchtigkeit seiner Herrscher allein, auch, 
dem Glücke verdankte Freussen sein rasches Anfkommen. 
Mass es doch auch als eine besondere Gunst d^ Geschickes 
betrachtet werden , dass KS^ig Friedrich nicht blos 
Schlachten sa schlagen, sondern auch die Wunden zu heilen 
verstand, init derselben Sorgfalt, die er der äusseren Macht- , 
Stellung zuwendete, zugleich in den inneren Verhältnissen 
seine Thätigkeit entfaltete. 

Unter allen Herrschern, die die Geschichte kennt, gibt 
es wohl keinen, der ein gleiches Yerständniss für die Staat-, 
liehen Aufgaben besass, eine solch' energische Hingabe an 
den Staat und für den Staat an den Tag l^e. Der Staat, . 
an dessen Spitze ihn das Geschick stellte, var ihm keine 
Nebensache, sondern nahm alle seine Kraft in Anspruch; er. 
betrachtete die darauf verwendete Arbeit als die heiligste 
FSicht seines Lebens. Der König ist der erste Diener des 
Staates: in diesen von ihm ausgesprochenen Worten liegt Sil 
ihs ein gläiuenderes Zeugniss, als in tUlm erfoohtenenSi^en. , 
Ein absoluter Monarch wie irgend einer, beutete er die ihm 



IzcJbyCoOgIC 



31 



aiiTertraute Macht nioht zu willkürlicIlenZwecken aus, sondera 
identificirte sieh mit den Interessen des Staatengebildes, 
welches er beherrschte. 

Von dem ersten Tage seines B^erungsantrittee bat 
er sieb den Plan vorgezeichnet, der von nun an den ge- 
sammten Inhalt seines Lebens bildete: Preassen eine mit 
Oesterreich gleiobberechtigte Stellang in dem europSisoben 
Staatensjsteme zu verschaffen. Von jugendlichem Ebi^eize 
geschwellt und von einem intuitiven Verständnisse, &a das 
was Notb that, getrieben, fasste er mit genialem Instincte 
jenes Land ins Auge, welches er der habsburgischen Macht 
abringen wollte, üeber die Mittel Anfangs im Unklaren, 
schwankte er keinen Moment Aber das Ziel. Dieser Schritt 
entschied fflr die Zukunft die Politik seines ganzen Lebeos. 
Als er nach dem zweiten Waffengange mit Oesterreich 
Frieden schloss, mochte er wähnen, sich den neuen Er- 
werb fOr die Dauer gesichert zu haben. Mit weiser Selbst^ 
beschrftnkung begnügte er sich mit dem wichtigen Lande, 
ohne neue Objecte ins Auge zu fassen. Viel zu genau 
mit den politischen Strömungen bekannt, beabsiehtigte er 
vorläufig keine weitere Schwächung des Gegners. Zu dem 
siebenjährigen Kriege gab er keinen Anlass, die Waffen 
wurden ihm in die Hand gedrückt. Die Gefahr ahnend, 
kam er ihr zuTor. Das Netz, welches Aber seinem Haupte 
zusammengezogen werden sollte, wollte er zerreissen, ehe 
die letzte Schlinge geschQrzt war. Nach Sube lechzend, 
steckte er das Schwert in die Scheide, sobald sieh ihm die 
Möglichkeit bot, ohne Verkürzung an Land und Leuten aus 
dem ihm aufgedrungenen Kampfe hervorzugehen. 

Unter den Staatsmänaera gibt es wenige, die von Zeit- 
genossen und der Nachwelt so schief beurtheilt worden wären, 
wie gerade FriedriclL Ala bald nach seiner Thronbestei- 
gung durch das Ableben Carls VI. der Bestand," der habs- 
burgischen Monarchie, die seiner Ansicht nach, der Masse 



Cg.lzccbyCoOglC 



tt 



der darauf einstürmendeii Feinde nicht gewachsen, in Frage 
gestellt war, verschmähte er es allerdiogs nicht, die trost- 
lose Lige seiner Nachbarin auBzubeutea und sich in den 
für Freus£en so wichtigen Besitz Schlesiens zu setneo. Sonst 
war seine Politik die einfachste der Welt, und weit entfernt 
Ton jenen gierigen Plänen nach VergrCssening seines Landes, 
die man ihm fortwährend in die Schabe schob. Es waren 
nicht blos theoretiicbe gleissnerische Betrachtuagen, wenn er 
sich in seinen Briefen an die Eurfflratin von Sachsen, Marie 
Antonie, mit wahrhaft bewunderungswürdiger Beredtsamkeit 
Über die Folgen der Kiipgsfurie erging ; er war von diesem Ge- 
danken tief erfüllt. In jedem Moment m einem neuen Waff«i- 
gasge entschlossen, wenn ein vitales Interesse seines Staates 
in Fr!^ stand, steuerte seine Staatsknost nur auf Erhaltung 
des Friedens los. Einer der ersten Feldherren aller Zeiten, 
steht er als Staat^mann-Eonig iaet ohne Gleichen da. Au 
Geriebenheit und Terschlagenheit mit andern wetteifernd, 
in den Künsten der rerlogenen Diplomatie seiner Tage ein 
Meister, ist seine Politik von einem grossartigen Geiste durch- 
weht, yiemi der grosse Kurfürst die hervorragende Stellung 
Preussens als deutsche Macht b^ründet hat, so verdankte 
das neue Staatigebilde seine Bedeutung als europäische Macht 
einzig und allein Friedrieb dem Grossen. 

Unverkürzt gelang es ihm aus dem siebenjährigen 
Kriege hervorzugehen, aber er besass keinen einsigen Bun- 
desgenossen. Preuasen stand vereinsamt und isolirt. Die^^llianz 
mit England war längst brüchig geworden. Die Staatsm&nner 
des Inselreicbes hatten den König seinem Schicksale über- 
lassen und einseitig den Frieden mit Frankreich geschlossen. 
Nur die Verehrung und Hingebung Feter's III. von Kussland 
hatte es dem Könige in den letzten Jahren des Krieges mög- 
lich gemacht, fürderhin seinen Gegnern die Spitze bieten zu 
können. Ein Vertrag zwischen Preussen und Bussland sollte 
die neue Allianz auch für die Zukunft festigen, als Peter's 



IzcJbyCoOgIC 



23 



Srmordui^ die tfinftige Stellung der nordischen Macht 
wieder in frage stellte nnd die ersten Kundgebnageu der 
Csarin eine dQstere Perepective eröffneten. Für Friedrich 
bildete seihst nach geschtossesem Frieden das Bündniss 
mit Rnssland ein Axiom seines politischen Systems. Der 
Wiener Staatekunst traute er nicht; Oesterreich galt ihm 
als der unversöhnlichste Gegner seines Hanses, und so 
grosse Hochachtung er auch der Kaiserin zollte, er war ' 
überzeugt, dass ^ie den Verlust Schlesiens nie verschmersen 
werde. Zwischen Preussen und Oesterreich lag eine unüher- 
brtickbare, mit Blut angefQllte Kluft. An die RQckkehr 
zu einer Allianz mit Frankreich war, insolange als die 
französische Staatsk^nst im Schlepptau Oesterreichs er- 
schien, nicht SU denken, selbst wenn die leitenden Kreise 
an der Seine dem Kon^e grosseres Vertrauen eii^eflOüst 
hüten, als es wirklich der Fall war. Mit England war eine 
Verständigung unmöglich ; s« lange Bute an der Spitse der 
Gfficldfte stand. 

Die Entscheidung Aber das föderative europäische 
Staatensystem lag in den Händen der Zerbster Ffirsten- 
tochter, die vor kurzer Zeit die Krone Busslands an sich 
gerissen hatte. Das jüngste Staatenglied, welches erst 
seit Decennien seinen fiinflnss geltend zu machen and eine 
Bolle in den bedeutsamen Angelegenheiten der europftisoheu 
YOlkerfamilie sn spielen begann, war in die Lage gesetzt, 
fast die Geschicke des europäischen Welttheils zu bestimmen. 
Als ein junges, kaum flügge gewordenes Mädchen, die 
Tochter eines kleinen deutschen FürEten, betrat Catbarina zum 
ersten Male die weiten Gefilde des russischen Reiches. Ihre 
Phantasie mochte ihr schon damals die lüfteten Bilder vor- 
gegaukelt haben, schon sah sie sich als Herrseherin der Länder, 
die sie Süchtig' durcheilte. In den massgebenden Kreisen des 
Petersburger Hofes gefiel ihr munteres und lebendiges Wesen, 
sie wurde zur Gemahlin des Thronfolgers, Peter, bestimmt. 



IzcJbyCoOgIC 



24 



Sehr bald stand sie lu einer ihr fremdeu Welt allein; die 
Mutter, die sie nach Petersburg begleitet hatte, musste ihre 
Tochter, deren Erziehnng erst vollendet werden musste, nach 
einiger Zeit der So^e Anderer überlassen. Der russische 
Hof w&r nichts weniger als geeigaet, Sitteureioheit und 
sflohtige Keuschheit zu nähren und zu pflegen. Eantn 
dem Flügelkleide entiQckt, blickte Catharina in einen Ab- 
grund von Sittenlosigkeit und Verderbniss. Die Herrscheria 
that es allen übrigen zuvor. Ein Firniss oberSächlicher 
Bildung verdeckte gleissnerisch die innerliche Hohlheit. 
Catharina wurde die Qemahlin des Qrosaförsten. Zu ihrem 
Manne trat sie in durchaus keine Beziehungen. Peter ge- 
brauchte seine QemahUn zur Aufführung von schalen Possen, 
2ur Abrichtung von Soldaten; sie diente ihm als Genossin 
kindischer Spiele und leereu Zeitvertreibs. Sie stand am Hofe 
allein, ohne Freund, ohne Bathgeber. Die Personen, denen 
sie sich in vertraulicher Weise nähern wollte, verschwanden 
rasch aus ihrer Nähe. Waren es Frauen, wurden sie ver- 
heirathet oder auf irgend eine Weise entfernt; M&nner büssten 
die Freundschaft, die ihnen die GrossfQrstin entgegenbrachte, 
mit Kerker oder Verbannung. Auch bei ihrem Oatten fand 
Catharina gegen mannigfache Angriffe und Kränkungen, die 
sie zu erdulden hatte, keinen Schntii. Peter machte aus seiner 
Abneigung gegen seine FraukeioHehJ, nicht selten war sie auch 
seinen Misshandlungen ausgesetzt. N'ur die Hoffnung einst die 
Krone au tragen, hielt sie in diesem Jammer aufrecht. 

Ihr liebebedQrftiges Herz sehnte sich nach irgend einem 
Menschen. Die Sinnlichkeit machte ihre Bechte geltend, in 
den Armen eines Fremdeu , des schönen Soltjkow , lernte 
sie die ehelichen Genüsse kenaen. Die Kaiserin begünstigte 
das Yerhältniss, denn es sollte für einen Thronfolger Sorge 
getragen werden. Paul, der nachmalige Kaiser, war die Frucht 
dieser intimen Beziehungen. 



IzcJbyCoOgIC 



li 



Nicht lan^ sollte eich Gatharina desUmgai^es ihree Ge- 
liebten erfteuen, da er selbst zoin üeberbiinger der Boteohalt 
nach Schweden gewählt wurde, dass ein Thronfolger geboren 
seL Dann erschien dt^r scfaOne Pole , mit den glQhenden 
Angen und dem liebenswürdigen Wesen, der sie bezanberte 
nnd hinriss. In den Lanben des Oranienbamnec Gartens 
tanschte sie glflhende EOsse nnd feurige Schwüre mit Stanislaos 
Foniatowslci , wUhiend ein Genosse, der Franenieizen sich 
immer zugänglich erwiesen, Waohe hielt, um jeden Störer 
absnweisen, und Peter an dem Umhange einer unschönen 
und bucklichten Bussin kindisches Behagen fand. 

Ihr Gatte besti«^ den Thron. Zurückgesetzt und tou 
ihrem Manne rücksichtslos behandelt, von dem Geliebten ge- 
trennt, der die Beaidens hatte meiden müssen, fühlte sie sich 
vereinsamt; selbst ihr Leben schien bedroht. Iter Selbst- 
erhaltungstrieb machte seine Beidite geltend. Durch die 
Beseitigung ihres Mannes bahnte sie sieh den Weg ssur 
Selbstherrsohaft. 

Gatharina hatte das ersehnte Ziel geheimster Wünsche 
erreicht, sie wollte herrschen, glänzen, bewundert und ge- 
priesen sein. Tom ersten Tage ihrer Thronbesteigung ent- 
faltete sie alle jene Eigenschaften, die sie während der glän- 
zenden Jahre ihrer Herrschaft ausseichneten : Hutb nnd 
Schlauheit , energische Thatkraft und kluge Serechnang, 
Selbstständigkeit des Willens und gefügige Unterordnung, 
je nachdem Zeit und üm^nde es erheischten, ünermüdlioh 
fleiss^, befreite sie sich bald von der Abhängigkeit von andern, 
der ganze Mechanismus des Kegierens wurde ihr bald geläufig. 
In den wichtigsten Fragen der äussern und inneru Politik 
sprach sie das entecheidende Wort, bestimmte eie die lei- 
tenden Geeiohtapunkte, nicht eher ruhend und rastend, bis 
sie sich eine eigene Ansicht gebildet hatte. Zur Herrscherin 
geboren, fühlte sie sich jetzt in ihrem Elemente. Allein es 
dauerte lange, ehe sie sich in ihrer Stellung sicher fühlen 



IzcJbyCoOgIC 



konnte. Frensde waren so belotmen, Gegner au beschwich- 
tigen, Unentschiedene za gewinnen. Und da in Bussland 
nicht politische QruadsfttEe die Parteien schieden, die Gegen- 
sätsse Tielmehr persfinlicher Natur waren, bedurfte es der 
gan en Klugheit und Besonnenheit ihres Wesene, um den 
verschiedenen Ansprüchen , die an si« herantraten , BedL- 
nnng su tragen. Sie, die Fremde, hatte einen um so Bchwie- 
rigeren Stand, da auch die Vorurtheile und Stimmungen der 
Massen in Betracht zu ziehen waren. 

Unter den PeiBOnlichkeiten an ihrem Hofe gab es Nie- 
mand, den sie unbedingt zu ßathe ziehen konnije. Sinnlidie 
Neigung und Dankbarkeit ketteten sie an Gregor Orlow; 
er führte ihr seine Brfider als helfende Genossen zu. Gre- 
gor Orlow 's nnbedentende Natur konnte ihr nicht als StAtze 
dienen. Schlecht nnterriohtet und axbeitssoheti, dem Sinnen- ' 
gennsse Mhnend, entzog er sich allen nur einigermaesen 
wichtigen Geschäften. Weder für die innern noch für die 
äusseren Fr^en der Politik hatte Orlow Sinn und Yerstftndniss. 
Galante Abenteuer und Trinkgelage fesselten ihn mehr als 
alle Commissionen, xu deren Mitglied ihn die Kaiserin ge- 
macht hatte. Zur Mitwirkung bei der LCsung der schwie- 
rigeren staatlichen Aufgaben, welche Catharina in Anspruch 
nahmen, erwies er sich ganz ungeeignet, und sie sah sieh 
genöthigt, nach andern Persönlichkeiten zu greifen. 

Noch stand Woronsow an der Spitze des auswärtigen 
Amtes.' Von ganz niedriger Herkunft hatte er unter Elisa- 
beth sein [Glück gemacht; durch Bestuscheff's Anem- 
pfehlung es bis zum Vicekanzler gebracht. Der damalige 
Grosskanzler duldete keinen begabten Nebenbuhler, und ge- 
rade die Unbedeutendheit Woronzow's Tst^ohaffte ihm die 
Gunst dee allmächtigen Mannes. Seine Hinneigung zuPreussen 
beirrte ihn nicht, später auch Oesterreich gegenüber seine 
WilU&hrigkeit an den Tag zu li^en , und in den Jahren 
1755 und 1756 war er fast ein consequenterer Beförderer 



IzcUbyCoOgIC 



S7 



der Flftue des Fflrsten Kaonitz, als seiu Nebenbuhler, der 
Giosekanzler. Ohne eigene Ideen, mit winzigen Eenntniasiiu 
war Woronzow für alles zu haben. Nur seine glatte, höfliche 
Aussenseite Hess in ihm den Diplomaten erkennen. S^e 
Gewohnheit, langsam zu sprechen, war darauf berechnet, 
ihm den Anschein eines grflndliohen, tieföberl^endea Mannes 
tu geben, während sie die Folge eines sobwerniUigeu Kopfes 
war, der sioli nur mflhselig in neuen Ideenkreisen zurechtfand. 
Vorsichtig, fast furchtsam liebte er zweideutige Antworten, 
am sich für jeden Fall ein Hinterpfürtchen offen zu lassen- 
Und docl] gelang es dieser Natur, ,die nur geschaffen schien, 
von andern beherrscht zu werden , die höchste Stnfe zu er- 
klimmeo, welche dem Ehrgeize geöffnet war.') 

Auoh der alte Intriguant Bestusoheff war zurdck- 
- gekehrt. Die Jahre der Verbannung waren spurlos an ihm 
Torübergegangeu. Dieselben Ideen und Neigungen legte er 
nach wie vor an den Tag. Noch immer wünschte er die 
Leitung der Geschäfte in seine Hand zu bekommen: er . 
hatte die Einträglichkeit des toq ihm Jahre lang bekleideten 
Postens genugsam kennen zu lernen Gelegenheit gehabt. 
Seinem Laster frShiite er wie in früheren Tagen. Als Säufer 
war er ins Exil gegangen, als Trunkenbold kehrte er heim. 
Auch in seiner Servilität und seinem schmutzigen Aeu^sern 
war eine Veränderung nicht zu spüren. Und doch sah sich 
Catharina genOthigt, dem Manne zu schmeicheln und das 
unangenehme seiner Person mit in den Kauf zu nehmen. 
Nur ein Mann war in Sieht, dem die Monarchin ihr 
Vertrauen zuwenden konnte. Fanin, der GouTemeur ihres 
Sohnes, hatte sieh Anspruch auf ihre Dankbarkeit erwor- 
ben, da er zum Sturze Peter's mit beigetragen hatte. 
Seine Absicht war allerdings gewesen, der Mutter seines 
ZOglings blos die Segentschaft bis zur Mündigkeit Pauls 



') Memoire sur la Cour de Bnsaie, im Wiener Arcliire. 



IzcJbyCoOgIC 



tu 



-zn übertragen, aber er war klug genug sieb in die voll- 
endete Tbataacbe zu fügen. Catbarina's Scharfblick er- 
kannte, welche nfitzliohen Dieoste ihr dieser Mann leisten 
konnte. Ohne hervorragende Begabung, gerade keine bedeu- 
tende Arbeitskraft, ohne grosse Gesichtspunkte, den sinn- 
lichen Freuden ergeben, besass Fanin doch eine Anrahl 
tüchtiger Eigenschaften , die ihn der Monarohin werth 
machten, ßuhig und besonnen, freundlich und zuTorkom- 
mend, fügsam und eifrig war er ganz geeignet in die Ideen 
der Czarin einzugehen. Ein Gegner Oesterreichs und Ver- 
treter der preussiscben Allianz stimmten seine politischen 
Gesichtspunkte im Grossen und Ganzen mit den ihrigen 
flberein. Und dabei war er, waa damals in Bnseland zu den 
Seltenheiten gehörte, ein ehrlicher Mann ; selbst seine Gegner 
rühmten ihm nach, der Besteebung unzugänglich zu sein. 

Eines Ecböpferischen Geistes bedurfte Catharina ohne- 
hin nicht. Die Festsetzung der politischen Sichtung, die sie 
einzusehlagen gesonnen war, war das Product ihres Qeistes. 
Sie nahm den Faden der russischen Politik dort wieder auf, 
wo er beim Tode Peters des Grossen abgerissen worden war. 

Die Proclamation, welche Catbarina zu erlassen sich 
bemflssigt sah, erwähnte unter den Anklagen gegen ihren 
Gemahl nicht nur die Bedrohung der orthodoxen Beliglon, 
sondern auch die Besudelung der Glorie von Rusaland, die 
unter Strömen Bluts durch siegreiche Treffen auf die höchste 
Stufe gebracht und nun durch den geschlossenen Frieden mit 
dem ärgsten Feinde des Staates mit Füssen getreten worden 
war.. Das Manifest schien einen vollständigen Bruch mit der 
Politik ihres Vorgängers anzudeuten. Das russisch-preussische 
Bflndniss konnte damit als beseite gelten, denn die Worte 
der Kaiserin Hessen keine andere Deutung zu, als dass sie 
die Wiederanknüpfung der alten Allianz mit Oesterreich 
im Auge habe. 



Dg.lizcUbyCoOglC 



19 



Diese ErkläniDg war jedoch unter dem Drange des- 
MomentB Teröffentlicht worden. Catharina war mit sich 
TOllständig im Klaren, sich mit den Gegnern Fnedrich's 
zn dessen Betc&mpfong nicht zu verbinden. Es mag dahin; 
gestellt bleiben, in wie weit das QefQhl der Dan][barkeit 
gegen Friedrich hiebei mitgewirkt haben mag, keinesfalls war 
er bei einer berechnendenPersOnlicfakeit, wie jene Catharina'sT 
aussohla^ebend. Bei der Politik Bussla&ds, die ihrem Qeist 
Torschwebte und von ihr wohl schon längst reiflich erwogen 
worden war, ehe ihr das Geschick die Angelegenheiten des 
grossen Beiches in Händen legte, schien die Buudeagenossen- 
schaft Freussens ihr von höherem Wertb«,* als jene Oester- 
reichs. Ob sie Polen oder die Türkei ins Auge &8sen 
mochte, nach beiden Riehtungen hatte sie von Preussen- 
keinerlei Hemmnisse zu befDrchten, während die Interessen 
Oesteneichs jene Busslands in beiden Fn^n vielfiLoh 
kreuzten. Vorläufig musste aber ein BQndniss mit Preussen 
vertagt werden; es handelte sich einstweilen darum, nach 
keiner Seite Anstoss zu geben. Bis zur Beendigung des- 
Krieges, an welchem sie keinen Theil nehmen wollte, konnte 
sie auch leicht die Hände frei behalten, Hoffnungen erregen, 
ohne sieb zu binden. Lag eine Vernichtung der preussischen 
Macht ausserhalb ihres Gesichtskreises, so sehloss sie sich 
infiofeme den Gegnern derselben an, als sie eine VergrOsserung- . 
Preussens mit dem Interesse Bueslands nicht für vereinbar 
hielt. Durch die Backberufimg des russischen Heeres, welche» 
in den letzten Monaten gemeinsobaftlicb mit Prenssea 
Oesterreioh bekämpft hatte, trug sie der herrschenden 
Stimmung in Petersburg, die der Allianz mit Preussen 
nicht günstig war, Bechnuog. Die Erhaitui^ eines Gleich- 
gewichts zwischen den beiden deutschen Staaten war einer 
der leitenden Gedanken ihier Politik. Catharina erweckte auch 
in Wien mancherlei Hoißiungen, bekundete in Versailles den 
lebhaften Wunsch mit Frankreich gute Beziehungen zu un- , 



IzcJbyCoOgIC 



39 



unterhalten, knüpfte mit England Verbindungen an und lies.« 
den prenssiscben Gesandten in Petersburg durcH den 
geheimen Rath Olzuüew wissen, sie sei Willens, das gute 
und freundjchaftliche Einrerständniss mit dem KOnige zu 
unterhalten, ervarte jedoch Touihm, dass er nichts thiin 
wflrde, was dasselbe zu beeinträchtigen im Stande sein könnte. 
An eine Ratification des zwischen Peter und rriedrich ver- 
einbarten Vertrages war, wie die Dinge lagen, ohnehin nicht 
KU denken, wenn auch sonst eine Aenderung desselben in 
einigen wichtigen PunRten sich nicht als nothwendig her- 
ausgestellt hätte. 

Auch nach einer andern Richtung stand Ton Vorne- 
herein so Tiel fest: Catharina hatte eine entg^;hied6ne 
Antipathie gegen Frankreich und eine "besondere Vorliebe 
fQr EngUnd. Ein iustinctir Etaatsmänni.scher Gedanke und 
persönliche Motive wirkten gleichmässig dabei mit. Wollte 
Russland , und dahin mündete die rus^^isohc Politik , seine 
dominirende Stellni^ im Iforden f^r die Dauer befestigen, 
so war ein BQndnisä mit England von ungleich höherem 
Werthe, da Frankreich durch seine Vei^ngenheit gebunden 
seiner Partei inD8nemai-k undSchweden nurschwer den Böcken 
kehren und in'a russische Lager übergehen konnte. Dam 
kamen nun die persönlichen bitteren Erlebnisse der letzten 
Jahre. Der englische Gesandte hatte ihre Beziehungen 
zu Stanislana August seiner Zeit unter seinen Schutz ge- 
nommen , Frankreich dagegen die Entfernung desselben 
vom russischen Hofe bewerkstelligt. Französische Intriguen 
hatten eine Entrremdung zwischen ihr und Elisabeth her- 
Toi^ernfen, auch die ohnehin feindselige Stimmung ihres 
Gatten gegen ihre Person genährt. 

Endlich in der wichtigsten Frage, die ihren Geist be- 
schäftigte, hatte sie von England, wenn auch keine Tnter- 
Btützung, doch keinen Widerspruch zn besorgen, während 
die Tradition Frankreichs auf eine Beschi-änkung und Ein- 



IzcJbyCoOglC 



dämmuDg der rus^isobeu Macht gerichtet war. Ton jeher 
bekämpften flieh gerade in Polen die französische und rus- 
sische Diplomatie, und den vorherrschenden Einfluss BuBslands 
in der Republik fllr die Dauer sicherzustellen, schwebte der 
Czarin von Anfang an vor. Die weiten Lftnderstrecken Polens 
trennten den rus^iBChen Staat von der civüisirten europfti- 
sehen Staatenwelt, und um als gleiohherpchtigtes Glied in 
dieselbe einzutreten, gab es kein anderes Mittel, als vollste 
Ahhäi^gkeit Polens von Bussl&nd, oder dessen Vernichtung. 
Das letztere tag damals noch ausserhalb des Qesichtskreises 
der msaisohen Politik, auf das erstere steuerte sie mit vollen 
S^^u los 



ibyCoogIc 



Zweites Capitel. 

Rückblicke auf Polens Vergangenheit- 

Die Blflthezeit der köDigliehen Republik, wenn von 
einer solchen bei diesem Staatengebilde überhaupt gesprochen 
werden kann, war in der Uitte des achtzebntaii Jahrhun- 
dertes längst dahin. Bcfim Aussterben des Jagellonenstammes 
hatte Polen seine gröasta territoriale Ausdehnung erlangt. 
Der erste dieses Geschlechtes brachte dem Stammgebiete 
das GrossfOrstenthnm Lithauen als Angebinde, mit; ein be- 
trfiobtlicher Theil ursprünglich russischer Landschaften, nebst 
der alten Hauptstadt Kusslands, war an Polen gekommen. 
Durch glflckliche Kämpfe mit den Nachbarländern wurden 
neue Gebiete erworben. Der deutscbe Orden musste in dem 
Thomer Frieden (1466) einen grossen Theil seiner Land- 
schaften abtreten; der Best des preussischen Ordeuslaudes 
gelangte 1505 unter polnische Lehenahoheit. Einige Jahre 
später fand die Wiedervereinigung Masoviens mit dem da- 
mals mächtigsten Slarenreiche statt; Sigiemund It. erwarb 
Livland von dem Heermeister Gotthard Eetteler, Curland 
und Semgallen wurden polnisohe Lehen. 

Polen feiertet was seine äussere Machtstellung anbe- 
langte, unter den beiden letzten Jagellonen seine Glanz- 
periode. Fast mochte es scheinen, diiss diesem Slavenstamme 
die Herrschaft Qber das astliche Europa zufallen wQrde. 
Allein schon damals zeigte das gesammte staatliche Leben 
jene Gebrechen, die zwei Jahrhunderte später ein trauriges 
Geschick heraufbeschworen. 



fzcJbyCoOgIC 



33 



Fast ohne iiatQrliche Qreozea, nach allen Seiten Ein- 
fällen auBgeaetzt, nur g^en Westen dnrch die Karpathen 
einigermassen geschützt, konnte Föten den erstarkenden 
Nachbarreichen nur daan einen entschiedenen Widerstand ent- 
gegeasetzen, wenn ee dem KOnigthmn gelang, mit energischer 
Fanst aUe Kräfte zusammeniuballen und die dasselbe be- 
schrankenden Elemente niedefznhalten. Nirgends in Europa 
wäre die Bildung einer fast abaolutistisch königlichen Gewalt 
mehr am Platze gewesen, nirgends hätte sie der Entwicklung 
des Landes und der Kräftigung der Nationalität grl^ssere 
Dienste leisten können. Nur «nem selbstbewnsaten König- 
ihnm konnte es, gelingen, ans dem Länderoonglomerate 
einen einheitlichen Staat su bilden. 6era4e das Gegentheil 
geschah. An Stelle einer festen Centralisation die loseste 
Decentralisation, die allerdings nicht bloe in den durch die 
natOrlichen Verhältnisse gegebenen Frovinzialgegensätzen, 
sondern in der gesellschaftliehen Organisation ihre Erklänu^ 
findet. 

Der Gegensatz zwischen Grosspolen, Kleinpolen and 
Lithanen, den wichtigsten Theilen des Slavenstaates, wurde 
nie Tollständtg au^eglichen. In der That waren es Ter- 
scbiedenarttge Elemente, die hier zu einem Staatsganzen 
verbunden waren; die Verschiedenheit der Bevölkerung 
erhielt auch durch die Bezeichnong der Nationen von Gross- 
polen, Kleinpolen und Lithauen ihren Aosdrack. Das Bewusst- 
sein Tersdiiedener Abstammung erhielt sich während der 
ganzen Zeit der Republik; erst am Ende des 16. Jahr- 
hunderts hatte die lange staatliche Vereinigung so viel 
bewirkt, dass die polnische Sprache das gemeinsame Idiom 
der herrschenden Classe zu werden begann. Die Lubliner 
Union von 1569 war das Werk langandauemden Bingens, 
nm wenigstens in einigen wichtigen Funkten eine staatliche 
Gemeinsamkeit an die Stelle territorialer Verschiedenheiten 
treten zu lassen. Nach de^i Onmdbestimmnngen der Union 

Bt*i: Dltanta Tkrilaie Fdlau. 3 



IzcUbyCoOgIc 



S4 



sollte küaftjghiu eine Person als Köuig and GrossfQrst 
gewählt, die Rechte beider Länder, Polens und Lithauenfi, 
durch dasselbe Docament bestätigt werden ; kein Theil 
sollte künftighin selbstständige Bündnisse schliessen dürfen, 
im ganzen Gebiete Eine Mflnse gelten, auf einem Reichstage 
die gemeinsamen Ai^elegenheitea zar Berathung kommen. 
Es waren die An&nge einer innigeren gesammtstaatlichen 
Verbindung, ohne dass alle Sonderrechte beseitigt waren. 
Die Verwaltung der beiden Länder blieb auch fürderfain 
getrennt; die Verschiedenheiten in der rechtlichen Oesetz- 
gebung konnten auch nicht als beseitigt gelten. 

Dem letzten der Jagellonen gebührt das Verdienst, dieses 
unstreitig schwierige Werk zu Stande gebracht zu haben. 
Diese Errungeoscbaft wurde aber durch andere Nachtheile 
in den Schatten gestellt. Uit der Ausgleichaug der nationalen 
und sprachlichen Gegensätze, wenigstens was die hSheren 
gesellschaftlichen Schichten anbelangt, giug eine Erstarkung 
der königlichen Gewalt nicht Hand in Hand. Denn gerade 
während der Jagellonischen Herrschaft warde die Stellung 
des Königthums immer mehr herabgedrückt ; beim Aussterben 
dieser Familie waren ihm fast alle wichtigen Attribute ent- 
wunden. Auch andei'swo vollzog sich im Laufe der geschieht* 
liehen Entwicklung ein ähnlicher Process; in Polen jedoch 
verlor die kSnigliche Gewalt an Machtfälle, ohne dass ein 
anderer Factor des Staatslebeos jene wichtigen Befugnisse 
erlangte, welche der König mindestens als executires Organ 
selbst in den beschränktesten Monarchien sich bewahrt hat. 

Eine Adelsherrschaft der schlimmsten Art machte sich 
breit, die mit keiner Aristokratie irgendwo reiflichen werden 
kann. Unter dem Deckmantel der innigsten Vaterlandsliebe 
und der tiefsten Religiosität hat es der polnische Adel von 
jeher verstanden, seine eigene Herrschsucht und das geheime 
Streben nach eigennUtzigen materiellen Vortbeilen zu ver- 
bergen, sich insbesondere in kritischen Momenten eine 



lizcUbyCoOglC 



Si 



nicht nnbeträchtliche Ansahl von Pi^rogatiTen zuzueignen 
und staatliche EinrichtuDgeu eiazubOrgem, die unter dem 
Seheine des Rechtes die wildeste Anarchie bargen. 

£ine stattliche Beihe voa Qerechtsamen hatte der Adel 
sich allgemach erworben, und er beu&tzte jede sich darhie- 
teude Gelegenheit, seinen Freiheiten nnd Rechten eine grossere 
Ausdehnung zu geben. Alle Würden, Ehren and Aemter 
sollten kflntlighin nur unter dem Beir&Ui des Proviozial- 
adels verliehen werden, und während bisher sämmtUche 
Polen derselben theilhaftig werden konnten und nur Aus- 
länder von dem Genuas au^eechlossen waren , wurde 
jetzt eine tiefere Kluft zwischen Adeligen und Niehtadeligen 
geschaffen. Ferner wurde dem eiogebornen Adel die Ver- 
waltung ffimmtlioher Butten, Schlösser und Starosteien vor- 
behalten. ') 

Die tfaatsftchlich hervorr^ende. man kann sagen vor- 
wiegende Stellung des Adels im pohiiscben Staatsorgauismus 
unter dem ersten Jagelionen fand in der wichtigsten Be- 
stimmung, welche die Versammlung zu Horodlo im Jahre 
1413 traf, ihren Ausdruck. Alle Adeligen Polens und Li- 
thanens, hiess es daselbst, weiden von nun an zum Vortheil 
.und Kutzen des Reiches Convente und Parlamente, wenn 
es einmal nSthig sein sollte, in Lnblin und Farczow, oder 
einem anderen passenden Orte unter Zustimmung und Ein- 
willigung des Fürsten abhalten. Damit wurde allerdii^, 
wie Garo bemerkt, nur ein thstsächliches Verhältniss aner- 
kannt, denn die Staatshoheit ruhte nicht mehr bei dem 
E:önige, sondern bei dem Adel. 

Der Adel bildete eine grosse geschlossene Easte, die 
neuen Kiementen keinen Zutritt gewährte. Innerhalb der- 
selben gab es keinerlei Rangstufen. Man hielt an dem Prin- 
cipe allgemeiner Oleichheit sämmtücher Edelleute fest. 



■) VrgL hierüber Caro, Geschichte Polen». Band lU. 



IzcJbyCoOgIC 



3< 



Mochten &ueli einige Familien in der Fflhrung eines Titels, 
als Fürsten, trafen oder Barone eine besondere Auszeich- 
nung suchen, factisch begröndet« derselbe nicht das geriogste 
Recht, auf welches nicht such daa unbemitteltste Mitglied 
der Adelssippe Anspruch macben konnte. Man that »ch 
auf die Festhaltnng dieses Grundsatses ungemein riel ?.u 
Oute; rflhmte es auch als eine besondere EigenthOmUch- 
keit der polnischen Freihat, dass die Stimme des ännsten 
Edelmannes gerade so viel als jene des reichsten Grundbe- 
sitzers gelte, daas in der Republik die Stimmen nicht ge- 
nügen, sondern gezählt wurden. *) 

Dieses formale Gleichheitsprincip war praktisch eine 
Chimäre, iwüi dem Gesetze sollte allerdings der Edelmann, 
der nicht eine Hufe sein eigen nennen konnte, gleiche Rechte 
mit dem Besitzer ausgedehnter Latifundien besitzen, aber 
diesem standen mannigfache Mittel zur YerfSgung, um sich 
unter den herabgekommenen oder vom Hause aus unbe- 
gUterten Genossen einen Anhang zn verschaffen, und anf 
diese Weise einen maßgebenden Einfluss zu gewinnen. 

Der Adel erfreute sich einer erklecklichen Anzahl von 
Sonderrechten. Nicht blos das adelige Gut war steuerfrei,, 
such sonst belasteten ihn keinerlei ZQlle und Auflagen, selbst 
das Salz, welches auf den dem Staate gehörigen Bergwerken 
gewonnen wurde, musste ihm kostenfrei verabfolgt werden. 
Kein Adeliger durfte verhaftet werden, ehe das TJrtheil vom 
achter gefällt worden war; die Gerichtsbarkeit befand sich 
in seinen Händen, die höheren geistlichen Stellen und Wür- 
den bei den Hauptkirehen blieben ihm vorbehalten; könig- 
liche Güter, über welche dem Könige das VerfQgungsrecht 
zustand, konnten nur einem Adeligen verliehen werden. 



■) TeigL HUppe, Verfusoiig der Bepablik Polen, Berlin 1867. 



zedbyGoOgIc 



K 



Auch in andern Ländern hat sich die Aristokratie 
läDgere Zeit hindurch grosserer Vorrechte erfreut, allein fitat 
öberall fand sich ii^;end ein O^eugewicht, welchee sich- den 
Ausschreitungen derselben entg^easetste und die bevor- 
rechtete Stellung entweder vollst&ndig brach oder wenigstens 
einengte. Zumeist waren es zwei Factoren, die dies bewerk- 
stelligten: die erstarkende kOn^liohe Gewalt und das em- 
porblflhende Bflrgerthum. In Polen dagegen hatte es der 
Adel Tcrstanden, das Eönigthum zu rollstäiidiger N^ullitftt 
herabzudrScken, und an einem Bürgerstande slayischer Zunge 
fehlte es ganz und gar. In den St&dten Pommerns, Ost- und 
Weatpreussens wetteiferte die BeTOlkerung allerdings an 
Tüchtigkeit und Energie mit den Communen Deuts<;hlauds, 
aber es waren zumeist deutsche Ansiedler, die später .in 
ihren Bechten beschrUnkt wurden, die den Grundstock der 
Bevtilkening bildeten. 

Nachdem die männliche Linie des Jagellonenstammes 
ausgestorben war, wurde die Bepublik zu einem Wahlreiche 
erklärt. Der neugewOhlte KQnig hatte nun regelmässig eine 
ganze Beihe rem Beicjist^e entworfener Bestimmungen 
{Pacta conventa) zu beschworen. AusdrKcklich wurde ihm 
das Recht benommen, sich einen Nachfolger sn ernennen. 
In seiner Umgebung sollte sich immer eine Anzahl toq 
Senatoren befinden, ohne deren Zustimmung er weder die 
Gesandten der auswärt^en Hofe empfangen, noch welche 
■absenden durfte. Auch die VermähluDg des Königs wurde 
später an die Zustimmung' des Reichsrathes geknflpft. Auf 
die Entscheidung Aber Krieg oder Frieden hatte er keinen 
Einfluss. Kb war der Schatten einer kÖo^lieliBn Gewalt, die 
ihm verblieb. Von der EOlle der Gerechtsame, mit denen 
selbst in den modernen constitutionellen Staaten der EOnig 
au^estattet ist, besass der polnische Monarch nur trUmmer- 
hafte Fetzen. Er berief die Reichstage, setzte ilire Verhand- 
luugsg^enstände fest, verlieh den Gesetzen durch seine 



IzcJbyCoOgIC 



38 



Unterschrift Gesetzeskraft ; dies war aber anch Alles. An 
der Verwaltung des Landes hatte er fast gar keinen Antheil. 
sie 1^ ganz in den Händen der lebenslänglichen, unabsetz- 
baren Beamten. Die Ernennung derselben ttand ihm aller- 
dings zu, und eine kraftvolle, energische Persönlichkeit hatte 
hier eine Handhabe finden können, die Machtfülle des KOnig- 
thoms zu erweitem und zu befestigen. Leider fand sich in 
der ganzen Reihe der Regenten , die seit Heinrich von 
Valois anderthalb Jahrhunderte hindurch aufeinanderfolgten, 
nur ein Einziger, der die volle Fähigkeit und eine Zeitlang 
auch die energische Thatkraft besass, um dieser Aufgabe 
gerecht zu werden. E9nig Stephan Bathorj's Streben nach 
Stärkung der B^erungsgewalt ist in den von ihm ge- 
sprochenen Worten ausgeprägt; er wolle kein gemalter ECnig, 
kein ESnig in absitracto sein. Seine R^ierung dauerte je- 
doch fOr die LOsung dieser schwierigen Aufgabe viel zu 
kurze Zeit, um nachhaltige Folgen nach sich ziehen zu 
können. 

Die königliche Macht blieb eine beschränkte, aber an 
ihre Stelle trat kein anderes Organ, welches die Functionen 
der Staatsgewalt in vollem Hasse hätte ausüben können. 
Denn, nicht die allerdings sonderbaren Auswflchse der pol- 
nischen Ver&ssung haben dem polnischen Staatswesen jene 
verfallene Gestalt g^eben, die in nicht geringem Hasse das 
Unglück des Landes verschuldete, sondern der Mangel einer 
jeden vernQnftigen Administration. Die Terquickung derVer- 
fassungs- und Verwaltungsbefngnisse hat nirgends zum Heile 
geführt, in Polen musste sie bei dem geringen organisatori- 
schen Talente, welches der Kation Dberhaupt eigen ist, ge- 
radezu zum Verderben gereichen. 

Die Grenzen der Staatsgewalt festzustellen bleibt doch 
das wichtigste und schwierigste Problem, mit dem sich der 
menschliche Geist seit jeh'ir beschäftigt. Jedenfalls münden 
darin alle staatlichen Bestrebungen; von der Lösung dieser 



zedbyGoogIc 



tf 



An^be hängt wohl zumeist die Stellung ab, die sich ein 
Volk oder Staat im geschichtlichen Leben erringt. Im Alter- 
thnm überwucherte vielfach der Staat die Individnalit&t, 
,nahm die Kräfte des Einzelnen last ganz im Dienste des 
Qemeinweeene in Ansprach. In Polen ist es das Indiridauin, 
welches für die persönlichsten Zwecke sich das Staatswesen 
dienstbar macht. 

Der eigentliche Schwerpunkt der staatlichen Gewalt 
ruhte seit der Beschrllnkung des EOnigthums in dem Beichs- 
tage. Allein die Befcgnisse desselben waren doch nur 
b^enzter Natur, da die Landboten an die AusfQhrung 
der ihnen ertheilten Instructionen strict gebunden waren. 
Die Gewalt lag demnach bei den Mandataren, bei der 
Nation. Der föderative Charakter des Staatsorganismns tritt 
dadurch am deatlichsten herror, dass die Landboten nicht 
als Vertreter des Gesammtreiches, sondern blos der Laml- 
Bchaften, von denen sie gewählt waren, erscheinen. Audi 
muBsten sie am Schlüsse des Reichstages ihren Wähleru 
von ihrem Gebahren Bechenschaft ablegen. Durch dies Ver- 
hältniss waren diS Mitglieder bei der Berathung gesammt- 
staatlicber Fragen fortwährend von kleinlichen BQcksichtea 
auf die speciellen eigenartigen Interessen ihrer Provinz oder 
Landschaft geleitet, der Blick auf das grosse Ganze getrflbt. 
Weil nur der Adel die Landboten aus seiner Mitte entsendete, 
die grosse Masse des Volkes vollständig unvertreten war, 
so fanden die Bedfirfnisse desselben keine Berficksicht^ng. 
Die polnische Freiheit, auf welche die Nation so stolz war, 
war nur das Privileg der Adelskaste. 

Das grOsste Gebrechen bestand jedoch darin, dass der 
VerfassuQgsapparat nicht mit der nOth^n Begelndssigkeit 
arbeitete. „Das stflnnische Meer des polnischen Parlamen- 
tarismus," sagte der Wojwode von Posen im 18. Jahrhun- 
derte, „wird Niemand so glflcklich sein, zu ei^ründen oder 
zu beschreiben." Tumultuarisehe Versammlni^n gehOilen 



zedbyGoOgIc 



zu den gevChnlichen Erscheinungen. Es war kaum anders 
möglich, da Befugte und Unbefugte an den Sitsm^a An- 
theil nahmen, die ZuhOrer in bunter Beihe mit den Al^e- 
ordneten beisammen sassen. Der Grundsatz, dass sich die 
Minderheit dem Fortgange der Berathungen entgegensetzen 
kann, fand schon im 16. Jahrhundert Anwendiu^. Die Ter- 
Sammlungen wurden auf diese Weise unterbrochen, oder, wie 
der technische Ausdruck in Polen lautete, zerrisseo. Seit 
1652 trat nun als conaequente rortbildung die £rscheiauDg 
zu Tage, dass das Veto eines einzigen Landboten jede wtütere 
Verhandlung hemmte und die Frucht roehrwocheuUicher 
oder mehrmonatlicher Berathungen iUusorisch machte. 

Um die Staatsgewalt, die in dem Beichstage ruhte, 
nicht zur vollständigen Unthatigkeit zu verurtheilen, griff 
man zu eiuf^m Mittel, welches im Grunde genommen die 
BeTOlutiou für rechtlich permanent erklärte, oder wie ein 
Pole sich ausdrückt: die Unordnung wurde in die Form 
des Rechts gekleidet. Es ist dies die Gonföderation. Der 
polnische Adel nahm es als eine ihm gesetzlich zustehende Be- 
fugniss in Anspruch, sich zur Erreichung bestimmte Zwecke, 
zur Vertheid^ng eigener Gerechtsame, zur Erhaltung des 
Beichs und zur Sicherheit gegen die Staatsgewalt mit einander 
zu verbinden. Eine derartige ConfQderation umfasste nicht 
immer den Gesammtadel der Bepublik, in welchem Falle 
man sie GeneralconfOderation nannte, sondern beschränkte 
sich vielfach auf eine Provinz. Auch das EiOnigthum bediente 
sich dieses Mittels, um eine schon bestehende ConfSderation 
durch Bildung einer neuen zu sprengen. Die Theilnehmer an 
einer derartigen Vereinigung, mochten ihre Absichten welcher 
Art immer sein, konnten nicht zur Beehenschaft gezogen 
werden. Selbst Beichstage e^eten sich die Formen der 
ConfQderation au, wenn es galt, irgend welche Beschlüsse 
durchzusetzen, die in den regelmässigen Verhandlungen des 
Vertretungskörpers bei der geforderten Stimmeneinhelligkeit 



Cg.lzccbyCoOglC 



41 



njclit zu erreichen Taren. Die LegalitAt nahm die Form der 
Berolntion an. W&hrend der Dauer solcher Gonföderation 
ruhte die Staat^ewalt, indem s&mmtlicbe Fonetioneti der- 
selben auf jene Qbergii^en. Die Gonföderation erhob die 
Steuern, übte die richterliche Oevalt ans, organisirte die 
Bewaffnung, berief die Versammlungen und l9ste sich erst 
auf, wenn sie ihre Ziele erreicht hatte. Ganz richtig bemerkt 
«in Schriftsteller: Wo alle Augenblicke verfassungsmäss^ 
an Stelle des in gesetzmässige Schranken gebannten EOnigs 
nnd der Bepublilc „die coufSderirte Bepubtik" treten konnte 
und sogar treten sollte, mit allen Mitteln individueller Gewalt- 
fibong und mit ihrem Gefolge von Klagen tmd Protesten, 
da war die Anarchie permanent und ein eiserner beständiger 
Despotismus nothwendig geworden.') 

Auch in den wirtbschaftlicben Verhältnissen trat der 
trostlose Zustand der Bepublik in schneidender Weise herror. 
Weder die Privatwirthschaft des Einzelaen, noch die öffent- 
liche Wirthschaft des Staates bieten dem Beschauer eio^e 
Seiten dar, auf welchen er auch nur mit geringem Behagen 
verweilen könnte. Der Ackerban, der wichtigste Erwerbs- 
zweig des Landes, hatte die primitiven Stadien seiner Ent- 
wickelnng nicht flbersduitten. Mit ausserordentlich seltenen 
Ausnahmen hat der polnische Adel sich wenig Mühe gegeben, 
dem in manchen Gegenden überaus fruchtbaren Grund und 
Boden eine intensivere Pflege zuzuwenden. Noch weit nach- 
theiligere Folgen als anderswo hat hier der gebundene Zu- 
stand der Bauernschaft nach sich gezogen. Kein starkes 
Kön^hum konnte hier den Uebermuth und Druck der 
Gewissenlosigkeit und des Unverstandes des Adels auch nur 
«inigennassen lindern. So lange der Bauer gegen Ueber- 
bSxdui^ und Willkür von Seite der Grundherren geschützt 
wurde, erfreute er sich auch einiger Wohlhabenheit ; allein 



') Hüpp«, die TerfuBDiig Polens, S. 159. 



IzcJby Google 



4X 



seit dem Ende des 16. Jahrhimderte war die kdn^Ucbe 
Gewalt unfähig einzugreifen.') Die KJInige musBten sogar 
darauf Yer7.icht leisten, den t&nerliebeB Unterthanen recht- 
liches Geher zu geben. Ein drastisches Bild polnischer Zu- 
stände entwirft der königliche Schriftsteller Stanislaus 
Leszczinski. Polen, sagt er, ist das einzige Land, wo die 
Hasse des Volkes aller Bechte der Menschheit entbehrt. 
Ein Edelmann verdammt hier seinen Unterthanen seihst ohne 
irgend einen legitimen Grund, noch häufiger ohne recht- 
liches Vertahren und ohne alle Förmlichkeit. Hau betrachtet 
4ie Bauern als Geschöpfe einer ganz anderen Art und ver- 
weigert ihnen fast die Luft, die sie einathmen; zwischen 
ihnen und den Thieren, die die Felder pflOgen, ist kaum 
ein Unterschied. 

Dass Handel und Industrie nicht Über die ersten Sta- 
dien der Entwicklung hinausgekommen waren, versteht sich 
ohnehin von selbst. Wer sollte sich auch damit beschäftigen? 
In ähnlicher Weise wie in Spanien verachtete der Adel jede 
gewinnbringende Thätigkeit, die nur durch harte Arbeit zu 
erringen war. Die Germanisimng der Marken, Pommerns 
und Preussens hätte eine belebendere Einwirkung auf das 
Sarmatenreich ausüben kOnnen, wenn der Pole fflr derartige 
Anregungen überhaupt fthig gewesen wäre. Danzig's BlSthe 
war nicht das Yerdienst des poloischen Stammes. Der gesammte 
Verkehr lag in den Händen der deutschen Colonisten und 
der Juden, welch letztere namentlich ein hOchst wichtiges 
. Element der BevClkerung bildeten. Schon am Ende des 12. 
Jahrhunderts in grösserer Anzahl im Lande zerstreut, be- 
mächtigten sie sich hier wie anderswo, wo der herrschende 
Stamm des Landes in mercantiler und industrieller Unthä- 



') Belehrend: Hasenlunip, De Busticoram Begni Poloiiia& 
8uc. XIV— XVI conditione. Begiom. 1853. Lelewel, Betnchtangen 
aber den politischen Znetand dei ehemaligen Polen«. Leipzig l&il. 



IzcJbyCoOgIC 



43 



tigkeit beharrte, des H&ndels und der Indastrie. Im ganzen 
Mittelalter reprSsentiren sie fast flberall das bewegliche 
Element gegenüber dem starren nnbew^lichen Ackerbau- 
staate. Von einsichtigen Fürsten, die in dem Emporkommen 
derG«werbe einen Fortschritt begrflssten, erhielten sie Schatz 
nnd Privilegien, und soweit es die umstände gestatteten, 
auch Sicherstellung gegen die pöbelhaften Angriffe der 
Massen, Vom Anfang ihrer Ansiedelung im Lande fiel ihnen 
der Eleinverkehr zn. Der Geldbandel I^ ganz in ihren 
Händen, sie borgten gegen Faustpfand, und es fehlte nicht 
an Klagen Aber die wucherischen Zinsen der Darleiher. Die 
nationalOkoQomisehe Wahrheit, dass in dem hohen Zins auch 
dieAssecnranzprämie fßr unberechenbare Terlnste enthalten 
ist, war dem adeligen Polen noch nicht aufgegangen. Unter 
allerlei Yorwänden suchte sich der Sohaldner den Ver- 
pflichtungen zu entziehen und machte sich auch oft ein 
Verdienst daraus, wenn er das Gnt nicht znrflckerstattete, 
das Pfand mit Waffengewalt zurückforderte. Angriffe g^en 
' Leib und Leben waren nicht selten, und der Jude mnsste 
noch seinem Schöpfer danken, wenn er mit einzelnen Wunden 
davonkam. 

Um das verschuldete und unverschuldete Unglück voll 
SU machen, wurden dem Lande auch die religiösen Wirren 
nicht erspart. Ehe der Adelsrepublik, wie ein geistvoller 
Historiker sich ausdrückt, im Osten Europas dieselbe 
Anfgabe zntiel, der Philipp II. im Westen nachstrebte, 
die Beherrschung der Welt im Namen des katholischen Glau- 
bens zu übernehmen, ') hatte es eine Zeitlang den Anschein, 
dass auch die katholisch-slavische Welt von der gewaltigen 
refonuatorischen Bewegung würde ergriffen werden. Schon 



■) Sjrbel, Geach. ä. Bevol. 2. Aofl. Bd. I 157-59. Die Parallele 
mit SpanisD inent toh einem Polen, dem Historiker Lelevel, getogen, 
in der Berae dn Nord ISBfi. 



IzcJbyCoOgIC 



44 



frfllier hatten die Ideen des Johana Huss in Polen Ein- 
gang und in mannigfactien Kreisen Aufnahme' gefunden. 
Die adelige Jugend, die damals in grosserer Anzahl die 
Prager Universität besuchte, sog daselbst jene Grtiiidsätse 
ein, denen der böhmifiche Beformator mit Eifer und Ge- 
wandtheit Ausdnick gab. Auch am bCniglichen Hofe fanden 
die bussitischen Lehren Anklang. Es fehlte in Polen, ähn- 
lich wie asderawo, nicht an Kli^ea über die Herrschsaoht 
und Yerweltüchung der Geiätlichlceit, und insbesondere die 
hierarcbisßhen Gelöste des Clous, eine bevorrechtete Stellung 
innerhalb des Staates zu erlangen, riefen die Opposition des 
Adels, der an dem Principe der Gleichheit sorgsam fest* 
hielt, hervor. 

Auch das KAn^thum wehrte damals dem flbergrei- 
fenden Einflüsse des Papstes. Kasimir sagte: er wolle 
lieber die Herrschaft verlieren, als zugeben, dass Jemand 
wider seinen Willen Bischof in Polen werde. Die Ausichteu 
von der selbstständigen Stellung des Königthimis wurden 
von den höchsten Würdentr^eni getheilt. Der König habe ■ 
nur Gott über sich, behaupteten sie; dem Oberhaupt der 
Kirche mQsse man allerdings Gehorsam erweisen, aber nur 
in geistlichen Dingen, nicht in weltlichen. 

Die Lehren Luthers fanden bald in Polen Eingang und 
Verbreitung. Die deutsche Bevölkerung in den unter pol- 
nischer Oberhoheit stehenden preossischen Städten flel den- 
selben fast ausnahmslos zu. Danzig ging mit seinem Bei- 
spiele voran. Kaum war die Kunde, dass Luther seine be- 
rühmten Thesen an der Schlosskirche von Wittenberg an- 
geschlagen hatte, hieher gedrungen, als ein Mönch — Johann 
Knade ist sein Name — die Kutte ablöte, ein Weib nahm 
und sich offen gegen das Papstthum erklärte. Tiefere Wur- 
zeln sehlug der Calvinismus, der in einigen Gegenden' Fo- 
lens das Lutherthum ganz verdrängte. In Kleinpolen wurde 
Krakan die wicht^te reformirte Gemeinde. In Lithau^u 



IzcJbyCoOgIC 



begünstigte die erste Familie des Landes die Lehre Calvins. 
Fürst Nüoiay Badziwill, der Sehwarze zubenatuit, bot 
seinen ganzen Di&chtigen Einfinss auf, dem calvinisehen 
Bekenntnisse Eingang zu verschaffen. Kaum der tausendste 
Thei] der Bevölkerung soll der katholischen B^che treu 
geblieben sein; von hier'aus verbreitete sich der Calvinis^ 
mns nach Weisamssland, PodoUen und Samogitieu. 

Selbst der dem Eatholicismus treu bleibende Theil 
des Adels verschloss sich nicht ganz, den neuen Ideen. Der 
Clerus musste nicht blos von Protestanten sich mancherlei 
Anklagen gefallen lassen, fast allgemein findet sich die 
Tendenz, eine Beschränkung seines Einflusses durchzusetzen. 
Auf dem Reichstag zu Piotrkow 15^ nahm der Adel die 
Befiigniss der Rechtsprechung in Glaubenssachen für die 
weltlichen Stfinde in Anspruch. Der Ruf nach einer Be- 
schränkung der bischöflichen (lewalt war last ein einstim- 
miger. Die Fordern^ nach einer allgemeinen National- 
synode fand grossen Anklang, ein darauf beiflglicher An- 
trag wurde einmal sogar von dem Primas befürwortet. Auf 
dem Reichstage zu Lublin waren den Berichten zufolge die 
meisten Senatoren und Laudboteu Bekenner der lutherischen 
und kalvinistischen Lehre. Schon einige Jahre früher wurde 
anf dem Reichstage zu Wilna die Erklftrungvon dem EOnige 
abgegeben, dass die Würden von Senatoren nnd Landboten 
ausnahmslos allen christlichen Gonfesslonen zugänglich seien; 
gelbst mehrere Bischöfe unterschrieben diesen Beschlnss. Polen 
stand durch diese Oleichstellung der christlichen Glanbens- 
bekenntnisse im 16. Jahrhundert einzig da. Während in 
anderen Ländern gegen Andersdenkende mit Scheiterhaufen 
und Schaffot gewQthet, in protestantischen Gebieten die 
katholische Lehre verfolgt wurde, gab die Adelsrepublik ein 
würdiges Beispiel der Keligionsduldung. 

Diese freisinnigen Grundsätze wurden nach dem Tode 
Sigismund August's von der CoufSderation im Jahre 1573 



IzcUbyCoOgIC 



4« 



festgehalten. Feiecllch und eidlich gelobten die Polen für 
ewige Zeiten den Frieden unter einander zn halten, wegen 
Uebnng irgend einer Religion oder w^ea Abänderung des 
Gottesdienstes kein Menschenblnt zu vergiesaen, deshalb 
keine Einziehung der OUter, Verlust der Ehre, G«^gniss 
oder Vertreibung zu verhängen, endlich der Obr^keit bei 
einem des QUubens wegen eingeleiteten Strafverfahren keinen 
Torschub zu leisten, selbst wenn sich dieselbe auf frahere 
Gesetze berufen sollte. ') Der "Widerspruch der geistlichen 
WUrdentr^er verhallte, der Bischof tou Krakau unter- 
zeichnete den Artikel. 

Die katholisdie Lehre befand sich in einer grossen 
Gefahr; Eom bot alle Mittel auf, um der weiteren Verbreitung 
der Ketzerei iu den slavischen Ländern Einhalt zu thim. 
Der päpstliche Nuntius wurde von den Jüngern Lojola's 
getreulich unterstützt. Schon unter dem Kachfolger Heinrich's 
Ton Aujou, Stephan Bathory, gelang es der katholischen 
Partei, einige Erfolge su erzielen. Der KOnig war zwar 
einsichtig genug, die Forderung des päpstlichen L^ten, 
die Aemter nur mit Katholiken zu besetzen, in den ktinig- 
licheii Städten nur den katholischen Gottesdienst zu gestatten, 
abzulehnen, allein sonst griff er, so weit er eben konnte, der 
katholischen Gegenreformation unter die Arme. Die Jesuiten- 
collegien zu Erakau, Pultusk und Grodno wurden durch 
königliche Unterstützung gefordert. Der KUvig stimmte dem 
päpstlichen Q,esandten bei, dass künftighin die Bisthümer 
nur mit Katholiken besetzt werden sollen; selbst auf welt- 
liche Angelegenheiten gestattete er ihm «ine weitgehende 



Welch starke Wurzeln die katholische Gegenbewegung 
fasste, zeigte sich bei der Wahl des schwedischen Prinzen 



'J BeimuD, die polnische EOnigswabl tod 1573 in Sjbel's 
lirtor. Zeitacbiift Ud. 11 S. 97. 



IzcJbyCoOgIC 



47 



Sig^mnud, dessea streng katholische Gesinnimg die Hoff- 
nuiigea Borns stElrkte. Auch er beschwor die Pacta coa- 
venta, bestätigte die Recht« der Dissideatea. Aber er fand 
Mittel, die katholische Partei zu kräftigen. Die Yerleihui^ 
der worden und Aemter, deren Anzahl eine beträchtliche 
genannt werden konnte, war bei aller Beschränkung der 
königlichen Gewalt unrerkOrzt geblieben. Bei dem bekannten 
Eigennutze der Polen war dies ein grossartigei Hebel fUr 
die katholisch -jesuitische FarteL In der Th&t machte 
S^mund von seinem kön^lichen Bechte ganz im Sinne 
Borns Gebrauch. Nicht blos die geistlichen, auch die welt- 
lichen Stellen wurden nur mit Katholiken besetzt. Die Be- 
strebungen der Jesuiten trugen bald reiche Frucht. Die von 
denselben geleiteten Schulen waren überfallt; in den Beihen 
des protestantischen Adels fanden massenhafte Uebertritte 
zum Blatholicismus statt. Beim Regierungsantritte Sigis- 
mund's waren die Katholiken im Senate nur spärlich ver- 
treten, man zählte deren kaum sechs; die überwiegende 
Mehrzahl waren Akatholiken ; bei seinem Tode waren die- 
selben auf 3 bis 4 Personen zusammengeschrumpft. Die 
Katholiken bemächtigten sich der Kirchen , die in den letzten 
Decennien von Protestanten benutzt worden waren, alle Klagen 
und Appellationen fruchteten nichts. Nur in den Städten 
behauptete sich der Protestantismus trotz aller Unbill, die 
er zu erfahren hatte; in den polnisch-prenssischen Städten 
gehörte ihm die Mehrheit der Bewohner an. Hier waren die 
jesuitischen Umtriebe machtlos. Ueber die Stellung der alten 
Lehre sprach sich der päpstliche Nuntius in bezeichnender 
Weise aus; vor Kurzem, schrieb er, konnte es scheinen, 
als würde die Ketzerei den Katholicismiis in Polen vollends 
beseitigen; jetzt trägt der Katbolicismus die Ketserei zu 
Grabe.'} 



■) Baske, Pipate. U. 362, ff. 366. 



IzcJbyCoOgIC 



VerhängnifiäVolltT als die Bekämpfung der protestan- 
tischen oder calvinistiselien Lehre, "war das Vorgehen gegen 
die Bekeoner der griechischen Kirche. Schon im 14. Jafar- 
hnndert war die Anzahl derselben durch die Erohening der 
mssischen Provinzen unter Kasimir eine nicht unbeträcht- 
liche, später machte sie eineQ bedeutenden Theil der Be- 
TJilkerung des polnischen Staates aus. Der griechischglän- 
hige Adel Lithauens hatte Anfangs auch dieselben Rechte, 
wie der katholische Polens, in dem Senate wurde eine An- 
zahl Stellen mit ihm besetzt. Nur der geistliche Stand war 
uflvertreten. 

Die Jesuiten richteten ihre Tfaätigkeit auch g^en die 
orthodoie Kirche. Ihren Bemühungen gelang es wenigsten» 
einen Theil der Bekenner derselben zur Union mit Bom sn 
bewegen und innerhalb der griechischen Kirche jene Spal- 
tung hervorzurufen, die- für Polen folgenreich werden sollte. 
Seitdem der Metropolit von Kiew, der Erzbisehof von Po- 
lock und vier Bischöfe die Oberhoheit des Papstes aner- 
kannt hatten (1596), hörte die Zwietracht zwi£ßhen den 
fnirten und NichtuAirten nicht auf. Die Streitigkeiten nm 
Gflter und Stellen wurden nie beigelegt; da von Seite des 
Staates die ersteren b^üustigt wurden, so sahen die letzteren 
in dem mächtig aufstrebenden russischen Nachbarstaate den 
einzigen Schutz für künftige Beeinträchtigung. Die Ver- 
stimmung ' und der Missmuth arteten mit der Zeit in bittem 
Hasü aus; auch an Aufständen fehlte es nicht, nachdem die 
staatlichen Versprechungen, alle Aemter in den G^enden 
der NiehtunirtenmitOrthodoxen zu besetzen, schlecht gebalten 
wurden, und der gemischte Gerichtshof, der bei Streitig- 
keiten mit Katholiken die Entscheidui^ ^en sollte, zu- 
meist zu Gunsten der r{}misch gesinnten Glauben^enossen 
entschied. Nur wenige Staatsmänner glichen dem Kanzler 
von Lithauen, Leon von Sapieha, der Weite des Blickes 
genug besass, um rechtzeitig die grosse Gefohr zu erkennen^ 



IzcUbyCoOgIC 



die auB diesem angefachten Streits dem polnischen Staate 
erwachsen sollte. Ihr habt den gefährlichen Funken ange- 
facht, schrieb er 1622 dem unirten Brzbischof von Polock, 
der einen aUverheerenden Brand heirorsnbringen droht. Die 
Union hat nicht Freude gebracht, sondern nur Zwietracht, 
Streit und Störung; es wäre weit besser gewesen, wena sie 
nie statt^fimden h&tte." 

Ein neuer Geist, der bisher der AdelsropnbUk fremd 
war, hielt in Polen seinen Einzug: Zelotismus und Unduld- 
samkeit. Die Seihen des Adels orthodoxen Qlaubens lich- 
teten sich, die Aussieht auf Aemter nnd Worden Ohte eise 
gewaltige Anziehungskraft aus und bewerkstelligte den Ueber- 
tritt der bedeutendsten llthauischen Adelsgeschlechter vom 
griechischen ziim lateinischen Bitug. 

Yon bedeutsamen Folgen wurde für Polen, dass Russ- 
land sieh in die Streitigkeiten der Bepublik mit den Or- 
thodoien einzumischen b^nn. KOnig Kasimir III. ahnte 
die Gefahr nnd suchte die G&hmng in der Ukraioe durch 
bestinmite Versprechui^en zu beschwichtigen. Sie wurden 
jedoch nicht gehalten; die Bischöfe bestritten dem Könige 
das Recht, in einem Vertrage etwas zum Naehtheile der 
Kirche einzuräumen. Die Kosaken machten kurzen Process; 
sie unterwarfen sich dem Czar, wie sie ausdrücklich er- 
klärten, wegen Beeinträchtigung ihrer religiJisen Freiheit.') 
Die Streitigkeiten unter dea kirchlichen Parteien dauerten 
in Polen ununterbrochen fort; die feierliche Bestätigung der 
Rechte der Nichtkatboliken bei derWahl der Könige schlitzte 
Protestanten und Nicbtunirte nicht vor Beinträchtigung. 
Sobieski erkamite diesen Krebsschaden des polnischen Staats- 
we9«i6 und sprach anf dem Sterbebette die TJeberzeugung 



') Pichler, Oetchichte den kircliliclHn Tiennnng siriicben d«m 
Oriffit und Ocddant. Mnncbeu 1865. Bd. II. S. 91—117. 
B**i: Di* wM Tk*iIi»I fo1«u> * 



IzcJbyCoOgIC 



s» 



aus, dass Polen unter dem Gtezfinke der re%iöseu Parteien 
Bu Grunde gehen müase.') 

Nach Innän national nicht geeint, durch rel^iüse 
Zwiste gespalten, wirthachaftlich rninirt, flnanoiell herab- 
gekommen, öffnete der polnische Staat durch die Wahl- 
freibeit der Könige den EinmischungsgelSsten des Auslandes 
Thür und Thor. Diese mussten sich steigern, je aussichts- 
loser der Zustand der Repnblik wnrde und in einem schroffen 
Gegensätze gegen die erstarkende Macht der Nachbarstaaten 
stand. 

In unmittelbarer Nfthe der Bepublik vollzog sich seit 
dem Ende des 15. Jahrhunderts eine Reihe bedeutsamer Ver- 
andemi^ea. Die österreichische Linie des habsburgischen 
Hauses begründete ihre Weltstellung, die auf die osteuropäi- 
schen Verhältnisse unabhängig von der "KaiserwQrde in die 
Wagschale fiel. Die schwedische Macht kam empor; hart 
an der (irenze war jener protestantische Staat im BUdea 
begriffen, dessen Entwicklung im Gegensätze zur BapnbUk 
sich vollzog: Piäussen; die später verhängniss rolle U&eht 
Busslands warf schon damals ihren Schatten voraus, end- 
lich bedrohte das Eiostflrmen der Türken den Bestand der 
Bepnblik. 

Die habsbui^che Politik hat sich frühzeitig mit dem 
Polenstaate beschäftigt und sich zu demselben In einer am 
so grösseren Opposition befunden, da sie ihr Ai^enmerk 
auf die Erwerbung der böhmischen und magyarischen Lande 
richtete, auf welche Polen eine grosse Anziehungskraft aus- 
zuüben schien. Als der Heimfall Böhmens und üi^ams 
fQr die österrelchisch-habsburgische Linie gesichert war, 
suchte man bei der Wahl des republikanischen Oberhauptes 
einem Habsburger dei^ Sieg lu sichern. Nach dem Scheitern 



') Chodika, Qucbichta Polens von (irnnar. Berlio 18SS. 
S. 276. 



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Sl 



dieser Pläne trat mm in scheiiii>ar frenndscbaftliche Be- 
ziefaongeB zur Bepublik, die bei den fortwEÜireiiden Türken- 
kri^en von grosser Bedeutung wurden. Eine Brstarkuag des 
poluiaclieii Gemeinwesens 1^ nicht im Interesse Oeeterreichs; 
80 viel Selbstentsagung und Einsicht besass man in Wien 
nicht, um in dieser Sichtung seinen dutoh die Jesuiten 
nnterstützten gewichtigen Einfluss in Warschau geltend zu 
machen. W^l Oeeterreich nicht nach der Erwerbung ein- 
zelner Gebietstheile Polens strebte und die Phrase von der 
Notfawendigkeit der Erhaltui^ des polnischen Staates im 
Munde führte, verwandelte sich die Mher begrflndete Ab- 
neigung in Sympathie, und mau gewöhnte sieh an der 
Weichsel daran, in dem Donaustaate eine befreundete Macht 
zu sehen. 

Die ersten bedeutsamen Verluste sollte die Republik 
durch Schweden erleiden. Die Wahl Sigismunds in. ans 
dem Hanse Wasa war verhUngnissroU för Polen, Der Krieg 
mit Schweden konnte nur durch Abtretung eines Theils von 
Livland beendet werden. Die Republikaner hatten für die 
schwierige Lage ihres Staates kein Verständuiss. Während 
Schwedens und Russlands mililArisclLe Macht an Be- 
deutung gewann, vergeudeten sie Zeit und Kraft mit inneren 
Streitigkeiten und beschränkten den KOnig Wladislaw IV. 
auf üa§ blosse GerQcht, er wolle die Macht des Adels 
brechen, auf eine Ehrenwache Von 1200 Mann und verboten 
ihm das Halten anderer Truppen zu einer Zeit, als die 
Stärkung der militärischen Hil&mittel gebotene Pflicht war. 
Schweden warf gierige Blicke auf das ganze polmscbe Gebiet 
bis zu den Elflssen Netze, Warthe, Bug und Niemen. 
Wäre der Plui Karl Gustavs zur DurchfÜhning gelangt* 
so hätte die Bepublik den Best von Livland, West-Preussen, 
einen Theil von Posen, Masovien und Litbauen verloren, 
und wäre überhaupt aus der Beihe der selbstständigen 
Mächte schon imter Johann Kasimir's B^erung gestrichen 



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»2 



worden. Denn die Schwäcbe der Bepublik war eine notorische 
Thatsacbe, nnd scbon im 17, Jahrbnnderte taucbten die 
eiBten Projecte eiaer Theilung Polens anf. 

So weit kam es damals noch nicht. Carl Gustav drang in 
GroBspolen ein, wo sich der Adel unterwarf, nahm Warschau, 
hemftcht^ sich Eleinpolens und eines Theiles 7on Lithauen.*) 
Polen schien rerloren, denn kurz zuvor hatte auch der Gzar 
für seine Glauben^enossen, die nkrainiBchen Kosaken, ea den 
Waffen gaffen. In Litbanen wurden die wichtigen Stftdte 
Polock, Smolensk, Witepsk von den Süssen erobert (1654), 
im folgenden Jahre fielen Kinsk, Wilna, Kowno, Grodno 
und Lnblin in ihre HSude. Der Czar gedachte diese weiten 
Gebiete dauernd zn erwerben und nahm den Titel Grossf&ist 
von Lithauen, Westrussland, VolhynieD und Podolien an. 
Bios in der Ukraine behaupteten sieb die polniscbett Waffen. 
Nur das Dazwischentreten des Wiener Hofes und die Con- 
flJderation einiger Patrioten zu Xiszowiee retteten das Land 
Tom volligen Untergänge. Oesterreich vermittelte einen 
Waffenstillsand zwischen dem Czar nnd der Adelsrepnblik 
auf Grundlage dee Status quo, ans leid^er ÄbneögODg gegen 
die protestantischen Staaten. Polen sollte damals von seinem 
Geschicke, aus der Reihe selbststftndiger Staaten zu ver- 
schwinden, noch nicht ereilt werden. Allerdings erlitt es 
schliesslich einen bedeutenden Yerlust an Land und Leuten. 
Durch den Vertrag von Warschau wurde der grosse KnrfQrst 
von der polnischen Oberhoheit über Prensseo befreit, 
Schweden durch den Tract&t zn OKva mit einem Theile 
Livlands abgefunden, mit dem Czaren nach dem wieder 
ausgebrochenen Kriege ein Waffenstillstand geschlossen, der 
demselben Smolensk, Czemikov, die Ukraine jenseits des 
Duieper und später auch Kiew beliess. 



') GeisCT-Carlsson, Geichicht« Bchwedena. Bd. IT, S. 106. 



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il 



Die Oefahr für Polen var vorläufig beschworen. Aber 
anstatt der Consolidirung des Staatswesens die rolle Kraft 
zuzuwenden, rereettelte man dieselbe in nenen K&mpfen. Ein 
Bürgerkrieg «brach aua; Lubomtrski eriiob die Waffen 
gegen im E&n^, dessen Trappen geschlagen wurden. Der 
Friede zu Lengowice bestätigte die Forderungen der Auf- 
ständischen. Das Schicksal der Bepublik ahnend, rief da- 
mals Johann Easimir aus: Bei unsern inaeren Unruhen 
und Zwistigkeiten haben wir einen Angriff und eine Thei- 
luQg der Bepnblik zu furchten. Gott gebe, dass ich ein 
bischer Prophet sei, aber ich meine, der Moskowiter werde 
Lithanen, der Brandenburger Grosspolen und Preussen und 
Oesterreich Krakan und die angrenzenden Länder nehmen. 

Der letzte Wasa, der die Cardinalswflrde mit dem 
Königthum vertauscht hatte, dankte ab und widmete eich 
wieder dem geistlieben Stande. Dflichael Tieasovieoki trog 
über den G^n-Candtdaten, den Herzog rou Condä d'£ug- 
hien, den Sieg davon. Die französisch gesinnte Partei 
spann Bänke zu seiner Entthronung, ein Büi^;erkrieg 
wurde mit Mflhe abgewendet. Die Türken benutzen diese 
Wirren, bemächt^^ sich Fodoliena und der Ukraine und 
besetzen die Grencfeste Eamieniec. In dem Vertri^ zu Bo- 
zaoz verpflichtet sidi Michael zu einem Tribute an die 
ungläubigen. So glänzend scheinbar die Begierung seines 
Nachfolgers Johum Sobieski nach Aussen war, nach Innen 
war er nicht im Stande, den unaufhörlichen Innern Strei- 
tigkeiten ein Ende tn machen. 

Die Erhebung des Kurfllrstea von Sachsen auf den 
polnischen Thron war ein UnglQt^ für das Land. Polen ge- 
rieth in den nächsten Decennien in vollste Abhängigkeit von 
Bussland. Nur msslacher Unterstfltzung hatte August n. 
«eine WiedereiDsetsung in Polen nach der Schlacht tw Pul- 
tawa zu danken. Gegen die fortwährende Einspxache der 
Bepublik setzten sich die russischen Truppen im Laade fest, 



IzcJbyCoOgIC 



u 



brandschatzten, plünderten und fügten dem Lande fast eben 
scviel Schaden zu, ab die Feinde, die Schweden. Die Con- 
föderation von Sendomir, die sich bei ihrer Bildung zum 
Zwecke gesetzt hatte, das Land tou den fremden Kriegs- 
scliaaren zu befreien, eraielte keine Besultate. Die innere 
Zwietracht dauerte bis znm Jahre 1717. Russiseher Ver- 
mittlung gelang es damals, den Friedeii zwischen dem EOnjg- 
thum und dem oppositionellen Theil des Adels wiederher- 
zustellen. Nur in einem Pnnkte zeigte der polnische Adel 
trotz aller Parteiungen nnd Zwistigkeiten eine merkwürdige 
Einstimmigkeit: in der Beschränkung der Rechte der Dissi- 
denten. 

Der Nachfolger August's II. wurde den Polen dm:ch 
russische Waffen förmlich aufgedrungen. Während seit dem 
16. Jahrhundert Gsterreichischer und französischer Einfluss 
sich fortwährend bekämpft hatten, traten einander in dem 
18. Jahrhunderte Frankreich und Russland gegenüber. Die 
Unterstützung Oesterreichs erleichterte der nordischen Macht 
den Sieg, In Wien hatte man theüs keine Ahnung ron den 
Fo^en dieser Politik, in dem Wahoe, dass auch Russland 
nichts anderes anstrebe, als den anarchischen Zustand der 
Republik zu verewigen. Oesterreich hat am meisten das 
Vordringen der ruBeischen Macht befiSrdert, trotz aller Ab- 
neigung die man gegen eine Verbindung mit derselben em- 
pfinden mochte. Die Polen waren pflichtvergessen nnd kurz- 
sichtig genug, um die Gunst der russischen Kaiserin zu buhlen. 
FOrmlicheWallfahrten nach Petersburg b($;annen, manma^te 
sich daselbst ein Verdienst daraus, Conföderationen zuOnnsten 
des KOnigs zusammenzubringen, und erbettelte nebenbei 
Geli^schenke. 

Obzwar der sächsische Stamm mehr als ein halbes 
Jahrhundert lang die polnische Erone trug, feste Wurzeln 
fasste er im Lande nicht. Durch B^flnstignngen allerlei 
Art, insbesondere durch Verleihung grosser Domänen, durch 



Dgilizc-ObyCoOglC 



Anstheilnng tod Würden und Aemtera gelang ee wohl eine 
AnzaU polnischer Oroseen zu gewinnen, ohne jedoch dauernd 
ihre Sympathien ta erwerben tind jenes Buid sa knüpfen, 
welches in den andern monarchischen Staaten Europa's sich 
zwischen Herrscher und Yolk heranabildete. Der Eigennutz 
des polnisohen Adels wurde im vollsten Masse von August II. 
und seinem Kachfo^er, August III., befriedigt, aber die 
sachsischen Fürsten blieben den Polen immer Fremde, und 
die beiden MSnner, die nacheinander mit der polnischen 
Erotie geschmfickt worden warpn, besassen auch nicht jene 
Eigenschaften, nm ihre Stellung zum Heile des Landes und 
zur Befestigung der Verbindung Polens mit. Sachsen ver- 
werthen zu kJJnnen. Der gl&nzende Hofstaat der Auguste 
bestrickte den für Aeussetliehkeiten empfilngliehen Sinn der 
Ifation. Die Nachabmnng Ludwigs XIV. erfreute die re- 
pubikanischen Gemüther ungemein. Schon sahen sie in War- 
schau ein neues Paxis erstehen, seit I&ngerer Zeit ein ge- 
waltiger Magnet für bildnngsbeflissene Polen ; fransCsische 
Sitte bürgerte sich in den Haushaltungen vornehmer Polen 
ein und übertünchte mühselig mit gleissnerischem Schein die 
innere Unbildung, ja Bohheit. Frauen gewannen einen mass- 
gebenden Einfluss auf die Geschäfte, spannen Bfinke und 
steigerten die ohnehin nicht geringe Unordnung, die schon 
seit lange der polnischen Verwaltung eigenthfimlich war. 
Kur die Laster Frankreichs fanden in Polen eine neue St&tte, 
von jenen grossen Portechritten, die unter Ludwig XIV. durch 
die Thatigkeit grosser Staatsmänner durchgeführt worden 
waren, wurde bei der Nachahmung des leuchtenden Vor- 
bildes ganz abgesehen. Die Erfahrungen des 17. Jahrhun- 
derts konnten genugsam darlegen, wie sehr die Vertheidi- 
gnng des Landes im Ai^n liege; sie blieben wirkungslos. 
Weil bisher durch das Dazwischentreten Dritter der polnische 
Staat vor vollständiger Vernichtung bewahrt worden war, 
baute man aneh für die Zukunft zumeist auf Gott, der ja 



IzcJbyCoOgIC 



der polnisciiea Nation ünmer ^nst^ gewesen und auch 
kflnftighin seine echfltsende Hand werde walten lassen. Auf 
V^ertrf^ fassend, wähnte man sicfi dadnrch dauernd gegen 
die Eingriffe und Uebergriffe der Nachbarstaaten gesehatzt, 
und der Gedanke von der Nothwend%kBit eines polnischen 
Reiches zur Erhaltung des europäischen Gleichgewichts fand 
in den Kreisen der republikanischen StaatsmUmier die scharf- 
sinnigsten und beredtesten Anwälte. 

Polnische Schriftatelier haben uns ein trauriges Bild 
von den trostlosen Verhältnissender Bepublik im 18. Jahrhua- 
dert gezeichnet. Auch den Zeitgenossen waren die Mängel 
und Gehrechen des gesammten Staatswesens nicht unbe- 
kannt. Scb&rfer und einschneidender kann der damalige Zu- 
stand nicht gezeichnet werden, als es der erste Würden- 
träger, der Primas gethan. „Dieses Königreich", si^^ er, 
„gleicht einem offenen Hause, einem von Winden ambraast«a 
Gebäude. Die Gesetze sind ausser Kraft, die Tributtale sind 
nicht in Wirksamkeit, der Meineid an der Ti^esordnung, 
das Mfinswesen rerschlechtert, die Städte verwaist, die Öffent- 
lichen Märkte verOdet. Jeder will gebieten, jeder sucht 
einige Starosteien zu erbalten, die doch den Wfirdigsten cu- 
fallen sollten. TJeberall Zerstörung, nirgends Aufbau. Nur 
der Hitnmel kann schätzen und helfen, dass das Beich nicht 
zn Grunde gehe.*' 



Cg.lzccbyCoOgle 



Drittes Capitel. 

Das preusaisch-riissische Bündniss. 

Lange vor dem Ableben Ai^^ust's UI. besohäftigtett 
sich die betheüigteiL Kreise mit der WaU seines Nach- 
folgers. Lndwig's XV. Massestunden waren seit der Mitte der 
vierziger Jahre damit ausgefllllt, dem Prinzen von Conti 
den Thron zu verschaffen. Eine polnische Deputation, die 
sieh im Jahre 174i} nach Parie hieben hatte, um diesen 
Antrag ^n stellen , gab dazu die äussere Veranlassung. 
Die geheime diplomatische Thätigkeit, die Ludw^ seitdem 
hinter dem Blicken seiner Minister entfaltete, oonceatrirte 
sieh zumeist auf Polen. In Wien war man mit diesen Plänen ' 
genau vertraut, und scboa Bartenatein war nicht mOssig, 
dieselben zu kreuzen. Durch die innige Verbindung mit 
Russlaad hatte man einen wicbtigen Bundesgenossen ge- 
wonnen, und die Opposition gegen Frankreich steigerte sich 
um 80 mehr, als man von verschiedenen Seiten Berichte 
erhielt, dasa] auch Friedrich mit Ludwig einverstanden 
sei. In Petersburg sprach der, enghscbe Gesandte sogar 
von einer Abtretung Polnisch-Preiissens an rriedrioh, um 
welchen Preis dieser für den Plan des fransSsischen Gabinets 
gewonnen worden sei. *) 

Diese vermeintliche Betheiligung Preussois au den 
franzosischen Vmtriebea iu Polen bot Oesterreioh damals 

'} Eitnit de Frecis de ce que reaToyd d'Aoglotem M. de 
GnTdlkeni » dit en Confemice m MiniBtoe de 1& ßuMJe. Beilage 
sum Berichte Fnak'i rom 3. Februar 1755. (Dretdener Arcfair.) 



IzcJbyCoOgIC 



SH 



(tine Handhabe, um den Beitritt Sachsens su dem rus- 
sisch-Österreichischen Bündnisse Tom Jahre 1746 zu be- 
treiben, unter dem Versprechen, dem Kurprinzen zur 
Erlangung des polnischen Thrones, allerdinge ohne Waffen- 
gewalt anzuwenden, behilflich sein zu wollen.') 

Das von Oesterreich nach Sachsen übersendete Me- 
moire machte in den massgebenden Kreisen einigennassen 
Eindnick. In einer Conferenz, die am 14. Juli 1753 abge- 
halten wurde, und an welcher sich nebst Brähl , Mniszet, 
Flemming, die Gesandten Busslands und Englands bethei- 
ligten, wurde die polnische Frage eingehend erOrtert. Eng- 
land hatte diese Berathung und eine hierauf bezflgUche 
Beschlussfassung ausdrQcklich gefordert. BrOhl leimte ein 
gemeinschaftliches Yorgehen mit Oesterreich und Rnss- 
land vorläufig ab, da er befürchtete, sich in der anderen 
Frage, welche damals die diplomatischen Kreise unge- 
' mein beschäft^e, t^mlich beztiglich des russisch-öster- 
reichischen Vertrages, die Hflnde zu binden. Die Sicherung 
der Krone Polens allein genfigte dem sElchsischen Premier- 
minister nicht, erwQnschte noch andere greifbarere Vortheile 
zu erlai^en. Nur einer Präliminarrereinbarung mit den 
Uächten redete er das Wort, um noch bei Lebzeiten des 
Königs dem Kurprinzen die Successiou in Polen sicher zu 
stellen. Franln'eich sollte sondirt, die Pforte ausgeholt wer- 
den ; aber in dieser Bichtui^ nur die befreundeten Mächte 
thätig sein, Sachsen jedoch im Hintergründe bleiben; 
auch in Warschau wollte ee nicht den ersten Schritt bei 
den polnischen Grossen thun, sondern die Initiative den 
verbflndeten Begieningen überlassen wissen. Man kam Ober- 
ein, dass die Bildung einer ConfCderation für den Fall in 



') Vgl meine Einldtnag in den AnfieicbnoDgea dei Onfen 
B«fltiDk. CXXXVIL 



IzcJbyCoOgIC 



Angriff genommen werden sollte, wenn die Erlangnng der 
EinstimmigkeiL nicht in Aussicht stehen wOrde. *) 

Eine nnmitt^lhare Wirkung hatte diese Berathunf( 
nicht. OesteiTBich zeigte geringe Geneigtheit fOr Sachsen 
die Bahn su ebnen, da dieses sich dem ihm gemachten 
Vorschlage, dem russisch - österreichischen Vertn^ vom 
Jahre 1746 beizutreten, nicht geftigig zeigte. Zwar kam 
in den nächsten Jahren die polnische Angelegenheit'zwischen 
Käunitz und dem s&chsischen Gesandten am Wiener Hofe 
vielfach zur Sprache, man beschränkte sich jedoch daranf 
Ansichten auszutauschen, ohne irgend ein bestimmtes Ab- 
kommen zn treifen. *) Die grossen Opfer, die gerade Oesterreieh 
durch seine Setheil^ng an der letzten KOnigswahl hatte 
bringen mfissen, waren ans der Erinnerung seiner Staats- 
männer noch nicht verwischt. Eaunitz setzte auch in dieser 
Richtung die Politik seines Voi^ngers conseqnent fort und 
ging einer Uebemahme neuer Verpflichtungen aus dem Wege. 

Polen kam damals fQr die ÖsterreicMscben Staats- 
männer nur insoweit in Betracht, als es zur Bekämpfung 
Preussens nützliehe Dienste leisten konnte. Obzwar die Stel- 
Inng der Republik in dem europäischen Staatensjsteme ganz 
bedeutungslos war, die materiellen Hilfsmittel des Landes 
gering wogen, das Heer nnd die Festungen in einem trostlosen 
Zustande sich befanden, auch alle Bemühungen, in dieser 
Beziehung Beformen einzuführen, vollständig scheiterten: 
war die Verbindung mit der Bepublik doch für Oesterreieh 
von grosser Wichtigkeit. Bussland konnte bei einem Kampfe 
mit dem grossen Nachbar erst dann bedeutende Dienste 



') Frotocole de k Conference tenne ee 14 de Jnillet 1753 
(DraBdeuer ArchiT). 

>) Flenmüng sa BrOhl vom 28. Febniu 1754 und die Antwort 
Brtbl'a Tom 4. H&n 1754 (AnIut in Diwdoi). 



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«t 



leiaten, weoa die Republik den moskowitiachea Streit- 
schaarea den freien Durchgang, diircli ihr Gebiet gewährte. 
Die Bestrebungen des Grafen von Broglie, der im Jahre 
1752 als Gesandter nach Warschau abgesendet wnrde, am 
die Bildung einer französischen Partei in Angriff 2u nehmen 
und die politischen PUne seines KünigB befördern sia helfen, 
muBsteu deshalb an Oesterreich den enei^chesten Gegner 
finden. Als man sich in Wien entsebloas, die traditionelle 
Allianz mit England aber Bord zu werfen und mit Frank- 
reich in Verbindung leu treten, um den grossen Plan gegen 
Friedrich II. ausführen »u kfinnen, zOgerte man keinen 
Augenblick, die polnische Hepablick an Frankreich zu Ober- 
iiefern, indem mau wähnte, dass die frauzösischen Staats- 
männer durch diese Coudesceudenz sich bewogen fühlen 
dürften, den Österreichischen Anträgen beizustimmen. Dies 
Anbot kam tum allerdings bei dem franzfisiscb-östeneicbischen 
Bündnisse nicht in Betracht, machte auob bei den Staats- 
männern au der Seine keinen Eindruck, allein die Erklärung 
liegt darin, dass diese, und Frau von Pompadour mit 
ihueu, von den geheimen Absichten ihres königlichen Herrn, 
deu Prinzen Conti zum Könige zu machen, nicht die geringste 
Kunde hatten. Das Gebeimpiss wurde von Ludwig und 
seinen Agenten getreulich gewahrt, und trotz mehr oder 
minder sicherer Anhaltspunkte gelang es den Ministern 
nicht, das Dunkel zu lüften, welches diese sorgfältig 
gehi-im gehaltenen Üendenzen umhüllte. Diese Bestrebungen 
wurden auch dann nicht eingestellt, nachdem Frankreich iu 
dem Vertrage zu Versailles vom 1. Mai 1757 sich verpflichtet 
hatte, der Wahl eines Mitgliedes des sächsischen Hauses 
kein Hiuderniss in deu Weg zu legen. Broglie, der sich 
in seiner Thät^keit nicht beirren liess, musste bald darauf, 
nachdem Oesterreich uud Russland zu wiederholten Malen 
bei dem französischen Minister überihnKiage geführt hatten^ 
abberufeuwerdeu. Ludw^ XV. opferte Conti dem Bündnisse 



IzcJbyCoOgIC 



(I 



mit Maria Theresia, ganz liess er das Project nicht fallen, 
da er den heimkehreaden Qeaaiidten mit der Leitung der 
geheimen, auf Polen Bezug habenden Correspondenz betrante, 
"Sar eine Aendernng war eingetreten: Lndvig XV. stellte 
nicht so sehr die Wahl Conti's in den Vordergrund, nur die 
Wahlfireibeit der Polen wollte er aufrecht erh^ten wissen. 
Doch erklärte er, ganz zufrieden zn eein, wenn Prinz Conti 
di« meisten Stimmen auf sich vereine.') Ludwig war in 
Petersbni^ thätig, dem FriaseD nicht nur den Befehl Aber ein 
ruBslBches Tmppencorpa zu verBchaffen, sondern anch seine 
Wahl zum Herzoge Ton Cnrland zu befördern, um ihm auf 
diese Weise den Weg zur Erlangung der polnischen Krone 
zu ebnen. S<^r von einer Heiratb Conti's mit der Kaiserin 
von Bassland, Elisabeth, war die Bede.') Erst als Conti in 
das L^er der Opposition übergetreten war, wurde das 
Frojeet seiner Erhebung auf den polnischen Thron vom 
Könige fallen gelassen. In den vertrauten Cirkeln kam die 
Wahl eines spanischen Prinzen in Betracht, asch die ünter- 
stfltsni^ des sächsischen Hauses wurde erörtert uiLd trat 
1758 wieder in den Vordei^rund, Nur erfreute sich nicht 
der Kurprinz des königlichen Wohlwollens ; Prinz Xaver, 
der Iiiebling der Danphine, erhielt den Vorzug. 

Der Plan noch hei Lebzeiten August's III. dem 
sächsischen Hanse die Kachfolge zu sichern, beschäftigte, 
wenn auch nur vorübergehend, die Dresdener Staatsmänner. 
Auf die Unterstützung Oesterreichs machte man sich grosse 



') Je De cbMigeraj jamaü de fkcon de peaeer et d'agir ponr la 
liberU entiäre des Polonua mi la choix k vetiir & lenr Roj et qne 
lulgri le bondeiie dae Piioce Ctniti : . . si les Folonaia le choisia- 
seat i'ffl aeni channä. Lndwig an Terciei 27. NoTember 1766 bei 
Bontuic I, 31S, diplonutie eecrtte de Lonia XT. einem Werke, 
dem irir Bbet diese Pankte die muiDigfachBteit Aufschlösse verduiken. 

^ Bontarie &. a. 0. I. a iSSt. 



IzcJbyCoOgIC 



f! 



Rechnung. Abheben von der innigen Verbindungen welcher 
man zu dem Wiener Hofe stand , konnte maji auch 
auf ein bestimmtes Versprechen fussen, welches Uaria 
Theresia bei der Wahl ihres Gatten zum Kaiser gegeben 
hatte, obzwar man sie auch im Verdacht hatte, für ihren 
Schwager , Karl von Lothringen , die polnische Königs- 
krone zu ersehnen. Von Russland erwartete man, wenn sich 
in Polen selbst kein Widerstwid zeigte, keinerlei Wider- 
spruch. , Es blieb jedoch bei den liesprechungen; es ist 
wenigstens nicht ersiehtUoh, dass ii^end ein Schritt in dieser 
Richtung geschehen wäre.*) 

Selbst während der wuchtigen Kriegsjahre wurde Polen 
von den europäischen Mächten nicht aus dem Äuge gelassen. 
Kicht blos Oesterreich und Frankreich verständigten sich 
über die bevorstehende Königswahl, auch Preussen und Rnss- 
land trafen hierauf bezügliche Vereinbarungen, nachdem 
Peter III. von der grossen Allianz zurückgetreten war. Der 
Czar und Friedrich verbanden sich in dem zwischen ihnen 
abgeschlossenen Vertrage, dessen Ratification durch die 
Ermordung Peters unterblieb , die Wahlfreiheit in Polen 
aufrecht zu erhalten, die Umgestaltung der Republik zu 
einem Brbreiche nicht zu gestalten und derartige ungerechte 
und den Nachbarn geßlhrliche Absichten selbst mit Waffen- 
gewalt abzuwenden. *) üeber eine bestimmte Perslnlicbkeit 
wurde damals ein TJebereinkommen nicht getroffen. Fried- 
rich begnügte sich mit der Feststellung eines Princips, 
welches ihm genügsame Handhabe bot, bei geeigneter Ge- 
legenheit unbequemen Bewerbern entgegen zu treten. 



') Conriderotions eur le project des füre designer nne eaccee- 
dune aa Trone ile Polo^c du viv&nt da Roj.; ohne Datum, wahi^ 
scheinlich 1756. (Diesdener Archiv.) 

') VgL HäuBser. Zur Qeschichte Friedriche n. und Fetera lO., 
in den Forschangen zur deutschen äeschichte. Bd. 4, 8. 3 ff. 



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63 



Preusseu sicherte sich vorläufig eine gewisse fiia&uss- 
nahme bei der Königswahl. Der Vater Friedriche, Friedrich 
Wilhetm L, war mit Oesterreich und fincsland Über die 
Erhebung des Wittiner's einverstandea gewesen, hatte sich 
jedoch später von dem ganzen Handel fern gehalten. Durch 
die in den letsten Jahren eingetretenen politischea Aen- 
derui^en war die SteUuag der Nachbarstaat«! zu einmder 
vollständig verrückt worden, eioe Uebereinstimmung bei 
einer etwa eintretenden Erledigung des polnischen Thrones 
war nicht zu erwarten. £ine weitere Verbindung Polens 
mit Sachsen konnte fUr Freussea, welches mittlerweile zur 
europäischen Macht herangewachsen war, nicht erwfiascht 
sein, so lange die kurfürstliche Familie in inniger Ver- 
bindung mit Oeeterreich stand. Auch in dem Interesse Kuss- 
iands li^ es nicht, nachdem es seine intimen Beziehnngen 
zu Oesterreicb abgebrochen hatte, einem Manne die kSnigliche 
WQrde übertri^en zu lassen, der österreichischen Interessen 
sich zuneigte. Es fragte eich nun, von welchen Gesichts- 
punkten die neae Begentin Busslands sich Werde leiten 
lassen. 

CtMiharina schwankte nicht lange. Sie war entschlossen, 
dem russischen Machteiolluss in Warschan eine dauernde 
Stätte zu bereiten und bei einer neuen K!önigswahl nur eine 
Persönlichkeit zn dieser Würde gelangen zu lassen, deren 
vollste Abhängigkeit von Bnssland ausser Zweifel stand. 
Je fester der EntecUuss bei ihr stehen mochte, ihrem 
Staate me tonangebende Stellung zu erringen, um so noth- 
wendiger war es, die (beschicke der B^nblik in innigster 
'Weise mit Bnssland zu Terknflpfen. 

Begegnete sich ihre Politik in dieser Beziehung mit 
jener Peter's I., so lenkte sie auch in einer anderen An- 
gelegenheit in die von ihm betretenen Bahnen ein. Seit der 
Änfiösung des alten Ordenstaates der deutschen Bitter war 
das zum Herzogthum erhobene Kurland in ein Leheosver- 



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hältoiss zur polnischen Republik gerathen. Peter I. erkannte 
die Wichtigkeit dieses Gebietes Ar Knasland, nachdem er 
die andern ehemals dem Orden gehOrigea Landstriche den 
Sohireden glflcklioh abgemngen hatte. Schon damals mochte 
er die einstige Erwerbung dieses Herzogthnmes ins Auge 
gefaset haben. Um diesdbe mit der Zeit anzubahnen, ver- 
mählte er eine Prinzessin seines Hauses mit dem Nach- 
kommen des Ordensmeisters Gottbard Kettler, Friedrich 
Wilhelm, und als dieser wenige Monden nach der Hochzeit 
starb, liess er Eurland von Bussen besetüen, unter dem 
Torwande , Anna sei ges^eten Leibes. Seitdem liess 
man in Petersbuig das Herzogthum nicht aus dem Auge. 
Als Catharina auf den Thron gelangte , mi der Sohn 
des Polenkönigs, Karl, Herzog von Kurland, zu dessen 
Erhebung Elisabeth ihre. Zustimmung g^eben hatte. 
Schon Peter UL beschäftigte sich mit dem Plane, einem 
seiner Verwandten mit Beseitigung Karls den heraoglichen 
Hnt Kurlands zuzuwenden. Ernst Johann Biron wurde aus 
der Verbannung zurückberufen und mnsste auf seine vermeint- 
lichen Rechte Verzicht leisten. Nun lag die Wiedereinsetzni^ 
Biron's im Plane Catharina's , wodurch sie am meisten 
den Macbteinfluss Buaslands in Korland zu befestigen ein 
Mittel sah. Die Kaiserin heischte von August die Ver- 
zichtleistung seines Sohnes zu bewirken ; durch 15000 Mann 
russischer Truppen, die in Kurland einrückten, gab sie ihrer 
Forderung Nachdruck. 

Der Moment war von Catharina gfinstig gewählt. Von 
keiner Seite konnte August irgend eine Unterstfitsung 
erwarten, die wichtigsten europftischen Staaten waren von 
anderen wiebtigeren Fr^en in Anspruch genommen. 
Auob der Reichstag, den er zu dem Behufe einberief^ um 
das Becbt der Republik auf das Herzogthum zu wahren, 
Hess ihn im Stiebe. Schon hatte Catharina mit den G^nern 



izcjby Google 



•s 



der sficbsiBcben EOnigsfamilie geheime Verbindungen ange- 
knfipft; formelle Anlässe vurdenbenfitit den republiiianiBchea 
Vertretnngskörper zu sprengen. 

Der energische WidersUnd, den Carl in Mitau den ein- 
iQokenden russisofaen Truppen en^egensetzte, mnsste daher 
fimohtlos bleiben. Auch blieb es ohn« Belang, dass August 
eine VeTeammlung des Senats einberief, die mit überwiegender 
Majorität C&rl als den legitimen Herzog von Earland 
anwk&nnte und den Beschlnss fasste, gegen BiroB und. 
seine Genossen einen Griminalprocess eiuEuleiten. Schon bei 
diesen Berathungen trat es klar su Tage, dass Catharink 
in den ei^teii Konaten ihrer Begierung thitig gewesen war, 
sich einen Anhang zu bilden, der spftter noch wichtigere 
Dienste zu leisten ausersehen war. 

Zwei grosse Parteien, im ihrer Spitze die grt^ssten Fa- 
milien des Landes, bekämpften einander seit Jahixehnten in 
Polen: die Potocki und die CzartoiTski. Letztere standen läsr 
gere Zeit in innigen Beziehungen eu dem kOnigliohen Hanse 
und erfreuten sioh auob einer FUlle kfiniglioher Gnaden. 
Einsiditig geni^ Über die Gebrechen des staatlidien Or- 
ganismus, wollten die StinmifÜhrer dieses Hauses sogar anr 
Stärkung der königlichen Gewalt ihre Hand bieten. Durch 
die Bildung einer Conßtderation mit dem Könige an der 
Spitse, sollte der Weg zur Anbahnung gesunderer Zustände 
geebnet werden. Schon hatten 130 Senatoren sich darflber 
geeinigt, als durch das Dazwischentreten des Grafen Tim 
BrogUe das ganze Untemehmen scheiterte (1752). In 
Wien unterschätzte man auch den Ginfluss und die Bedeu- 
tung dieser Familie nicht und gab August IIL fortwährend 
den wohlgemeinten Bath, sich die Unterstfltning derselben 
m eiohem. Persönliche Differenzen mit dem allmächtigen 
Minister BrQhl triäben die Giartoryski später in das Lager 
der Opposition. Das Fflllhom königlicher Gunst fiel nun 
den Potocki in den Schooss. 

Bot: IM* «nU TMlinf Pol«H. S 



IzcJbyCoOgIc 



Polnische Geschiehtfsel]reiber em&hlen oiis, daas in den 
letüten Jahren der Regierung Ai^st's IIL die UdberEea- 
gung von dem traui'igen, fast trostlosen Zustande der Be- 
publik in weiteren Ereiäen feste Wursel gefasst habe und 
die Nothwendigkeit grosser Reformen erkannt worden sei. 
Nur über die Mittel seien die Ansichten auseinander ge- 
gangen.') Die Potoeki und ihr Anhang wünschten eine Re- 
generation der Nation von Innen heraus und dabei dennoch 
die Krhaltui^ der Freiheiten, auf welche die Bepublik stoU 
war. Ee ist jedoch nicht ersichtlich, auf welche Weise 
diese sogenannte patriotische Partei dai grosse Ziel ssu 
erreichen gedachte, und man dürfte auch scüwerlich auf 
ii^nd eine Tbat hinweisen kOnnen, die deutlich zeigte, dass . 
sie sich Aber das Refonnwerk klar geworden sei. Das säeh- 
sisohe Kurhaus hatte sich byher Tollständig unfähig erwiesen 
den Bedürfnissen des Landes gerecht zu werden, und wenn 
die FotocM und RadziwiU sich dennoch an dasselbe an- 
schlössen imd den Wühlereien der Gegner sich eatgegea.- 
setzten, so lagen die Bewe^ründe ebensosehr in dem Eigen- 
nutze, wie in der heft^en Feindschaft, welche diese Familie 
gegen die Gzartoryski hegte. 

Seitdem der Brnch der Gzartoryski mit dem könig- 
lichen Hause eingetreten war, richteten die FQhrer ihr Au- 
genmerk auf Bussland, mit dessen Hilfe sie eine Anzahl 
MiBsbrfiuebe abzuschaffen und kfloftighiu die EOnij^wahl 
nach ihrem Sinne zu lenken hoffen. Durch ihren Neffen 
St&nislaus Poniatowski reichten ihre Beziehungen in die 
. höchsten massgebenden Kreise Busslands. Catharina hatte 
ihre Verbindung zu Stanislaus auch nach der unfreiwilligen 
Entfernung desselben aus Petersburg nicht at^brochen, und 
nach ihrer Thronbesteigung bediente sie sich der Vermitte- 
luDg des (M«rreichischen Gesandten, des Grafen Mercy , um 



■} Vgl. Lelewel, GeBchiehte Pal«ni. I^ipiig 1847, S. «M ff. 



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ifan Ton dem gelnngeaen Staatsstreiche in Kenntniss zu 
setcen.*) Die Hoffaungea der Csartorjski schnellten kfihn 
«mpor. Der rielleicbt längst ^nährte Gedanke, einem Mit- 
gliede ihres Hauses, die Krone Polens aufs Haupt zu setzen, 
gedieh damals zur Beife. Vergebens suchten nun die s&oh- 
■sischen Minister, BrOhl voran, einsnlenken. Zur Beseitigung 
-der Differenzen war es jetst offenbar zu spftt. Der Unterstät- 
zung der Monarohin Busslaods sioher, wiesen die Czartoryski 
«ine Aussöhnung mit dem Könige mrQcfc. Auf dem Beichs- 
tage von 1762 warfen sie BrflhI offen den Fehdehandsohuh 
hin. Stanislaus Aogost Pomatowski, damals zum ersten 
Male Laadbote fii Kialnlck, hinderte die Eröffiiung der 
Berathungen, indem er die Giltigkeit der Wahl eines Sohnes 
'des Miaistera BrflhI anfocht, unter demTorwande, dass er 
nicht das Indigenat in der Bepublik besitze, und doch 
hatteo die Cüartorjski dabei mitgewirkt, dass es Brahl vor 
Jahren möglich gewesen war, seine erdichtete Abstammung 
von dem Hause Ooiecün nachzuweisen. Seiliger Tumult ent- 
stand in der Versammlung, die B&bel worden auf beidui 
Seiten gezogen, der Landtag wurde zerrissen. 

Die Czartoryski arbeiteten nun mit allen Mitteln auf 
-den Sturz August's; nicht einmal seinen Tod wollten sie 
Abwarten. Eine Coaföderation war im Bilden begriffen, 
russische Truppen waren auf Betreiben der Czartoryski ein- 
gerOcki, auf deren TTnterstfltztmg man sich Bechnimg machte, 
der Bärgei'krieg stand bei der Erbittemng der erhitzten Par^ 
teien bevor, da traf die Kunde ein, dass Au^st IlL das Zeit- 
liche gesegnet habe. 

Wir sind nicht genau unterrichtet, wie weit Catharina 
mit den Umtrieben der Czartoryski bekannt oder damit 
«inverstanden war. Ganz fem stand sie denselben wahr- 
scheinlich nicht. Stanislaus Foniatowski wollte auf die erst« 



■} DepeKben Hm^'s JDU—DwemlwT 17011. (W. A.)- 



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Kunde Ton der Tkronbeeteigung Catharina's nach Peteraburg- 
eilen, sie hielt ihn znrflck, ermahnte ihn siiir Qeduld, gab 
ihm die bündigsten Yerapreeliui^en In Besng anf seine Zu- 
kunft. Der Plan, Stanislaus Foniatowski mm KOuige der 
Bepublik 3u machen, stand in dem politisohen Programm 
Oathariua's obenan. ') 

Es mochte gewiss f&r die Kaiserin ron Bussland einen 
besonderen Beiz haben, dem Manne, in dessen Armen sie- 
dle süssen i^readen der Liebe mit voUen Zogen geeoklürft, 
die Krone des Naehbarreiches in verschaffen, einen bestim- 
menden EünäusB ftbte die Erinnerung an die sehßoen Standen 
der Yergangeobeit iodese nicht. Wenn sie auch manchmal 
in den Armen ihrer Gelishten die kaiserliche Wttrde weit 
hinwegwarf und sich ganz und gar als Weib fühlen mochte, 
tue Schwächen des Gesohlechtes beeinflnssten die UassBahmen 
ihrer Regierung nicht, in bedeutsamen Momenten vet^ass- 
sie nie, wenigstens in den kraftvollen Zeiten ihrer Herrschaft, 
welche Interessen sie als Cearin za berficksicbtigen babe. 
Auch die Oerftchte einer beabsichtigten Verbindung mit 
Stanislaus , die schon damals verbreitet waren , um sich, 
eine Zu&uchtsst&tte für den Fall zu sichern, wenn ihre 
Stellung durch eine neue Revolution erschüttert Würde, 
dürften jeder Begründung entbehren und blos den müssigea 
Conjnncturen redseliger Botechafter ihre Existenz verdanken. 

Die richt^e Erklärung für die Haudlnngsweise Ca- 
tharinens braucht nicht in phantastischen Grillen' gesucht 
zu werden ; sie liegt näher und einfacher. Die Czaria dürstete- 
nach Ehre und Ruhm. Bussland sollte jene hervorragende 
Stellung in dem europäischen Staatensysteme einnehmen, 
die schon Peter I. erstrebt und welche die russische Politik 
auch seitdem nie aus dem Auge verloren hatte. Die- 



■) Ein Brief Cuthariiu'a vom S. Jtagnst ITäS oft ^rnckt, ein 
biiher nnbekaiintet vom NoTambei im Doonmenteiibude. 



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(ff 



Abhfti^pgkeit Polens toq Petersbmg musste bei Duroh- 
fUhrang dieses Planes eine vollendete fhatsache werdeo. 
■Catharina war scharisinnig gent^, nm Stanislaus Poniatow^ 
richtig lu beuitheüen: für einen grossen Charakter bat 
■sie ihn nie gehalten. Ein gefSgigeres Werkseug fOr die 
DurchfQhru]^ ihrer Absichten konnte sie wohl nicht finden. 

Es lag nicht ausserhalb der Tendenz Catharina's, die 
ErheboDg Stanislans PoniatoTrski's womöglich ohne fremde 
Mitwirkni^ dnichznsetaen. Je weniger sie die Beihilfe an- 
■derer in Anspmch nahm, um so heller leuchtete in den ma- 
fiischen Kreisen ihr Böhm, um so mehr war sie in der Lage, 
wenn später die Nothwpndigkeit einer Ailiams aus irgend 
.«ioem Grunde sich geltend machte, die Bedingungen der- 
selben vorzuschreiben. Hierin dürfte zumeist die E!rklftrun|g 
2U suchen sein, dass die Beziehungen su Prenssen, trotz 
■aller Versicherungen toq der Bereitwilligkeit ein BQndniBs 
absusehliessen, längere Zeit nicht enger geschürat -wurden. 

Al£ Catharina sum Throne gelangte, war Preussen in Pe- 
tersbtu^ durch den Grafen Ton der Oolts vertreten. Der preua- 
siscbe Gesandte blieb voll&t&ndig im Unklaren aber die 
Richtung, welche die russische Politik nutunehr einschlagen 
würde. Von Woronzow, den er bei Gelegenheit um eine £r- 
fcl&nmg üb«* den Alltanzvertrag imd um dieWillensmeiniu^ 
4ler Kaiserin be&agte, erhielt er keine Antwort. Nur der 
einzige Kejserliagk, der sich allerdings des Vertrauens der 
Monarchin in hohem Grade erfreute und schon damals bei 
Festsetzung der Onrndsätse ober das Voigehen in Polen das 
TnaMgtbendete Votum beeass , machte einige Aadeut^ea, 
■dam «Ue Kaserin idtiit abgeneigt sein dftrfte, in eine innigfl 
Verbindung bu Preussen au treten, obwohl es nieht im Iiter- 
«sse Bnsslanda Uge, sich in irgendwelche Defensivallianun 
mit einem der Nachbarstaaten einzulassen. Gleichzeitig wies 
-er darauf hin, dass man über die in Polen einzuschlagenden 
Massnahmen Vereinbarungen treffen könnte. Goltz war ift 



IzcJbyCoOgIC 



71 



bisset Bichtnng abne Instructionen, daher auch nicht in d^r 
Jja^, eine Anfrage Eejserlingk'B, ob der KOnig geneigt sein 
äOrfte dun die Hand va bieten, in bindender Weise in 
beantirorten. Nur im Allgemeinen hob er hervor, das» 
Friedlich gewiss Altes tfaon wörde, um die Bande zwischen 
Frenssen uijd Bnssland fester lu knflpfen, sobald er von 
den Ansichten der Kaiserin njiterricbtet sein werde.*) 

Fflr Friedrich 1^ die ErsptiessUchkeit, ja Noth- 
wendjgkeit so T^, seinen bisherigen Vertreter am Peters- 
bni^r Hofe abninifen. Mit welcher Gewandtheit und Klug- 
heit auch von der OdUk seinen Posten auffüllt hatte,, 
er war nach dem in Fetersburg eingetretenen Wechsel doch 
nicht mehr am Platze. Seine innige Verbindung mit Feter HI. 
konnte ihm der Natur der Sache nach bei der Kaiserin su 
keiner Empfehlung gereicbeD, wenn sie auch von dem Ver- 
dachte, dafs er bei ihrem Qemahl gegen sie gewirkt hatte, 
abgekommen war. Jedenfalls war eine neue, bisher ganz 
nuTerbraucfate FersQnlichkeit, bessere Dienste zu leisten ge- 
eigaet. Goltz sah dies selbst ein und betrieb eifrig seine- 
Abberufung ; vr^ 20. September 1762 wurde der wirkliche 
Kftmmerer und geheime Legationsrath Victor Friedrich Grar 
von Sohns zum Nachfolger bestimmt. 

Eine bessere Wahl konnte Friedrich nicht treffen. 
'Bubig und besonnen, ein trefflicher Beobachter, hatte Solm» 
während eines langjährigen Anfenthalts in Stockholm Ge- 
legenheit gehabt, sich mit der nordischen Politik bekannt 
KQ machen. Anfangs October 1762 reiste er ab, beim Be- 
ginn des nächsten Monats war er an Ort und Stelle. Die ihm 
ertbeüte Instruction schrieb ihm vor, sich auf die Bolle eines 
Beobachters SU beschränken, auf die Terschiedenen Strömungen, 
die sich in Peterabui^ geltend machen, ein scharfes Aug» 



') DepsMben von Oolti vom S4. An^oBt 1701 in den Forscb. 

IX. 8. ta 



IzcJbyCoOgIC 



71 



nt haben, die eigentlichen Absichten und PUne der Kaiserin 
nnd ihrer llinister eq erforschen, um za einem richtigen. 
Einblicke in das politische Sjstem Catharina's zu gelangen. 
Es Taren naehrere Monate Teräossen, seitdem die'Czarin 
die Zfigel des mssischen Staates ergriffen hatte, und Fried- 
rich mochte sich in vielfacher Bicbtnng über den Segie- 
mngswech&el beruhigt haben, sowohl über die Yermittlcr- 
roUe, die er Catharina zoBchrieb, als auch Ober das an ihu 
gestellte Verlangen Busslande, Sachsen zu räumen, aber mit 
ToUst&ndiger Sicherheit war er nicht im Stande, die Ten- 
densen der neuen Fftrstin 2u beurtheilen. Von einigen An- 
deutungen abgesehen, welche der allerdings prenssisch gesinnte 
Kejserlingk gemacht hatte, war von den andern maasgebenden 
Persönlichkeiten mit keinem Worte erw&hnt worden, ob 
und unter welchen Bedingungen die russische Politik die 
Erneuerung des Vertrages mit Freussen in Aussicht genonimfu 
habe. Nat&rlich war Friedrich ausser Stande, seinem Oe- 
sandten detaillirte Weiaui^n fllr diesen Fall mitzugi-bea; 
die allgemeine Versicherung des lebhaftesten Wunsches und' 
der grCssten Bereitwilligkeit in eine innige Verbindung mit 
Russland in treten, mnsste vor der Hand ausreichen. Da- 
mals noch im Eri^ mit Oesterreich, lag es dem Könige 
am Eersen, dass Rnssland seine Schritte in Constantinopel, 
wo er an einer Diversion gegen Oesterreich nicht ohne Er- 
folg arbeitete, nicht kreuse.'' 

Die realistische Politik Friedrieh's beschränkte sieh 
auf das Eunftchst liegende. Seinem praktischen, mhig und 
nfichtem abwägenden Geiste lagen jene grossen Combida- 
tionen fem, die bei den Staatsmännern Oesterreichs so oft 
im Schwünge waren. Mit viel lu grosser Soi^alt unter- 
warf er Thataachen und Personen einer eingehenden scharfen 
Prllfang, und wilde Speculationen fanden bei ihm keinen Ein- 
gai^.Ea konnte ihm nicht entgehen, dass Polen allerdings das 
Object war, welches die Politik Catharina's in*s Auge fasste. 



Dgilizc-UbyCoOgIC 



72 



Die Kränklichkeit Äugust's III. Uess sclioii längst eiue 
Thronerledignng als berontebend annehmen. Damals mit 
andern Sorgen belastet, lag ihm der Gedanke einer direct«ii 
Hlinfinssnahme auf die polnischen Verb&ltuisse ganz fern. In 
dieser Eichtnng war er ftlr Bassland su haben. Ihm war 
es ga&E gleichgültig, wer in Warseban mit dem Pujpor 
geziert wurde, wenn es nur kein Mitglied des Osterreichischen 
oder Bächsiscbea Hauses war. Strebte nun Bussland eine 
Vereinbarung Aber diesen Qegenstand an, bd hielt es 
Friedrich nicht fOr schwer, aber die lu unterstütsende 
FeTsi>nlichkeit au einer Verständigung zu gelangen. ') 

Vor Beendigung des Krieges war jedoch nicht einmal 
an eine Au&afame von Verhandlungen fiber eine russisch- 
prenssische Älliani zu denken. Dem stellten sich maneherlei 
Schwierigkeiten en^gen, die in der eigentbäralichen Lage 
Catharina's beiladet waren. Sie machte andi in der 
That daraus kein Kehl. So lehr sie eine Verbindung 
mit Friedrich wünschen mpchte, in dem gegenwärtigen 
Momente war sie unthanlich. Catharina woUte und mnsste 
dem Kriege fern bleiben, und ehe der Friede geschlossen 
war, konnten die Gruodli^D des neneit Vertrages nur 
sdiwer festgestellt werden. Lebhaft wftnscbte die Kaiserin, 
dass Friedrich seine Geneigtheit lom Frieden za erkennen 
geben mochte, denn Oesterreich bot eine Zeit la:^ Alles auf 
sie zu gewinnen, und wenn der KOnig bei seinem Wider- 
atrebea sieh in Verhandlungen einzulassen beharrt«, konnte 
flieh Catharina deefa genOtb^ sehen, in der einen oder an- 
deren Weise eingreifen zu mtesen und von den, wie es Bchein^ 
bereits festgesetzten politischen Grundsätzen abzugehen.*) 



*) Fonctiangen IX, 61, wo die Instractioa an Silma im ka»- 
zage mitgetheilt iit. 

*) Schreiben dar Küserin m Fclodrich, Hiskaa 17. Oktober 
17«3. Fonehimgen IX, U. 



Cg.lzccbyCoOglC 



73 



Friedrich war aber die Haltung Busslands fast b^ 
- zum Schlüsse des Jahres im Unklarea : erst die Nach- 
richten von Solms über die in den FeteT8burg«r Kreisen 
herrschenden Ansichten waren ganz beruhigend. Dieser behob 
Aas Misstrauen des KOnigs über die e^ntlichen Gesinnungen 
Catbarina's rollständig. InPetersbui^ hatte dieErklärungdee 
preussischen Gesandten, der König wolle nur die Wieder- 
gewinnung seiner Staaten und sei bereit Frieden eu sahliessen 
und Sachsen su rftumen, einen guten Eindruck gemacht. 
Der russische Kanzler Woronzow zeigte sich hierüber sehr 
be&iedigt und regte sogar den Gedanken einer Erneuerai^ 
•der zwischen Preussen und Russland gest^lossenen Allianz 
An. Solros ging darauf ein und bat ihn, seiner Herrin den 
Vorschlag zu mitehen. Für Friedrich wftre bei seiner da- 
maligen Lage schon das Gerücht von eingeleiteten Verhaad- 
Inngen zwischen ihm und Catharina von grossem Vortheüe 
gewesen, da es nicht verfehlt haben würde in Wien grossen 
Eindruck so machen und alle Vorsätze, den Krieg energisch 
weiter %a fflhren, zu vereiteln. 

So leicht und glatt gingen die Dinge allerdings nicht. 
I'anin, dessen KinSuss bei der Monarchin im Steigen war, 
verHugnete zwar seine friedeliebende Gesinnung nicht, ohne 
aber noch entschieden F&rbo zu bekennen, wenn er anoh 
^em Bündnisse mit Preussen sich zune^te. Ihm schrieb 
man die Anregung zu den freundlichen Eröffnungen zu, welche 
•die Kaiserin nach ihrvr Thronbesteigung dem KOnig« hatte 
machen lassen. Auf einen Anwiirf des preussischen Oesand- 
' ten behuf^ der Erneuerung der Allianz leimte Fanin ab, 
«cbon im gegenwärtigen Momente eine bindende Erklärung 
abzugeben. Noch sei die Zeit nicht gekommen, sagte er 
zu dem Grafen Solms , von verschiedenen Seiten werden 
Antrftge gemacht; Ei^land, Oesterreieh und auch Frank- 
j-eich bewerben sich um die Buudesgenossenschaft der 



IzcUbyCoOgIC 



74 



Kaiserin, die jedoch bisher eine Enfscheidnng nicht getrolfen 
habe.*) 

Koch sahen die rnssischen Staatsmänner Ober die 
Stellung der rerschiedenen Staaten ftlr den Fall einer ein- 
tretenden KönigBwahl nicht klar, und es var nicht ganz 
unmöglich, dass Bnssland sein Torgesetztes Ziel erreichen 
konnte, ohne sich nach irgend einer Seite zu binden. Man hatte 
in Petersburg bald erkannt, welchen Werth Oesterreich auf 
ein Bfindniss mit Buseland legte, auch war man sich daifiber 
klar, dass es bezfiglich Polen 's keinen neuen Krieg beginnen 
wfirde. Gelang es, mit "Wien und Versailles die Vereinbarung 
zu treffen, dass nur ein Piast an die Spitze der Bepubltk 
treten sollte, so rechnete man mit Sicherheit duauf, die 
Wahl auf eine Bussland genehme Persönlichkeit lenken zu 
kennen. Sodann war die Furcht Tor einem TQrkenkriege 
bestimmend fOr die russischen StaatEmftnner, sich die Wie- 
ner Kreise durch eine Allianz mit Preussen nicht Tüllig zu 
entfremden. Allein in kluger, rorlauender Weise nies 
auch Panin schon jetzt auf Polen hin , worüber eine Ver- 
ständigung bei der Gemeinschaftlichkeit der Interessen erzielt 
werden konnte. Schon ans diesem Gmnde sehnte man in 
Petersburg das Ende des Krieges herbei. So sehr Friedrich 
auch seinerseits wünschen mochte, mit Kassland ToIlstSn- 
dig in's Beine zu kommen nnd den Tractat zu erneuern, er 
hielt es doch fflr klug nicht zu drangen und sich mit den 
Versicherungen Panin's voil&nfig zn begnfigen. 

Seit dem Beginne des Jahres 1763 beschäftigten 
Gerfichte Ton der Krankheit KOnig August's, die einen ge- 
fSbrliohen Charakter aniamehmen schien, die rnssischen 
Kreise lebhaft. In den gesellschaftlichen Cirkeln würde die 



') Vergleiche die Bcpewbeii von Solme bei : SchlöKr, Friedrich 
der Grosso und CaÜiftrins die Zweite. BerlJo 1609. S. 141, »neb die 
AnBiQgd bei Hänsser, Forschongen IX. S. C7 fg. 



Dgilizc-ObyCoOglC 



3S 



EreutiialitSt einer baldigen Erledigang des Thronee bespro- 
chen, die einzeinen Candidaten einer Kritik nnterzoeen. Man 
nannte damals die sächsischen Prinzen, Xarer und Carl, nnd 
den Fürsten Adam GsartorjskL Solms hatte ngch nicht in 
Erfahrung gebracht, fOr wen man sich entscheiden würde. 
Catbarina wahrte sorgföltig ibr Geheimniss. Fanin spradi 
wohl im Allgemeinen mit dem preussischen Gesandten ttber 
die polnisdien Angelegenheiten, -betonte fortwährend das 
gemeinschaftliche ^Interesse Busslands und Freussens nnd 
erörterte die Gesichtspunkte , die biebei in Petersburgs 
massgebend waren. Wfthreud man schon fest entschlossen 
war, durch alle zu Gebote stehenden Mittel die Wahl auf 
eine Bussland genehme Persönlichkeit zu lenken, fQhrte , 
P&nin die Phrase im Munde, dass man nicht die Absicht 
habe sieb einzumischen und bei der Wahl des neuen 
EOnigs einen Zwang auszuüben, wenn man durch die Ca- 
baien der andern Mächte nicht dazu gezwungen würde. Der 
Befrain seiner Darlegungen lautete stets: es wäre noth- 
wendig sich über den Candidaten, dem man den Vorzug er- 
tbeilen wolle, zu Terstftndigen. Noch immer nannte jedoch 
Panin den Candidaten Busslands nicht; nur jene Bewerber 
bezeichnete er, deren Wahl verhindert werden mflsste. In 
erster Linie stand natfirlloh ein österreiohischer Prinz, sodann . 
ein etwa von Frankreich unterstützter Candidat, mochte er 
nun Prinz Xaver oder Conti heissen; nach Panin's Meinung 
war jedes Mitglied ii^nd eines fremden Hauses vom Hebel. 
Anspielungen von Solms, wen Bnssland im Auge habe, 
beantwortete er ausweichend: er sei viel za wen^ unter- 
richtet mit Personen und Zuständen in Polen. Nur das 
brachte Solms heraus, dass Prinz Adam sich der Unter- 
etfttzong Busslands nicht zu erfreuen haben werde; er ver- 
muthete, Catharina wflrde am liebsten StanislansPomatowski 
mit dem Purpur geschmückt sehen.') 

') SoliOB S2. Februar 17BS. Bei HaaSBer in den Forectiungen 
IX. S. 78. 



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7C 



Catliarina trug es Friedrich nielit nach, dass ihr Wunsch 
für den Tertriebenen Heraog von Curlacd hei den Terhand- 
Inngen in Huhertsbui^ ein secularieirt^ Biethum in Dentsch- 
land zu erluigen, nicht in Erfdllung geg&ngeu war. Fried- 
rich seinerseits hatte zwar die Bereitwilligkeit auBgesproohen, 
Bussland zu unterstützen, zu einer Beillrwortang des sonder- 
baren Projectes gab er sich jedoch nioht her. Von beiden Seit«! 
fehlte es auch nunmobr an den hersUohsten Freundsohafts- 
Tersiohenmgen nicht, im Wesentlichen kam die Angelegen- 
heit der Allianz keinen Sehritt vorwärts. Wohl berOhrte 
Faniu in seinen Gesprächen mit Sohns auch den eineo oder 
den andern Funlct, der Friedrich sehr am Herzen lag, so den 
Abschluss eines Handelstractates, ohne jedoch die Hand an 
die Ausfflhrang I^en zu wollen, unter dem Hinweise, die 
Begiemng sei erst im Begriffe sich zu ordnen nnd zu or- 
ganisiren. 

Wie Friedrich nach Abschluss des Friedens die Sach- 
lage beurtheilte, erwies sich für ihn ein BflndnJBs mit Russ- . 
land als eine entschiedene Kothwendigkeit. Die Buhe war 
zwar wieder hergestellt, aber IV^iemaad konnte für die Dauer 
Bfligschaft übernehme. Die Flftae seiner Gegner waren ge- 
scheitert: sie konnten heute oder morgen wieder aufge- 
nommen werden. Und doch sehnte sich der König aus toU- 
stem Herzen nachBnhe. Die Vorboten des herumahenden 
Alters, das Wohl des Staates und seiner Familie, machten 
ihm dieselbe gleicfamikssig wanschenswerth. Nur dann glaubte 
«r mit einer gewissen Sicherheit die Erhaltung des Friede&s 
sich und seinem am vielen Wunden bintenden Staate rer- 
hfli^en zu können, wum er den, »einer Meinung laeh, fort- 
wUhrend wählenden Bestrebungen seiner Gegner ein G^vn- 
gewicht entgegensetzen konnte. Dies war nur doreh eise 
AUianE mit Busslaad zu erreichen. ') 

'j Hemuiiea depois k Ttäzit Hnbertsbug, in den Oeavre* de 
Fiederic le Orand T. VL fi. &. 



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77 



In banger Ungeduld verflosBen die näehsten Monate ' 
fttr Friedrich. Die Dinge kamen in Petersbnrg nicht in Flnes. 
^Noch hatte Catharina zu den sich krenieiiden und einander 
hemmenden Tendenzen der verBchiedenen Parteien ihrer Um- 
gebung nicht feste Stellung genommen. Besluscheff und 
Panin, mit einander flberwovfen, hielten eich die Wi^. 
Bald tiberwog der Sinflass des einen, bald jener des an- 
dern. Panin maofate Miene, sich ganz zurückeuBiehen, er 
klagte aber die Schliche Hnd Pfiffe des ehemaligen G-ross- 
kanslers. Bald hiess es, d«r franzCeische (gesandte erfrene 
sieh einer besonderen ZnTorkommenheit am Hofe, bald Tsr- 
lantete es, eine Allianz mit England sei im Zuge, auch 
feUte es nicht an Anhaltspunkten, dass Oesterreioh alle 
Minen spriogen lasse ,~ um < as Boden zu gewinnen. Diese 
Naehrichten klangen gerade nickt angenehm für Friedrich. 
Schon lingst mutbiuasste er. Catharina volle sich über- 
haupt in kein Bflndniss einlassen und sich Totlstftndige 
Freiheit wahren. 

Die Gerüchte über Verhandlungen Buaslands mit an- 
dern M&ohten, die aach zu Friedrich drangen, waren nicht 
ans der Luft gegriffen. Schon im Frühjahre setzt« Fürst 
Galitzin dem Österreichischen Staatskanzler auseinander, die 
Kaiserin wünsche sich bezüglich Polens mit dem {Isterrei- 
chisen Hofe vertraulich zu verstAnd^n und in Verbindung 
mit demselben vorzugehen. Noch sei in Petersburg kein 
Sntschluas gefasst worden, man wolle zuvor die Enad- 
gebung der Ansichten Oesterreichs abwarten, um darnach 
die erforderlichen Massnahmen zn treffen. 

In Wien war man durch diese Eröffnung sehr über- 
rascht. Man hatte einen solchen Sehritt von Seiten Buss- 
lands nicht erwartet. Sine Conferenz wnrde für nothwen- 
dig gehalten, um die verschiedenart^ten Motive, die Buss- 
lasd hiesn bewogen haben konnten, zu erörtern. Man suchte 
der Sache eine gute Seite abzugewinnen. Vielleicht wolle 



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n 



Eussland, akgte man, allen Fnmhen bei der bevorstehenden . 
Wahl eines E^inigs vorbeugen, die polnische Verfassung 
aufrecht erhalten wissen, und hoffe mit diesen FläneD 
vielmehr durchzudringen, wenn es durch Fernhaltung der 
andern E9fe ein Einverständniss mit Oesterreieh erzielen 
konnte. Wenn man die Gewissheit gehabt h&tte, dase es 
dem Petersburger Hofe um eine Tereinbamng mit Wien 
ernstlich zu thua sei, so wfirde man diesen entg^nkom- 
menden Schritt Busslands gewiss mit Freuden b^rOsst 
haben. Denn in Wien hatte man nicht aufgeh&rt, fortwährend 
die Frage in reifliche Erwägung eu siehen, ob und in wie 
weit ein Bflndniss mit Bussland den Interessen Oesterreiohs 
«ntspreche. Trote aller Versiohenmgen des Gegentheils wSre 
man sehr gene^ gewesen, die alten Beziehnagen wieder 
anzuknüpfen, wenn man nur mit Sicherheit auf diese Uacht 
hätte zfihlen kennen. Allein es sprachen viele Anzeichen 
dafür, dass Bussland bereits «in Abkommen mit Preussen 
getroffen habe und die Ansichten der Wiener Kreise blos 
ausholen wolle. Den Betheuerungen der beiden russischen 
Kanzler und des Grafen Bestuscheff, die eine Vereinbarung 
mit Preussen in Abrede stellten, schenkte man nicht den 
geringsten Glauben, da man ans sicherer Quelle wusste, 
dass Catharina mit Friedrich einen Briefwechsel unterhielt 
und in den wichtigsten Staatsangelegenheiten Panin und 
Kejserlingk zu Bathe z(^. Insolange aber diese beiden 
M&nner ein entscheidendes Wort mitzusprechen hatten, war 
nichts Gutes von Bussland, dessen Allianz für Oesterreieh 
nur gegen Freossen in die W^chale fiel, zo erwarten. 
Denn jene umfassenden orientalischen Pl&ne, die später 
unter Josefs Aegide eine solch grosse Bolle spielten, lagen 
damals der tteterreiehischen Politik fem. Nur ein Vertrag, 
der Sicherung gegen Preussen gewährte, wäre in Wien will- 
kommen gewesen, sonst sah man in einer Verbindung mit 



IzcUbyCoOgIC 



7tt 



Sussland aur eine Last und nicht den geringsten Tor- 
theiL ') 

War man daher bei der Unklarheit der Situation anch 
nicht gene^ ohne genaue Kenntniss der ruBsisch-preus- 
sisohen Beziehungen, ii^end einem Abkommen mit Buss- 
land die Hand su bieten, so wollte man andererseits den 
russischen Kreisen keinen Anlass za einem Tollst&ndigea 
Bruche geben. Als Freund, sagte man sich, könne Bussland 
bei der gegenwärtigen Sachlage wohl keinen grossen Nutzen 
gewahren, als Feind aber unendlich schaden. Es war jeden- 
&lis ein merkwürdiges Bekenntniss, welches man ablegte, 
dass schon der Sehein eines EinTerständnisaes mit Bassknd 
das Ansehen Oesterreichs erhöhe, und dass dieses sehr be- 
einträchtigt wflrde, wenn die Spauitmg, die zwischen den 
beiden ECfen bestand, offenbar wOrde. Man hatte bisher dem 
russischeo Hofe eine allzugrosse Bäckslcht gezollt, dem- 
selben eine gewichtige Einflussnahme gestattet. Dies sollte 
kttnft^hin nicht statt finden. Eine jede Yerbindung mit 
Bnssland sollte auf dem uuverrQckbaren Grundsätze der 
BeciprocitSt beruhen. Mau wollte anch unumwunden an 
den Tag legen, dass man durchaus in keine Yerlegenheit 
gerathe, selbst wenn die feindlichen Strömungen in Peters- 
burg die Oberhahd behielten. Nur die Thaten sollten ent- 
scheiden, liees sich Eauaitz vernehmen, der süssen Worte 
and schmeichelhaften Versprechungen hätte man geni^; 
gewechselt.*) 

Der Beschluss wurde gefasst, dem Fürsten Gaditzin 
blos in allgemeinen, durchaus nicht bindenden Ausdrücken 
EU erwiedem. Die Kaiserin, lautete die Antwort, richte ihre 
grOsste Sorg&lt dahin, dass Polens Yerfassnng und Freiheit 



'} Wegen des angetngenen raeriftcben Ooncertw, die kflnftige 
polniaqfae TbioiiB-Enetxatig betreffend, April 1763; (W. A.) 
*} F. &. &n MeiC7 26. April ITSS. (W. A.) 



Cg.lzccbyCoOglC 



anfrecht erhalten und alle ünrohen Termieden werden. Mao 
mache kein Hehl daraus, wie sehi man es wünsche das 
kttretcheische Haus auf dem Throne tu erhalten; man 
^aubft dieee Bfloksicht in Anbetracht der grossen Opfer, 
wekhe Sachsen im letaten Eiiege gebracht, haben su mflssen. 
Aneh.wies man auf den mssiach-österreichisohen Tractat 
hin, worin die Beförderung des kursäohBiflcbeu Prinren 
anf den polnischen Thron auadrfloklieh stipalirt worden war. 
Zugleich wurde jedoch die VerBichening hinzugefügt, das» 
mut auch gegen jede andere in rBohtmftssiger Weise voll- 
zogene Wahl keinen Widersprach erheben werde, und Äus- 
sert« schliesslich den Wunsch, Gatharina mOge ihre F>len 
besaglichen Absichten oder Yorschll^ an den Wiener Hof 
gelangen lassen. 

Es ist nieht unwahrscheinlich, dass es damals mOg- 
liA gewesen wftre, das BOndniss Busslands mit Preussen, 
wenn nicht ganz zum Scheitern zu bringen, doch weniger 
, mnig werden zu lassen, als es spSterhin der Fall war. Die 
gewundene Antwort des Forsten Kannitz war jedoch nicht 
geeignet,' der Osterreichischen Partei am russischen Hofe das 
Uebet^wicht zu verschaffen. Dennoch zOgerte man, an des 
Abecbluss eines BQudnisses mit Preussen zu gehen. So 
weu^ die Erklärang Oesterreiohs befriedigte , sie schloss 
doch die Möglichkeit einer Verständigung nicht aus; 
auch hatte man den Gedanken, Frankreich ttlr die Wahl 
eines Plasten zu gewinnen, noch nicht aufgegeben. Wie 
schon' gesagt, mit den Polen hoffte man fertig zu werden, 
nur die Einmischung der H&chte zn Gunsten eines auswär- 
tigen Forsten mnsste thunlichst vermieden werden. 

Auch hinauf musste man bald Verzicht leisten. 

Choisetil ging auf das Anerbieten der Czarin, Ober 
die KOnigswahl ein Abkommen sa treffen, nicht ein; er 
beantwortete den Anwurf Galitzins fast in wegwerfender 



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81 



Weise. ^) Der fraMöaische Minister tauachte sioli toU- 
ständig fiber die Stimmuiig in den mssischen Kreisen. Eine 
gewisse Toreingenommenheit gegen Gatharina Hess ihn ihre 
Stellang weniger befestigt erscheinen, als sie wirklich war. 
Den mannigfachen Gerüchten, die namentliidi in den ersten 
Uonaten verbreitet waren, al9 ob die nsnrpirte Herrschaft 
der Gsarin nur kurze Zeit daaem werde, da die Verstimmung 
in den weitesten Kreisen im Wachsen sei , mass er ToUes 
Tertranen bei Für die bedeutende Fersfinlichkeit Catiiarina's 
besass er nicht das gerii^ste VerstHndniss. 

Ganz uiders lauteten die Erklärungen Friedrioh's. Schon 
Hitte Februar hatte er der Kaiserin in einem Briefe seine 
Alisichten unumwunden mil^theilt. Es war in den ersten 
Tagen, nachdem die Kunde von der Krankheit At^^t's 
nach Berlin gedrungen war. Er sei bereit, schrieb er, auf 
jene Massnahmen einzugehen, die sie vorschlagen würde; 
die gesunde Politik gebiete ihm, nur einem OsterreicMschen 
Fiinzen den Ausschluss zu geben; er glaube, daas in dieser 
ßeäehung die Interessen Busslands mit den seinen identisch 
wfiren; sonst sei ihm jeder Candidat, auf den die Kaieena 
ihr Augenmerk richte, genehm, doch gehe seine Ansiebt da- 
hin, dass einem Fiasten der Torzi^ zu geben sei. Eine kla- 
rere, b&nd^ere Erklärung konnte Catharina nicht erwarten. 
Friedrieh sah damals schwarz in die Zukunft. Er befürch- 
tete sehr, dass die polnische Kdnigswahl einen neuen Krieg 
hervormfen wQrde. Seiner Meinung nach konnte ein Bündniss . 
zwischen Freussen und Bussland allen Wirren vorbeugen. 
Der Friede in Europa hänge einzig und allein von ihr ab, 
schrieb er an Catharina.') 

Es dauerte bis in den Hoebsommer, ehe- die Verband- 
langen in FIuss geriethen. In einem Schreiben vom 6. Au- 

') Vgl. St. Priest Etadea diptomstiqnes et litteraiiM I, 00. 
*} Die bdden Schreiben vom 16. Febia&r and &. April 1163, 
Fonchtmgen a. &, 0. S. 72 nnd 76. 

Bgei: Dia ante Tliillaig Fslena. 6 



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8S 



gust 1763 I^te Friedrioli die Grandliaien einer Allisos 
dar. Ein Inn^worfener Qedanke in einem Briefe der Kai- 
serin gab hierzu die Veranlassang. Nach der Ansicht des 
Königs sollte os ein blosser Defensivtraetat sein, die Coa- 
trahenten sich einander ihren Besitzstand gegenseitig ga- 
rantiren und die Truppenanuhl im Falle einer Hilfeleistung 
festsetzen. Die HinznfQgn:^ eines Artikels bes^lich Polens 
stellte er gans dem Ermessen der Kaiserin anfaeim; auch 
Aber den Handel der beiderseitigen TTnterthanen wQnschla 
er eine Bestimmung aufgenommen. *) Fast gleichseitig aber- 
sendete Friedrich den Entwurf eines Vertrages nach Peters- 
burg. Solme erwartete, nachdem die Angelegenheit in dies 
Stadium getreten war, einen raschen Abschluss. Fanin, dem 
er das Project flbermittelte, schien mit den einzelnen Be- 
stimmungen einverstanden zu sein. Nur emp&hl er das 
strengte Gebeimniss. Insbesondere nach Wien dfirfe keine 
Knnde davon dringen. Von Zeit zu Zeit berichtete Fanin 
von dem Stande der Dinge; seinen Beden zu Folge war die 
Kaiserin ätrig mit dem Studium der einzelnen Artikel be- 
schäftigt und versah den Entwurf mit ihren Bemerkungen. 
Vomehmlicb aiif zwei Punkte legte man in Petersburg ein 
besonderes Gewicht : auf die Begelung der schwedischen und 
jwlnischen Fr^^. Die Behauptung oder besser gesagt Wieder- 
gewinnung des ehemaligen EinHusses Busslands in Stock- 
holm, lag der Czarin nicht minder am Herzen als die pol- 
nische Königswahl. In diesem Bestreben des russischen 
Hofes, der französischen Partei die Wage zu halten, lagen 
die Motive, die in Petersburg eine Allianz mit England als 
gleich erspriesslich erscheinen Hessen, wie jene mit Frenssen. 
Denn in Schweden bedurfte es fortwährend nicht unbeträcht- 
licher Geldmittel, nm die Schaar der Freunde zusammen- 
zuhalten. Frankreich war nicht geizig, in Bnssland dag^en 



') Dn Brief vom 6. Angnet, Fonohnngen IX, 3. ISß. 



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83 



fehlte es nur m oft aa den nothwendigen Summen, die zu 
liefern England ansersefaen w&r. Von Friedrich Terspracli - 
man, sich eine besondere Eioäassnahme auf die ihm rer- 
vandten Hofkreise Schwedens, die eme besondere Vorliebe 
für Frankreich an den Tag legten, da man durch dessen 
Unterstützung eine KrÄftigung der fast zur Nullität herab- 
gedrückten königlichen Qewalt erwartete, während Budsland 
diesen Bestrebungen offen und geheim entgegenarbeitete. *) 

Die Nothwendigkeit mit Berlin ins Beine zu kommen, 
wurde auch wegen der polnischen Angelegenheiten tief ge- 
fühlt. Die russischen Staatsmänner befanden sich über die 
Sachli^e in Warschau in nicht geringer Verlegenheit. Bis- 
her war das Bestreben BussUnds blos auf die Bildung einer 
starken Partei gerichtet, um die Bahn für die Darchsetznng 
des in's Auge gefassten Candidaten nach dem Tode des re- 
gierenden X<>uigs zu ebnen. Allein die russischen Anhänger 
ia Warschau wollten diesen Zeitpunkt nicht abwarten and 
planten schon jetzt, wie wir oben dargelegt, die Bildung 
einer ConfCderation und die Absetzung des Königs. Der 
ängstliche Panin witterte den Ausbruch eines Krieges und 
doch wusste er nicht, wie der aberstürzeade Eifer der Freunde 
im Zaume zu halten sei. Wie so oft während seiner späteren 
Amtswirksamkeit, erbat er sich den Bath des Königs. 

Bei Friedrich fanden die Wünsche Busslands in Be- 
treff Schwedens leichte Gewährung. Lüg es doch auch in 
seinem Interesse, den französischen Ein&uss in Stockholm 
nicht zu mächtig werden zu lassen. Die Furcht der rus- 
sischen Kreise Tor einem Kriege mit Oesterreich bemühte 
er sich zu zerstreuen, nicht ohne zugleich wohlmeinende 
Bathschläge hinzuzufügen. Sie erreichen Ihr Ziel, schrieb 
«r Anfangs September an Catharina, wenn Sie Ihre Pläne 



') Vgl. die iDstinction u denfranedsiBoheiiGesaadteii inijtock- 
holm Tom Jahre 1763 bei Flusan Vol. VII. 



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84 



yersehleiem und Ihre GeBandtea ia ConstaDtinopel und 
Wien ustruiren, die falschen OerQchte zu widerl^en, sonst^ 
Verden Ihre Angelegeaheitea darunter leiden. Mit beson- 
derer Genngthnung erfüllte es den König, dass er sich sonst 
mit Fanin in vollständiger U^bereinatinimung be&nd. Die 
Bepublik mOsee in dem vernirrteii Zustande, in dem sie 
sich befinde, dauernd erhalten werden, s^te Panin zu 
Solms. Und dieser Gedanke fand freud^en Anklang bei 
Friedrich. Wer aueb immer zum Tri^r der Piastenkrone 
anserkoren wurde, kümmerte ihn im Grunde genommen 
wenig, wenn nur die inneren, ungeordneten staatlichen Yer- 
haltnisse der Bepnblik keine Aenderung zum Besseren er- 
fuhren. 

Indess war der von Fanin geäusserte Wunsch, möglichst 
raecb das Abkommen mit Freussen zu Stande zu bringen, 
bald wieder yerflqgen. Man hatte sich in Petersburg ent- 
schlossen, dem rastlosen Vorwärtsdrängen der polnischen 
Freunde durch die Erklärung einen Dämpfer aufzusetzen,, 
dass sie bei der beahsiehtigten Bildung einer Conf3deration 
TOn Bussland keine Hilfe zu erwarten hätten, maji gab Au- 
gust in. deutlich zu verstehen, seine Animosität gegen die 
Czartoryski nicht zu weit zu treiben, da man sonst zur Er- 
greifung von Massnahmen sieb genöthigt sehen könnte, die 
dem Kön^e nicht Febr genehm sein würden, endlich ver- 
sprach man dem Prinzen Carl für den Verlust Curlands 
irgend eine Entschädigung. Die Furcht vor einem Kriege 
trat in den Hintergrund, die Allianzangelegenheit war nun 
nicht mehr dringend. Friedrich, der eine rasche Erledigung 
erwartet hatte, sprach seiue Verwunderung aus, dass man 
sich so wenig beeile, auf den von ihm eingesendeten Ent- 
wurf eine Antwort zu ertheilen. Der Gesandte vertröstet» 
seinen kön^lichen Herrn von Woche zn Woche ; Panin hielt 
jedoch die von ihm bezeichneten Termine nicht ein. Frie- 
drich wusste fOr dieses Zandern keine andere Erklärung^ 



IzcJbyCoOgIC 



85 



als dass entweder abermals eine Schwenkuug in den Ent- 
scblQssea des russischen Hofes eingetreten oder fremder, 
namentlich Csterreichischer, EinSusa th&tig sei. Solms wit- 
terte französische und österreichische Umtriebe und wurde 
Ton dem sehlauen Panin in diesen Ansichten, die jedes Grun- 
des entbehrten, bestärkt, j«doch durch den Zusatz beruh^ 
iliss alle Yersnche, die Czarin von Freussen abspenstig zu 
machen, erfolglos bleiben dürften. Der geriebene Diplomat 
rechnete darauf, durch derartige Vorspiegelungen den König 
fSr die hohen Bedingungen, die in das Contreproject aufge- 
nommen werden sollten, gefügiger zu machen. 

Ueber die Pers(5nllchkeit, welcher Catharina die pol- 
nische Königskrone zudachte, hatte Friedrich bisher nicht 
■die geringste sichere Kunde. Catharina hatte in einem 
Sehreiben an den König hlos die Andeutung gemacht: auch, 
sie sei für einen Piasten , nur dürfe es kein Greis sein, 
denn dann würden durch die Aussicht auf eine neue Wahl 
•die Intriguen nie ein Ende nehmen. Wie wir gesehen, er- 
ging sich Solms in Mnthmassungen, die Friedrich wahr- 
scheinlich fand. Erst Ende October 1763 erhielten diese 
Annahmen durch ein Schreiben der Kaiserin Bestätigung. 
An die Darlegung Friedrichs in seinem Briefe Vom 15. Fe- 
bruar anknüpfend , worin er sich für einen Piasten ausge^ 
-sprechen hatte, schlug sie ihm Stanislaus Poniatowski zum 
Könige vor. Nicht seine Beßhigung zu diesem Posten stellte 
flie in den Vordergrund, sondern dass er unter allen Prä- 
tendenten die wenigsten Mittel zur Erlangung der Krone 
besitze und desshalb denjenigen sehr ei^eben sein werde, 
die ihm dazu verhelfen würden. Den etwaigen Einwand des 
Königs , ■ dass er nicht das erforderliche Vermögen besitze, 
um mit Anstand seiner Stellung Genfige leisten zn können, 
behob sie im Yorhinein durch den Hinweis auf die Czar- 
torjski, in deren Interesse es gelegen sei, ein Mitglied ihres 
Hauses an der Spitze der Bepublik zu sehen, die daher 



zedbyCoOgIC 



8« 



nicht zögern wardea, Stanislaus unter die Arme zu greifen. 
Ein geeigneteres Individuum werden wir fQr unsere g^^- 
seitigen Interessen nicht finden, schloBS sie ihren Brief; sie 
trenne die ihren nidit tod jenen des Königs, fQgte sie hinzu» 
lieb^ es vielnieiir, beide unter demselben Gesichtspunkt ste- 
hend zu betrachten. ') 

Catharina war trotz der scheinbar offenen Sprache in 
ihrem Briefe nicht auirichtig. Sie gab sich den Anschein, 
itls erwarte sie eiBt die Zustimmung des KOnigs, ehe sie 
sich zu irgendwelchen Schritten entschliessen würde , um 
ihrem Candidaten die Wahl zu sichern. Doch hatte sie 
schon damals zur Erreichung ihrer Absichten seit längerer 
Zeit eine grosEe Thätigkeit entfaltet und auch die Zusam- 
menziehung der Trappen an den Grenzen von Polen ange- 
ordnet. ITm aber jeden Verdacht ku beseitigen, als habe sie 
im Sinne, sich bei dieser Gelegenheit poloischer Landstriche 
zu bemächtigen , suchte sie die Nachbarhöfe zu beschwich- 
tigen. Denn an demselben Tage, an welchem sie ihr Schrei- 
ben an Friedrich erliess, wendete sie sich auch brieflich att 
Maria Theresia. 

Auch dieser gegenüber sprach Catharina von den ge- 
meinsfdiaftlichen Interessen ihrer beiden Monarchien, von 
ihrer Freundschaft nnd Zuneigung. Kur erwähnte sie hier 
der polnischen fionigswabl blos in allgemeinen Ausdrücken; 
sie wolle die Freiheit derselben in keiner Weis«^ beein- 
trächtigen , wenn sie durch fremde Intriguen nicht zu an- 
dern Massnahmen gezwungen werde; sie würde sich nicht 
entgegeustemmen, theilte sie im Tertranlich klingenden Tone 
0iit, wenn die Wahl auf einen Fiasten fiele. Wenn Maria 
Theresia dieser Ansicht beipflichte, solle sie ihren Minister 
in Warschau anweisen, mit dem niEsischen Gesandten Hand 
in Hand zu gehen. 

') CBttaftrim »n Friedrich 6. October ftlten Stils, Foncbnngob 
IX, S. 89. 



IzcUbyCoOgIC 



87 



Und in fthnliebei- Weise, wie an Friedrich, wurden auch 
in dem Schreiten an Maria Theresia, fast mit denselben 
Ansdrüeken, in einer Nachschrift die militärisülien Mass- 
nahmen Bu»lands erwähnt, anch hier herrui^ehoben, dass 
»ie im Einklänge stehen mit ihren friedlioben Gesinnun- 
gen, da die Aufrechte rhaltang der Bnfae ia Polen ihr eben- 
fidls wichtig sei.') 

In Wien verfolgte mtn seit l&ngerer Zeit mit äagst- 
lieber Spannung die polnischen Angelegenheiten. Als die 
Ennde von der Krankheit des EGuigs von Polen nach Wien 
gelangt war, beeilte man sich in Paris anzufragen, waa fQr 
Massnahmen ftlr den JE^ des Abiebene desselben za ergreifen 
seien. In den nftchsten llonaten drahte Sieb die Correspon- 
dens mit dem österreichischen Gesandten in der fransGsisohen 
Hauptstadt nm diesen Gegenstand. Mit starken Farben schil- 
derte Eannits die Gefahren, die von dem ftbergreifenden Sin- 
äusse Busslands und Preusseus droben, hmohelte eine ent- 
schiedene Gleicb^ltigkeit aber die Person des künftigen 
Kfin^ und bemQhte sieb danulegen , wie sehr nun in 
Wien nur darauf sein Augenmerk richte, daae dieses E6itig- 
reich nicht in die Gewalt einer aggresGiren Macht falle. . 

Zumeist lag dem 'österreichischen Staatskanzler der 
seiner Annahme nach unaweifelbare Gedanke anf dem Herten, 
dass zwischen Preussen und Buaelwad ein Binverst&DduisB, 
wenn nicht scbon ersielt, doch im Antnge seL Gelang es 
den beiden Hftditen, einen ihnen argebeoen Candidat«n dorch- 
xubringen, so gerieüi Polen in die Tollste Abh&ugi^it von 
denselben, der früher gewicht^ und noch immer nicht ganz 
bedentnngBlose ßstuTeichiscbe Eioflnss war vi^t&nd^ aus 
dem F^e geschlagen. Dies sollte und masste thanlichst 
Tennieden werden. Denn nicht blos um die EQnigswahl 

') Bas Sclireibei] Catharina's vom 6. October alten Stils, dem- 
nach Tom selben Tage, wie jene» an Friedricli, in den Docomentea 



IzcJbyCoOgIC 



88 



handelte es sich , sondern, wie Fürst Kaimiti nuastranisch 
wähnte, auch um eine Terkflrzang des polnischen Qebietee, 
in Folge der zwischen Preussen nnd Bnsshuid gepflogenea 
geheimen Verabredungen. Bei der Aussiehtsloeigkeit sieh 
allein den Aggressivtendenzen dieser Staaten irgendwie er- 
folgreich entgegenaetzHD zu kennen, mussten erst andere 
Mächte zu einem gemeinsamen Vorgehen gewonnen werden. 
Fßrst EAunitz versprach sich schon dadurch einen bedeu- 
tenden Erfolg, wenn von den hervorragendsten Staaten En- 
ropa's die Erklärung abgegeben wflrde, dass sie «inem Um- 
sichgreifen Freusseos und Busslanda nicht gleiohgiltig su- 
seben, sondern genßthigt äein wflrden, diensame G^enmass- 
nahmen zu ergreifen. Jedenfalls erwartete er die Wirkung, 
dass Catharina und Friedrich aus Furcht vor einem neu» 
Kri^e auf die Surchführung ihrer Pläne verzichten werden. 
IndeSB das Froject des Ffirsten hatte doch eine heiklige 
Seite. Welchen äneseren Anlass hatte man zu einer der- 
artigen DeclarationP Denn dass zwischen Preussen undBuss- 
land irgend eine Vereinbarung getroffen worden sei, war nur 
blosse Muthmassui^, bestimmte sichere Anhaltspunkte he- 
sass man nicht. 

Auch das Mittel, auf welche Weise eine Handhabe 
gewonnen werden könnte, gemeinschaftliche Verabredungen 
SU p&egen und die polnischen Dinge gewisaermassen vor das 
Forum eines europäischen Areopags zu ziehen, gab Eauoiti 
an die Hand. Die polnischen Monaten sollten sich zu die- 
sem Bebofe an die sämmtUchen europäischsn Mächte mit 
dem Ersuchen zuwenden , ihre guten Dienste bei Rassland 
und Preussen einzuigen, um die erstgenannte Macht ab- 
zuhalten, ihre Drohungen zu verwirklichen, und die letztere 
zu bewegen, den durch die Truppen verübten Schaden in er- 
setzen. Kaunitz erwartete von einem gemeinschaftlichen Vor- 
gehen, einer gleichförmigen Sprache der ersten Mächte vioL 
Dai'flber jedoch gab er sich keinem Irrthum hin, dass es 



IzcJbyCoOgIC 



8t 



«chwer sein dürfte, die Terschiedeaen Höfe Europa's zu 
einer gemeinscliafllicheii Action zn gewinaen. Bezeichoete 
er doch eines jeden dahiozielenden Yereucb in Momenten 
Qflchterner Enr9gung als eine Chimfire. Ganz aufgeben vollte 
er ihD doch nicht. Hatten nicht England, Holland, Dftne- 
mark und Schweden ein Interesse an dem Handel mit Danzig? 

Von dem Thun nnd Treiben der Polen hatte Kaunitz 
Tiel zu richtige VorBtellungeti, um auch nnr im entferotesten 
anzunehmen, ätaa sich gegen die Vebergriffe der nordischen 
Macht eine geschlossene Partei bilden dürfte. Allein er 
hielt dies auch nicht für nothwendig. Wenn sich nur der 
Krongrossfeldherr mit seinem Anhang oder der Primas ent- 
schloss, die Hilfe der meisten M&chte anznmfen, dasUebrige 
fand sich leicht. Indess hegte er anderer-seits begründete 
Zweifel, dass Bjanicki oder der Primas dazu ihre Hand 
lüeten wQrden. Jener stand damals in seinem achtzigsten 
Lebensjahre und hatte in seinem Leben selten Proben einer 
grossen Energie an den Tag gelegt, dieser, ein zweidentiger, 
furchtsamer Charakter, durfte schwerlich bewogen werden 
tonnen, die Initiative zu ergreifen. Trotz dieser Bedenken 
verzichtete Eaunitz nicht auf sein Vorhaben, und da auf 
eine selbstständige Action des Königs von Polen keine Rech- 
nung zu machen war, Oesterreich aber thunliehst im ffinter- 
grunde bleiben wollte, blieb nur Frankreich übrig, die ganze 
Sache in Flnss zu bringen*). 

Die französischen Staatsmänner hatten nicht die ge- 
ringste Neigung, sich tiefer in die polnischen Ai^Iegen- 
heiten einzulassen. Der Chef des geheimen Cabinets Lnd- 
w%'s XV., Graf von Bn^lie, der seineneit in Polen für den 
PrinzenConti in BpeciellemAuftragedes£OnigsthEltig gewesen 
war, besofaäftigte sich damals mit dem Projecte einer Lan- 
dung in England, und Herr von Choiseul widmete den nor- 



<) An Meicy S. JoU und 16. Septembw 1768. (W. A.) 



zedbyCoOgIC 



disclieD Fragen eine geringe Au^erksamkeit; seiner Ansicht 
nach hatte Frankreich eigentlich kein directes Interesse sich 
mit Polen zu beschäftigen. Ben tierflehten einer Theilung 
der£epubljk schenkte er keinen GUnhen; die Eifersucht der 
Nachbarstaaten untereinander, die doch allein dies« Zei^lie- 
derungrollziebeakfiaaten, schätzeFoleQgenBgs&m;FreusBeu, 
BuBsland, Oesterreich und die Pforte seieii nicht die Qegner, 
sondern die Vertheidiger der Republik, diesen MEU^tea kOnne 
Frankreich getrost die Aufgabe flberlasseii, die Integrität 
derselben aufrecht lu erhalten. Nur besondere Ereignisse 
und blutige Kämpfe konnten eine TlieiluDg herbeifabren. 
Im Falle Freusaen und Bussland wirklich mit eimuider hier- 
über ein Abkonuuen getroffen hätten, so liege es im Interesse 
der TOrkei und Oesterreichä dagegen aufzutreten.') 

Wenn Ludwig XV. auch persönlich wünschen mochte, 
den Polen unter die Arme greifen und gegen eine etwaige 
Vergewaltigung schätzen zu können, in dem einen Funkte 
stimmte er mit seinen ofßciellen Satbgebem Uberein, wegea 
der polnischen Wahl keinen neuen Krieg heraufbeschworen 
KU wollen, es ionig bedauernd, dass gerade jetzt der Thron 
Polens zur Erledigung kam.*) 

Die Ansichten des französischen Hinistel? bekundeteq 
geringe Voraussicht und eine falsche Beurtheilaog der Wiener 
Staatsmänner, denn Kaunitz war nicht im entferntesten ge« 
neigt, ohne die innigste Mitwirkung Frankreichs irgend einen 
gewagten Sehritt su thnn. Unbekannt mit den in Versailles 
herrschenden Anschauungen, war Kaunitz unennfldllch dem 
Österreichischen Gesandten neue G«sichtsp«acte und Bel^a 
an die Hand zu geben, die ein entschiedenes Kingrelfea 
Frankreichs zu heischen schieaen. Bald waren es Nachricbten 



') Vgl. die Mittheilung eine« Memoire's bei St. Prieat Etiide» 
diplonwtiqaes et litteraire« I, 96, 

') Ludwig SD TcToier 86. FebiiutT ITSS bei Botttuic »■ b. 0. 



Cg.lzccbyCoOglC 



•I 



ms Bussland oder Frenseeu, die zweifellos docnmentirteD» 
dass diese beiden Atichte einen fefiten Plan mit einander 
Terabredet hatten, bald die-MittbeiluDg, dass Sachsen iok 
Einverst&ndnisse mit Freosgen und Bussland zu sein schein«' 
und eine Zertrümmenmg Polens mit befördern wflrde, wenn 
es selbst mancherlei Vortheile erhalten k<:>nnte. 

Man bäumte sich in Wien gegen die Wahl eines Piastea, 
weil dadurch der russische und prenssische Einfluss in Poles 
nur an Bodes gewinnen wflrde. Denn nur einer solchen Per- 
sJlnlicbkeit wollte man die polnische SAnigskrone über- 
tragen wissen, die in vollster Unabhängigkeit von Berlin 
und Petersburg mit Oesterreich ein gutes Einvernehmen zu 
pflegen bereit sein durfte. Eine solche Gesinnnng setste- 
man bei dem Kui'fflrsten von Sachsen voraus. Noch gab 
man nicht alle Hoffnungen auf, dass die Milde und Leut- 
seligkeit seines Charakters, der Verstand und der Geist der 
Knrfflrstin einigen Eindruck machen würden, und die Polea 
bew(^n werden könnten, ihn zum KOnig zu wfthlea. Eine 
principielle Opposition gegen die Wahl eines Plasten war 
in Wien äbrigens nicht vorhanden. Selbst einem Mitgliede der 
Czartorjski'schen Familie missgOnnte man es nicht, denThron 
Jagello's zu besteigen, wenn diese, wie man damals wenigstens 
behauptete, nur nicht Freussen ergeben gewesen wOxe. 

Im Laufe des Sommers hatten sich die Ansichten der 
Wiener Kreise wenig geklärt. Man glaubte nunmehr nicht 
sweifeln zu sollen, dass zwischen Buasland tmd Freussen be- 
stimmte Abmachungen bestflnden. Die Sorge, ob nicht auch 
bezflglich einer Gebietserweiterung Vorbereitniigea getroffei) 
worden seien, wurde man nicht los. Diese l&hmte auch alle 
Entsehliessiuigeu. Mercy, der auf dem Sprunge stand, von 
Petersburg abzureisen, erhielt den Auftrag sich zu bemfibeo, 
diesen Funkt in's Klare zu bringen, und falls ein definitiver 
Abschloss bisher noch nicht erzielt worden war, den Peters- 
burger Misistern die Augen zu Offnen und ihnen begreiflich 



IzcUbyCoOgIC 



ft 



SU macheB, dass die liachtheile elnerVeigrössening Freussens 
doch weit schwerer wiegen, als alle Yortheile, die BoBsland 
erwachsen konnten, auch die Yoisicbt es erfordere, den De- 
fenairtractat mit Freussen in eine solche Form in kleiden, 
Aass eine Verst&ndi^ng mit Oesterreich nicht ftli immer 
unmöglich gemacht werde; endlich sollte er auch durch- 
blicken lassen, dass die BDcksicht auf die Pforte Oesterreich 
nicht bewegen könnte, die ehemaligen Vertri^ mit Buss- 
land zu emettem. Die letztere Andeutung war darauf be- 
rechnet , Bussland jede Aussicht m beoehmen, Oesterreich 
KU gewianeu, wens es etwa gleichzeitig mit Freussen itm^ 
Beziehungen anssknapfen gesonnen war.*) Afon war mit 
Vergnügen zu allen Opfern bereit, und bei der bekannten 
Beütechlichkeit der russischen Staatsmänner, die die Inter- 
essen des Staates fQr beträchtliche Summen ohne Scrupel 
Freis gaben, ist es leicht b^eiflich, dass man zu jedem 
Hilfsmittel griff, wenn es sich um die Erreichur^ vitaler 
lotBreaaen handelt«. 

Die SprOdigkeit Frankreicbs, sich Aber ein gemein- 
sames Vorgeheu in der polnischen Frage zu Terstftndigen, 
war die Ursache, dass es trotz mehrmonatlicher Verhand- 
lungen an einem bestimmten Programme fehlte und ein 
Entschluss noch nicht gefasst war, als die Nachricht yon 
<iem Ableben des Königs von Polen einlief Nur über einen 
Fniikt war man sich vollständig klar: es als die widrigste 
und dem Ershanse schädlichste Begebenheit anzusehen, wenn 
Bussland und Freussen sich auf Kosten der Bepublik ver- 
grössera würden. Kaanits stellte damals als unrerrückbaren 
Grundsatz für die österreichische Politik den Satz auf: dass, 
wenn man auch Oesterreich die grössten Vortheile in Polen 
«der anderswo anbieten würde, man dennoch alleo diesen 



•) An Hen? 1. Octobet iTes. (W. A.) 



Dgilizc-ObyCoOglC 



n 



Lockuugen widerstehen und Polen in seinem gegenwärtige» 
Znstande zu erhalten suchen mflsste. 

So sehr sich Kannitz die Miene gab , als habe er nur 
die Int^it&t Polens im Ange, wäre er nnter gewissen Be- 
dingungen bereit gewesen, das mit rielem ESfer vertretene 
politische System ganz flbef'Bord zu werfen nnd mit Prenssea 
nnd Bussland gemeinsame Sache zu machen, trotzdem er 
in den verschiedenartigsten Yanationen anseiuandersetzte, 
wie sehr eine YergrCsserung der beiden Nachbarstaaten dem 
Osterreichischen luteresse entg^;en sei und Oesterreich nur 
die Anfrechterhaltung des statos quo im Ange habe. Fttr 
eine Abtretung Schlesiens und der Chratschaft Glatz, oder 
ffir eine Zusichenmg der baierischen Erbfolge wQrde er 
freudig die bisher befolgten Bahnen verlassen und mit Boss- 
land und Fren&sen im Buode zur ZerstQekelung Polens mit- 
gewirkt haben- Nur die Aussicht blos ein Stack polnischen. 
Gebietes zu er^eibeu, war nicht verlockend genug, um den 
Staatskanzler zu einem Absprunge von seinen Ansichten zu 
bewegen. ') 

Die kurz nacheinander einlaufenden Schreiben Fried- 
rieh's und Maria Xberesia's in Petersburg mussten endlich 
die Dinge zur Beife bringen. Weao Catharina bisher nur 
zögernd au den Abscbluas der Allianz mit Freussen ging, 
weil sie eine gewisse Bflcksioht auf die Jteterreichisch gesinnte 
Partei, deren Anbanger nicht unbetrftcbtlieh waren, nehmen 
wollte: die polnischen Angel^enheiten führten die Ent- 
scheidung herbei. 

Friedrich beantwortete den Brief Catharina's schon am 
I.November. Er ging auf die Vorschläge der Kaiserin einfach 
und rückhaltalos ein, indem er sich anheischig machte seinem. 
Gesandten in Warschan die Weisung zu ertheilcn, mit Kej- 
serlingk gemeinschaftlich zur Wahl Poniatowski's mitzuwirken. 



') An StMhemberg 7. Anguit 1788. (W. A.) 



IzcJbyCoOgIC 



»4 



Bereitwillig sagte er ibr zu, in ConstantiDOpel ebenfalle 
thät^ sein zu wollen, am bd der Pforte die Erspriesalich- 
keit der Erhebung eines Plasten auf den Tfaron in'a belle 
Licht zu setzen. Obwohl, l^gte er schliesslich hinzu, die 
Allianz noch nicht at^eschlossen sei , sehe er Busslaud 
TOD diesem Momente als seinen Bundesgenossen an. 

Einige Tage spllter antwortete Maria Theresia. So 
glatt und freundlich ihr Schieiben auoh gehalten war, so 
geringer Widerspruch auch gegen die Wahl eines Plasten 
erhoben wurde, es wurde doch nicht in Abrede gestellt, dass 
man in Wien die Wahl des Kmfttrsten besonders gern sehen 
würde. Maria Theresia legte das Hauptgewicht auf die 
Wahrung der Freiheit und die Einhaltimg verfassungs- 
mässiger Formen. Auch hob sie hervor, keine Einwendung 
g^en die Wahl eines heimischen Crossen erheben zu 
wollen, wenn sie über eine Theüung Polens dauernd be- 
ruhigt würde. Sei dies der Fall, stehe einem gemeinsamen 
Vorgehen Oesterreichs nnd Busslands nichts entgegen. In 
einer Kachschiift wurde , in ähnlicher Weise wie in dem 
Briefe Catharina's, der Zusammenziehung russischer Truppen 
Erwähnung gethan. Die Wendung, dass nach erfolgter Ver- 
ständigung zwischen Oesterreich , Bnesland und Preussen 
Niemand es wagen würde, Unruhen in Polen hervorzurufen, 
und es daher demUrtheüe der Czarin überlassen bliebe, ob es 
nicht rathsam sei, sich jeder Demonstration zu enthalten, gab 
doch unzweideut^ zu erkennen, dass man in Wien mit un- 
erschütterlichem Misstraueu die Schritte Busslanda in's Ai^e 
fasse.'} Kannitz beabsichtigte nun allerdii^ die russischen 
^Kreise durch die e^enthümliche Fassung des Briefes, wie 
er sich ausdrückte, zum Nachdenken zu bringen und auf 
eine unverfUngUche Art zs erkennen zu geben, dass die 

') Daa Schreiben Harn Theresia'B Tom S.NoTomber in den Do- 
cumenten ts. 61 , nur ouToUständig abgedradt bei HSiuser, Forachun- 
gen IX. & 33. 



IzcJbyCoOgIC 



verdeckte DiobUDg Busstaads keiaen sonderlichen Eisdrack- 
in Wien gem&cht habe.') Ond diese Wirkung scheint er 
auch Tollständig erreicht zn haben. 

Kurz znvor, ehe die Zeilen Maria Theresia's in Peters- 
burg angelangt waren , hatte sich dort endlieh eine Yer- - 
änderung vollzogen, die man in Berlin schon läi^t er- 
sehnt hatte; Panin übernahm die Leitung der auawftrtigen 
Oeschäfte. Der Einflnss BestasehefTs war damit dauernd be- 
seitigt, nnd der prenssische Gesandte konnte von diesem Er-^ 
eigniss mit besonderer Befriedigung seiaem Qebieter Kunde 
geben. Fanin erörterte nun bald nach Uebernahme seines 
Amtes mit Solms, in welcher Form der Polen betreffende 
Artikel abgefasst werden solle. Russland wollte insbeson- 
dere zu Terbindem suchen, dass auf dem polnischen Beicbs- 
tage nicht Beschlösse gefasst wQrden , die eine Erstarlmng , 
der königlichen Gewalt znr Fo^e haben könnten. Die zu 
allen Beschlossen erforderliche Einstimmigkeit sollte auch 
in Zukunft beibehalten und eine Vermehrung des Heeres 
mcht gestattet werden. Denn gelänge es den Polen diese 
Beformen durcbzufQbren, erklärte der russische Minister, 
dann gäbe es kein Mitte], die Reichatage abzubrechen, und 
an den Grenzen zusammengezogene Armeen würden die Polen 
nicht mehr in Fnrcbt versetzen können. Diesen Ansichten 
pflichtete Friedrich ganz bei, indem das gemeinsame Inter- 
esse es gebiete, Polen in dem Zustande zn erbalten, in wel- 
chem es sich g^enwärtig befinde. 

Erst aUmälig konnte Friedrich klar sehen, welche 
Forderungen Russland an ihn zu stellen gesonnen war. 
Es lag nicht in der Absicht des Königs, sich in diiecter 
Weise in die polnischen Händel einzumischen und an der 
Niederwerfung etwaiger oppositioneller Strömungen in 
Polen äch actir zu betheiligeu. Er wollte Rnsslaod nur ge- 



) An Merej Tom M. Nov. 176S. (W. A.) 



IzcJbyCoOgIC 



währen lassen, welches er fOr stark genug hielt, mit sei- 
nem Willen itt Warschau durchzudringen, da er die Be- 
thätignng Oesterreichs und Frankreichs nicht gerade hoch 
anschlng, wenn er auch manchmal in seinen Depeschen an 
Solnis das Gegentheil versiclierte , um auf die Petersburger 
einen Druck auszuüben. Diesen erschienen die Dinge doch 
in einem andern Lichte. Sie waren über die Haltung Oester- 
reichs und Frankreichs nicht ganz beruhigt nnd hefdrch- 
teten von der antimssisoben Partei in Warschau einen 
energischen Widerstand. Die Nachrichten aas Polen lauteten 
damals eine Zeit lai^ nicht gerade günstig für den russi- 
schen Candidaten. Allgemein nahm man an, dass es der 
sächsischen Partei oder der Coalition der G^ner Euss-- 
lands doch gelingen werde, dessen Pläne zu vereiteln, und 
selbst wenn es Bussland glückte, seinen Schützling zum 
König zu machen, wie leicht konnte eich eine GegeaconßS- 
deration bilden , ein Gegenkönig aufgestellt und Stanislaus 
August gezwpgen werden, sieb mit Oesterreich und Frank- 
reich IL Unterhandlungen eluzulassen , um eine allgemeine 
Anerkennung zu erzielen. Damit konnte sich die russische 
Politik nicht zu&ieden geben, deren Hauptstreben dabia 
gerichtet war, dass der neue Monarch nur ausschliesslich 
Bussland die Erone zu danken haben sollte. Panin forderte 
daher für den Fall, dass Bussland sich genOthlgt sehen 
würde, Truppen in Polen einrücken zu lassen, die active 
Mitwirkung Friedrich's, ohne sich mit dem blos passiTen 
Geschebenlassen zufrieden zu geben.*) 



V Depesche von Solme 9. December 1763 Fondtnngen 96 fg: 
... et U (I^in) m'& dit qn'il »ooli&itait qoe V. M. voalnt bb per- 
anador, qn'il ne snfflsüt pw de ne point s'oppoaer aoi desaeiiiB de 
r Imp. maie qn'il importut ä TinterSt comman dee deux Coiu^ et k 
ratabUsBement aolide da ayatönie Piosden ä cdli-d, qne V. H. äprte 
aT(Ht reconnue l'atUitä d'nn plan anr lequel on ae aeroit concertä, nv 
r^TiBät point de pretei tonte rassietance ponible poor son eiecntion. 



IzcJbyCoOgIC 



97 



Hierauf einzugehen, wai Friedricli mit sichten gewillt. 
Eine DefensivallianE strebte er mit Bussland an, um sich 
fOr den Best seiner Tage daaernd die Buhe zu sichern; sich 
an irgend einem Schritte zu betheiligen , der nur im ent- 
femteeten die Gefahr eines a%emeinen Krieges in sich 
barg, l&g ihm vollständig ferne. Der Lorbeeren war er satt, 
die man auf dem Schlaohifelde erwerben konnte, er dfirstete 
nach dem Bnfame, einen blühenden Staat seinen Nachfolgern 
lu überlassen. Wegen eines Czartoryski oder Foniat^wsM 
einen gefahryollen Krieg heraufzubeschwören, hielt er för 
ein Verbrechen, eher wollte er einwilligen, dass ein sach- 
sischer Prinz Ton der Republik zu ihrem Haupte auserkoren 
wnrda Solms sollte Panin erinnern, schrieb er, Carl VI. 
hatte durch seinen Eifer, seinen Candidaten auf den pol- 
nischen Thron zu bringen, eine ProTiuz, den EUass, verloren. 
Zu einer Xachahmnng dieses erhabenen Vorbildes zeigte er 
durchaus keine Meigang.') 

Wozu brauchte man auch in Petersburg seine Unter- 
stützung? Beichten die russischen Streitkräfte nicht aus, 
um den ansersehenen Mann eventuell auch mit Waffenge- 
walt auf dem Throne zu erhalten ? ;8eine eigene Mitwirkung 
hielt Friedlich nicht fQr nothwendig. Er glaubte genng ge- 
than' zu haben, wenn er die russischen Tmppen g^en 
eine deutsche Macht, die etwa Miene machte einzugreifen, 
deckte. Wenn Oesterreieh ein Heer vorrücken liess, dann 
wollte er sich nicht entziehen, die erforderliche Hülfe zir 
leisten. Er hielt an der Ansicht fest, dass das Einrücken 
eines preussischen Heeres in Polen einen aUgemeinen Kri^ 
zur Folge haben könnte, wahrend Panin gerade die gegen- 
theiUge Anschauung zu erhärten suchte, dass das einträch- 



'} Das HuidBchreiben FriedrichB an 8olniB vom E7. December 
Twi HiuMer, Foiwhangen ». a. 0. S. 97. 

Beet: DI* 4nl< Thaüunir Polmu. 7 



IzcJbyCoOgIC 



tige Zusammenwirken Preuasens und Bnsslands von Vorne- 
berein einen jeden Krieg im Keime ersticken verde. 

Selbst Andeutungen von Vortheilen, die Fanin m&clite, 
beirrten Friedrich in seinen fseten Ornndsätzen nicbt. .Es 
verde den ESnig niclit gerenen, s^te Panin zn Solms, der- 
artige Verpfiichtungen Übernommen ta haben, wenn |die 
Dinge gegen alle Erwartung in'a Eitrem getrieben werden 
sollten; auch Bnasland werde eich seine Mfibe gat zahlen 
lassen nnd nicht umsonst arbeiten wollen. Friedrich sachte 
alle Bedenkiichkeiten des russischen Ministers zn aerstreoen. 
Niemand werde daran denken, sich um eines polnischen 
Bönigs willen in «nea neuen Krieg zu stürzen, die Er- 
sohöpfnng sei eine allgemeine; es genflge ein BinverstÄnd- 
niss zwischen Bussland und Preussen. Dem Graaadten 
schärfte er ein, auf seiner Hut zu sein nnd sich ohne 
specielle Qenehmigui^ in nichts einzulassen.*) 

Der Entwurf eines Vertrages, den Friedrich in den 
ersten Augusttagen an Solms zur Uebermittlnug an die 
Kaiserin übersendet hatte, enthielt durchw^ nur Bestim- 
mungen defensiver Natur. In klaren nnzweidentigen Worten 
war dem Tractate sein defensiver Charakter gewahrt. Erst 
als Fanin mit seinen Fordorungen herausrückte, dass Frie- 
drich in aotirer Weise bei der Wahl eines Königs durch 
Zuummenziehuiig von Truppen an den Grenzen mitwirken 
sollte, ging Friedrich einen Schritt weiter ; (sr erwies sich 
insoweit entgegenkommend , als er es mit den Interessen 
seines Staates vereinbar hielt. Bei einem Angriffe Oester- 
reichs gegen Buaaland wollte er ein Hilfscorps von 20.000 
Mann senden, unter der Bedingung jedoch, dass ihm, falls 
er selbst aus Anlass der Allianz von Maria Theresia be- 
droht würde, eine gleiche Truppenanzahl zur Verfügung ge- 



') Depwdhe tod Solma Tom $0, DMember nnl »n 8 
31. J&na» ITSl, ForBsh. IX. S. »9 nnd 10». 



IzcJbyCoOgIC 



stellt wurde. ^) Fanin wollte jedoch auf eine Iruppenzu- 
aammensielnu^ ul der Qrenze nicht Terziohbea; nichts sei 
mehr geeignet, die voilstäodige Eiatracht Fretissens nnd 
Kusslands den fremden Mächten zu Gemütbe zu führen, 
sagte er zu Solms, Niemand werde sich dann regen. End- 
lich sollte auch eine Vereinbarung getroffen werden, dass 
die beiden Milchte nach erfolgter Neuwahl eine Declamtion zu 
arlassen hfttten, worin sie den K9n^ anerkeuneu, um jene 
Partei abzuschreckeD, die Tielleicht zu einer Gegenwahl zu 
schreiten beabsichtigen sollte. Solma rieth, diesen Funkt nicht 
abzulehnen, eine Weigerung könnte den Abschluss des Ver- 
trages überhaupt nur verzögern und die Stellui^ Fanin's ge- 
fährden, es überhaupt der OsterreichischenPartei ermöglichen, 
das Heft in die Hände zu bekommen.") 

Ein Vergleich des endlich am 11. April 1764 nnterzeich- 
neten Vertrt^es mit jenem Entwürfe, den Friedrich im Au- 
gust 1763 nach Fete^burg gesendet hatte, macht es beson- 
dere ersichtlich, in welche Concessionen Friedrich willigen 
mnsste, wenn er überhaupt eine Allianz zwischen Freuasen 
und Busslaud za Staude bringeo wollte. Schon in formater 
Hinsicht fällt es in's Auge, dass der Entwurf Friedrich 's bloe 
aus 8 Artikeln bestand, während der definitiTe Tractat deren 
riensehu enthält. Hiezu kamen noch einige geheime Sepa- 
ratartikel und eine geheime ConTeution. ') 

Schärfer noch tritt die Differenz in raeritorischer Hin- 
sicht hervor. Der Entwarf Friedrich 's euthielt für beide Con- 
trahenten die Verpflichtung , keinen anderen Vertrag zu 
schliessen, der dieser Allianz entgegenstünde. Eine ganz aa- 



') Dopeiche rom 8. Januar 1TÖ4 (Aie jedoch bei Eänaaer nicht 
abgedruckt ist). Vgl. Forach. S. 130, die Depesche vom 20. Januar 1764. 

'j 24. Januar 1764 von. Solms, Forachangea iX, S. 131. 

') Martens I. S. S4. Die beiden Emeodatlouen des zweiten und 
dritten Artiltels bei HäuBser, Forechnngen IX. ij. 146. 



IzcJbyCoOgIC 



IW 

dere Fassung tritt nns in dem wirklicliea Vertrage eatgegen. 
Die Freiheit mit andeiea Staaten Tractate abzusdüiessen 
wm-de ansdrOcklich gewahrt, allerdings unter der Voraus- 
setatmg. dass der vorliegende Vertrag dadurch keinerlei Ab- 
bruch erleiden, im Qegentheil mehr Eraft und Wirksamkeit 
erhalten sollte. Mau verabredete sogar, auch nooh andere 
Hfife, die von denselben Gesinnungen beseelt seiea, zom 
Beitritte einzuladen. Schon damals beschäftigten sich die 
Petersburger Staatsmänner mit jenem Projecte, an dessen 
Verwirklichung die russische Politik später so oft Hand an- 
legte: eine Allianz der nordischen Mächte in'a Leben zu rufen. 
Indem man auf der Annahme dieses Punktes in Petersbu^ 
bestand, wahrte man eich nicht nur vollständige Freiheit 
in Bezug auf die Abschliessung neuer Bandoisse, sondern 
gewann aucji eine Handhabe, um eventuell die Betheilignng 
Freossens an der Durchführung der nordischen Politik Buäs- 
lands fordern zu kOnnen. 

Die beiden Gontrahenten garantirten einander ihre 
Staaten, versprachen einander fflr den Fall, wenn sie von 
irgend einer Macht angegriffen würden,. ihre guten Dienste 
und nach erfo^em Aneuehen eine Unterstützung von 10.000 
Mann Infanterie und 2000 Mann Cavallerie. Sollte aber diese 
Hilfeleistung nicht für genügend befunden werden, so blieb 
die Festsetzung einer ergihigeren IJnterstQtsung einer künf- 
tigen Vereinbarnng von Fall zu Fall vorbehalten; auch die 
gesammte Heeresmacht eines Staates sollte von dem widern 
in Anspruch genommen werden kdnneu. Beide Gontrahenten 
verpflichteten sich ohne gegenseitige Zustimmung keinen 
Frieden mit dem Feinde zu schliessen, ohne Eenntniss de» 
andern Theilea sich auch in keinerlei Verhandlungen einzu- 
lassen. Wurde eine der beiden Mächte, während sie die 
fesl^esetüte Unterstützung gewährte, selbst angegriffen, so 
konnte sie die Truppen awei Monate nach erfolgter Anzeige 



IzcJbyCoOgIC 



Iti 

iibberufen, befand sie sich selbst im Kriege, blieb sie für die 
fpiuze Bauer desselben von jeder Hilfeleistung be&eit. 

An den Hauptvertrag reihten sich vier geheime Ar- 
tikel und zwei geheime Separatartikel, die eigentlich die 
wichtigsten Punkte enthalten. Der »^te geheime Artikel 
setzte die Bedingungen fest, unter welchen die militärische 
Hilfeleistung durch Geld ersetzt werden konnte. Wenn Buss- 
land in den an die Türkei und die Krim grenzwden Fro- 
yinzen, oder wenn Preossen auf der Seite von Geldern, 
Oleve, Ostfriesland, überhaupt jenseits der Weser einen An- 
griff XU erfahren -hätte , sollte die zu gewährende Unter- 
stützung nicht in Truppen, sondern in Geld erfolgen; und 
zwar mit 400.000 Rubel jährlich f^r die 10.000 Mann In- 
i'anterie und 2000 Mann Cavallerie.*) 

PreuBseti übernahm die Verpflichtung, mitzuwirken, 
dzsa die gegenwärtige Verfassung Schwedens au&echt er- 
halten werde, und wenn sich auch die Vereinbarung vor- 
läufig auf ein gemeinschaftliches Vorgeben der Gesandten 
Rnsslands und Preussens in Stockholm beschränkte, so war 
für den Fall, als dies von geringer Wirkung sein sollte, um 
■diejenigen, die auf eine Stärkung der königlichen Gewalt hin- 
arbeiteten, von ihrem Vorhaben abzubringen, dieVerabredai^ 
weiterer Massnahmen in Aussicht gestellt. Friedrich garan- 
iirte dem GrossfUi^ten, als Reizog von Holstein, seine g^en- 
•wärtigen Besitzungen in Deutschland und versprach bei 
etwaigen Verhandlungen mit Dänemark wegen Ausgleichung 
einher Differenzen binsichtlieh Schleswigs seine guten Dienste, 
um dem Grossfllrsten zur vollständigen Befriedigung seiner 
f^rechten Ansprüche zu verhelfen.') 

') Der Artikel bei EUiuBer, ForscfauDgen IX, S. 147 zum cntoi 
Jfale at^ednickt. 

*) Diese beiden Artikel bei Bäusser Funchungan IX, ä. I3i 
nnd ISO., der Scbveden bctrefiendu Artikel zocret abgedmckt bei 
Tengbcrg: Om K«jaariniuui CathRTinaU. i»jtl»At (ton Nordisk» Al- 
Uanee S. 111. 



IzcJbyCoOgIC 



1« 

Ferner Terbanden sich die beiden Contnhenten mr 
Aufreohterhaltüng des freien Wahlrechtes in Polen, der Art, 
dass es Niemand gestattet Bein sollte, die königliche Wflrde 
in seiner Familie erblich au machen oder sich eioe absointe 
Gewalt in erringen; allen dahin strebenden Absichten woll- 
ten sie entschieden, sogar mit Waffengewalt entgegentreten, 
nm die Bepublik vor einem Umstnne ihrer Verftssnng nnd 
ihrer Fundamentalgesetze sa bewahren. 

In welchem Sinne diese altgemein lautende Bestimmung- 
fiber Polen gemeint war und welche Absichten denielben 
EU Grunde lagen, wurde in einer geheimen Convention und 
zwei geheimen Separatartikeln festgesetzt. 

PrensBen und Rnssland einigten sich Ober die Bewerk- 
etelligung der Wahl eines Königs. Der Name desselben wurdet 
um jeden Zweifel anszuscbliesseD, in dem zweiten geheimen 
Separatartike] genannt. Und da die Kaiserin schon gewisse 
Verabredungen mit dem gut gesinnten Theile der Nation 
XU diesemBehufe getroffen, verspricht der KOnig vonPrenssen 
durch alle nur erdenklichen Mittel seine Uuterstfltznng zur 
Erreichung dieses Zieles. Da ferner Russland an den Grenzen 
Polens ein Trnppencorps bereits Eu^ammengezogen hatte, am 
ffir jede EventualitSt bereit zu sein, so machte sieh der König 
von Freussen anheischig an der preussiseh-polnischen Grenze 
fthnliches m thun. Die Gesandten Busslands und Frenssens 
waren ohnehin schon angewiesen worden, unmittelbar nach 
der Wahl die Anerkennung des von den Contrahenten em- 
pfohlenen Candidaten ansensprechen und die Erkl&mng ab- 
sageben, dass wenn es eine Partei wagen'soUte, die Buhe der 
Bepublik zu stören und gegen den rechtmässig erwShlten 
KOnig eine Conföderation zu bilden, Preussen nnd Bussland 
Truppen in Polen einrücken lassen und schonungslos gegen 
Personen und Gflter in kriegsrechtlicher Weise vorgehen wür- 
den. Sollte diese Declaration zur Niederschlagung jedes Wider- 
standes nicht genügen, fibernahm es Bussland allein zur 



Dgilizc-Ub'/GoOglC 



IM 

ünterdrfickosg der Uoruliett einzuBchreiten, w&hreod Prens- 
sea 1)lo8 eine Mitwirkaog durch Bewegungen und Con- 
centrifungen Ton Truppen an der Grenie zusagte. Wenn 
ab«r eina fremde Macht Truppen in Polen znr Unterstfit- 
Eung der Conftiderirten einraeken laaeen sollte, versprach 
der König 20.000 Mann sitr UnterstQtxung des niasisclieTi 
Beeres nach Polen zu senden. Erfolgte -aus diesem Grande 
ii^nd ein Angriff gegen einen der Contrahenten, sagten 
sie sich eine weitere Unterstützung von 20.000 Mann sn. 

Endlich wurde auch eine Bestinmiiing hinsichtlich der 
Dissidenten rereinbart;. BusBland und Preussen verpflichten 
sieh, die in Polen und Lithauen unter dem Kaines Dissi- 
denten bekannten Griechen, Lutheraner und Beformirte sn 
beschfitzen, durch entschiedene, wenn auch freundsehaft- 
Uche Vorstellangen bei dem König und der Bepnblik dahio 
xn wirken, dass dieselben in den Genuss ihrer Bechte, Frei- 
heiten und PriTilegien gelangen, welche dieselben froher in 
geistlichen nnd weltlichen Angelegenheiten besessen hatten, 
tmd wenn dies gegenwärtig nicht erreicht werden könnte, 
eine gOnstigere Gelegenheit abziiwarten, vorläufig aber die 
Dissidenten gegen jede Ungerechtigkeit und Unterdrückung 
Bioher zu stellen.*) — 

Bnssland hatte bei dem Abschlüsse des Vertrages alle 
seine Absichten erreicht. Die vollständige Isolirtheit Pried- 
rich's nöthigte ihn schliesslich allen jenen Bedingungen zu- 
zostimmen, gegen deren Aufnahme er sich Anfangs aus 
tieföter Seele sträubte. Die bezüglich Schwedens und des 
GrosgfBrsten getroffenen Vereinbarungen wollten nicht viel 
besann; Friedrich hatte nicht zu befOrchten, desshalb in 
einen Krieg verwickelt zu werden. Um so schwerer wogen 
jene Artikel, die Polen betrafen. Wohl war es dem Scharf- 



■} Die liier «rwftbnten Fonkte bd HSiuiei l a. 0. US d. 1M^ 



IzcJbyCoOgIC 



blick des K9n^ nicht ent^ngen, dass Oeaterreich und 
Frankreich zwar grosse Worte im Munde führten, den Beden 
aber die Th&ten sehweiüch folgen würden. Auch die Be- 
richte ans Polen -lauteten im Frühjahre ziemlicli günstig. 
Trotz aller Oegenstrebungen gegen Jden russischen Thronoan- 
didatf^n , zeigte die antirussisohe Partei viel zu weo^ innem 
Znsammenhalt und eine grosse Planlosigkeit. Allein mit 
Sicherheit war der Erfolg dennoch nicht au verborgen. Oester- 
reich und Frankreich kounten sich noch in der letzten Stunde 
zu einem energischen Vorgehen aufraffen, oder durch daa 
brüske Auftreten Busslands wider Willen zum Schwerte zu 
f^eifen sich gezwungen sehen. Dann waren alle Friedens- 
hoffuungen des KOnigs zu Grabe getragen. 

Selbst eine Milderung mancher allzuharten Bestim- 
mung konnte Friedrich nicht durchsetzen. (Immer lautete 
der Befrain: der Vertr^ werde schwerlich zustande kommen, 
oder man sah in Petersburg in jedem Antrage des K&uigs 
den Hintergedanken, dass er an der Begelnng der polnischen 
Angelegenheiten sich nicht ernstlich betheiligen wolle. Und 
wenn Friedrich nicht mit Unrecht darauf hinwies , dass bei 
dem ganzen Vertrage der LOwenantheil Bassland zufalle, 
hatte, man gleich die bündle Antwort in Bereitschaft, die 
neue Allianz kSnne nur dadurch befestigt werden, wenn 
man in Bnssland den Glauben erwecke, dass sie dem Belebe 
zum Vortheil gereiche, da die Gegner soüst nur allzuleicht 
den Vorwurf erheben kannten, dass der Beistand Preussena 
allzutheuer erkauft worden sei. 

Alle Polen betreffenden Artikel des Vertrages sind 
in Petersburg formulirt worden, die in ihrer Fassung Buss- 
land eine Handhabe zur Beherrscbuii^ Polens boten. Unom- 
flchränkt konnte es nunmehr seinen Willen in Warschau 
durchsetzen, im Bunde mit Preussen war die Einmischung 
aaderer Mächte nicht zu fürchten. So grossen WiderwÜlra 
auch Friedrich empfinden mochte, unter solchen Bediogungea 



IzcJbyCoOgIC 



■dem Vertrage seine Zuatimmui^ zu ertheilen, er Iiielt die 
Allianz mit Bussland fllr vortheilhait genug, um endlich 
«inzuwilligen. Nur die Bestimmung fiber den den Dissiden- 
ten zu gewährenden Schutz hatte er in Anregung gebracht 
Einen Hintergedanken verfolgte er dabei nicht, er gab nur 
•den Bitten seiner Glaubensgenosseu, die sieh seine TJater- 
stützung erflehend an ihn wendeten, nach.^) 



') Durch diese Mtenmüsige Darstellon^ oriadiffen sieh alle Con- 
Ton Smitt I. p. 91 fg. 



IzcUbyCoOgIC 



vierte« Capitel. 

Die Wahl Stanislaus Äugusfa. 

AugUBt ni. hatte am 5.0ctober dae Zeitliche gesegnet; 
der Enbischof von Gneseu, Wladislaw Aleiander Lubienski, 
flbernahm den Gesetzen gemfiss die Führung der Geschäfte. 
Mit dem Tode des KSn^ stellten alleGerichte, die im Namen 
desselben Becht sprachen, ihre Functionen ein; eine Keuwahl 
derselben mnsste erfolgen. Sie Yorbereitungea zur Einbe- 
mfnng einee Beichstages wurden getroffen, ffir den Monat 
Februar die Dietinen zur Wahl der Landboten einbemfen. 
Der Reichstag selbst sollte im Monat Mai zusammentreten. 

Obwohl Auguflt'sIII. Regierung durchaus keinen Glanz- 
punkt in der Geschichte des Landes bildete, stimmte der 
Erzbischof Ton Gnesen doch einen Etageton an, als ob das 
Tat^Iaod den härtesten Verlust erlitten hätte. Unser Wohl- 
thäter, rief er aus, ist nicht mehr; das Vaterland ist ohne 
Vater, das Königreich ohne König, der Senat ohne Ober- 
haupt, das Scepter ohne Haud, dje Unterthajien ohne Herrn, 
die fiepublik ohne Seele, wir alle sind verlassene Waisen. 

Mit dieser Lobrede standen die Klagen desselben 
Mannes über den trostlosen Zustand des Staatswesens im 
grellen Contraste. In denUniTersalien, die von demErzbisi^of 
behufs Einbemfiing der Dietinen erlaEsen wurden , entwarf 
er die traurigsten Schilderungen aber die innere und ftns- 
sere Lage der Bepublik. Seit 37 Jahren sei kein ordentlicher 
Beichst^ zu Stande gekommen ; eine «Qate Anarchie mache 



IzcJbyCoOgIC 



I«7 

äeli auf allen Gebieten der Tenraltnng und der Rechts- 
pflege bemerkbar. Die äesehJcbte, setste der Primas aus- 
einander, biete von einem solchen Zustande wenig Beispiele. 
Das einzige Heilmittet erblickte er noch in dem Znstande- 
kouomen eines Beiohstages, um die Missbränche, die sich 
in den letzten Jahren eingeschlichen, -m beseitigen. Zu- 
gleich ermahnte er zur Einigkeit, zur Beobachtung der Ge- 
setze, zur Erhaltung dw Buhe; er bat, auf den Landti^en 
genau die Instructionen fflr die Landboten festzusetzen, da- 
mit die kostbare Zeit nicht nutzlos vergeudet und die grossen 
Kosten, welche die ZugammenbemfiiDg des parlamentu'ischen 
Körpers erfordert, in fruchtbringender Weiae verwendet 
werden. 

Der junge KnrfQrst, Friedrich Christian, und seine 
' geistrotie Gemahlin, Maria Antonia, entfalteten unmittel- 
bar nach dem Ableben des Königs eine fast stannenswerthe 
Thfttigkeit. Nach allen Gegenden der Windrose et^gen 
gleichzeitig mit der Anzeige, dass Angnst HI, das Zeitliche 
gesegnet, mehr oder minder augftthrliche Schreiben, worin 
die ThronbewerhuDg des nunmehiigen Hauptes des sfteh- 
sischen Hauses angemeldet und die UnterstOtziiiig der ver- 
schiedenen Höfe angesucht wnrde. 

Die einlaufenden Antwortschreiben stimmten die Hoff- 
nungen tief herab; nur zu deutlich stellte sich heraus, welch' 
geringe Aussichten diesmal das sSchsische Haus hatte, voi| 
irgend einer auswärtigen |Macht energisch unteistfltzt zu 
werden. In TersaiUea erfreute sich Friedrich Christian ohne- 
hin einer besonderen Zuneigung nicht. Die Dauphine wm- 
eifrig bemüht Ludwig XT. fflr ihren jQngern Bruder zu ge- 
winnen, und nur widerwillig gab der König seine Geneh- 
migung in der Fersoneufrsge mit Oesterreich zusammenzu- 
gehen, was von dem Ministerium fDr den Fall und insoweit 
empfohlen wurde, als man Oberhaupt die Absicht haben 
sollte, sich an der ganzen Angelegenheit zu betheiligen. 



Dg.lizcUbyCoOglC 



10» 

Noch bei Lebzeiten August's III. h&tte die Kuiffirstiu 
sich an KöQ^ Friedrich gewendet, um ihn zubewegen, bei 
Erledigung des Thrones fär ihren Gemahl thätig zu sein. Die 
ehrgeizige Frau, deren Haupt allerdt]^ würdig war, eine 
KCnigskrone zu tragen, hatte ihre damals noch junge Be> 
kaontschaft mit Friedrich zu benutzen gesucht, tun in poli- 
tischen Fragen seinen Bath, in der Wahlangelegenheit seine 
Unterstützung zu erbitten. Sie wünschte zu erflahreo, welche 
Ursachen das Einrücken russischer Truppen in Polen veran- 
lasst, ob etwas über die Sucoession zu seiner Kenntniss 
gelai^. Friedrich antwortete in scherzhafter Weise; er würde 
es vorziehen, über die Summa des heiligen Thomas einen 
Commentar zu schreiben, als über Politik zu sprechen; er 
sei eiu Blinder in allen Fragen der Zukunft. Er verhehlte 
ihr jedoch nicht, dass man in Petersburg gegen den Eur- 
fürst-EOnig w^en Curlands sehr aufgebracht sei, und das 
Gebahren desselben ihren Bestrebungen nur zum Nachtheile 
gereidien könne. Er rietb zur Nachgiebigkeit, wenn man 
nicht aUes unrettbar verderben wolle.') 

Als Maria Actooia nach dem Ableben ihres Schwie- 
gerraters den König an sein ihr gegebenes Versprechen er- 
innerte, dass er mit Vergnügen dazu beitr^ea wolle ihrem 
Oatten die Krone Polens zn verschaffen, auch jhitiznfagte, 
wie bereit man in Dresden sei, allen Wünschen Bussl^ds 
gerecht 2U werden, und seine Vermittlui^ in Fetarsbnrg 
sich erbat, um eine Aussöhnung und Beilegung der Diffe- 
renzen zn erwirken, wies Friedrich in seiner Antwort auf 
den regen Widerwillen -Busslands gegen das sächsische 
Hans hin. Er rieth von übereilten Schlitten ab, bestritt es, 
dass sein Einfluss in Petersburg so gewichtig sei, wie die 
EurfOrstin wabne. Wohl habe er Bücksichten gegen einen 



'j Die Correapondenz im 21. n. S7. Baude der Werke FriDddch's 
iea GrOBBen. p. 44 lg. 



Cg.lzccbyCoOglC 



Hof, der sich von seinen Feinden getrennt, allein er sei 
ireit entfernt, auf die Denknngsart der Czarin bestimmend 
einwirken eu kSnnen. Eine Vermittlung in der cnrlfindischen 
Angelegenheit lehnte er mit dem Hinweise ab, dass diese 
nur unter Znstimmimg beider Parteien statthaben könnte. 
Als ein vages Gerücht bezeichnete er die Absieht Catharina's 
die Zips käuflich an sich zn brii^en und dem Prinzen Carl 
als Entsch&d^ng für Cnrland anzubieten.') 

Die EurfOrstia gab ihre Yersuohe, Friedrich zn einer 
directen oder indirecten Unterstützung zu bestimmen, nicht 
anf. Selbst als er ihr die Mittheilung machte, dass Gatha- 
rina ein Zusammenwirken seines Vertreters in Warschau mit 
dem russischen Gesandten rerlangt habe, und er, mit Rück- 
sicht anf seine Lage und durch die Nethwendigkeit sich der 
Kaiserin gefällig zu erweiseu, ihrem Wunsche willfahren 
müsse, liess Maria Antonia nicht ab Friedrich zu bereden, 
zu ihren Gunsten einen Schritt zn thun. Einen Versuch 
solle er doch machen; wenn Rnssland die Wahl des Knr- 
fürsten nicht begünstigen wolle, möge es wenigstens nicht 
entgegenwirken und den Sohn nicht die Fehler des Vaters, 
bOssen lassen. Hütte ich Kronen zn vei^eben, erwi- 
derte ihr Friedrich, ich würde die erste anf Ihr Haupt 
setzen. Ein dlrectea Eingreifen lehnte er jedoch in den 
höflichsten Formen ab. 

Catharina benahm dem kurfürstlichen Paar alle Ans- 
sichteo. Eine freie und einmüthige Wahl, sehrieb sie, bilde 
den einzigen legitimen Anspmch auf die polnische Krone; 
hierauf hätte sich auch die Unterstützung beschränkt, die ihre 
Vorgänger den beiden Königen aus dem Hause Sachsen zn 
Theü werden Hessen. Sie sei entschlossen diesem Beispiele 



■) Der Brief der KarfBrstiii Tom 5. October, alio tun Todestage 
Aagnat'a 111., die AnWort Friedrioh's todi 8. October a. o. 0. S. 47 
und 48. 



IzcJbyCoOgIC 



II« _ 

za. folgen, Polen in seiner WahlCteihelt zu schätzen, woza 
8ie aicb dnroli die N&chb&ischaft ihres Beichee berechtigt 
glaabe. FOr den KurfOrsten jedoch, fDgte sie schliesslich 
hinzu, sehe sie ontlbersteigUehe Schwierigkeiten vorans und 
als gute Freundin glaube sie rathen zu sollen, sich nicht 
allznstark in einer Sache vorzuwagen, deren Verlauf den go- 
hegten Erwartungen nicht entapreclien dOrfte.*) 

Nur an Mvia Theraeia hatte die knrfttrstliche Familie 
eine eifrige Vertreterin ihrer Interessen. Die Antworten ans 
Wien laubeten auch recht befriedigend. Zu wiederholten 
Malen wendete .sich Uaria Antonia an die Kaiserin, ihre 
Vermittlang erbittend. Nach zwei Seiten nahm sie die 
Unterstützung Maria Theresia's in Anspruch, einmal die 
Pompadour für Sachsen gQustig zu stimmen, soiann aber 
durch den in österreichischen Biendtea stehenden Öeneral Po- 
niatowski, den Bruder Stanislaus August's, auf die Familie 
der Czartorjski einzuwirken.*) Eine directe Einflussnahme 
auf die aUmächtige Maitresse Ludwig XV. lehnte Maria 
Theresia ab, da sie nie mit ihr in directen Beziehungen 
gestandeu; Sachsen habe von Frankreich nichts zu besorgen, 
allerdings bei der Schwäche der Monarchie auch keine grosse 
Unterstützung zu erhoffen. Der König von Preussea, meinte 
die Kaiserin, kOnne duidi seinen Eioduas bei Cathariua die 
grOssten Dienste leisten. 

In Dresden wäre mau auch entschlossen gewesen, zu 
einer Theilung Polens die Hand zu bieten; Maria Antonia 



'■) Der Brief Catharina's Tom 11. Ootober 17(ia (Dr.'A.) 
*) U&ria AntoDia an Maria Theresia vom T. Octobar 1763. — 
Leider sind nicht alle Briefe der Earfarstin aa Uaria Theresia Tor> 
banden, ein höclut nichtiger, der durch das KammerfiÄulüa Wolfs- 
Icehl der Kaiserin übermittelt wurde, acheint rerlaren gegangen. Wir 
können |den Inhalt aua der Antwort Haria Theresia'« errathea. Bei 
Weber : Haria Antooia VVatpargU KarfOratin von Sachten. Dreadea 
1857. S. 141 



zedbyGoOgIc 



II 



machte in dieser Biohtung in Wien ADdentnagen, anoh ging 
ans einigen A-ensseraogen d^ Qenerals Foniatowski za Mvia 
Theresia herror, dass das G^rQcht hiervon bereits ia weitere 
-Kreise gedr&agen war. Leider sind vir Aber die Ait, wie 
man dieselbe in's Werk setzen wollte, nicht naterriohtet. 
£eiae Theilui^, erwiderte Maria Theresia, man mtlsse das 
ganze EOnigreidi behalten ; Oesterreich werde solchen Plllnen 
nie zustimmen.') , 

Auch Katmitz erklärte dem sächsischenTertreter, Plem- 
ming, man wflrde Knraachsen nur la dem Falle nnterstfltzen, 
wenn ron einer VerkOrzui^ der ßepnblik nicht die Rede sei, 
im Falle man in Dresden hiezu die Hand bieten wollte, müsst« 
man sich anf eine entschiedene Qegnerschaft Oesterreichs 
gefasst machen. 

Sichere Aussichten machte sich Kaunitz vom Anfang 
an nicht, einem Mitgliede des sächsischen Hauses die Eroae 
zn verschaffen. Schon in den körperlichen E^enschafl)en 
des Kurfürsten sah er ein grosses Hinderniss, er unterschätzte 
nicht die Gegeneinflüsse Bnaslands und die Abueigung der 
polnischen Magnaten. Noch stand BrKhl an der Spitze der 
Verwaltung, und von ihm war eine erspriessliche Einflusa- 
nahme nicht au erwarten. Die Röcksicbt auf Polen fahrte 
endlich die Entfernnag dieses Mannes von dem wichtigen 
von ihm bekleideten Posten herbei. Flemming, bisher Q-e- 
sandter in Wien, wurde an die Spitze der Geschäfte gestellt. 

In Polen wimmelte es von Throncandidaten und in 
Folge dessen von Parteien. Bei Lebzeiten August III. un- 
terschied man zwei grosse Gruppen: Anhänger des sächsischen 
Hauses und der Czartoryski. Die ersteren, früher eine com- 
pacte Mehrheit bildend, zersplitterten sich in eine Anzahl - 



V Point de parta^, U but avoiT la roj&Qine en entier; noDB 
nou pretarou« jamaU a nn tel arrangemeat irät Weber a. a. 0. 



Cg.lzccbyCoOglC 



112 



FractJonen. Da gab es eine kuiprinzliche Partei, eiaea An- 
hang des Herzogs Carl, der sich in Polen durch s^e maon- 
hafte Haltui^ bei dem Einrücken russischer Trappen in 
Cnrland einer Beliebtheit erfreute, endlich sprachen sich 
schon damals viele Stimmen fDr den Kron-Qroasfeldherm 
Branicki ans. 

Noch grosser wurde die Zersplitterung und ZerU&f- 
tung, als der ^nrffirst seinem königlichen Vater in das 
Beich der Schatten gefolgt war. Die Hoffnungen Branicki's 
schnellten nun k&hn empor. Die Aussichten, den polnischen 
Tliron dem sächsischen Hanse zu erhalten, steigerten sich 
insofern, als nunmehr auch die Bedenken jener hinwegsu- 
fallen schienen, die in der Uebertra^tmg der Krone von 
dem Vater auf den Sohn eine Anbahnung der Erblichkeit 
befürchteten, auch dem rührigen energischen Geiste der 
Kurfürstin Tendenzen unterschoben, die auf eine Stärkung- 
der kön^liohen Gewalt hinausliefen. 

Viel, ja das meiste hing Ton der Stellung der mass- 
gebenden PeisönliebkeiteD ab. Da war annächst der Primas, 
dessen Einflnss durch die in seiner Hand Hegende Leitnng- 
der Geschäfte nicht unbeträchtlieli war. Eifrigst bemflht aber 
allen Parteien zu stehen, wurzelte dieses löbliche Bestreben 
nicht in festen, klar erwogenen Grundsätzen, sondern war 
ein AusQuss eines wankelmüthigen, nnentschlossentn Cha- 
rakters, der, den Einwirkungen einer jeden Partei zugänglich, 
dem strengen Gesetze Geltung zu Terscbaffen nicht geeignet 
war. Je nachdem die Aussichten für den einen oder den 
andern Oandidaten günstiger standen, änderte der Primas 
seine Sprache. Aus seinen Gesprächen mit Swieten schien 
heiTOrzngehen, dass Oesterreich keinen ergebeneren Freund 
als ihn hatte; mtter dem Siegel der Verschwiegenheit theilte 
er dem sächsischen Vertreter, Goltz, mit, die Verbindung- 
zwischen Bussland And Freussen entbehre der Innigkeit, 
allem Anscheine nach werde sich Friedrich die Erhebung 



Cg.lzccbyCoOglC 



113 

einer russischen Creatur nicbt gefallen lassen. Ein Partisan 
Rnss]ands, welches weder Geld noch Tersprechongen scheute, 
um ihn zu gewinnen, heuchelte er Tottste Hingebnng für 
die Interessen des sächsischen Hauses; durch die Pflicht 
als nunmehriges Haupt der Eiecutivgewalt eine vollständige 
Unparteilichkeit zu wahren, entschuldigte er es, wenn er 
seine Gesinnungen nicht öffentlich an den Tag lege.') Aus 
seiner gewundenen Sprache sickerte doch soviel durch, dass 
sich das sächsische Haus ohne russische oder preusaische 
Hilfe auf die Krone keine Hoffnung machen kOnne. 

Die sächsische Partei glaubte auf den Krongrossfeld- 
herrn Branicki zählen zn kOnnen. Die Stellung, die er als 
einer der ersten Würdentr^er der Bepnblik einnahm, er- 
höhte das Ansehen, welches man seinem Alter und seiner 
Erfahrung zollte. Er zehrte noch von dem Ruhme, den er 
sich in jungen Jahren erworben. In kluger Weise hatte er 
es von jeher verstanden, seine eigenen Interessen mit jenen 
der Bepnblik in üebereinstimmung zn bringen, und wenn 
sieh keine Aussieht zeigte, seine eigene Erhebung zu be- 
werkstelligen, war er gewiss entschlossen, für die Wahl eines 
sächsischen Prinzen zu wirken. In seinem kräftigen Mannes- 
alter ein grosser Verehrer des weiblichen Geschlechts, frChnte 
er noch mit weissen Haaren erotischen Genüssen. Bei dem 
Anblicke weiblicher Beize schrumpften seine republikanischen 
Tugenden zusammen. Nur seine eigene Frau, die er im 
vorgerückteren Alter zum Traualtar geführt, eine Schwester 
Stanislans Poniatowski's, hatte über das alternde Herz keinen 
Einäuss, obwohl ihrer Schönheit nnd ihrem Geiste zahl- 
reiclie Verehrer huldigten. Das Gerücht bezeichnete damals 
die Frau eines Secretärs der Armee , Branica mit Namen, 



') 16. NoTemlter 1763 Dep. Sacken'a auB Wfirscliau (Dresdener 
Archiv). 



IzcJbyCoOgIC 



114 

die in Tolleter Gunst bei dem Eronfeldherrn stand und ihn 
vollständig beherrsohta 

Ein entschiedener Anhänger des s&chsischen Hanaes 
war rarst Ba-laiwil, Woywode von Wika und Palatin von 
Lithauen. Einer der wflsteeten, rofaesten Gesellen damaliger 
Tage, fesselte ihnDankharkeit an dieNachkommeuAugust'sin. 
Trotz der bekannten Wankelmflthigkeit der Polen glaubt« 
man seiner sicher zu sein, da er zu den zähesten und un- 
TersShnlichsten Gegnern der C7Artory8ki'8chen Familie ge- 
hörte. A-uch der Woywode von Kiew, Potocki, ein stolzer 
und hoSärtiger, seinen Vortbeil berücksichtigender, sonst 
aber verständiger Mana, der General der Artillerie gleichen 
Namens, der Oberjllgermeister Zabiello, die s&mmtlich dem 
EUrstenthum Lithauen angehörten, wo besonders der Herzog 
von Curland Aber einen grossen Anhang verfügte , waren 
Partisane Sachsens. 

Was Polen an Geist and Thatkrait in sich barg, war 
nur in den Reihen der Gegner Sachsens zu finden. Die beiden 
Brader Czartorjski konnten als die Führer dieser sich Buss- 
land anschliessenden Partei gelten. Der Altere, August, Pa- 
latin des polnischen Bnsslands, im Besitze eiaea grossen er- 
heiratheten und erworbenen Verml^ens, hatte in weiten 
Ejeisen einen grossen Einfluss erworben. Schon dies galt 
als eine grosse Seltenheit, dass ein Pole sein Hab und Gut 
knapp zusammenhielt, und nicht, wie es damals fast allge- 
mein war, von einem Heere von Gläubigern belagert warde. 
Ein sparsamer Wirtb spendete Prinz Augast mit vollen 
Händen, wo es Noth that oder ii^nd ein Yortheil zu er- 
warten war. Der vierte TheO des polnischen Adels gerieth 
auf diese Weise, wie man uns erzählt, in Abhängigkeit 
Ton ihm. Sein Bruder, der Grosskanzler von Lithauen, 
Michael, hatte sich in hohem Alter noch die Lebend^keit 
und Frische des Geistes bewahrt. Einen feinen Verstand 
mit Enei^ie paarend, verlor er das Ziel, dem er zusteuerte. 



Cg.lzccbyCoOglC 



IIS 

nie aus den Augen, fast nie um die Mittel verl^en, die' 
2ar Erreichung deeselben fQbrtea. Ein geu&uei Kenner der 
polnisohen Verfassung konnten ihm die Uebelst&nde der- 
selben nicht verborgen bleiben ; seit vielen Jahren beschäftigte 
«r sich mit den Beformes, deren Dnrchfahrui^ er Ar «ae 
Lebensfrage des Staates erklärte.') Die herbe Erfahrung der 
letzten Jahre hatte in genügender Weise gelehrt,' wie wenig 
Hrälsames von der sächsischen Dynastie zu erwarten war. 
Yon August IIL und seinem Minister BrQhl überdies fort- 
während znrQokgesetzt und schnOde behandelt, hatten sich 
-die Czartorjski von der ganzen Dynastie in bitterem In- 
.grimme abgekehrt. Und da von Oesterreioh and Frankreich 
eine üntersttltzaug ihrer Pläne nlobt zu erwarten war, 
klammerten sie sich an Bussland, mit dessen Hilfe sie ein 
Mitglied ihrer Familie auf den Thron zu bringen hofften, 
um sodann den ümgestaltui^proceBB vollziehen zu können. 
Den traurigen Irrthum, in Petersburg eine StDtze f&r die refor- 
matorischeThät^keit in Polen finden zu wollen, hat die Par- 
tä später hart genug gebüsst und erfahren, wie gerade die 
nordische Macht die Bepublik zur Anarchie nad Schwäche 
verdammt' hat. Damals schmeichelten sich die beiden Brü- 
'der mit dem eitlen Wahne, dass es ihnen gelingen dürfte, 
Bussland durch List oder üeberredung für das grosse Ziel, 
welches sie sich gesteckt, zu gewinnen. 

Fs kam der russischen Partei zu Gute, dass nach dem 
Tode des Kurfflraten einige Wochen verstrichen, ehe man 
in Dresden einen Entschlnss faaste, für wen man in War- 
schau thätig Bein solle. Die Bathloaigkeit war gross. In 
«iner am 18. Deceniber abgehaltenen Conferenz wurden 



') Für die Chuakteristik benattt: Dtpcsche t. Swietea Tom 
-38. De4»tnber 1768. (W.Ä.) Die Schilderung vun Korff, FotBchuug«]! 
IX. S. 20. TgL rach Knlhi^re SOO ff. 



IzcJbyCoOgIC 



mehrere Projecte in Berathnng gezogen.') Von der Möglicli- 
hät, ftlr den unmaad^n Sohn des KnrfQrsten thätig zu 
eein, mirde ganz abgesehen, Zunächst kam die Candidatui 
Branicki'B in Betraoht, dessen rorgertteUes Alter eine bal- 
dige Erledigung des Thrones in Auesicht stellte. Die Zwi- 
schenzeit konnte sodann zur Stärkung des sächsischen An- 
hangs benützt werden, auch erwartete man von dem Kron- 
feldherm, dass er selbst dazu heitren werde, während 
seiner Regierung dem sftohsischen Hanse den Weg zu ebnen. 
Man Terzichtete anf diese Weise momentan auf den Thron, 
um ihn später desto sicherer zu erlangen. 

Die Ünterstützui^ der Candidatur Branicki's war auch 
ein Mittel, um die Zwiatigkeiteu in der knrförstlichen Fa- 
milie zu Tenneiden. Von den beiden BrOdem des Terstor- 
benen EurfDrsten besaas der ältere, XaTer, wenig Freunde 
in Polen. Noch bei Lebzeiten August's III. hatte er in Paris 
Schritte gethan, um sich durch seine Schwester, die Dau- 
phine, die Unterstützung Frankreichs zu sichern, jedoch spä- 
ter seine Wünsche zu Gunsten seines kurfürstlichen Bruders 
Kum Schweigen gebracht. Der jüngere Bruder, Carl, er- 
freute sich allerdings, wie schon gesagt, einer Beliebtheit in 
weiten Kreisen der Kepublik, Ludwig XV. war ihm speciell 
gene^, allein ee fehlten demselben die erforderlichen Geld- 
mittel, auch stand ihm noch mehr als einem andern Mit- 
gliede des sächsischen Hauses die Opposition Busslands, 
welches Ihn ans Gurland Terjagt hatte, im Wege. Indess 
man klammerte sieh in Dresden an jeden Strohhalm und 
hielt es selbst nicht fflr unmöglich, die Kaiserin Ton Russ- 
land zu gewinnen, wenn man sich erbctig zeigen würde, 
ihren Wünschen bezüglich Ourlands zu willfahren.') 

') OonfeTenipTotokoll vom 16. December 1763. (DreadeDer 
Archiv.) 

') An Fezoldt vom 8, und 28. Not. 1763 and das Schreiben 
Flemming'B an Fezoldt vom 18. Nov. 1763. (Dresdener Archi».) 



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Sie Berichte der sAchaischen Ageutea in Warschau 
bestärkten die kurfOistlichen Kreise in Dreeden in iliren 
venneintlichen, Hofiaasgeu. Wenn man diesen Glauben 
schenken konnte, war ein grosser Tbeil der Polen mither- 
f&llt gegen Biiaeland, valches den Fehl« begangen, viel m 
frflh seine eigentlichen Absichten Ter^athen zn ha^n. Vlel- 
leiobt hätte sieh auch irgend ein Erfo^ ersielen lassen, 
wenn die G^er BuBslands und der Czartoryeki in ener- 
jpscher Weise anfj^etreten wären, nm die Schwankenden 
herüberEUsiehen und die Eigennütsigen in gewinnen, und die 
Aussicht aaf eineUfiterBttLiang von Aussen sich bewahrheitet 
hätte. Denn Furcht und Eigennutz beherrschten den grOssten 
Theil der Polen.*) In Dresden war man in dieser Bichtm^ 
nicht mGssig gewesen. Unmittelbar naoh dem Tode August's 
waren eigenhändige Schreiben des EiurfOreten an die mass- 
gebenden Persönlichkeiten, Geistliche und Weltliche, er- 
.guigen.*) Die gerii^n Geldmittel, aber die man verf^n 
konnte, wurden nach Warschau gesendet; in Paris, Madrid 
mid Wien wurde man nicht mMe , ausgiebige Gteldhilf« 
sa erbitten. Selbst die ei&igsten Änfaäi^r Sachsens 
^ben geringe Hoffnung, dass ohne Anwendung bedeutender 
Geldsummen eta Besultat sn erzielen sein werde. Ffir jedes 
PalatiniU, berechnete man, waren je nach seiner Ausdehnung 
4 — 5000 polnische Gulden nothwend^,^) eine allerdings 
erkleckliche Summe, und so sehr man auch in Dresden in 
den grffssten Opfern entaclilossen war, gegen die rollstän- 
4ige Ebbe im Staatsschatse Hess sich schwer ohne aus- 
wärtige UnterstfltzuQg ankämpfen. 



■) Belehrend biufOr die Berichte von Noatiz vi»d Jahio ITSS. 
(Dresdaner Aieliiv.) 

') Sint gm» Bellie dlenr Briefe an den Btechof *od Kraliau, 
^tn P>I»tin T«Q Wibu, ikdüvill ete. im ArehlTe lu Dieadoi. 

^ Ilienlgr IS. Jknou UM. (Dretdeoer AiclÜT.) 



IzcJbyCoOgIC 



118 



Eine £m^[iuig wurde bei dieser Berathnng nicht er- 
xielt. Man wendete sich nach Wien und Versailles, am die- 
daselbst berrBohenden Ansichten ni erbinden. In Frankreich 
se^te man keine ^osse Bereitwilligkeit, dem sftchaiscbei> 
Hanse unter die Arme sn greifen. An Geld hatte man ohne- 
hin keinen Ueberfluss. Das franifisisahe Hinisterium hatt» 
wohl momentane Anwandlungen dem fiberh&nd nehmenden 
Einflüsse Busslands in Warschau entgegenKui^eten ; es er- 
regte zeitweilig bei der patriotisohen Partei Hofinungeo, 
intriguirtfi in Constantinopel, um bei der Ffort« auf die 
grosse Gefahr aufmerksam zu machen , wenn ein EOnig 
von BuBslands Gnaden an die Spitze der Republik gestellt 
wfirde, liesB abet die Fitigel sinken, wenn unrermuthetfr 
Schwierigkeiten anftaaohten. 

Anoh Oesterreioh Terwirklicbte nicht die Hoffnungen 
des sftchsischen Hause<). So ntlchtem Kaunitz zumeist 
Fersooen und Verh&ltnisse beurtheüte, er war von gewal- 
tigen Täuschungen nicht frei und seiner Phantasie er- 
schienen die Dinge manchmal in einem rosigen Lichte. 
Den Ansichten des Staatakanzlers, Qber die von Oesterreicb 
in den polnischen Angelegenheiten einzuschlagende BicbtnngT 
fehlte es flberhaupt an Gonaequenz. An&ogs, als ihn die 
polnische KOuigswahl in Anspruch zu nehmen begann, schlug 
er den sächsischen Anhang nicht gerade hoch an und er er- 
wartete von den Fatxioten nicht viel, sodann erwacbten 
wieder seitweil^, vornehmlich dnroh fremden Einflnss her- 
TOrgemfen, die selbstgefälligen Träumereien von der bedeu- 
tenden Potenz der patriotischen Partei 

Im Frühjahre 1763 beschäftigte sich Kaiinitz, wenn 
auch nur Torflbeigehend, mit dem Qedanken, den Prinzen 
Carl von Lothringen als Candidaten Ar die königliche Würde 
anünstellraL Allein die Hindernisse, die bei diesem Projecte- 
za tlberwindra gewesen wären, schienea ihnen doch zu gross. 
Fienssen und die Pforte, Bussland nnd wahrscheinlich auch 



IzcJbyCoOgIC 



Ilt 

Frankreich varen von Yornherein Gegner dieses flanes.*) 
Später w&re er froh gewesen, eich mit einem Scheinerfolge 
begnügen la kennen. Nor der Gedanke machte ihm bittere 
Stunden, d&BS zwischen Bussland und Frenssen ein Vertrag 
geschlossen nnd in demselben eine Gebietserwerbnng ftr 
Prenssen stipnlirt worden sei. Im September berichtete 
Ried TOn prenesischen Kriegsrflstnngen. Bei Eaunitü er- 
wachte die Tennnthnng, die eine Zeit lang zur Ueberzeu- 
gung sich steigerte, dass dieselben die Sieheistellnng des 
2u erwerbenden Gebiets bezwecken. Freussen werde Danzig 
erhalten, sich dadurch zum Meister des polnischen Handels 
machen, das polnische Prenssen sich aneignen, mithin, wie 
Eaunitz darlegte , den grossen und fruchtbaren Strich 
Landes von der Weichsel bis an die echlesische Grenze an 
sich reissen, eine Verbindung zwischen Freussen, Brandenburg 
und Schlesien herstellen und auf diese Weise das mHoht^tn 
Beich in Eoiopa werden. Der Staatskanzler schlug diese 
Erwerbungen noch höher an als die Eroberung Schlesiens. 
Oesterreich war, wenn sich dies verwirklichte, den grössten 
Gefahren, ja dem Untergange ausgeaetzt.*)! 

Die unklare Situation lastete schwer auf dem Staats- 
kanzler. Vornehmlich drückte ihn der Gedanke, dass nach 
keiner Richtung vollständig sichere Anhaltspnnkte zur Be- 
urtheilnng der russischen und preussischen Politik geboten 
waren. Siesem haltlosen Zustande musste ein Ende gemacht 
werden. Hatte man sich bisher TollsUlndig zurückhaltend 
gezeigt, jetzt galt es die PlBne Russlands und Freussens 



') Wegen des angetragenen rnesiichen Concerta, die polnlEclie 
Tbroneraettong betieffend. Apiil 1708. (W. A.) 

') Faet wörtlich nach einem ictenatQcke, welches die Uelwr- 
■clirift ffilirt: geheime Stiateconfereni S8. Sept. 1768. (W. A). 



zedbyCoOgIc 



au ergrOaden, um sodaim daraacli die eigeae Stellung zu 



Ohne üihßx eine Vetständigung mit Frankreich zu 
Buchen, entacUoss siGh Kauaitz, eine Aufrage an den König 
von Preoesen zu nebten. Der Gesandte, IübA, erhielt den 
AuftTJ^, dem KSoige folgende Erklärung zu Qbermittetn : 
der Kaiser und die Kaiserin hielten ea zur Aufrechterhal- 
tung der Buhe und zur Anhahaang eines Einverständnisses 
für zweekmSBsig, dem KOnige hei wichtigen Vorfallenheiten 
in niinmwundeiier Weise ihie Gesinnung daraulegen. Das 
plötzliche Ableben des Königs von Polen nnd die desshalb 
b«TorsteheBdeKdnig8vrahl nehmen w^en ihrer folgenreichen 
Bedeutung dieAufinetkaamkeit der Nachbarböfe in Anspruch. 
Als gote Nachbarn und als Bundesgenossen des Königreicbs 
Polen, sei in Wien das Bemühen dahin gerichtet, dieses 
Beioh in seiner Verfassung and Freiheit zu erhalten, und 
bei der KOnigswahl Allee, was den Bnhestajid zu stören ge- 
e^et sei, m Termeiden. Man wUide die Wahl des Kur- 
fürsten Ton Sachsen mit besonderem Vergnügen begrüssen, 
jedoch auch g^n die Erhebung eines andern auf den pol- 
nischen Thron, wenn die Wahl nur in rechtmässiger Weise 
vollzogen werde, keine Einwendungen zu erheben gesonnen 
sein. Man würde es mit besonderem Danke aufnehmen, nenn 
der König auch seine Absichten nnd Ansichten vertraulichst 
zu eröffnen für gut fände, indem dies das kürzeste und 
«rspriesslichste Mittel wäre, den sich kreuzenden Bestrebun- 
gen zuvorzukommen. 

In ähnlicher Weise lautete eine nach Petersburg ge- 
sendete Depesche.*) 

Gleichzeitig zog man aber in £rw%ung, ob es nicht 
rathsam sei, in Constantinopel dabin zu wirken, damit die 
Pforte in Petersbui^-die Erklärung abgebe, dass sie es nicht 



') An Eied und Heic; 11. October 176S. (Vf. Ä.) 



IzcJbyCoOgIC 



m_ 

gleichgQltig anaeben werde, weuu Bussland bei der Königs- 
wahl zu gewaltthätigeu Mitteln scbreitea und in ii^end einer 
Weise die Freiheit und die Verfassung des Königreichs be- 
einträchtigen würde. Wenn durah iigend etwas, konnten die 
Petersburger Kreise dadnrch abgehalten werden, widrigen 
Frojectea naohauji^^en. 

Allein man schrack denn doch vor einem derartigen 
Sohritte surflck. Man hatte über die Abmachungea Catha- 
rina's mit Friedrich keine sichereKunde und obzwar man ge- 
neigt yar, der Annahme zu huldigen, dass welche bestünden, 
so war die Möglichkeit noch nicht gans ausgeschlossen, dase 
sie nicht aUzuweitgehender Natur waren. Kannitz beschäf- 
tigte sich mit besonderer Vorliebe mit den mannigfachsten 
Conjuncturen über die Details der zwischen Friedrich und 
C&tharina getroffenen Vereinbarung. Es schien ihm nicht 
UBwahrgcheinlicli, dass blos ein einfacher Defensiv- und 
Freundschaftsvertrag abgeschlossen worden sei, was auch 
zumeist seinen Wünschen entsprochen haben würde, wenn 
überhaupt eine preussisch- russische AlliaiiE nicht au hin- 
dern war. 

Hätte man in Wien den Schleier, den Bassland und 
Freossen meisterlich woben, lüften und auch mit vollster 
Sicherheit auf die Staatsmänner am Bosporus bauen können, 
man würde sich wahrscheinlich »u einer Initiative in Gon- 
stantinopel entschlosäfn haben. Aber auf die türkischen' 
Staatslenker war kein Yerhkss, und wenn die Pforte nicht 
bewogen werden konnte, zu Gunsten Polens mit den Waffen 
in der Hand einzuschreiten : so war tou derart^en unzeit- 
gemässen Eröffnungen nicht nur nichts Erspriessliches zu 
erwarten, sondem nur ein schädlicher Missbrauch zu be- 
fürcht«!. 

Der an kleinen Hilfsmitteln reiche Geist des Staats- 
kanzlers &nd endlich einen Ausweg, um vielleicht doch einen 
Druck anf die Petersburger Kreise auszuüben. Der Gster- 



IzcJbyCoOglC 



in 

reichische Gesandte, Fenkler, sollte nicht allein, sondern ge- 
meinschaftlich mit dem Botscliafter Frankreichs, Tergennes, 
die Pforte sn vermögen suchen, nicht in Petershnrg, wohl 
aher in Warschau zn erklfiten, dass sie als eine getrene 
Nachbarin nud Freundin an der Wohlfahrt und dem Bnhe- 
staude der Republik warmen Äntheil nehme und daher eine 
&eie, durch fremde EinmiGchnng nnheirrte KOnigswabl an- 
rathe. Kannitz erwartete von einer solchen ErklAnmg, dass 
sie in FetersbDTg nicht ohne Eindruck bleiben werde, jeden- 
falls war daraus ergichtlich, dats man in Constantinopel die 
I^Dge mit Aufmerksamkeit verfolge.*) 

Koch schien es nicht unmCglich, wenn Frankreich hilf- 
reiche Hand bot, den russisch-prenssisehen Umtrieben die 
Spitse^'bieten so kOnnnen. Wenn Frankreich auf seinen An- 
hang in Polen einen Brück auBzuflben sich entschloss, mit 
Geldmitteln nicht geizte und mit Oesterreich entschieden 
Hand in Hand ging, war noch nicht Alles verloren. Freilieh 
wurden diese Hoffnungen durch die Thatsache herabgestimmt, 
dass ein französischer igent noch immer seine Bearbeitungen 
fflr den Prinzen Conti nicht aufgab, ein anderer wieder mit 
den CzartoijEki'e in Verbindung trat, ohne sich viel tun die 
Yerabiedungen der fianzCsischen Minister zu kümmern. 

Mittlerweile war aus Berlin die Antwort Friedrich's 
auf die erwShnte Anfrage eingelangt Der E^Inig erwiderte 
in allgemeinen Ausdrficken: er wflnsehe nicht minder wie 
der Wiener Hof die Aufirechterhaltiuig der Buhe und ein 
gutes, Einvernehmen zwischen den beiden Staaten, erführe 
durchaus keine feindlichen Absichten im Schilde. Auch be- 
richtete Sied, der EOnig h&tte sich geäussert, er werde einer 
freien Wahl nicht hindernd in den W^ treten, gedenke 
sich auch in die potniEchen Angelegenheiten nicht einxu- 



'} Depesche u Staibemberg Tom 16. Octolwr 1768. (W. A.) 



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IM 

nuEChen, venn \ba nicht andere Machte zur Ergreifung 
«rnstbftfter MasBnabmen siringen w&rdeii. 

Obwohl man in Wien dem EOnfge nicht tränte, be- 
ruhigte man sich doch dnrch diese ^Nachrichten und fand die- 
selben sogar Tergnüglich. Nur die von Friedrich der Kur- 
f&rstin Ton Sachsen ertheilte Antwort, die man tob Dresden 
gleich nach Wien übermittelte, erregte wieder einige Be- 
denken. £aunitz gelangte zu dem Schlüsse, dafs zwi£cheD 
Bussland und Freussen Aber eine Zergliederung Polens zwar 
kein TJebereinhommen geschlossen worden sei, wohl aber 
eine Yereinbuiing Aber die Eflnigswabl bestflnde.^ 

In dieser Annahme emes EiuTerstSndisses zwiscdien 
FreuSEen und Bossland wurde Eaunitz wieder wankend ge~^ 
macht, als ihm Fürst Galitzin auf Befehl seines Hofes diellit- 
theilnng machte, man habe in Erfahrung gebracht, der Sultan 
hege den ernstlichen Wunsch mit Freussen einen Defensiv- 
tractat abzuschliessen. [Ein derartiger Tractat sei weder 
im Interesse Bnsslands noch Oesterreicbs und fflr beide 
Staaten ^bedenklich und gefährlich. Van habe sowohl 
Obreskow als auch den Gesandten in Berlin Auftrag ge- 
geben, um an beiden Orten gemeinschaftlich dem Ab- 
schlüsse desselben entgegensnwirken , und ersuche den 
Wiener Hof Bussland zn unterstützen. 

Diese Eröffnungen kamen um so unerwarteter, da 
gleichzeitig Nachrichten einlangten, dass das Defeneiv- 
bOndniss zwischen Bnssland und Freussen endlich zum Ab- 
schlüsse gekommen sei. Diese wiedersprechenden Berichte' 
konnte der Staatskanzler nicht vereinbaren. „Sollte", schrieb 
er damals nach Berlin, „der russische Hof die Absicht hegen, 
einerseits mit IPrenssen ein Tertheidignngsbnndniss zu 
scUiessen, andererseits Oesterreich zu einem Goncert sa 
veranlassen, so wilre ein solcher Gedanke jedenfalls ansser- 
ordenClich." Yiel wahrscheinlicher schien ihm, dass Bnssland 
sich genOthigt sehen wQrde, im Falle ein Vertrag zwischen 



IzcJbyCoOgIC 



»4 

FieuBBea und der Tlrkei zu Stande kKme, zu dem altw 
Systeme rfickzQkehren und die Fren^dsoliaft OesterreieliB 
zu euchen.') In diesem Falle wurden iLatOrUch die Abma^ 
chnogen swisehen Preussen und Basaland in Besi^ Polsns 
gegen^tandlos ; es erS&ete sich sodann eine neue Perspective, 
vielleiaht doch die Wahl des Sarfürstea darclizusetien. 

Nur zu bald trat euie Eroachtening ein und eine 
richtigere Auffassung braoh sich Baho. Die Beweggrande, 
die BuBsland su den enrähntenErOffnungeu bestimmt hatten, 
würden bald klar. Es wellte die polnische KOnigswahl in 
eeinem Sinne entschieden wissen, aber den Ausbruch eines 
Erieges mißlichst vermeiden. Um sich gegen die Pforte 
sicher SU stellea , wünschte es eine DefeDsivallianz mit 
Oesterteich abznschliessen. War der Wiener Hof auf diese 
Weise gebunden, so konnte er in der polnischen Frage keine 
den russisohsD Plänen roUständig entgegengesetzte Haltung 
einnehmen. 

iNach einer andern Richtung hatte sich der Staats- 
kanzler einigeimafiseit beruhigt; er hielt es nicht fdr wahr- 
scheinlich, dafis zwischen Buasland und Preussen bereite 
Abmachungen Aber eine Theiluug der polnischen Lande 
vereinbart worden seien. 

DieBücksichtnatune auf Frenssen bestimmte ansscbliese- 
lich.die Haltung Oesterreichs in der polnischen Angelegenheit. 
Die Wahl eiser bestimmten PersOidichkeit lag demStaats- 
kauäer nicht so sehr am Herzen, als die Furcht einer Ver- 
grßaseruBg Preussens. Ob einMitglied das eftchsischen Hauses 
oder Branicki oder ein anderer Pole sich schliesslich mit der 
Piastenkrene schmückte, war nicht von wesentlich«: Be- 
deutung, wann nur zweierlei vermieden wurde, einmal eine 
Erwerbung von tiand und Leuten durch Preussen und Buss- 
land, sodanu aber eine allzugrosse Steigerung des russischen 



>) Ad Ried. 6. Novembet 176^. (W. A.) 



Dg.lizcUbyCoOglC 



m 

EmfloBSes in Polen. Die UnterstStzosg des kurffirstlichen 
Hauses kam für Oesterreich nur insofern in Betraelit, 
als die Nothwendigkeit eines Tollkommenen Einverständ- 
nisses mit Sacbsen eines nnersobtttterlicheu Grundsatz der 
Wiener Politik bildete, um sieb gegen Prenssen sicher zn 
9t«llen und die den Erblanden venneintlicb drohende Gefahr 
zn vermindern. Auf die Berufung Flemmings zum Minister 
der auswärtigen Angelegenheiten setzte Kansitz naoh dieser 
Bichtnng grosse Hoffnungen. Flemming hatte sich durch 
langjähr^ Erfahrung einen genflgenden Einblick in die 
Staatsgeschäfte erworben, es fehlte ihm nicht an Verstand 
and Oescbioklicbkeit, mit den YerbSJtnissen am Wiener 
Hofe vertraut, war er ganz geeignet, die BeziebungeD des 
Kurhauses zu demselben fester zu kitten. Kursaabsen -sollte 
daher die möglichste UnterstOtzung erhalten, aber nur so 
weit , als es . ohne Gefährdung geschehen konnte. Man 
beabsichtigte die Mittelstrasse einzuhalten, sich weder zu 
viel, noch zu weuig an den Laden zu legen. Geschah jenes, 
30 'wurde eine inm'gere Verbindung zwischen Prenssen und 
Russland nur noch mehr befördert, die Möglichkeit ei&er 
gQtlichen Verständigung abgeschnitten. Die Hände wollte 
man aber nicht in den Schoss legen, die Bearbeitungen 
in Warschau durften nicht fallen gelassen werden, nm.den 
Gegnern nicht leichten Kaufes gewonnenes Spiel zu geben. 
In Polen und Bussland konnte man wähnen, dass Oester- 
reich auf seinen ganzen Kinöuss versichte, und doch 
glaubte man durch die feste Sprache, die man gefßhrt, 
mehr Einflnss als je gewonnen zu haben. Sogar die fran- 
zilsischen Minister, sf^te Kaunitz, hätten darüber Eifer- 
sucht empfunden.*) 

') Beroht auf eiaer Ilutraction fOr Swieten vom 17. October 
1763, ftof einem PoGtscript vom 26. NoTember 1763 an Mercy , dsinals 
noch in Petersburg, und auf Beacripten aa Starhemberg in Paris vom 
NoTember nnd December. (W. A.) 



IzcJbyCoOgIC 



IM 

So geria^fe Aussichten fibrigens eia Mitglied des Blßh- 
üiscben Hauses hatte, gaiu onmSgUch war ein g&nstiger Er- 
folg dennoch nicht. Fast allgemein theilte man in den teter- 
reichischen und sächsischen Kreisen die Ansioht, dass nur 
der Eigennutz die Handlangsveise der CzartorTBlä bestimme, 
und die Furcht ihrer Oüter verlnst^ zu werden, sie bewegen 
würde, die Wahl eines sächsischen Priozen eu begünstigen. 
Ohnehin war es noch mehr als zweifelhaft, ob es aberhaupt 
gelingen wOrde, einem heimischen Grossen die Krone zu 
verschaffen. Man stützte sich in dieser Beziehung auf die 
Berichte dienstbefliesseaer Patrioten, die zeitweilig deuMund 
voll nahmen und die Qegner einer Pia^awahl nicht hoch ge- 
nug anzuschlagen wnssten. Man wolle, wurde aus Warschau 
geachrieben, lieber der Bepnblik . gar kein Oberhaupt geben, 
als die Wahl eines Mitgliedes des Csartorjski'sohen Hauses 
geschehen lassen. Trotz aller Nflchternheit legte man zeit- 
weil^ solchen Beden und Versicherungen eine grosse Be- 
deutung bei Ein von dem österreichischen Besidenten in 
Warschau eingesendetes Terzeicbniss schien zu ergeben, dass 
sich das sächsische Haus doch eines beträchtlichen Anhanges 
er&eue. Diese Umstände und E^wäguugen bestimmten Kau- 
nitz zu dem Entschlüsse, Sachsen so weit zu unterstützen, 
„bis es auf den Bindriemen ankommt und alle Hoffnung, 
ohne Krieg auszulangen, verloren ist". Nur an dem Grund- 
satze hielt Kannitz unverbrüchlich fest: Oesterreich mOsse 
sein Augenmerk darauf richten, sich mit Ehren aus der 
ganzen Sache zu ziehen. Die Czartorjski mussten daher Ober 
die eigentlichen Absiebten Oesterreichs in Zweifel erhalten 
werden , wodurch sie genOth^t werden sollten , eine Ver- 
ständ^ung mit dem Wiener Hofe zu suchen. Wurde dies 
erreicht, dann konnte allerdings von einem ausschliesslichen 
Einflüsse Busslands in Warschau nicht die Bede sein; klar 
trat zu Tage, dass auch Oesterreichs Mitwirkung an dem 
Wahlgeschäfte in die Wagschale falle. Wenn die Ge&hr 



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»7 

eiaer ConflagratioD heranrücken !>oUte, traut« sich Kannitz 
Geschicklichkeit genug zu, denEoänel im letüten Momente zu 
entwirren. Sachsen musste dann erkUren, dass es ans Liebe 
zur Wohlfahrt des Reiches und zur Erhaltung der allge- 
meinen Buhe auf die polnische Krone Verzicht leiste. Oester- 
reich konnte dies ohne Verletzung des allerhöchsten An- 
sehens geschehen lassen and erhielt vielleicht noch eine 
Handhabe, um bü den Terhandlnngen die Bedingung zu 
stellen, dass Polen intact bleiben mOsse.^) 

Im Gegensatze zu dieser schleichenden Politik, die 
nach allen Richtungen bei jedem Schritte auslugte, vor lauter 
Vorbereitungen zu keiner Tbat gelangte, ging Catharina be- 
hutsam, aber rtloksichtslos auf ihr Ziel los. Die Zer&hrenheit 
des sflclffiischen Anhanges in Polen, die UnscblUsaigkeit der 
dem karfDrstlichen Hause befreundeten Höfe erleichterten es 
ihr allerdings ungemein, im Stillen alle erforderlichen Vor- 
bereitungen zu treffen, um schliesslich demjenigen die Krone 
zu verschafTen, den sie allsogleicb nach ihrer ThronbeBtei- 
gung dazu auserkoren hatte. 

Anfangs hatte sie nur einen einzigen Vertrauten, den 
sie in ihr Gebeimniss einweihte, den Grafen Kejserlingk, 
den sie auch zum Gesandten in Warschau bestimmte and 
mit den einleitenden Schritten betraute. Die Wahl Eejser- 
lingk's war ein glQcklicher Griff. Unter den FersSulichkeiten 
damaliger Tage besass wohl Niemand eine solche genaue . 
Eenntniss der polnischen Verhältnisse, wie der frühere 
Königsbetgor Professor. Zu jenen Glücksrittern und Aben- 
teurern gehörend, die so häufig im vorigen Jahrhundert nach 
Bassland gingen, um eine ihren Fähigkeiten ai^emessene 
Stellung zu erringen, war ee ihm gelungen in dem an Ta- 
lenten nicht reichen Staate in ai^esehenen Posten verwendet 



') Wegeo der sächsischen Erhebang auf den polnischen Thron 
December 1798. (W. A.) 



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l au 

ZQ werden. Man sah ea dem kleinen untersetsten Manne 
nicht an, welche FQlle von Schlauheit nnd Gewandtheit ihm 
innewohnte. Sein Aeuaseres hatte wenig bestechendes, nur 
in einigen Zfigen seines Gesichtes, in dem funkelnden, Ton 
starken Augenbrauen umschatteten Äuge sah der gewie^ 
Menschenkenner, dass er eine Peraonliohkeit nioht gewßhn- 
lichen Schlages vor sich habe. Noch in den sp&teren Jahren 
seines Lehens könnt« er in seiner Kedeweise nnd der ganzen 
Art seines Anfretens den ehemaligen Professor nicht ver- 
Iftugnen. Er sprach Abhandlungen ; in streng logischer Weise 
entwickelte er Satz auf Satz, ein Dootrinftr unter den Di- 
plomaten, oder wie ihn Kaunitz nannte: ein methapfaTsischer 
Politiker. 

Schon früher als Gesandter beim sächsischen Hofe yer- 
wendet. hatte er sieh eine tiefe Kenntniss der Personen und 
Zustände erworben. Die polnische Verfasanng war ein 
Gebiet, auf welchem er sich mit besonderer Virtuosität be- 
wegte. Durch seinen l&ngeren Aufenthalt in Polen hatte 
sein durchdringender Blick die Schwächen dieses Volkes und 
seiner massgebenden Persönlichkeiten mit einer seltenen 
Schärfe erfasst. Gewissensscmpel bestanden fQr ihn nicht. 
In unserer wlrthsehaftlichen Gegenwart findet man so 
häutig Katuren, die den Bechtsboden festhaltend es mit 
grosser Gewandtheit verstehen, dem Rechte eine Nase zu 
• drehen. Solch ein eminenter Advokatenkopf war Eejserlingk. 
Sein scharfer Verstand fand in den vieldeutigen Können 
der polnischen Verfassung Anhaltspimkte, um den gevrag- 
testen Forderungen einen Schein von Berechtigung zu geben. 

Die KOnigsmacherei schien so recht sein eigentliches 
Handwerk zu sein. An der Erhebung Angust's III. hatte er 
seiner Zeit mitgearbeitet und grosse Proben seiner Ge- 
schicklichkeit abgelegt. Neuerdings war er in der Lage 
gewesen, seine Kunst in Curland su tlben, wo er die Wieder- 
einsetzung Birons und die Beseitigung Carls in Scene gesetzt 



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It« 



hatte. Um die bevorsteliende Neuwahl eines polniachea 
KCnigs im Sinne Catbarina's bewerkstelligen zn hOuneuT 
fiel ihm zunächst die nicht leichte Aufgabe zn in Warschau 
die Bildung eine^ russischen Partei in Angriff zu nehmen 
und dadurch die GemQther für einen Monarchen von fiose- 
lands Qnaden voi^ubereiten. In den letzten Jahren Elisar 
beth's hatten sich die russischen Staatsmänner um Polen 
wenig gekümmert und ihre Anh&nger sich seibat aberiassen. 
Eejserlingk musste nun das Versflumte rascb einholen, 
wenn irgend ein Erfolg mit einer gewissen Sicherheit er- 
wartet werden sollte. 

Ei spielte seine Bolle TortrefSich. Auf die sehlaueste 
Weise verdeckte er sein Spiel, tind unr die Eingeweihten 
wussten, wohin er eigentlich steuerte. Nach allen Seiten 
erregte er HoffDongen, auch das sficbsische Königbaus 
lebte eine Zeit lang in dem Wahne, dass die Weisoi^n 
Kejserliogk's demselben nicht feindlich lauteten. Beide Par- 
teien empfibgen ihn mit offenen Armen und Hessen kein 
Mittel unversucht, ihn zu gewinnen. Nur die Czartoryski 
wurden durch bündige Versicherungen in Kenntniss gesetzt, 
das» Catbarina einem Mitgliede ihrer Familie die Krone 
zuzuwenden beschlossen habe. 

In den politischen Kreisen Russlands hatte man sich 
schon seit längerer Zeit lebhaft mit Erwägungen Aber den 
Nachfolger August's beschäftigt. Zweierlei Ansichten waren 
einander g^enttber gestanden. Bestnschew befürwortete di^ 
Wahl des künftigen Kurfürsten von Sachsen. Dag^^ ent- 
schied der Bath, der einige Wochen vor dem Tode des KCnigs 
znsammenbemfen wurde, zu Gunsten eines eingeborenen Polen. 
Zwei Candidaten kamen bei diesen Besprechungen ernstlich 
in Betracht , der Stolnik Stanislans Foniatowski und der 
Sohn des Falatins ron Bussland, Adam GzartoryskL Der 
Conseil hatte diesen Bescbluss gefasst, jedoch noch strenge 
Wahmi^ des Geheimnisses empfohlen, einstweilen sollten 

Btart IHa mt« Tk«llaii( Pvlau. 9 



IzcJbyCoOgIc 



30.000 Mann xa der Grenze anstellt, 60.000 Uhui man^ 
fertig^ gehalten Verden. ^) Mochten auch die niasiHha 
StBatemSnner aber die Tbronouidtd&ten rersofaiedcAer Aa- 
sieht sein, i» einem Punkte Btimmten sie fiberein, dass avt 
eine sskbe PersCnliohkeit empfohlen werden dtrfe, anf die 
«feh Bnasland veriassen kSnne. 

Bei Gatfaraina war die gante Sache ohnehin lüngst 
mtsehieden; die Einholutlg^ der Ansicht ihres Bathes mr 
led^iioh FoTBifiacbe. Nachdem sie ihren IKnistem ihr« 
Bnl9chlu3B knnd gegeben, entwiekcdte die russische Staats- 
konst eine seltene Baschheit und Entsdiiedenhot. Kanm 
waren die Trsnerfeieiikhkräten fttr Augnet III. zn Ende, 
kaum hatte sich die neue Begiennig inetallirt, als die Ab- 
Bendong eines ansserordentHchen Oeeandten. der mit Sej- 
serDngk gemeioBchaftlieh die WaUen leiten sollte, ia det 
Person des FSrsten Bepnin beeebdossen wurde. 

Sie neue Instruction leicboet den Tertretera Boss- 
lands ihr Benehmen Ins in's kleinste Detail vor.*) Ans' diesesi 
SehriftsttliTke w^t uns ein reafisCiec^», rtteksiobtsloser Geist 
entgegen. Nicht verlegen ttber die Mittel ging die russische 
Pfflitik gerade auf ibr 2iel los; nicht blos in d«i Haupt- 
tragen klar und verständUch, Hess sie auoh die Nebensachen 
Hiebt ausser Acht. Der gflnstige Moment musete eben be- 
nutzt werden. Deno gfutang es d» Gesandten den Intoi- 
tio&en der Kaiserin nachzukommen, ehe die andern Staates 
auch nur Zeit gewannen, die Dinge in Polen einer soi^fBl- 
tigen Erwftgung su unterziehen, so hatte Ruasland einen 
grossen Ter^rong roiuas -aui festen Boden unter den Fttasen 



') VrgL Sflolowjcff Gewliichte des Falles von Polen, degtsch 
■nh Sptnt. QMta, IB«. ä l». 

') Die tistmcttoB vom '^^^—^ 7 IT63. Al^etfrnckt bd Au' 
gsberg Beeueil des TntMe, Conrentloiis et acte« diploimtiqnes con- 
ttntmt ia, FtiagB» 1762-18«. Puü 1868 p. 3. 



IzcJbyCoOgIC 



m 

geiroanfln. Je eaergisclier es anftrat, desto sicherer sehien 

Calinriaa lopderte die AnerkeniiHii^ der kaiietfieben 
Wftrde der Beherrecber Bsisiands, £e bisher in formaler 
Weise Toa Seite Polens Hiebt erfbigt var. Die curläadisotM 
H^legenheit war nieht aiBgetngea, der roa Cathoriiia 
ei^esetzte Herzog war noch nicht anerhaimt. Seit einem 
Jahrhundert waren die GrMnen der beiden Naohbarstsaten 
stritt; man behauptete m Petersburg, dasa 988 Quadrat- 
Werst ruEsischen Gebietes unter polnischer BotmUss^heit 
stflnden. Eüf SUdte uod mehrere Ortschaften in der Um- 
gebung TOS Kiew waren von mssiseben FlttchtUngen be- 
TSlkert, deren AuBliefemng Bnssland, auf Vertrfige fussend, 
SU fordern sich bereelrtigt wfihnte. Und daie man in 
Petersburg nicht schon Iftngst auf die strikteste Erffillnng 
der bestehenden Tractate bestanden hatte, erklärte man 
durch die BQckeicht , die man bisher dem Könige von 
Polen gesollt, in dessen Interesse mau an die RepaUik keine 
ITafanungen erlassen habe, um den Beherrscher Ton Polen, 
zu dessen Erhebung Bussland mit beigetragen, nicht miss- 
liebig zu maoben. Jetzt hatte man es blos mit der Be- 
publik zu thun, glimpfliche BOckacbt war nunmehr nicht 
am Platze; wenn freundsehaftlicbe Vorstellungen nicht aus- 
reichten, dann w<ir man Gewalt zu brauchen entschlossen. 

Den Tersohiedenen Mächten, die bisher in erlaubter 
tmd unerlaubter Weise auf die inners YerhSitnisse der Re- 
publik Einfluss zu nehmen suchten, war es nur zu bekannt, 
1^3 an der fast trostlosen Lage der BepubÜk das Wahl- 
königthum keinen geringen Theil der Verschuldung trug. 
Trat eine Erblichkeit der Erone ein, konnten Verfossong 
and Verwaltung weit leiehter einer einschneidenden Reform 
unterzogen werden. Die innere Erstarkung Polens galt aber 
in den Augen- der Nachbarstaaten als ein grosses XJebeL 
Nicht blos Bussland, nicht allein Preussen, auch Oesterreioh 



IzcJbyCoOgIC 



I» 



fusste hierauf als einem Axiom seiner Politik. Hatte docli der 
verstorbene ECnig die Mitwirkm^ Oesterreichs za seiner 
Erhebong auch ans dem Grunde in Anspruch genommen, 
weil es im Interesse de^elben läge die Anarchie in Polen 
aufrecht zu erhalten.*) Selbst wenn BrQhl mehr Aal&ufe zu 
Beformen hätte machea wollen, es w&re doch nicht raJ^Ucb 
gewesen durchzudringen, so lange man in Petersburg und 
Wien darüber einig war, dasa Polen in seiner Schwache zu er- 
halten und dieAbschafliing selbst derhaarsträubendstenMiss- 
brftuche nicht zu dulden sei Catharina sprach in den Wei- 
sungen an ihre Vertreter nichts aus, was in den Depeschen 
aus Wien und Berlin nicht sehr oft mit derselben Schärfe und 
derselben KQcksiobtslosigkeit betont worden war. Die Czarin 
war nur consequenter als Oesterreich, wenn sie auch der 
Högiichkeit eine Erbmonarchie zu begründen vorgebeugt 
wissen wollte. Und dass eine Familie, welche den Glans 
der Krone von dem Vater auf den Sohn überträgt, mit der 
Zeit tiefere Wurzeln in einem Lande fasst, als wenn die In- 
haber der königlichen Gewalt wechseln, konnte wohl nicht 
bestritten werden. Die Aufi-echthaltung der damal^en 
Tonn der polnischen Verfassung, insbesondere die ■Beibe- 
haltung der erforderliehen Einstimmigkeit auf den Reichs- 
tagen , dieVerziehlleistung auf eine Verstärkung des polni- 
schen Heeres, mossten den nordischen Staatslenkem um so 
mehr am Herzen liegen , indem Bussland, wie es in der In- 
struction heisst, nur dadurch einen directen Einfluss auf die 
europäische Politik zu nehmen im Stande sei. 

Die Anforderungen Busslands an den net^ewählten 
ESnig waren nicht gering : er sollte die Interessen Busslands 
wie seine eigenen zu wahren suchen. Um aber kanftighin 
unbebdÜgt durch die Einsprache anderer Staaten, das Becht 



') Instruction «I den Qrafen LOtaelborg vom Jahre 173S. (Dna- 
dener ArchtT.) 



IzcJbyCoOgIC 



IM 

lu haben, eich ia die innerea Terhältiiisse Polens elnzu- 
misohen, sprach es C&th&rioa aus, dass die Gesandten doroh 
nichts so sehr die kaiserliche Huld erwerben und auch zu 
ihrem eigenen Böhme beitr^ea konnten, als wenn sie es zu 
bewerkstelligea suchen, dasa der Reichstag die russische 
Garantie fOi die Fundamentalgesetze, Privilegien und Frei- 
heiten der Sepubtik nachsuchen und durch einen officiellen 
Act den Dank für die Einsetzung des Herzogs tou Curland 
aussprechen würde. 

Auf diese Funkte legte man in Petersburg das Haupt- 
gewicht; der Charakter der Politik Busslands derBepublik 
gegenflber ist in denselben mit vollster Schftrfe dargel^t. 
Allein schon fflr den gegenwärtigen Moment hatte man in 
Petersburg den lebhaften Wunsch, einen wenn auch aur 
scheinbar gesetzlichen Anhaltspunkt für das Eingreifen in 
die polnischen Yerh&ltnisse zu erhalten. Dies war erreicht, 
wenn der Primas bestimmt werden konnte, eine angesehene 
Person mit dem Auftn^e nach Petersburg zu entsenden, 
den Schutz Busslands fQr die Au&echterhaltung der Gesetze 
and die freie Wahl des neuen EOnigs nachzusuchen und die 
Bitte Torzubringen, dass es einer fremden Macht eine Ein- 
mischung in die inneren Angelegenheiten der Bepublik nicht 
gestatten mOge. Die Eiuflussnahme der andern Staaten wurde 
dadurch anf die einfachste Weise bei Seite geschoben; Buss- 
land allein erlangte eine massgebende Stellung in Warschau, 
ohne dieselbe mit einer andern Macht theilea zu mflsseu. 
£3 war jedoch nicht anzunehmen, dass der gesammte pol- 
nische Adel sich mit vollster EiumQthigkeit dem Willen 
Busslands fügen werde. Die Bildung einer antirussisehen 
ConfOderation war höchst wahrscheinlich. Wenn eine solche 
gegen den neugewfthlten von Bnssland anerkannten Eonig 
in's Leben gerufen werden sollte, war man fest entschlossen 
uQTerzfiglioh russische Tnippen in Polen einrücken zu lassen, 
die Gegner als Bebellen und Buhestörer zu behandeln nad 



IzcJbyCoOgIC 



13 4 

ihre fi&ter mit Feaer und Soweit zu TerwflBteii. Zn diesesi 
Bdinfe wellt« sich fisHlaiid mit PrensBen vereinen. Uwl 
Tenngegen alle £rw^uiig das lAome Euirfiokea too TrapjMP 
niofat gesfigea und .W&ffeiigevalt nottwendig aein eollt«, um 
dea EOnig tdq Bnsslands Gnaden su erhalten, dann wollte 
man nißht eher ruhen, bie das ganze polniaebs Iiivland Boas- 
laad einverleibt sein würde. Ei»u sollte aber erst geBchritten 
wer^n, wena alle ährigen Mittel sich als ungenügend ervieeeo. 
Ein wohldurchdachtes, bis in die kleinsten Details aus- 
gwilaeitetes Syetem tritt une in dieser Isstraetion entgegen. 
SoIk« damals feoniite man auf eine Unterstatznng von State 
PreuEsens fast mit äicherbeit rechnen. Der Tod des Könige 
TOS Polen war Friedrich allerdings etwas ungelegen ga- 
knnmeH, er eprajig Ton der Tafel anf, als er die Kunde tse- 
nahm. Er Mite gevüiueht, sein Yerhftltniss m Boselaud 
irfiher in'g Beine gebracht zn haben. Indessen hoffte er, 
die Neuwahl würde vor sich gehen, ohne Unruhen im tie- 
fblge iu haben.') Benoit erhielt den Auftri^, darauf hiu- 
xnarbeiten , daee sich die massgebenden Kreise Polens mit 
dem Gedanken der Wahl eines Piasten vertraut maeitui 
mühten; er sollte es an Vorstellungen nicht fehlen lassen, 
w^eh' eine Schande es fttr die Nation und die Bepnblik 
wSre, «u einem Fremden greifen zu mOesen. Die Polen 
hätten doeh genügsame Erifthnngm gemacht, wie litH sie 
nnter fremden Königen gelitten.^) Es hatte dieser Wetsnng 
nicht bedurft. Beneit, der durch einen lungeren Aufenthalt 
in Polen Luid und lieute genau kannte, war lAngst, so weit 

■) Friedrii^ an Heinridt 0. Oetober 1T08. Toil» lelbn de Po- 
lygne, qni B'cflt ]»UBd vonrii coisine n» Bot, ja toui btoo« qiH je 
n'üiae pu les g<ms qni fönt tont a contre tcmpe, J' espcre cepeadant 
qae cette clection se patscn saus qu'il en restilte des noQveani tronbla 
OeuTres XXVI p. £88. 

*) HinicbarialinBtnietioD u B«noit -SS, November 1763. Fot- 
Mlmiigeii U. & 38. 



iccbyCoOgIc 



UuD seine Instruetioaea nicht die H&ule bandeD, in diesein 
ftnofi th&t% gewe0eB> Seinem Scharfblicke war es oiotit 
mttgimgen., dass die politischen Verhältnisse Preussens zn 
«mr AlliaDE Kit Bnssland bintriebeu. Da mannigfache Oe- 
lAchte T«rbrätet waren, iaae Preussen und Bus^nd Stttcke 
T«B Polen loezui^iasen heabBichtigen, entechtossen sich die 
rnssisehen Minister eise ^kläning zn verfiffentUchen, um 
auf das eneigischeste zu widersprechen. Sie ersuchten 
Bowit, in gleicher Weise Torzugehen, indem auf diese 
Weise die twiscbea beiden StAaten bestehende TJebereinstim- 
tamg anf dasUäiste documentirt wQrde. B«ioit zOgerte nicht 
zu willfahren. GemeinschafUioh f^ren sie in einem den 
nioeefaeii äesaadtefi gfibdrigeB Wagen zam Primas, um 
das Schiifetfi^ an flbwreichen. ') 

Catharina und Friedrieh erkl&rten, die Bepublik bei 
Uuem Rechten und Fr«iheiten dem Vertrage von 1686 gemAss 
H «rtaalten und eine VerkAraung derselben nicht zu duldeiL 
Evgleicsh epiadten sie den Wumoh aus, dass der Himmel 
die Q«müther leiten mOge, einen einhslmisfihen GandidateB 
zu wfthlen; ein KOnig ans dem SchOBse der Nation ge- 
wählt, werde den Wohlstand des Landes viel mehr befSr- 
dem lud fOr die Buhe desselben eifriger bedacht sein. 

MitÜeiweile war in Dresden nach mehrwQchentliehem 
Schwanken eine Einigung erzielt worden. Die Candidatur 
Xaver's war beschlossene Sache, tian wendete sieh nach 
Wien mit dem Ersuchen , für ihn energisch einzutreten, 
Hiezu konnte mau sich daselbst nicht entschtiessen. Kaunttz 
glaubte Torlänfig genug gethan zu habea, wenn er den Ge- 
aandten anwies, bei eventuellen Anfragen von Seiten der 
Polen in allgemeinen Ausdrücken zn erwiedern und nur 
m vertrauten Kreisen der lebhaften Neigung der EaiseriHr 
Xayer auf dem Throne zu sehen, wannen Ausdruck zu Yer- 

I Beaoits vom SS. December ITes. Forschnngen IX. 



Dgilizc-ObyCoOglC 



leiben , keineswegs aber Öffentlich damit heirorautreten, 
wenn auch noch bo eifrig darauf gedrungen werden sollte.*) 

Kicht einmal zu einer ei^Lbigeren Qeldnnterstlltzimg 
2e^;te sieh der Staatskanzler bereit. Es stimmte mit den 
in Wien herrschenden Ansichten Tollkommen üherein, dass 
der französische Gesandte, Panlmy, eine Geldaushilfe vor- 
Iftufig fQr über&Qssig erkläite und dieselbe erst dann fSr 
angezeigt hielt, wenn die Patrioten auf dam Convocations- 
reichatage ihre Standhaftigkeit bewähren wtkrden. und doch 
setzten Brauicki und seine Anhänger fortwährend auseinan- 
der, dass die Erhaltung einer Truppenmacbt nothwendig 
nnd deshalb Geld uneatbehrlich sei.^ 

Die Kachrichten aus Bussland Hessen darüber keinen 
Zweifel , dass C&tharina die Erhebung eines Mitgliedes des 
Czartoryskischen Hauses zum EOnig von Polen bestimmt 
habe. Mercy, der sich anfangs Januar noch in Petersburg 
befand, benahm dem Staatskaoiler schon damals alle und 
jede Hoffnung, einem Mi^liede des sächsischen Hauses die 
Erone verschaffen zu können. Und Ende dieses Monats be- 
richtete Lobkowitz, der Mercj's Posten einzunehmen bestimmt 
vrar, von KriegsrQstungen. Die Truppen standen bereit in Po- 
len einzurficken, und nur der besonnene Panin hielt die Kai- 
serin zurück, schon jetzt in demonstratiTer Weise anzu- 
treten. ») 

Auch darauf musste Eaunitz verzichten, dass die Pforte 
sich entschieden gegen die russische Partei in Polen aus- 



■) P. !S. an Marcr vom 16. Januar 17S4. (W. A.) 
*) Podoekl an den Prinzadminiatrotor in Dresden am 18. Januar 
IT6I1 Les dietines approchent, et noQs d« nTons ploa que faire, je 
taehe de consoler noB amis avec dea bellae promesaes tandi* qne lee 
antres jetteut de Taigent avec piofnüon; in ähnlicher Weise Schmidt, 
18. Februar ITflt. (Dtsedeuor Archir.) 

') Herc; und Lobkowitz atu Petersburg 1, und 31. Januar 1784. 
<W. Ä.) 



IzcJbyCoOgIC 



117 

sprechen wflrde. Er hatte in Constantinopel eine in all^- 
meinen Wendungen abgefasete Erklärung abgegeben' und 
schlug in Warschau daraus Capital. Nur ein enei^cher Ent- 
achlusB der Pforte, Uese er daselbst darlegen, sei im Stande, 
BuBBland ron einem gewaltthätigen Eingreifen abzuhalten; 
ohne Unterstützui^ desselben kOnne Oesterreieh nichts thun. 
Mit Ungeduld hatte er eine Kundgebung 7oa Seite der türki- 
schen Staatsmänner erwartet. Nun war diese erfolgt, aber in 
einem Sinne, welche die Berechnungen Oesterreichs zn Schan- 
den machte. Denn sie sprach sich filr die Wahl ein^ Eiuhei- 
mischeu auB, indem dadurch die Verfassung und die Freiheit 
deiBepublik au&eeht erhalten wQrden, und erklärte, nicht 
dulden zu wollen, dasa ein firemder Fürst auf den Thron 
berufen wflrde. In Wien rerfiel man augenblicklich darauf, 
dass hiebei fremder EinÖoss mitgewirkt haben mflsse, und 
man wurde darin bestärkt, nachdem es Vergennes geglückt 
war, eines prenssischen Memoires habhaft zu werden, worin 
bei den Pfortenministern der Verdacht erweckt wurde, dass 
Oesterreich einem Erzherzoge die polnische Krone rerachaffen 
wolle. Und dass auch Bussland in dieser Richtung in Con- 
stantinopel thätig gewesen war, stellte das Schreiben Kejser- 
lingk's vom 3. Jänner 1764, worin von der Stellung der 
Pforte zu dieser Frage der Bepublik die erste Kunde zuging, 
ausser Zweifel. 

In Wien fKgte mau sich in das Unvermeidliche und 
hielt es fQr unmöglich, in Constantinopel anderen Ansichten 
zum Durchbruche 2u rerhelfen. Nunmehr hatte man blos 
den Wunsch, die Wahl wenigstens auf eine Oesterreich ge- 
nehme Persönlichkeit zu lenken. In Dresden kam man den 
Ansichten des Staatskanzlers entgegen. Da Oesterreich er- 
klärt hatte, sich möglichst neutral zu verhalten, und Frank- 
reich auf wiederholte Aufragen, oh es entschlossen sei, Xa- 
ver mit Geld und Truppen zu unterstützen, ablehnend ge- 
antwortet hatte, fasste man den Entsohluss die Candidatur 



IzcJbyCoOgIC 



U8 

d«e Prinzen iallen zu lassen und die Wahl Braaii^'fl be- 
ordern »1 hfiSea, wenn dieser da« Tersprechen geb«a mAÜte, 
bei Lebseiten solche JEÜaleitnugeii %a treffen, diss awk sei- 
nem Tode die polnisctie Exoue Zarer anfiele. ') 17 och bei hA- 
tBitm des KurfEirsten hatte man stich miit diesem Gedaahoi 
heachftftigt. denselben jedftch Dailen gdaseen, weil man b»- 
ffirchtete, dass ^Ttislaas F<auatdWBki die Wahl Branioki^ 
begünstigen werde, um sich den Weg zum Throne sn 
ebnen.*) Seitdem hatte maa draselben sie ganz aafge- 
geben und kam hierauf immer wieder xurücfc, 

In Wien begrflsste man £eeen Ausweg mijt lE^eodeB. 
AbgeBehen davon, dase der Eron-^roaefeldherr den Wteoer 
Kreisen «ine genehme pBTsOiIiebfceit war, dachte KaoBitz 
sich auch dadurch eine „schöne BoUe" zu. Man konste bä 
der bisher geffliirten Sprache beharren, dass man insbe- 
sondere wQiisobe, wenn »nem aäcbsisohen Prinzen die £rone 
zufiele, zn^eich aber «'klären, dass miui gegen die Wahl 
eines Plasten nichts einzuwenden habe, und auf die Person 
Branicki's hiaweisen, der bei der gegenwSrtdgeo Sachla^ die 
meiste Büeksiobt Terdieoe. Auch rechnete man in diesem 
Falle darauf, dass ach der ABhaag der Gzaitory^ liioht« 
wfirde.*) Branicki war in Conatantinopel eine bekannte Per- 
3oa, der es gelinge mochte, die türkischen 8taai«männer 
gttnstig zu stimmen; auf Frankreichs Beifall kounte mit 



') Die Bevieggr^näe in eiuen SclueibeD joa Flemming an 
KanniU yom 27. Februar 176*. (W. A.) 

') L'idee dort todb me parier d'opposer Piute a Piiste ponr 
(ngttger les Curtorftki ä rerenir k dovs pent iftre bonne mais il fiutt 
U«D «uminer, n cem qui parlejot du grand )t«neral le fgitt «■ effet 
dftDB rintention aincere de noos eeirir, et pnis je crAindraü toqjonn 
qne le Stolnik Ponifttovski ne faToriBat Velectiou de eon beaa frare 
dUB l'esperance de Ini neceder. An Oolti Bin 24. November IT^ 
{Dre»d, Ardib.) 

') An Mercy 17. Jurnar 1764. (W. A.) 



lizcJbyCoOglc 



1» 

einiger Wabrsolieinliohkeit gerettet wecdeii, da derEroo- 
graeBfeldheiT als Haupt der fivuMiaehen Furtei galt Hod 
aeioen Sympathien für den aUerchrUtlicksteD KOoig bei je- 
der G^egenbeit Aoadrufilc Twlieh. 

Branicki hatte, ehe man aooh in Dresden und WifU 
mit diesem Gedanken sieh su befreunden begann, die Sitoft- 
tion fßr ach anssnbenten gesocht Seit dem Tode des Eur- 
Areten befestigte sich bei ihm die Ueberaeuguog, dass ee 
schwerlich cÖBem sOcheiBchen FrinUB gelingen dflrfte, die 
M^xitfit zu erlangen. Der Ehrg^ des alten üanueB er- 
wachte, er hielt es nicht für nnmAelich, bei einigar TJnter- 
stfltcQng TM Fraakreich oder Oesterreioh aK's Ziel za ge- 
langOL In eiiwr Denkschrift, die er d^n franzSeisohen Ge- 
sandten in Warschau fiberreichte, setzte er aoseinander, dsss 
noch ICittel vorhanden wären, den rassischen tJ^rgriffen 
zu begegnen. Er wies auf die ihm zur VerCÜgnn^ stehende 
Armee hin und forderte znr ErhaUiuig derselben mit den 
erffu-derlieheo Greldmitteln untm^ütit eq woden. ') In Paris 
scheint man ihm einig« Ver^trediunfeD gemacht zn haben, 
auf wdche gestützt ^ die einleitenden Schritte that. Paul- 
my sachte die Freunde Frankreicbs dem Kronfeldherm ra- 
zufQhren und rechtfertigte dies dem s&chsischen Hofe ge- 
genQber damit, dass, wenn sich die Verhältnisse für das 
kurfürstliche Haus mittlerweile gOnstiger gestalten sollteo, 
es noch immer mßglich sein werde, Branicki zu bewegen, 
auf die Krone Verzicht zu leisten, ") 

£3 war unstreitig ein Kachth^l für die B^strebnngen 
Oesterreichs, dass znr Zeit des Ablebens des Königs von 
Polen keine der schwierigen Situation gewachsene Persön- 
lichkeit mit ausgedehnten Vollmachten in Warschau die 
Monarchie rertrat. Der joage Van Swieten, der als Minister- 



■) Ab Starbembers 16. Fabrnsr ITM. (W. A.) 

*) Goltz u Flemming 1. Febriu 1764. (Diesd. Anhir.) 



IzcJbyCoOgIC 



140 

resident daselbst lebte, war ein Neuling, und wenn ihm 
auch ei^e nicht gewöhnliche Gewandtheit, raache Aufhs- 
suDgagahe , zutreffeades TJrtheil nicht abgesprochen wer- 
den konnten, so war doch Aesr ihm zugewiesene Wirkui^- 
kreis trotz des besonderen Vertrauens seines Herrn und 
Heisters nicht weit genug; seine Instructionen erlaubten 
ihm ein selbstst&ndigeres Torgehen nicht, ein Uebelstand, 
der um so mehr in die Wi^chale fiel, als man auch in 
"Wien keine ganz Tollstftndige Eenntniss der polnischen 
Yerh&ltQisse besass, und daher einen Beprfisentanten in 
Warschau nOthig gehabt hätte, dessen Erfahrung und per- 
sönlicher Ginflnss bedeutend genug gewesen wären, um er- 
forderlichen Falls auch selbststELndig TOi^ehen su kOnnen. 
Auch unter den Bächsischen Vertretern gab es keinen Ein- 
zigen, der die Fähigkeit besass, seine leitende Rolle zu spie- 
len. Man hatte Ton Dresden eine ganze Beihe von Per- 
sonen nach Warschau gesendet, die Besultate, welche diese 
erzielten, waren winzig genug. Gelangten sie doch nicht 
einmal dahin, eine gewisse Einheitlichkeit unter den Freun- 
den des sächsischen Hauses zu erzielen; nicht zwei von 
ihnen, wurde geklagt, gingen nach gemeioschaftlictaen Grund- 
sätzen vor. ') 

Als Mercy in Warschau anlangte — am 8. Februar 
1764 — hatten Preussen und Bussland einen grossen Vor- 
sprung. Die russischen Gesandten hatten die letzten Monate 
mit Nutzen ausgebeutet. Sie spendeten Geld mit vollen 
Händen und Obten dadurch eine gewaltige Anziehuugskraft 
auf die polnischen Patrioten aus. Die sächsische Partei ge- 



') 3.Februu 1764 T.Uolti. (Dreedeaer Archiv.) Le plsB grand 
mal, qae ee suis forc^ de repetor ä V. E. est que 4ea troU Saioni 
qni sonC ici, il a'j » pu denz qni agUBent d'ns commnii accord, ce 
qni angmente le soupfon que \s> Malton de Saze ne sott pw d'accord 
ponr radministrateuT. 



IzcJbyCoOgIC 



141 

wann allerdings Mutb, indem sie seit der Ankunft Mercy's 
eine energischere Untersatzung Ton Seiten Oeeterreichs er- 
wartete. PreuSBen und Buesland waren damals schon mit 
ihren Declarationen hervorgetreten. Mercy drang nun darauf, 
dass Oesteireicfa ebenfalls eine öffentliche Erklämi^ abge- 
ben solle. Die gutgesinnte Partei , schrieb er drei Tage 
nach seiner Ankunft in Warschau, werde' in Apathie und 
Untblos^keit versinken, wenn man sie noeh l&nger Eurück- 
halte und gar nicht mit Geld unter die Arme greife; nur 
auf diese Weise könne man BussUnds Pläne kreuzen. Er 
stimmte gans den Kaunitz'schen Anschanni^^en bei, dass es 
am besten wäre, fOr Branlcki einzutreten, wenn die Krone 
nicht dem Prinzen Xaver zn Theil werden könne. Zwar un- 
terschätzte er die erfolgreiche faet unermüdliche Thätigkeit 
der Gzartorjski nicht, allein er traute sich die Fähigkeit 
zu, dieselbe zu paralysiren, wenn ihm die ndthigen Mittel 
zur Verfügung gestellt würden. 

Seine feindliche öesinnnng g^ea die Czartoryski'ache 
Partei legte er unverholen an den Tag. Er nahm den Be- 
such des Stanislans Poniatowsky, der sich am zweiten T^e 
nach seiner Ankunft bei ihrn einfand, nicht an; zn dessen 
Bruder, den General Poniatowski, sagte er trocken und k&lt : 
Oesterreich wolle nur die Wolfahrt der Republik, die Auf- 
rvchterhaltung seiner Freiheit nnd seiner Gebiete, und es 
werde nicht dulden, wenn man die Verfassung irgendwie 
verletzen sollte. >) Dagegen setzte er sich allsoglelch mit 
dem Grossfeldherm in Verbindung. Dieser machte sieh da- 
mals grosse Hofihnngen, eine nicht unbeträchtliche Truppen- 
macht zusammenzubringen. Der WofWpde von Wilna, Fürst 
Badziwill, und die Familie Potooki hatten sich anheisch^ 
gemacht, je 10.000 Mann auf die Beine zn brii^en; Bia- 



<) Uerc^'i Depesche vom %. Februar 1764. (W. A.) 



IzcJbyCoOgIC 



141 

mcki beabsidit^, di« Epmarmee, auf die er roUständ^ 
sn bau«i sctöeii, auf 20.000 U&hd bo erböbea. Auf dieM 
Weise wllren ihm 40.000 Mann eut TerfGgni^ gestanden, 
SB deren ErbaUung Oestwreicb and Frankreiob die erfi»^ 
derlicben Mittel liefern BOlUeD. Die eeropftiBcbMi Mächte 
sollten angegangen werden, in Petersburg und Bertia Vor- 
stellungen zu machen, um von gewaHthftfiger EiniBisebaDg 
abzuhalten. Auf Frankreichs energisehee Auftretm vwrdeo 
grosse Hofibungen gesetst, da Hennin in eänem Stdireibea 
an den Qrossfeldherra erklSrt hatte, . dass man in Tersaillea 
dessen Wahl ucht ungenie sehen wflrde. Merc; erwartete 
von Branicki viel. Soho« desam Brkl&ning, dass er allso- 
gteich bereit »et, m Gunsten eines sftchsisoben Prinzen zn- 
rückmtreten, wenn sieh dessen Aussichten steint, imd 
ach ganz Oesterreicb sur Yerfttgung stelle, machte anf den 
Botschafter einen guten Eindruck. Zwar schlug er die 
geistigen Gaben des Kronfeldherrn nicht hoch an, allein er 
traute ihm doch ein gesundes TJrtbeü und consequentes 
Beharren bei einmal gefassteu Entsehliessungen zu. Dun 
kam, dass Branleki bei dem minder begüterten Adel, iei 
hä der Wahl do^ ausschla^ebend war, auf grosse Zustim- 
mung rechnen kannte. ') 

Es war hohe Zeit etwas zn thun, wenn der russische 
Candidat aus dem Felde geschlagen werden sollte. Me 
Partei Sachsens sehrumpfte t^Uch ausanomen. Von Dresden 
aw Uess man nichte nnversucht, lun Eaunitz und Gboisenl 
xa einer energischen That su bestimmen; man bat, beschwor, 
bestürmte, machte Vorstelluagen über VorsteUuBgeo, dass 
wenn man bei der biäherigen Inaetivitfit beharre, die säch« 
. siMhe Partei eine Mythe seiu werden') 



') Mercy 13. Februar 1764. (W. Ä.) 

'J Schroiben Flemming;« an Peioldt, anfangs Pebrnai ITUj 
a Fontenoy rom 1. Februar IT64. (Dresd. Arcbir). 



Cg.lzccbyCoOglC 



14» 

Mer&^'a A'Qtrag, eine Dectoratioa nach dem Yorgai^s 
BKsluida ond Preussen mi erlassso, &nd in Wien keinen An- 
lüsBg. Ksimits konnte sich anfangs dasu nicht entscliUessen^ 
Hater dsm eitlen Torwande , es aei der Würde Oesterreiehs 
mAt angemessen, dae Ton Andern g^bene Beispiel naeh- 
auabmen. Im Graod« geaemmen, waren die Bedenken 
gegen den Eriass eines denort^en Sehriftatdckes tieferex 
Natur. Die Furcht, dadurch in die pobüsehen Yeihfiltaisae 
wot tief« flingeiogert so. ««rckeo, staod liei Kaunitz in erster 
Iiinie, um so mehr, da die fraazfiaiaohe Politik, trota aller 
ieieiiichea Vetsickerangeii mit Oesterreich sich über Aljea 
und J«de8 m Taratändigen, xweidentige Wege ging. Neben 
dem tiesandtan befand sich in P<den ein Heef französisehei 
AgenteB, die anf eigene Faust oder im geheimen Auftrags 
eiae antiminnterieUe Politik verfolgten. Paalmy war fllr 
Eursaebsen tfafttig, Bennin wirkte fQr Conti, General Monnek 
liess biA ia geheime (Interhandlnngen mit den Gsartoryski 
nn. Auf Frankreich war mcht za bauen. Kasoh wechseltea 
#e Beschlüsse in Paris. Bald wies man Vei^nnea in Coostaifr- 
tinopel an, deui mssisohen nnd preosaischen Gresandten 
nicht energisch entgegenzuwirken, bald gab man ihm fVeie 
itend, sich mit dem Österreichischen Internuntius Penkler za 
Terst&utigeB. Der Staatskaniler nahm daher Anstand, einer 
ihm TOD dem traoBÜsischea Legationse^eeretär überreichten 
Declaration — der Botschafter war nach Paris gereist — 
ToUstftDdig beiansUmmea. Sie schien ihm in zu scharfem 
Tone gehalten nnd mehr zu Terspreeben, als man erfülleo 
konnte: Herc; sollte sieh in mässigwen Ausdrücken halten, 
wenn doch der Erlaffl einer Dedacation nothwendig sein 
sollte, wwOber fiaunits dem Öesandten schliesslich die Gnt- 
soheidung flberUess. 

Nach jeder Bichtnng hütete sich Kannitz iigend einen 
prftjudicirenden Schritt au thun. Prinz Carl hatte die Ab- 
sicht, bei der enrlfiB£B«hen Angelegenheit sieh an den 



IzcJbyCoOgIC 



144 

Convocationsreichst&g zu wenden und erbat sich in einem 
eigenbändigen Schieiben an die Kaiserin Maria Theresia die 
ünteTEtfltzung derselben. Eatinitz lehnte . eine Einmisrhnng, 
unter Versicherungen dergrösstenWilliWir^keit (UrdenPrin- 
zen thätig sein zu wollen, ab; man halte es jedoch unter den 
gegenwärtigen verwickeltfin Umständen fOr bedentclich; auch 
habe Oesterreich an der cnriandiBchen Frage nie öffentlichen 
Antheil genommen. ') 

Es ist klar, Kauoitz war darauf bedacht und musste 
es auch sein, eine jed« Conflagration zu vermeiden. Gegen 
Preussen und Bussland im Bunde war Oesterreich, ohne 
wesentliche UnterstAtzung von befreundeten Mächten er- 
halten zu kennen, im I^achtheile. Die Hofinung, die bisher 
im Hintergründe geschlummert, dass Frankreich doch zu 
einem gemeinschaftlichen Vorgehen bewogen werden kCnne, 
musste man endlich aufgeben. Schon im Februar meldete 
Starbemberg dem Staatskanzler, dass Frankreich sich 
schwerlich ernstlich in die polnischen Händel verwickeln 
lassen werde. Aus diesem Grunde hielt es Sannitz Mr um 
so nothwendiger, mit grosserer Vorsicht zu Werke zu gehen 
und sich mit allgemeinen Erklärungen za begnügen, weder 
Eursaobsen, noch dem Qrafen Branicki ernstliche Verspre- 
chnngen zu Xheil werden zu lassen, fiberhaopt Alles zu 
vermeiden, was die Gegner reizen kOnnte.*) Er verhehlte 
sich iudess nicht, dass nichts Gutes zu bewirken sein werde. 
Man mnss jedoch die Dinge nehmen, wie sie sind, trOstete 
Eaunitz den Gesandten, und nur im Auge haben, dass aiebt 
zu viel und nicht zu wenig geschehe. Dies sei zwar schwer, 
aber er verlasse sich auf die bewährte Klngbdt und Ein- 
sicht des Gesandten. Auf zwei StQcke komme es haupt- 
sächlich an, einmal bis zur erfolgten Wahl die Verlegenheit, 

') so. Man 1764 an Stemberg. (Vf. A.) 

*) An Hercy ». Febnu- und 9. Hän 1TB4. (W. A.) 



lizcJbyCoOglC 



US 

in der man sich befände, bestens eu verbergen, den Kusses 
Eiadernisee in den Weg zu legen , ohne sich allzuweit zu 
vertiefen, sodann aber schon jetzt auf die Mittel vorzudenken, 
was in dem firgiiteD Falle zn thun, und wie ohne Kri^ mit 
Ehren aus der Sache zu kommen.') 

Nach Warschau gelangte die Kunde, dass der Ent- 
schluss des sächsischen Hofes, auf die Wahl Xaver's za ver- 
zichten, durch dleüeberzeugnng der Miohtbetheiligung Frank- 
rei^ herTorgemfen worden sei. In polnischen Exeisen war 
in Folge dessen die Entmathigung allgemein, nachdem sich 
die Hoffnungen auf Paria, wohin man bisher ungeduldig und 
Sehnsucht^ geblickt, illusorisch erwiesen, und selbst die 
nach üu^r Zögemng von Faulmj und Mercy dem Primas 
aberreichten Declarationen konnten die Zaghaftigkeit der 
Patrioten nicht bannen, wenn auch die reiche Einbildtmgs- 
kraft Einzelner neuen, hofFnungsvoUen Träumen nachjagte. 
In dem franzjjsischen Schriftstücke sprach der Kfinig es nn- 
umwonden aus, dass er die Bepnblik mit allen in seiner 
Macht stehenden Mitteln unteretfitzen wflrde, im Falle sie 
gegen alles Erwarten in der Ausübung ihres zweifellosen Hech- 
tes sich einenE9oig nach Belieben zu wählen, verhindert wer- 
den sollte, dass sie anf seine Hilfe rechnen dürfe, wenn die 
Bechte nnd Freiheiten der Nation bedroht würden. Eaunitz 
hatte an diesem Satze gewaltigen Anstoss genommen. So 
weit, wollte er Oesterreich nicht gebunden wissen, und aus 
diesem Onmde es auch abgelehnt, eine mit der französischen 
wörtlich gleichlautende Erklärung zu erlassen. Seitdem hatte 
Eaunitz seine Ansicht geändert, er zeigte sich zum Erlass 
einer Declaration erbotig, aber er glaubte genug gethan zu 
haben, wenn nur in allgemeinen Ausdrücken die Aofrecht- 
erhaltung der freien Wahl betont war. Dem firanzOsischen Mi- 
nisterinni gegenüber beschönigte er die Absohwäohong da- 



') An Horc; 26. Febnar 1704. (W. A.) 

i*r: Dia ariM Tkeiliiii( Patau. 



Dg.lizcUbyCoOglC 



durch, dass der Untersohied nicht sehr bedeutend sei und im 
Wesentlichen doch eine gleiche Sprache ^fQhrt wflrde. 

Die Ton OeBterreich und Frankreich erlassenen Br- 
kl&niQgen machten in Polen gar keinen, auf die Mächte 
einen hOchat Terschiedeoartigen Eindrack.') Genaue Kennw 
des jysterreichiBchen Staatskanzlers, wie Eejserliogk und durch 
ihn heeinQusst auch Bepnin, hielten sie ffir Tersohwomroen 
und der Aufmerksamkeit wenig wflrdig. Friedrich legte ihnen 
eine grossere Beddutui^ bei, und E&nnitz hätte sieh gewiss 
im Stillen die Hände gerieben, wenn er von dem Eindrucke 
seines verw&aserten Schriftstfickes auf den König unterrich- 
tet gewesen wäre. Die Furcht Friedrich'^, durch Busslanda 
etwas zu hastiges Voi^ehen in die polnischen Wirren tiefer 
als er wünschte yeräochten zu werden, m^ zu seiner ernsten 
Auf^ung mit beigetragen haben. Er hielt dafQr, Oester- 
reicb und Frankreich würden bei einem Einrücken russischer 
Truppen in Polen doch jiicht gleichgültig bleiben, obwohl 
ihm natflrlich nicht entgehen konnte, dass sie sich iQ den 
DBclarationen eine Hinterthtlr offen gelassen hatten, die es 
ihnen ermüglicbte, denselben nach vollzogener Wahl eine 
»dere Deutung zu geben. Auch dann täuschte sicli Fried- 
rich, wenn er die Wiener nud Versailler Staatsmänner im 
besten Einverständnisse und fest entachloases wähnte, sich 
den Bestrebungen Preussens und Bussknds mit Entschieden- 
heit entgegenzn^tzen. Bassland wnrde dadurch wenig beirrt, 
Friedrich jedoch ermahnte zur Forsicht und Umsicht.*) 

Den Czartoryski war die Verschiedenartigkeit der Fas- 
sung des Österreichischen und französischen Schriftstückes 
nicht entgai^ea; sie beeilten sich diesen ümst&nd auszu- 
beuten and darauf aufmerksam zu machen, wie wenig die 



') Dan sie in Polen guii aparlos vorQberge gangen, b«riclttet 
Nostitz an FlemmiQg IT. Hän and i. April 17M ; Monnet, der tnai6- 
siscbe Agent sagte ; qae cette declaration ne valoit rien. (Dresd. Archiv.) 

*) 27. Häix an Solmi 1764. Forsclinng«! a. a. 0, S. 110. 



izcubyCoOgIc 



147 

Declarationen auch nnr formell den Anforderungen genügen, 
und obzwar die Vertreter Oesterreichs und Frankreichs all- 
sogleich mit einer Widerlegung hervortraten, bo gab es 
■dennoch yiele schwankende Gemüther, die in. ihrer Ver- 
trauensseligkeit anfWien und Paris noch mehr erschüttert 
■wurden. ') Und wenn die patriotische Partei sich überhaupt 
nicht ganz auflöste und die Dinge gehen lies ^ , wie es eben 
Gott gefillt, so konnte Graf Mercy hieför das Verdienst für 
sich in Anspruch nehmen.*) Doch gab sich dieser nicht mehr 
allzugrossen Erwartungen hin, denn selbst jener Mann, für 
Am er sich einsetzte, and drasen Wahl anf den polnischen 
Thron zu bewerkstelligen, er eine rQhrige Th&tigkeit ent- 
wickelte, Branicki begann wankend zu werden, nachdem 
ihm die Gefahr seine bisherige Stelle an Terlieren Torge- 
atelit worden war, nnd nnr dem ganzen Aufgebote der Pa- 
trioten und den dringenden Yorstetlungen des Abbä Pe- 
tanzki gelang es, ihn wenigstens vorlänfig. von einer An- 
näherung an die C^artoryski abzahalten. Das Beaehmen des 
öros jfeldherm , der kurz zuvor einen hannibalischen Hass 
gegen die Schützlinge Busslands an den Tag gelegt hatte, er- 
klärt sich zum Thelle durch die Fruchtlosigkeit aller Bemü- 
hnugea eine Geldanterstütznag von Oesterreich oder Frank- 
reich zu erhalten, da Branicki seine Landsleute viel zu sehr 
kannte, um nicht die feste TJeberzeugung zp hegen, dass auf 
<]ie9e Weise alle Versache gegen die russische Partei aufzu- 
kommen, nothwendig scheitern müssten. 

Auch andere Patrioten wiesen darauf hin, dasa ohne 
Geld nichts zu erreichen sein werde. Die [Bettelei um 
Oeldaashilfe hörte nie anf. Ohne Oesterreichs energisches 



') Bä\»g% n» gazette ecrite Tom SS. Man 1764 und Snpple- 
ineat ä la guette de TaMOvie du 26. Hars 1764. 

') Der pstiiotischB Anhang wäre schon l&ngst gänzlich zerfkllen, 
'^enn ich nicht mit einem gewiBsen Nachdruck bestrebt gewesen iräre, 
Mutb einraflBBBen. Mercy 18. April 1764. (W. A.) 

10* 



IzcJbyCoOgIC 



1 48 

Aoftreten sei Alles verloren, jammerten sie in einem Tone> 
Nur Maria Theresia könne FreoBBen zurQckbaltFen ; ohiie- 
UnterBttttznng Friedrich's werde Catitarina nichts T^en> 
Wohl gab es unter den polnischen mssiBchfeindlichen Ma- 
gnaten M&nner voll Mnth und echter Vaterlandsliebe , die 
<jnt und Blut zu opfern bereit waren, aber die Partei als- 
solche war zerfahren, ohne Einheitlichkeit in ihren Mass- 
nahmen, und es kostete dem üsterreichisclien Gesandten MQhe- 
genug, Methode und Ordani^ in dies bunte Getriebe zu 
bringen. 

Damals hatte das Einrücken der russischen Trappen- 
schon begonnen. Nicht mit specieller Zustimmung Preuasena, 
welches Bussland TOllst&ndig gewähren liees. Friedrieh hätte 
es mit Freuden be^sst, wenn man sich darauf beschränkt 
h&tte, durch Ueberredui^en und freundliche Torstellungen- 
die Polen zn gewinnen. Er beruhte sich, als er veraahm, 
dass die russischen Minister den Polen die Nothwendigkeit 
militärischer Massregeln in milden und versShnlicfaen Formen- 
begreiälich zn machen suchten, denn seiner Ansicht nach 
war Alles zu vermeiden, was die Polen in Harnisch bringen: 
und noch vielmehr erregen konnte, als dies ohnehih schon, 
geschehen.*) Schliesslich befreundete er sich mit jenes 6e- 
.siehtspunkten, die Eejserlingk für die Zweckmässigkeit dieses 
Verfahrens in's Feld fahrte. Russland hatte sich schon all- 
zuviel voi^ewi^, um ohne Schmälerung seines Ansefaens,. 
ohne Preisgebung seiner Absichten zurückweichea zu kSnoen. 
Z&gerung oder Nachgiebigkeit konnten bei dem eigenthüm- 
liehen Charakter der Polen der russisch-gesinnten Parter ' 
nur nachtheilig werden. Man wOrde als Furcht bezeichnet 
haben, was blos kluge Politik hätte sein sollen. Der Ueber- 
muth der Polen hätte dann keine S(diranke gekannt. Dem 



■) Hiniaterielle Depesche vomS.Aptil 1761. ForschnogeD IX, 38.. 



IzcJbyCoOgIC 



EOnige konnte es bei der Biohtung seiner Politik ganz gleich- 
'giltig sein, in welcher Weise Busslasd seinem Candidaten 
unter die Arme griff, wenn nur kein Krieg entstand, der 
ihn zwang, mit Waffengewalt seinen Bnndesgenossea zu 
unterstfltzen. Nach reiflicher üeberlegung mochte Friedrich 
•den scharfsinnigen Darlegungen des genauen Kenners der 
«urop&ischen Diplomatie, Kejserlingk, beistimmen, der be- 
hauptete, dass Ton Oesterreich- und Frankreich nichts zu 
lefUrchten sei, indem diese Staaten nicht in der Li^e seien, 
mit eneigischen Massnahmen Bussland im Bunde mit Freus- 
8«n eatgegensuarbeitea. 

Kejserlingk beurtheilte in der That die Sachl^ roll- 
"kommen richtig. Der diplomatische Feldzug war fQr Oester- 
reich e^entlioh schon verloren, ehe er begonnen. In Wien fing 
man an sich mit dem Gedanken vertraut zu machen, dass der 
Ton Bussland unterstützte Bewerber die Krone erbalten werde. 
Bei dieser Au^ssung, die allgemein an Boden gewann, ge- 
Tieth man nur in grosse Verlegenheit, als in derzweitenH&Ifte 
April fün&ehn herrorragende Männer an die Kaiserin ein 
-Oesuch richteten, worin, bezugnehmend anf die von Oester- 
reich erlassene Declaration, um UnterstQtzung zur Aufrecht- 
-erhaitung der Freiheit gebeten wurde. Unter den TJnter- 
BChriften fanden sich Namen, die zu den ersten gehörten: 
Krasinski, Bischof von Kameniec, der Krongrossfeldherr 
Branicki, der Bischof von Kiew, Graf Zaluski; der Palatin 
Pommerns, Prina von Jablonowski ; der Palatin von Lublin, 
Xabomirskii der Palatin voaPolook, Sapieha;Potockl u.a.m.*) 

Auch die Gegenpartei wendete sich nach Wien. Am 
'28. langten daselbst zwei Schreiben an, eines an den Fürsten 
Kannitz, das andere an die Kaiserin gerichtet, beide vom 
-General Poniatowski abgesendet und mit 25 Unterschriften 



') Dm Aetenstack trigt das Datum Tora 13. April ITfit. (W. A.) 



IzcJbyCoOgIC 



versehen. „Der grCsste Theil der Nation", hiees es in einer 
dieser Episteln, „habe znr Herstellung der Buhe und der Si- 
cherheit die Hilfe Buselands verlangt, man ersuche daher die 
Uonarchin, das FacificationEWeik m Polen nicht au stOren.'^) 
In einer Confeienz vom 28. April beech&ftigte man 
üch mit der polnischen Frage. Seit Eaunitz sich in seiner 
Stellung als Fremienninister [befestigt, hatten die Zasam- 
menkSnfte der Minister ihre ehemalige Bedeutung verloren. 
Der rechthaberische^ rSinn des Staatskanzlers ertrug nur 
schwer Widersprach, und er entledigte sich so viel als mög- 
lich der EinfluEsnahme der Staatsconferenz. Nur in, Mo- 
menten tiefeingreifender EntEcheidung , insbesondere aber 
dann, wenn Kaunitz die volle Verantwortlichkeit auf sich 
zu nehmen nicht den Muth hatte, bediente er sich der Con- 
ferenz, in der es ihm ohnehin meist gelang, seine Ansichten 
durchzusetzen. Die Situation war wichtig und kritisch genug. 
Ausser den Ministern Eaunitz, ülfeld, Khevenhiller und 
Colloredo waren auch die kaiserlichen Majestäten und 
Josef anwesend. Darüber herrschte Einmüthigkeit, dass 
Catharina damit durchdringen werde, Stanislaus Foniatowski 
den polnischen Thron zu verächafTen. So wenig genehm 
Stanislaus Foniatowski der Wiener Regierung war, so sehr 
man auch die Bedeutung dieses Mannes überschätzte, von 
dessen keckem und unternehmendem Wesen man räne totale- 
TJmgestaltung der Bepnblik erwartete, so fiel doch noch ein 
anderes Moment in die Wagschiüe, welches in seinen Con- 
Bequenzen weit gefährlicher erschien, als alle Befonnen in 
der polnischen Verfassung. Das alte Gespenst tauchte wie- 
der auf, dass Freuesen und Rnesland sieh auf Kosten der 
Bepublik vei^Ossern sollten. Man mass den hierüber einlau- 
fenden Berichten einen grossen (jlauben bei und erklärte das- 
weitere Anwachsen der preussischen Macht für das griSsste- 



■) An Herc; 88, April 1761. (W. A.) 



IzcJbyCoOgIC 



Ul 

üelie], welches dieUonardiie treffen kOnne. ^war hattenBuss- 
land und Prenssen durch Declarationen alle hier&nf bes&g- 
lichen Qerfichte f^ iälech erklärt, zwar wies Kannitz mit 
Selbetgemiigkeit danmf hin, dasa die Haltnng Oester- 
reichs diesen Schritt veranlasst habe, allein er war der 
Meinung, dass die Plane der beiden nordischen M&chte auf 
Polen nicht angegeben, sondern nur vertagt seien. 

Eannitz hielt die Sachlage fllr eine der heiklichsten, 
die je rorgekommen. Nach seiner damaligen Melnnng kam 
durch Foniatowski ein Mann auf den polniGchen Thron, dei' 
den SouTer&sen Prenssens und Busslands an Geist und Un- 
ternehmungslust, an Ehrgeiz und Verstellnngskunst eben- 
bGrt^; war, und er sah bei einer so gearteten Natur eine 
Trippelallianz im Anzüge, insbesondere fOr Oesterreich ge- 
fahrdrohend. Seine Phantasie war geschäftig genug, den 
Thron Prätendenten mit den glänzendsten Eigenschaften aus- 
zustatten. Er erblickte in Stanislaus Augnst einen Eroberer 
Ton dem Sehlage Carl'sXII, der mit Freossen und Rnss- 
land im Bunde nnt Unheil aber Unheil anrichten würde. 
NaehUngani,Sieben})flrgen,OberschleBien stand diesenMAch- 
ten der Weg offen; der Untergang Oesterreichs war nicht auf- 
zuhalten. Er hielt diese Anaichten far so begrOndet und ftlr 
solch' stringenter Natur, dass wenn die Wunden des letzten 
Krieges nicht noch so frisch und gross gewesen wären, er kein 
Bedenken getragen haben wfirde, darauf anzutragen, selbst 
einen Krifg noit Polen oder mit Prenssen nicht zu scheuen. 
„Leider bindern dies die inneren Zustände", f&gte er in 
seiner AnseinanderEettung hinzu, „und sobald der eine Theil 
mit Gewalt lu Werke geht and der andere sich derselben 
nicht bedienen kann, hat der erstere gewonnenes Spiel." 

Einen Krieg au fähren ging demnach nicht. Davor 
schreckte der sonst nicht gerade rfickEichtsvolle Staatskanzler 
zmflck. Sollte man also die Hände vollständig in den Schooss 
legen? Dies war einer Orossmacht wie Oesterreich nicht 



IzcJbyCoOgIC 



IS» 

angemessen; die Qegner worden durch eine derartige Stel- 
lung nur noch überm&th^r gemacht, uad durch die an 
den Tag gelegte Schwäche und Indifferenz angetrieben, den- 
noch ihre Plfijie zu rerwirklichen und VergiOsserungsten- 
denzen zn fröhnen. 

üeber die pOssere oder geringere Intimität Catharina's 
and Friedrioh's sah man auch damals in Wien noch nicht 
ganz klar. Eaunitz gestand es, dass es ihm bisher trotz 
aller darauf verwendeten MQhe nicht gelungen, sei, den 
Schleier zu l&ftea, und sich eine genaue Eenntniss zu ver- 
schaffen, wie weit das Verstftndaiss zwischen den beiden 
reiche. Er nahm an, Preussen habe sich blos Terpfliohtet, 
Bussland in Polen vollständig gewähren zn lassen und es 
im Falle, als Oesterretch Truppen einrücken liease, werk- 
thfitig zu unterstützen. Ehe ii^end ein Schritt gethan wer- 
den konnte, musste man sich zuvor darüber volle Klarheit 
verschaffen. Eaunitz schliß vor, den König von Preussen 
zur Sprache zu bringen, jedoch gleichzeitig mit der An- ' 
fir^e einige onverfUngliche , aber doch wesentliche Demon- 
strationen duroh Zusammenziehui^ eines Trappencorps an 
den polnischen Grenzen zu machen. Man zeigte dadurch 
aof eine klare Weise, dass Oesterreich die Dinge in Polen 
mit grosser Aufmerksamkeit verfolge and nicht um jeden 
Pf-eis das Schwert in der Scheide stecken lassen werde. 

Alle weiteren EntSchliessungen wollte er von den aus 
Paris, Warschau,. Constantinopel und Berlin einlaufenden 
-Berichten abhängig gemacht wissen. Lauteten diese befrie- 
digend, so konnte man den fQn&ebn Senatoren eine gün- 
stige Antwort ertheilen, wenn ungünstig, die lä'klärui^ 
geben: der Fall sei noch nicht eingetreten, dem in der De- 
elaratioa gegebenen Versprechen Genüge zu leisten, .die rus- 
sischen Truppen haben noch keine Oewaltthätigkeiten aus- 
geübt, jene fönfzehn Männer hätten nicht das Becht, im 
Kamen der Bepublik zu reden. Beweis dessen, dass ein Theil 



IzcJbyCoOgIC 



I» 



4er Polen das Vorgehea Basslands rechtfertige; auch der 
Primas nehme die Dazwiscfaenkunft Oesterreichs nicht in An- 
spruch, was um 80 mehr in Betracht konune, da demselben 
«rfthrend des Interregnums zustehe für die Aufrechthaltung 
4er Gesetze au sorgen. '} 

Zunächst sollte demnach von Prenssen die Ausstellung 
«iner Declaration gefordert werden, dass es keinen Mann In 
Polen eisrücken lassen werde, so lange sich Oesterreieh 
«benfalls von einer Sinmischimg in die polniachen Ange- 
l^enheiten durch Absendung von Truppen fem halte. Wie 
Kaanitz die Politik Friedrich's beurtheilte, 1^ es nicht in 
4e9sen Absicht, Anlass zu einem Kriege zu geben, und wenn 
er, wie die Berichte lauteten, an den Grenzen seine Truppen- 
macht in Bereitschaft hielt , so wollte er doch nur zu- 
schlagen, falb Oesterreieh durch Absendung von Truppen 
Activ in die polnischen Angelegenheiten eingreifen sollte. 
Wenn diese Ansichten zutreffend sind, meinte Kaunitz, so 
lieesen sich die Bestrebungen Busslands noch grossentheils 
Tereiteln, die Ehre Oesterreichs retten, ohne zu einem Kriege 
Anlass zu geben, oder dem KOnige von Preussen etwas zU- 
zumuthen, was mit den ron ihm Qbernommenen Verpflich- 
tungen im Widerspruch stand. Durch von beiden leiten aus- 
jinstellende schrütliche KrklSningen konnten alle Schwierig- 
keiten beseitigt werden. Friedrich genflgte seinen Yerspre- 
•chungen Bussländ gegenüber, wenn diese nur dahin mün- 
4eteB, sich Oesterreieh entgegenzusetzen; er zeigte klar, dass 
«r den Frieden erhalten wolle, aber auch den Kri^ mit 
Oesterreieh nicht förchte. Weit gewichtiger waren die Vor- 
theile auf Österreichischer Seite, wenn der Eduig auf dieses 
Ansinnen einging. Man gewann dadurch einen Einblick in 



*) SttUktsconfereni die polniBcbeD ADgelegeoheiten betreffend, 
<lto. 98. April; Vortrag Tom SS. Hai 176i cod ßeEcript an Starhem- 
beig Tom 4. Mti 1764. (W. A.) 



izcubyCoOgIc 



184 

die prenssisch-nisGischen Abmachniigeii, um eodann beniv 
tbeilen zu kennen, wie weit man gehen durfte, ohne einen 
Eri^ befürchten zn mtlssen. In der Öffentlichen Meintuig' 
wahrte Oeaterreich sein Ansehen und war in der Lage sei- 
ner in Warschau abgegebenen Erklärui^ GenQge zn leisten, 
indem selbst die patriotische Partei daa Einrücken Ssterrei- 
obiscber Truppen nicht wünschen konnte, da sodann FrensseD 
aaeh nicht zurückbleiben würde. Bnssland hätte allerdiogg, 
argumentirte Kaunitz weiter, freie Hand in Polen, wenn 
aber die Patrioten von Frankreich und andern M&cfaten bin<- 
reichend mit Geld unterstfitzt würden, wenn femer die Pforte 
bewogen werden kOnilte, ernste Demonstrationen zu machen, 
so würde die russische Partei in Polen in grosse Terlegen- 
heit gesetzt; kCnnte man auch nicht die Wahl eines andern 
Königs als Stantslaus Poniatowski durchsetzen, so w&re ea 
doch mSglich die Ehre und Freiheit aufrecht zn erhalten.') 
Der ESnig war zur Zeit, als die Depesche vom 28. April 
nach Berlin gelangte, abwesend, das Ministerium ertheilte 
eine vorläufige Antwort , welche Eauuitz vergnSgUch fand. 
Kur wünschte er, dass die Erkl&mng, welche die preussi- 
schen !Uinister auszustellen nicht abgeneigt waren, auf den 
gegenwärtigen Fall Bezug nehmen und nicht blos in allge- 
meinen Ausdrücken abgefasst sein mCchte. Auch mit einer 
blos mündlichen Erklärung wollte Eaunitz sich nicht zufrie- 
den geben, seine Hauptabsicht wurde dadurch vereitelt, sich 
Europa gegenüber darauf berufen und die Passivität Oester- 
reichs damit rechtfertigen zn kennen. Kur ira äussersten 
Falle wollte er sich mit einer mündlichen Declaration begnü- 
gen, jedoch soUte dieselbe von dem preussischen Minister dem: 
Österreichischea Gesandten in die Feder dictirt werden. *) 



■} Postscript tm fiied in Beilin Tom 28. April ITOi. (W. A.) 
■) Cbiffrirtca Bescript an fiied ivm 14. Hui 1764. (W. A.) 



IzcJbyCoOgIC 



m 

Dag^en stimmte er einem sweiten VorscMage bei, daes die 
betheiligten Höfe nnter sich Über diejenigen Mittel, wodurch 
sie die Rnhe in Polen au&echt zu erhalten und eine üeie 
geaetzmäss^e Wahl zu befördern gesonnen wären, ein TJeber- 
einkommmen treffen sollten. Der wesentliche Inhalt einer 
derartigen Vereinbarung mSsste aber darin bestehen, durch- 
aus keine Gewalt anzuwenden und die freie Wahl unbeirrt 
durch anderweitige Einflösse vor sich gehen zu lassen. Sämmt- 
liche Truppen Bollten das Gebiet der Bepublik verlassen« 
auch die Eronarme sich zur&cksiehen.*) 

Eauoits war sehlau genug, in Berlin den Glauben zu 
nähren, dass Oesterreich sich doch entschliessen kOnnte, 
einer Vergewaltigung der Bepublik durch Bussland en^egen- 
zutreten, indem es seinen den Polen gemachten Yerspre- 
chungen GenQge leisten müsse.") Er hofite auf diese Weise 
seine e^ne Verlegenheit zu verbergen. Es scheint, dass 
K9nig Friedrich den Asterreiehischen Staatskanzler durch- 
schaute ; denn er zeigte sieh zu einer solchen Vereinbarung, 
wie sie Eaunitz wünschte, nicht geneigt. 

Man war schon damals in den Wiener Ereisen mit sich - 
im Beinen, die Polen ihrem Schicksale zu überlassen. Wenn 
die. Pforte in die Falle ging und sich für Polen in die Schanze 
schlug, wenn Frankreich mit Geldunterstfltzung nicht kargte, 
um so besser, die Bepublik konnte mit Bussland allein fertig 
werden, da dieses nicht im Stande war, zwei Gegueni, Polen 
und der Pforte, die Spitze bieten zu kCnnen. Oesterreich 
selbst wollte sich von dem Eampfe fernhatten, denn für 
Eaunitz handelte es sich nunmelir nur noch dai'um, um 

') An ffied am 14. Uv 1764. (W. A.) 

') L'Imp«ntiice n« pretend gener eu fafw qaelconqne le cboix 
du Boi qoe les Polonais jngeront k propos de h donner, tnois en echange 
Elle ne peat Bonfflit qua qnelqu'nii rentreprenue. Ello l'a piomis et 
Elle ne pent nl ne veat mauquer ä sa puok. An genenl Ried le - 
M. Hai 1764. (W. A.) 



IzcJbyCoOgIC 



ist 

eioen grOssern oder geringeren diplomatischen Erfolg, nur 
um den Eeweis , dass bei der Ordnung der inneren Yer- 
h&ltnisee dea Nachbarataates das Votum Oesterreichs doch 
nicht ohne BerQcksichtigang blieb. In welcher Weise aber 
Oesterreich seine Stimme in die Wagechale legen werde, 
wenn ee in die Lage kommen sollte, es zu thnn, darüber war 
«T sich selbst noch nicht klar. Er verfiel auf mannigfache 
Projecte. Ein Ausweg war , wenn die Parteien in Polen an 
Oesterreich die Mediation übertr^en worden. Es war dies 
ein Gedanke, den Mercj angeregt hatte. Eine andere Ter- 
gleichamodalitftt lautete, daas eiae Einigung erzielt werden 
sollte, Foniatowski sam Hersog toq Curland und den Frin- 
nen Carl zum Eßnige von Polen zu machen. ') 

Die Wahlen zu dem GouTocattonsreichst^ hatten in- 
iless begonnen. Altem Brauehe gemäss hatte dieser dieAuf- 
gabe, die Zustllnde des Landes einer Prüfung zn unter- 
ziehen, um etwa nothwendige Verfassungä&ndenuigeD in 
Vorschlag zubringen, endlich die Yoranstalten zur Königs- 
wähl zu treffen. Die Landboten wurden von Kreis- und 
' Laudt^en entsendet, welche seit jeher in der Regel das 
Schauspiel tumaltuariacher Soenea boten. Der Adel erschien 
bewafihet, und bei dem heisaen Blute und der nie aufhören- 
den Parteiwuth der Polen ging es selten ohne Blutveigiessen 
ab. Es erregte allgemeine Verwunderung, als man später 
gewahr wurde, dass diesmal nur 10 Edelleute ihr Leben 
hatten lassen müssen. 

Die CzartorjBki'sche Partei konnte sich anfangs, trotz 
des Aufwandes grosser Mittel, keines grossen Erfolget rüh- 
men. Der alte begüterte Adel gehörte fast insgesammt zu 
den Gegnern derselben. Als ein günst^es Zeichen deutete 
man es in Dresden, dass die erste Wahl auf einen Anhänger 
Sachsens fiel') In dem eigentlichen Polen Übte Branicki 

■) Vortrag vom 26. Uai 1704. 

*} Si c'est no bon so^re la premine dictine est & doqs. No- 
stitz TOm 4. Febrn&r 1764 (Dresd. ÄrcliiT). 



IzcJbyCoOgIC 



1S7 

einen niassgebeDden Einfluss auf die Wahlen ans, durch. 
Blindschreiben an die Edellente auf die Bedeutung des Mo- 
mentes hinweisend. Nii^nds auf dem Flachlande konnten 
die Csartorysti die Majorität erlangen, nur im Warschauer 
Districte drang PoniatowaM durch ; zugleich wurde August 
Czartoryski sum Präsidenten des Gerichtahofes gewählt. 

Zu heftigen Auftritten kam es in Lithaueo. Die Fahrer 
der beiden Parteien, FQrst Badziwill und die Massalski, 
hatten untereinander eine Vereinbarung Aber die Wahl der 
Richter und Abgeordneten getroffen. Letztere banden siob 
jedoch daran nicht. Badziwill, hierüber wflthend, henfitst 
den Anlass, dass der Bischof tou Wilna, ein Massalski, sieh 
das Präsidium des Landtages angeeignet, während er selbst 
hierauf Anspruch machte, eilt in die Stadt in' Begleitung 
von 200 Edelleuten, belagert das Haus des Bischol^ und 
vertreibt die tou den Gegnern gewählten Bichter. Der Bi- 
schof wendet sich klagend an den Nuntius, der sich jedoch 
vollständig passiv verhält, obzw&r er das Betragen des For- 
sten entschieden verdammt. Er hielt es fOr unklug, unter 
den gegenwärtigen Terhältnissen mit geistlichen Drohungen 
und Strafen einzuschreiten, da er mit dem Plane einiger 
Polen bekannt war, auf dem nächsten Landti^e Anträge 
zur Beschränkung der Geistliohen zu stellen. 

Ton den Wahlen in der Provinz Preussen hing viel- 
fach die EnCscbeidnng ab. Die Dietinen kamen hier einen 
Monat später nach vollzogener Wahl in den flbr^en pol- 
nischen Gebieten zusammen. Den Versammlungsort des Land- 
t^es, Graudentz, hielten damals einige tausend Bussen^ 
unter dem Verwände die Magazine zu beschützen, besetzt. 
Da einem alten Herkommen gemäss, sieh fremde Truppen 
zur Zeit des Landt^es an dem Berathungaorte nicht vor- 
finden dürften, verliessen die Russen am 24. März 1766 die 



IzcJbyCoOgIC 



_ 118 

Stadt, nur fünfzehn KoB&ken waren zur Bevachai^ der 
Magazine in den Yorstftdten znrftcl^blieben. Am 25. 
gegen 4 Uhr zogen 400 Mann, zur bewaflheten Maeht des 
Fftnten Badsivill gehörig, durch die Stadt und stellten 
sich eine halbe Meile von derselben auf. Der General Po- 
ni&towski, der hieher geeilt war, zu Gunsten seiner Familie 
seinen ganzen Kinänss aufzubieten, erhob nun in einer 
Äbendrereammlnng des Adels bei dem Castellan von Kulm 
laute Etagen Aber das Zusammenziehen von Truppen; die 
Pririlegien und Freiheiten der FroTinz mSsse man aufrecht 
erhalten, rief er, er sei bereit, hieffir mit seinem Leben ein- 
zusteh^. Ironisch dankte der Bischof von Kameniec fQr 
diese Protection; wenn man diese Gesinnung des Generals 
gekannt hätte, würde man schon vor längerer Zeit seine 
Zuflucht zu ihm genommen mid ihn zum Schutz der Ge- 
setze gegen seine Familie aufgerufen haben. 

Am 36. besetzten die Bussen die Stadt, -unter dem 
Hinweise, da so viele polnische Tiuppea erschienen, mflssten 
sie zum Schutz der Magazine Vorkehrungen treffen. Der 
Adel versammelte sich bei dem Pilatin von Eulm, um lUth 
zu pflegen, was zu thun sei. Man bescblosa, den Abzug 
der Küssen zu fordern , falls sie sich aber weigern sollten 
die Stadt zu verlassen, durch ein Manifest gegen die Ver- 
letzung der heimischen Rechte zu protestiren. Poniatowski, 
der nun in der Versammlung erschien, gab sein Ehrenwort, 
die Bussen würden abziehen, wenn man sich zuvor tlber 
einige Funkte geeinigt haben wOrde. Man verlai^e die- 
selben kennen zu lernen. Er theilte sie am andern Tage 
dem Palätin von Kiew mit. Hiemach sollte der Falatin 
von Pomorok zuerst den Eid leisten , der Starost Mira- 
cbowski zum Landtagsmarschall gewählt werden, endlich nur 
die Grundbesitzer der Provinz sich an der Wahl betheiligen. 
Darob allgemeines Geschrei und Erneuerung des T^ zu- 
vor gefaBsten Beschlusses. Der Adel versammelte sich in 



IzcJbyCoOgIC 



der Kirche, tun nach einer Erklärung dee Palatins von Kulm 
sogleich auseinander zn gehen. Es kam nun noch am Ahend 
zn einem Znsammeoatosse, wobei es Todto nnd Verwundete 
gab. Jede Partei beschnldigte die andere die Veranlaaeung 
gegeben zu haben.') 

Die überthebensten Gerfichte Ober die Vor^i^e in 
Graudentz waren bald im Umlauf. Mehrere in Warschan 
anwesende Magnaten wollten den Primas bewegen, Vorstel- 
luDgen bei der Kaiserin von Bussland zu machen, allein 
dieser wies sie mit ihren Klagen an die Vertreter Catha- 
rina's. Dem damaUgeu Leiter der Bepnblik kam dieses An- 
sinnen sehr angelten ; er konnte sich jedoch später der Pflicht 
nicht entschlagen, weu^tens eine Note an Bepnin und 
Kejserlingk zu richten, die schon durch die geschraubte 
Form klar bewies, wie viel TJeberwindnng es ihn überhaupt 
gekostet, diesen Schritt zn thun. ') Die Gesandten Russ- 
lands antworteten, dass die Kaiserin durchaus nicht die 
Abeicht 4iabe, den Gesetzen und Privilegien Gewalt anzu- 
thun und die freie K<)nigswahl zu hemmen. Der Einmarsch 
der russischen Truppen bezwecke im Gegentheil die Auf- 
rechterhaltuug der Buhe und der Bechte der Bepublik. Eine 
weitere Folge hatte der Schriftwechsel ohnehin nicht. 

Im Lager der Patrioten herrschte die grösste Bath- 
losigkeit. Noch immer heischten sie Geldunterstutzung, 
ohne welche sie Alles fQr verloren gaben. Der Dresdener 
Hof sendete zwar verhältnisämäss^ nicht unbeträchtliehe 
Summen, aber sie reichten nicht aus. Bratkowsk; brachte 
50.000 Ducaten, sie waren rasch verausgabt. Dabei wusste 



*> Diese von der gewöhnlichen abweichende Daistellung beruht 
auf einem Scbretben von OsBoliuaki an Mercj vom SA. Uän 17M 
(W. A.) , mit der Belatioa bei Theiii ei S. 27 in den meisten Angaben 
ttberdnatimmend. 

») Die Note Tom 16. April , die Antwort vom 17, April 1764 
iMi Jonbert, Histoiie dea Berolutioni de Pol<^e etc. 



.byCoOgIc 



IM 

mao Dicht, fQr weu man eigentlieb wirkte. Tor kurzem stand 
es fest, dass man fQr Branicki tldtig sein wolle, im Mai 
erklärte Carl dem Geschiftetri^r Essen, er glanbe nnn- 
mebr grössere Hoffnungen su faaben, doeh durchdringen m 
kSn&en. Jedes neue Ereigniss schwellte die HoffiiangeUf 
bei jeder einigermafisen ungQnstigen Nachricht Hess maa 
den Mnth sinken. Pläne wurden entworfen, verworfen, je 
nach der augenblicklichen Stimmung; ein fester, klarer 
Gruni^edanke fehlte. Heute rechnete man mit vollster Si- 
cherheit auf Oesterreich und Frankreich, morgen erwartete- 
man die meiste UnterstQtzung von dem Tatarenkan , dessen 
Emissär zwar nur ein in allgemeinen AusdrQcken abgefasstes 
Schreiben vorzeigte, aber die mandliche Versicherung er- 
theilte, dass sein Gebieter entschlossen sei, die patriotische- 
Partet zu unterstfltzen.^) 

Am 5. Mai kamen die Patrioten bei dem Grossfeld- 
berrn zusammen, um aber die Art und Weise des weiteren 
Vorgehens Berathungen zu pflegen. Man beechloss imBeichs- 
tage za erscheinen, am gegen jede Berathung Protest zn- 
erbeben. Das Schriftstuck war von 22 Senatoren und 48 Land- 
boten unterzeichnet. Es sollte zu dieser heroischen That 
nicht kommen. Am Abend n&herten sieb 3000 Bussen 
Warschau und besetzten die Krakauer Vorstadt. Fflrst 
Lubomirski fand sein Hotel, welches in diesem Stadttheile 
lag, vonTrnppen flberfOllt; er konnte in seinemeigeneuHausfr 
nicht einmal flbemachten. In der letzten Stunde änderten 
nun die Patrioten ihren Plan ; sie beschlossen, sich voa den 
Sitzungen ganz fem zu halten, nur vier ihrer Mitglieder- 
sollten sich im Beichstage einfinden, um den Protest zu über- 
reichen. Hierzu wurden ausersehen: Lubomirski, Podstoli, 



■) DopeMhe von Mercy 10. Mm 1784. (W. A.) 



IzcJbyCoOgIC 



»1 

der General der Artillerie von Lithauen, Fotocki, der gleicti- 
nam^ Starost von Lejinsk und der Oeneral der Posten 
UokronoTski. 

Am 7. Mai sollte der Conrocationsreichstag erG&et 
w^den. Tags zuvor waren noch weitere mssisclie Truppen- 
massen in der Hauptstadt und Un^gend angelangt; nicht 
blos die Vorstädte, auch die innere Stadt wurde besetzt, 
die wichtigsten Gebäude befanden sich in Händen der be- 
waffneten Schaaren der Gzartorjski'schen Fraction. Oeneral 
Poniatowski führte das Gonuniuido. TJm 11 ülir begab sich 
der Primas in den Sitsnngssaal der Senatoren, er fand nur 
sechs (nach eioigen Angaben acht) Senatoren Tor. Obwohl 
sich der Primae verbfli^t hatte, dass die Beratfanng dnrch 
die Anwesenheit Fremder nicht werde gestdrt werden, be- 
fanden sich in den Qftngen und aof den Galleriea Bewaff- 
nete, mit den GzatoryBki'schen Farben geschmflekt. Bilinski 
erkl&rte, er und seine Genossen hätten in einem Manifeste 
gegen die Unfreiheit des Beichstages bei der Anwesenheit 
fremder Tmppen protestirt, er iünae daher an den Be- 
rathoi^n keinen Theil nehmen. Ohne irgend etwas zn 
beschlieesen, rerliessen die Senatoren , der Primas an ihrer 
Spitae , nach einer Yiertelstundo den Saal. 

Die Land boten warteten indees aaf den Marschall des ' 
letzten Reichstags, Adam Nalens MalachoTski, der dem 
Herkommen gemäss allein bereeht^ war, die nene Yer- 
santmlnng zu erdfhen. Erst einer besondem Einladung 
folgend, erschien er um 1 TJhr, nur um gegen die Anwe- 
senheit der Trappen zu protestiren. Hierfiber entstand ein 
ungeheurer Tumult, die anwesenden Tmppen legten Hand 
an ihn und machten Miene, ihn in Stflcke za hauen. Kar 
mit Mflhe gelang es, dies zu terhindem. Der Landbote 
TOn Bielsk , Andreas Mokronovski , verlas die erwähnte 
Erklärung der 22 Senatoren und 48 Landboten g^en die 
■Abhaltung eines Beichstags in Gegenwart einer fremden 

Bser: Dia ante TheilinE Poleus. 11 



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Armee und ohne TheilnaliDie von Delegi^D Preussens. 
Sodann rerUess er den Saal. Ohne sicli an diesen Yorgang su 
binden, wählten die Zurückgebliebenen den Generalsfearosten 
TOB Podoüen, FOiaten Adam Gsartorjski, zum Marschall. 
Die patriotische Partei überliesa den Qegnern das 
Feld. Noch am selben Tage beBcblosB sie , sich auf das drei 
Meilen von Warschau entfernte Landhaus des Krongross- 
feldherrn, nach Fiasecsno, zu begeben, um hier weitere Be- 
Schlüsse zu fassen. Hier deliberirte man T^ lai^; die An- 
.trl^ flogen herüber, hinüber. Nur eine Gonf&deration konnte 
eimgermassen Aussicht auf Erfolg bieten. Allein mehrere Pa^ 
tricten hielten es fOr bedenklich, zu diesem Schritt ihre Zo- 
stinmiui^ zu ertheilen. Der Bischof von Erakau erklElrte die 
GonfMeration für das einzigeBettnngsmittel, der WojwodeTon 
Kiew sprach sich energisch d^egett aus. Ohne eine gemeio- 
schafUiche Actiou verabredet zu haben, ging man aus- 
einander. ITur Radziwill hatte einen bestimmten Plan; er 
begab sich nachLithauen, um der dort sich bildenden Con- 
fi}deration unter Michael Brzostowski die Spitze zu bieten, 
wozu er aus sächsischen G^dmitteln 11.000 Duoatea vor- 
geetreokt erhielt. ') 

Es vergingen Wochen dieser trostlosen TJnthätigkeit. 
. IJnentschlossenheit und Furcht herrschten fast allgemein. 
Der Bischof von Ejakau, der wohl gegen den Reichstag 
protesürt hatte, weigerte sich dennoch dem Cooföderations- 
acte beizutreten, ehe die befreundeten Staaten die Ver- 
sicherung reeller Hilfe ertheilt hatten, da er es für un- 
möglich hielt, dass die Polen sich auf eigene Faust der 
Bossen erwehren sollten. WeUhe Beden hatten die Pa- 
trioten im Munde geführt ! Branicki , hätte man meinen 
sollen, brauchte nur zu stampfen und grosse bewaffnete 
Schaaren standen ihm zur Verfügung. Allein der Eroa- 



*) Depeschen Mercy'B rom- 10. ond 13. Uai 1761. (W. A..) 



Cg.lzccbyCoOglC 



U8 

groesfeldherr verftgte kaum über 2000 Mann, denen es 
an Allem gebracti. Zwar gelang es ihm , nach einigen 
Wochen seine Armee anf 3 — 4000 Mann zu bringen, auch 
Badziwill sammelte etwa 6000 Trappen am eich , ohne 
dass jedoch die Sache der Patrioten an Stärke und Ein- 
heitlichkeit gewoanen hätte. Yiele schlacken vor einer Be- 
theiligong zarQck, veil sie fQrchteten , noch grössere Ge- 
fahren Aber das Vaterland heraufsnibeschwOren, da jede 
Hoffnonf; auf au&w&rtige Hilfe vergebens war. 

Diese ünschlQssigkeit der Patrioten erleichterte den 
Q«gaera das Spiel Der von der aotirnssischen Partei ge- 
miedene Reichstag stimmte allen Antr&gen des Fürsten 
Caartorjski m. Der Kronfeldherr Branicki wmde seiner 
Aemter entsetzt , der Wojwode Ton Bossland, FQrst Gzar- 
torjski, znm Giief der Trappen ernannt, die aufgefordert 
wurden, künftighin nur den Befehlen desselben Folge zu 
leisten. Die Patrioten sollten mit Waffengewalt genöth^t 
werden, sich xa unterwerfen, russische Truppen unter Bep- 
nin's FQhrong dieses Unternehmen unterstützen. Branicki 
aberzeugte sich bald von der Unmöglichkeit weiteren Wi- 
derstand entgegenzusetzen. Die feste Zuversicht, daaa die 
aeinen Befehlen bisher gehorchenden Truppen ihm ihre Treue 
bewahren würden, wurde bald eraohüttert. Täglich ver- 
misste man bald ein Begiment, bald eiae Compagnie, welohe 
der von Warschau erlassenen Aufforderung Folge leisteten. 
Nach mannigfochen Versaohen, eine Streitmacht zusammen 
xa bringen, die im Stande gewesen wäre, den Gegnern die 
Spitze zu bieten, von jenen Männern, die bisher hoch und 
theaer gelobt hatten ihr Leben für das Vaterland zu opfern, 
verlassen, sah er sich zum Bückzuge nach der Zips genöthig t. 

Die russische Partei blieb unno^cliränkte Herrin. Unter 
dem Schutze Gathariua's war es den Czartoryski gelungen, 
die Bahn bei zn machen. Die Proteste und Ertclärnngen 
4er Patrioten gegen die Legalität des Beichatages verhallten 



IzcUbyCoOgIC 



I«4 

wirkni^os. Umsonst wieseo sie danuif hin, dass die Fon- 
damentalgeaetse des Reiches verletizt seien, T«rgebens hoben 
sie die nnrechtmltesige Anwesenheit der russischen Tmppen 
hervor. Anoh in Lithanen, woranf sich Br&nicki nnd eein 
Anhang grosse Hoffnungen gemacht hatten, organigirte sich 
eine Partei, die sich nm ünteratfltmng g^n Badziwil nach 
Warschan wandte. Die daselbst sich bildende Confßderation 
wurde Ton dem Primas, als dem ersten Wflrdentrl^er Po- 
lens und Lithaaens, und ron den in Warschau anwesenden 
Polen nnd Lithanem unterzeiohneL Badziwil setzte zwar 
auf eigene Faust einigen WideiBtand entgegen, aber nach 
einem am 90. Juni verlorenen Treffen bei Slonim flflchtete 
er in's Ausland. Die Conf^deration von Lithanen entsetzte 
ihn seiner WQrden und liess seine GOter confisciren. Das- 
selbe Schicksal traf seine zahlreichen Anhänger. 

Nun traten die Csartorjski mit ihrem bisher geheim ge- 
haltenen Pluie her?or. Es lag nicht in der Absicht der Ffih- 
rer, sich blos zu Handlai^eru russischer Tendenzen herzu- 
geben. Sie trauten sich die Kraft zu, eine totale Beform der 
gesammten Verfassung herbeifQhren zu kOnnen. Polen sollte 
ihrem Hause keinen SchattenkCnig zu danken haben,- ein 
starkes KQnigthnm wollten sie b^rOnden. Die Czartor;Bki 
setzten auf dem Reichst^ ihre längst beabsichtigten und 
wobl erwogenen Befonnpl&ne durch. Unter tamultuariscben 
Formen worden tiefeioscfaneidende Aenderunges Torgenom- 
men. Die Eronämter, die bisher vom EOnige fast anab- 
baugig waren, wurden ihrer MachtfQlle entkleidet. Justiz 
und Krieg, Finanzen and Inneres sollten künftighin von 
Oommisstonen , jede ans 16 Mitgliedern bestehend, ver- 
waltet werden. 'Auch beabsichtigten sie die Axt an jenes 
Gesetz zulegen, welches bisher einen jeden Fortschritt ge- 
hemmt und die Anarchie begQnst^t hatte: die Abschaffung 
des liberum Veio stand bevor. Die russischen Gesandten 



IzcUbyCoOgIC 



«[hoben aafai^ keiDen Widerspruch. Eejserlingk war krank 
and konnte meht mit gewohnter Schärfe die Dinge auf dem 
Reichst^ verfolgen. Der Bestechung nicht unsugät^lich, 
hat die Annahme, äass er durch die Gzartoryski gewoonen 
worden sei, einigen Grand fOr sich. Der ganz unwissend» 
Bepoin hatte keine Ahnung ron der Tr^weite der reichs- 
räthlichen Beschlüsse. Erst als die Fr^e Hber Beseitigung 
-des liberum Veto besprochen wurde, traten die russischen 
Oesandten gemeinschaftlich mit Benoit gegen dieses Vor- 
haben auf und hinderten die Annahme des Gesetzrorschlages. 

Trotsdem hatten die Czartorysti alle Ursache, mo- 
mentan mit ihren Erfolgen zafrieden stt sein, da dem Kö- 
nige ein bedeutender Einfluss auf die Verwaltung eii^rSumt 
worden war. Zwar wurde festgesetzt, dass die erwähnten 
Oommissiosen Tom Reichstage znsammengeeetzt werden 
'sollen; da aber nach langer Erfahmi^ selten ein Beiohs- 
tag in regelmässiger Weise, ohne gesprei^ in werden, 
endete, so wurde die Bestimmung hinsugefBgt, dass in Zei- 
ten , in welchen ein Reichstag nicht sa Stande käme , dem 
£Onige das Recht der Emennimg Eustehen sollte. Nicht 
minder wichtig war der Beschlnss, daes von nun ab das 
Finanzwesen ';nnd die Justiz betreffende Angelegenheiten 
l)los mit Stimmenmehrheit entschieden werden sollten, und 
wenn der Reicharath unterbrochen würde, die einmal ge- 
fassten Beschlüsse Gesetzeskraft haben sollten, während die- 
dieselben nach der büherigen Gepflogenheit keine GOltig- 
keit hatten. 

Bedentui^roU war die Einschmu^elni^ dieses Ar- 
tikels, der in seiner tmklaren Fassung der förmlichen Ab- 
schaffung des lüitrvm Veto fast gleich kam. Alle Qesetz- 
entwQrfe, wetcfae die „Wohlfart der Repnblik" betrafen, konn- 
ten künftighin von den Commissionen roigeschlagen werden 
und bedurften blos der Stimmenmehrheit. Endlich erklärte 
der Gonrocationsreichstag am Schlüsse seiner Sitzungen den 



Cg.lzccbyCoOglC 



Fortbestand der CoofOderation und rief dea Fürsten Adam 
(äartoryski mm Marschall aas, vodnreh diese Partei im Be- 
sitze der Macht blieb. 

Die Wahltage wurde tod dem CooTOcatiooBreichstage 
eingehend besprochen. Fast einstimmig einigte man sich 
dahin, dasa man einen Heimischen anf den Thron erheben 
wolle; er sollte von polnischen Eltern abstammen, der rC- 
misch-katholiseheii Beligion angehören, mit den Gesetzen 
des Landes vertraut sein und in keinem zn voigerflck- 
ten Alter stehen. Wer den Yersnch machen sollt«, einem 
Fremden die Erone zn Terschaffen, wurde fOr einen Feind 
des Vaterlandes und seiner Oflter rerlnstig. erklärt. Ancb 
wnrde beschlossen, dass der künftige Eßnig die polnische 
Tracht anlegen solle, wobei sich nnr bei der weiteren 
Berathnng die Schwierigkeit ei^b, dass Kiemand anin- 
geben wnsste , wie diese beschaffen sein müsste. Mit 
der Zeit hoffte man auch für diesen schwierigen Funkt 
Batb zn schaffen. Vorläufig begnflgte man sich mit dem 
Beschlnsse, dass bei der Abfassnng der l^äOa amvenfa ein 
hierauf bezflglicher Artikel anfgenommen werden sollte. 
Die KrCnnng sollte diesmal ausnahmsweise in Warschau 
stattfinden; die königlichen Ornate, Erone nnd Scepter, von 
Erakau nach der Hauptstadt gebracht werden. *) 

Nach dem Ausgange des Convocationsreicbstt^es nnck 
der vollstltiidigen Beseitigung der patriotischen Partei war 
das Besultat der Eönigswabl nicht mehr sweifethaA. In 
Versailles b^ann man sich mit dem Gedanken, dass Sta- 
nislans Poniatowski die königliche £>one erlai^n werde,, 
zn beirennden. Panlmj erhielt den Anftrt^, mit den Czar- 
torjski in Verhandlungen, einzutreten; den Patrioten gab 
man den Bath, Frieden mit den Siegern zu machen; zur 
Erkl&mng der passiven Haltung fQgte man hiezn, man habe 

') J«ub«rt. ». a. 0. 70—72. 



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IW 

wohl Tersprechen der polnischen Nation Hilfe bu gewähren, 
nicht aber einzelnen Magnaten. Panlmy nnd Hennin hatten- 
eine geheime Zneanmienknnft mit Stanislans Foniatowski; 
anter gewissen Bedingungen, sagten sie ihm, sei Frankreich 
bereit ihn nach erfolgter Wahl anEuerfeennen. *) Unter den- 
sielbtn stand eine Yereinbarnng mit den hervoiragendsteo 
Ffifarem der Patrioten obenan. Die Csart^ryski gingen auf 
diese Vorschlflge nicht ein. Man befand sich in Versailles in 
grosser Verlegenheit und beschloss dieAbbemfimg Fanlmj's. 
Hennin sollte als Besident zurBckbl^hen. Am 7. Juni 
übergab der franzCeische Botschafter die Erklärung: der 
Eünig, Ton den Vorgängen in Warschau unterrichtet, sei der 
Ansicht, da die Bepnblik entsweit nnd die Stadt Warsohan 
Ton iremden Truppen besetzt sei, dase sein Gesandter nicht 
läDger anständiger Weise daselbst bleiben kOnne, nnd er 
habe ihm daher befohlen, aidi zurflckEusieheD, hie die Buhe 
nnd Ordnung im Königreiche wieder hergestellt sein werde. *) 
Ein Wortwechsel, der sich zwischen dem Primas und dem 
Gesandten entspann, fahrte mm förmlichen Bruche. 

In Wien kam dieser Bruch Frankreichs mit der Be- 
pnblik sehr ungelegen. Man hatte sich daselbst mit dem 
Gedanken eines Vergleiches vertraut gemacht. Kaohgiebig- 
keit lautete seit Ende Mai die Parole des Staatskanzlers. 
Nach keiner Bicfatnng bot sich irgend eine Ans<dcht, die 
russischen Pläne zn kreuzen. Auf eine actirere Betheiligung 
der Pforte musste man endlich Verzicht leisten. Der Gross- 
vezier hat kein Ansehen, dem Sultane mangelt jeder krie- 
gerische Geist nnd die Minister sind von Preussen bestochen, 
klagte Eannits. In Versailles erklärte man dem österrei- 
chischen GesMidten, es sei unmöglich, in Polen ii^end ein 



■) Steril emberg's Bericht Tom SO. und 23. Hai. B«Bcript an 
denselben Tom 6. Jnni 17U. (W. A.) Vgl. anch St. Priest, Etudes Utte- 
TsiKS et politiqnee I, p. 134. 

*) Flaseui HUtoire de la diplomatiqae fninfaiie VI, p. flSS. 



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I»8 

vergaOgllohes Besnltat zu erzielen, CreldunterstUteangen an 
die Patrioten Taren daher eine Vei^endang. Die trügeri- 
schen Hofihnngen anf eine BeTolntion in Feteiaborg, welche 
dnrcli die mannigfachstea Berichte genlArt worden waren, 
schwanden allmälig. Oesterreioh stand mit seinen Bestre- 
bungen vereinsamt, da blieb nichts abrig als den bitteren 
Eelch zu leeren. Nur einen Trost hatte man, dass die 
Fassiritftt Oesterreichs, die Pl&ne Frenssens im TrOben zu 
fischen und polnische Gebiete xn erwerben, ku nichte mache. 
tSia erweise demnach der Bepnblik noch einen grossen 
Dienst, sagte man sich. 

Nach keiner Richtung war dasQlfick der polnisohenPo- 
lltik dem Fürsten Kannitz gerade hold gewesen. ') Es handle 
sich nun darum, demonstrirte er, „die TTeborfuhr nicht zu 
versäumen, noch sich durch chimftrische Hoffnungen Ter- 
blenden zu lassen, sondern die Standhaflägkeit mit der 
Yernonft nnd Vorsicht zn vereinbaren." Mit Lebhaftigkeit 
wfire der Staatskanzler auf jeden Torsohl^ eingegangen, der 
es ihm miJglioh gemacht hätte, die Niederlage seiner Poli- 
tik Terbergen zu können. 

Sich mit Ehren und Anständigkeit aus der Verlegen- 
heit ziehen, war die stehende Redensart in den Bescripten 
des Staatskanzlers. Wir haben gesehen, dass er in einer 
DeclaratioQ Preussens ein Ansknnftsmitel sah. Da diese nicht 
erfdgte, blieb nichts Hbrig als auf eine andere Weise dem 
Handel ein Ende au machen. Mercy erhielt freie Hand in 
dieser Richtung in Warschau thfitig zu sein, eventuell dahin 
wirken, dass die Fahrer der Patrioten zn einem Vergleiche 
mit den Czartorjski die Hand bieten m&ohten. Gingen diese 
darauf ein, dann traf wenigstens nicht Oestoreich die Schuld; 



') Da am daa cliaiätie des aoddeoi noch in keinem 8tQek la 
Blatten gekummen, heürt ea in einem Bescripte an Hetoj vom 
16. Mü ITfll. (W, A.) 



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Ehre und AnBehea blieben intact, vor der Welt konnte kühn 
beh&uptet werden, daas die Folen selbst den Ausgleich ver- 
uilasst hatten. ') Auch beruhig sich KaonitE einigermassea 
Aber das Vorgehen Busslandfi und Prenssens, nachdem diese 
aioh der Einßhmng der Einstimmigkeit widersetit hatten. 
Dctnn er hatte insbesondere swei Funkte fttr sehr genhrlich 
gehalten ; einmal die Einntumung grSsserer Hechte an die 
Dissidenten , sodann die Abschaffung des liberum Veto. 
Der Tortfaeil, argumentirte er, l&ge nur auf Seiten Preussens 
und Bosslands, die dadortdi dauernd au Ansehen in Warsehaa 
gewönnen; auch erhielte derEOnig von Polen eine formidable 
Macht, beides läge aber nicht im Interesse Oesterreidis. *), 

Eannite war in dem Gedanken ron der Nothwendigkeit 
«ines Au^leichs bestärkt worden, nachdem er tob den ge- 
heimen Terhaadtungen Paulmy 's mit Stanislaos Poniatowski 
Ennde erlangt hatte. Er glaubte auch die Bedingungen zu ■ 
kennen, welche Frankreich gestellt habe. Und nichts berahrte 
in Wien unangenehmer als die Ueberzenguag, dass der Ter- 
bfindete eigene W^e ging. Zwar erlaubte sich der Staats- 
kanzler in gleicher Weise einige Seiteospraage, indess was 
ihm erlaubt schien, gestattete er ungern Andern. 

Die Czartoryski'sche Familie kam dieser an^leichs- 
Creundlicheu Gesinnung des Staatskanzlers entgegen. Meroj 
wurde angegangen, seinen Hof zu Gunsten ihrer Partei um- 
zustimmen. In der That erhielt Mercy schon Anfangs Juni 
die Weisung, den Mitgliedern dieser Familie zu Erklären : 
Ihre Majestäten hegen gegen sie durchaus keine Abne^i^, 
wünschen als wahre Freundin find Bundesgenossin der Ee- 
pnblik nur die Aufreohterhaltung der Freiheit und Wohl&hrt 
und gfinnen die polnische Krone einem Jeden, der sie in ge- 
fletilicher Weise durch freie Wahl erlangen würde. Sollte 



■) Bewnipt nnd P. 8. an Mero]' vom 16. Hai 1764. <W. Ä.) 
■} Beecript ta Hetaj TOm 81. Mal 1764. (W. A.) 



IzcJbyCoOgIC 



tu 

an Mit^ed der Czartoryski'BcliBn Familie dieselbe erlangen. 
Eo werde ein solcher E6uig der Monarcliin lieb und wertfa 
sein. Noch wftre es Zeit, einem billigen Vergleiche die Hand 
zn bieten, wenn man gesonnen sei, das Beste des Beich» 
und des ktlnftigen ESnigs zn berflcktnchtigen und von ge- 
vaJtsamen Schritten abzustehen. Sollte jedoch letzteres ge- 
schehen , 80 könnte man die Wabl des kflnfingen ESnlgs 
nicht alB giltig anerkennen.') 

Unter den Bedin^mgen, unter denen man bereit war, 
zu einem Abkommen die Hand eu bieten, stand damals 
noch die Zurückziehung der russischen Truppen ans PoIbd 
obenan. Es sollte jeder Schein yermieden werden, als ob 
Bnssland allein die Wahl des XOnigs durchgesetzt habe. 
Kam es darflber zu einer Verständigung, so machten die an- 
deren Punkte keine Schwierigkeiten. Sie besogen sich zu- 
• meist auf Wahrung persönlicher Interessen einzelner Mag- 
naten und der churfarstlictL-sachsisehen Familie. 

Auch diese feste Haltung, welche noch immer Bedin- 
gungen sine qua non stellte, wurde bald anfg^eben. 
Schon nach 24 Stunden änderte Eaunitz die Weisung. 
Er halte dafUr, schrieb er vom 7. Jnni, man werde die 
Zurückziehung der russischen Truppen nicht durchsetzea 
können, es sei daher auch hieranf nicht weiter sn bestehen, 
wenn, nur sonst anstand^ und bilb'ge Bedingnisse zu er- 
zielen seien. Aber selbst dann, wenn Mercy sieb zur Ab- 
reise gedöthigt sehen sollte, wOnschte man nicht alleBrflcken 
hinter sieb abzubrechen, um doch noch späterhin wetügstens- 
die MOglicUcejt offen za hatten, die Beziehungen mit dem 
neugewählten Könige anzukntipfen. Der Gesandte soltte- 
deahalb nur eine Erklärung in allgemeinen Ausdrucken zu- 
rfieklassen und sie blos damit begründen, dass er „kein 
Augenzeuge der anmassUcheu Unternehmungen" der Czar» 



') An Mwcy vom ß. Juni 116*. (W. A.) 



IzcJbyCoOgIC 



m 

torysldächeii Partd seia wolle, jedcxdi in keiner Weise sioli 
d&rflber anskssen, ob Oesteireiob den neuen EQuig Aner- 
kennen irarde oder nioht.') 

Selbst als Paulmj zur Abreise sich anschickte, war 
man in Wien nicht fest entBchloseen mit Frankreich ge- 
meinsame Sache 2U machen. Man wollte Bussland imd 
Prenssen nioht das Feld räumen. Wenn nicht jegliche 
Hoffnung erloschen w&re, ein gütliches Eisverständniss za 
erzielen, sollte Mercr bleiben. In der That waren auch die 
Forderungen, die man in Wien stellt«, nicht gerade be- 
deutend. Man verlangte einige Vortheile fQr die sächsischen 
Prinzen, Ertheilnng einer Amnestie, BOokstellnng der con- 
fiscirten Gfiter an ihre Besitzer. Es war jeden&Ils das 
Aeusserste, wozu man sich eatschliessen konnte.*) 

Allein ein nogOnstiger Stern verfolgte die polnische 
Politik des FQrst«n Eannitz bis an's Ende. Die Czartoryaki 
wollten TOn Nachgiebigkeit an ihre Gegner nichts wissen, 
die Radziwill und Potockl sollten zu Grunde gerichtet 
werden. Mercy hatte mit dem Kanzler von Lithanen eiue 
längere, zwei Stunden dauernde Besprechong. Die Amnestie 
sfimmtlicber Patrioten und die Bflckstellung ihrer Gater, 
wurde dem Österreichischen Gesandten entgegnet, könne 
nicht erfolgen, diese Partei bestünde nur aus Bebellen, die 
eidi gegen den Staat aufgelehnt; es gehe kein anders Mittel, 
als sie durch Gewalt zum Qehoisam zu bringen. Das Einzige, 
wozu sich der Kanzler berbeiliess, war, dass kein Todesur- 
theil gefällt werden sollte. Auch von der Tersorgung der 
sächsischen Prinzen wollte er nichts wissen. Mit polniscliea 
Gütern und Starosteien dürfte der Eön^ nur nach den 
LandeGgesetzen verfllgen. Die sächsischen Prinzen besäs.<;en 



*) An Uenj nm ft Jörn 1764. (W. A.) 
*) An Uerej vom 17. JuU 17M. (W. A.) 



IzcJbyCoOgIC 



I?» 

nicht das iDdigenat, unter einem andern Titel könnten sie 
mit polniBchen OQtem nioht ausgestattet werden. Der Eanx- 
ler neth, Oesterreich möchte doch eine VerBtftndigui^ mit 
Bossland suchen. Die anderen Mitglieder der Familie re- 
tteten eine Uinliche Sprache. Mercy meinte, es bleibe nichts 
abrig, als ihn abinbemfra und die Erklärung abzugeben, 
man werde den kOnftigen EQntg nicht anerkennen. Nur 
dies werde rielleicht die Partei zu einiger BUc^iohtuahme 
swii^en.*) 

In der That war die Lage, in der sich der österrei' 
-chische Gesandte be&ad, gerade keine angenehme. Die 
Patrioten drftt^n nm Geld, welohes er nioht besass, und 
mit guten SathsohlBgeo waren sie nicht xnMeden. Er wurde 
bald erlöst. Wenn auch widerwill^, man fSgte sich in 
Wien dem Drängen Frankreichs, welches eine Abberufui^ 
des Österreichischen Gesandten forderte. Wohl machte man 
seinem ünmutbe Luft, indem man dem fransOsischen Minister 
demonstrirte, man bfttte eine Terstfludigui^ mit Wien Sa- 
chen mOssen und nicht nach eigenem Belieben dem Gesandten 
den Auftrag lur Abreise ertbeUen sollen. AUein da alle 
Hoffnungen irgend etwas zn erringen sich als eitel erwiesen 
hatten, so erhielt Mercy schliesslich die Weisung, sich zor 
Abreise sn rüsten. In den letzten Tagen des Monats Jnli 
Terliess er die polnische Hauptstadt.'} 

Das Feld war nun frei. Die Ceartoryski waren uq- 
ermtldlioh thätig, die alten Freunde festzuhalten, neue zu 
gewinnen. Die Vertreter Busslands und Preussens machten 
ihren Einfluss fKr Stauislaus PoniatowsH geltend. Der Primas 
erwiederte, man werde gewiss alle BOckeicht einer derarti- 
gen Empfehlung entgegenbringen. Noch war die Wahl 
nicht vollzogen, und schon beeilten sich servile Polen dem 



') Depesche ron Heraj Tom S9, Juni 17H. (W. A.) 

*) 7. JuU AD Ueicy, n StaihemlMrK 10. Jnli ITU (W. A.) 



izcJbvCoOgIc 



Candidaten kdoigUche Ehren za erweisen. Foniatowski eat- 
fältete seine ^anse Liebensvflrdigkeit, um auch seine Gegner 
nmzoatiDuneu ; man sah ihn die znrfickgebliebenen Frauen 
derselben an&uchen und mit ihnen l&ngere Verhandlungen 
pflegen. Sein bewfthrter Kinflnpa anf die Frauenwelt sollte 
ihm Mich hei der ematesten Angelegenheit seines Lebens 
nQtzliche Dienste leisten. Der Nuntius, der bisher anf Seite 
der Patrioten gestanden , fing an wankend zu werden ; er 
meinte, wenn auf der bevorstehenden Venammlung doch 
eine Aenderung der Sacfal^e eintreten sollte, wäre dies eines 
Jener Phänomene, welche menschliche Klugheit nicht vor- 
hersehen kann.*) 

Am 24. August trat der Wahlreichstag zusammen. 
In der aus Brettern znsammenfDgten, strohbedeokten, nach 
Innen mit Scharlachtuch verzierten, viereek:^ea Wahlhalle 
hatten 2O0O Personen Baum. Am 27. Augast begab sich 
der Primas, von den Senatoren, Gesandten und Ministern 
begleitet, in die Eöiche des heiligen Johann, wo der Ers- 
bifichof von Lemberg die heilige Mrase celebrirte. Ein 
geistlicher Wfirdentrfiger predigte sodAnn über den Text: 
wählet nnter Euch den besten und setzet ihn auf den Thron. 
Von der Kirche begaben sich die Anwesenden in den Wahl- 
saal, Die Wahl eines Marschalls ging, ohne irgend einen 
Widerspruch zu finden, in ungewohnt friedliclier Weise vor 
sich. Der Notar von Lithauen, Sosnowski, wurde mit diesem 
Ehrenamte betraut. 

Am 28. August erschien der rmsische Gesandte auf dem 
Wahlfelde und flberreichte zwei Memolres, eines in polnischer, 
ein zweites in französischer Sprache, worin die Kaiserin 
ihrem Wunsche , den Grafen Foniatowski auf dem Throne 
zu sehen, Ausdruck verlieh. Auf dem nicht gerade zahl- 



*) Die Berichte des Nuntius tüid 8. u. 16. ÄDgDBt bei Theiner, 
P^ 39 n. SD. ' * 



IzcJbyCoOgIC 



174 

i-eioh beencfaten Beiclistage warea blos die Anhdnger Bu83- 
Unds erschienen, die Bächaische oder republikuiisehe Partei 
bestand nicht mehr. Am 7. September wurde StanislAos 
Foniatowski einstimmig zum E<1nig gewählt. Am 13. Sep- 
tember beschwor er die pacta eonvenia, swei Monate darauf, 
am 25. Noyember, wurde er- in WarBohau g6g^a die bishe- 
rige Sitte, welche Krakan hiefOr beatimmte, gekrOnt 

,Ioh gratulire zum KSnig, den wir ganacht haben", 
schrieb Catharisa an Fanin, als die Kunde Petersburg; er- 
reichte; „dieses Ereigniss hat mein Vertrauen au Ihnen 
um so mehr gesteigert, da ich sehe, trie fehlerlos alle von 
Ihnen getroffenen Massregeln waren."*) 

<) SBdoKJoff, QmgIi. dea FkUm von Polen. B. 89. 



IzcUbyCoOgIC 



Fünftes Capitel. 

Die ersten Regierungsjahre Stanislaus Auguat's. 

Die Bepublik hatte wieder einen EQn^. Die meistea 
«nropiliscbea Staaten beeilten sich, den neuen Monarohen zn 
b^lflekwQoschen; nnr Oesterreieb, Frankreich, Spanien und 
Sachsen hielten damit zurück und forderten zuerst die Er- 
fQIlang gewiBser Bedingni^en. Stanislans August lechzte 
aber gerade darnach, tod den HOfen zu Wien und Parie 
anerkannt zu werden. Ztuaeist leitet« ihn dabei der stille 
Gedanke, dnroh seine Beziehoogea zu Frankreich und Oester- 
r«ich eventuell einen Stfltzpankt gegen die etwaigen Ueber- 
^iffe BuBslands zu gewinnen und sich mit der Zeit Ton 
Fetersbui^ nnabhftng^ zu machen. In Versailles machte 
KOn^ Ludw^ keine Schwierigkeiten; unmittelbar nach der 
Wahl hatte er den Marquis Conflans an Stanislaus At^nst 
entsendet, um ihn za b^ltkckwQnschen. Aber das Ministe- 
rium verfolgte damals den Plan, durch Aufwiegelung der 
Pforte g^en Bassland den Dingen in Warschau eine an- 
dere Wendung tu geben. Spanien war ganz im Schlepp- 
taue Fiankreiehs, Sachsen heischte die ErfOllung gewisser 
Bedingungen und Oesterreich wollte sich von dem Bundes- 
genossen, vorläufig wenigstens, nicht trennen. Kaunitz wjLre 
allsogleich bereit gewesen, dem Wunsche Stanislaus Aagust'e 
zu will&hren; nur die ETWfigung, dass mui seinen Freun- 
den auch gewisse Bflcksiditen zollen mflsse und es einen 
ongfinstigen Eindruck auf die Alliirten machen kJJoate, 



IzcUbyCoOgIC 



IH 



wenn man sich allzusehr damit beeilen wQrde, hielt ihn 
davon ab. Ale Stanialans Anglist seinen Bruder, den in 
österreichischen Diensten stehenden General, mit einem 
Notificationssehreiben nach Wien entsendete, rieth der Staats- 
kansler der Monarchin von der Annahme ab. Wohl aber 
sti die Erklärung abingeben, dass man g^n die Peräoa 
des Efinigs nichts einzuwenden habe; die E&iserin wäre ihm 
seit Jahren geneigt und misf^Onne ihm die Krone nicht, 
allein es wftrde ihm nicht unbekannt sein , ans welchen 
Oründen die Abberufung Hercy's erfolgt sei; so lange daher 
den damals gestellten Forderungen nicht Bechnung getra- 
gen worden sei, kSnne seine Anerkennung nicht erfolgen.*) 
Man hatte in Wien nicht die Absicht, der Anerken- 
nung StanislauB Auguat's allzogrosse Hindemisse in den 
W^ zu legen. Die Bficksichtnahme auf Frankreich spielt« 
bei diesem Entschlüsse eine grosse Bolle. Man w&nschte 
durchaus nicht, dass zwischen dem neuen EOnig von Polen 
und Frankreich sich innigere Beziehungen heraoBbilden, 
OBd obswar das französische Ministeriam momentan in Gon- 
stantinopel schOrte and hetzte, so gab es doch AnknQpfangj- 
pnnkte genug, um vielleicht früher zwisohen Paris und 
Warschau eine Yerst&ndigang herbeizufahren. Die einzige 
lichte Seite in der politischen Actlon der letzten Monate 
war naeh der Ansicht des Forsten Kannitz der nicht gering 
anznscUagende Umstand, dass gerade Frankreich seine bis- 
her nicht wenig einfluäereiche Stellung in Polen vollst&ndig 
eingebüsst hAtte. Dabei sollte es auch bleiben ; um so leichter 
konnte es gelingen, Stanislaus Ai^ust auf Oesterreichs Seite 
m ziehen und den dominirenden Einfluss Busslands mit der 
Zeit zu d&mpfen. 

Starhemberg wurde daher angewiesen , darauf hinzu- 
wirken, dass man das Notificationssehreiben annehmeQ und 

■) BroniUon, vom S«[4emb«r 1764. (W. A.) 



.byCoOgIc 



m 

in offioielle Verbindong mit Stanialans treten solle, denn 
an gewaltthätigen Schritten der Pforte g^gen Polen voUte 
man einen werkthuigen Antheil nicht nehmen. 

Indess wurde mm doch io diesen ftlr St&nislaos Angost 
wohlwollenden Aneiohten wankfflid gemacht. Der fransO- 
siBche Vertreter in Wien theilte dem Ffirsten Kanoits einige 
Depeschen von Veigenaes mit, ans denen herronogehen 
schien , dass die Pforte einen ganz ' ernsten Eifer zeigte 
gegen Stanislaus aufuntreten , und der mit seinem Lob so 
ausserordentlich karge J>Bterreiohisehe Staatskanzler mnsstie 
gestehen, dass sich der ^uzösisohe Gesandte in Goostaa- 
tinopel Terständig nnd vorsichtig benommen. Gelang es 
in der That die Pforte zu bewegen, g^en -den ganzen Vor- 
gang in Wai'schau nicht nur mit Worten zu protestiren, ' 
sondern durch in die Augen fallende Massnahmen zu zeigen, 
dass sie auch vor einem Kriege nicht znrflcksciirecke, so schien 
es nicht unmöglich, dass die Patriotenpartei, dadurch auf- 
gemuntert und unterstfitzt, zu einem energische Widerstand 
ange&cht und den Dii^en in PoImi eine andere Wendung 
geben wQrde. Denn dass Bnssland mit Prenssen im Bunde 
selbst zu den Waffen greifen werde, um Stanislaus August 
um jeden Preis auf dem Throne zu erhalten, nahm man 
nicht als wahrscheinlich an. Eaunitz stand deshiQb von einer 
Bearbeitung der üunzOsischen Regierung, behnfe AnerkM- 
nnng des Könige ah, hielt es aber doch für bedenklich, sich 
fest zu binden, sondern wollte erst weitere Berichte ans 
Constantinopel abwarten, ob sieh der tflikische Eifer auch 
werkthit^ bekunde.') 

Eaunitz erwartete, dass die Pforte ein im energischen 
Tone gehaltenes Manifest erlassen wfirde. Dies erfolgte 
nicht. Man erkl&rte vielmehr in Constantinopel, ehe man 
sich zu eisern ernsten Schritte entschliesse, wolle man erst 

■) 33. Oct, 3«. OcL v. M. Qeb UM ut Stafhembsig. (W. A.) 

B««t: Dia tnte Tkfilgng FgleiL 13 



i.,i.db,G(5oglc 



178 

die Antwort Oesterreichs abwerten. In Wi«n besass maa 
geringe Geneigtheit, eich mit der Pforte zn Tertiefan, wollte 
sich aber andererseits nicht ToHst&ndig ablehnend verhalten. 
Die Weisungen an Fenkler waren daher in eiaem aehr gewun- 
denen Tone at^fasst, da man sich Sber die in Couatantinopel 
herrschenden Absichten in Unklarheit befand. Nach soi^fiUti- 
ger ITeberlegung neigte man sich zur Annahme, dass die Pforte 
eigentUcli einen Kri«^ mit Bussland scheue; der aigwöh- 
nisohe Eaunitz schob ihr si^ar die Absicht unter, mit 
Oesterreich einen Kan^f vom Zaune brechen zu wollen. 
So viel Wahrscheinlichkeit mass er diesem Gedanken bei, 
dass er nunmehr den Plan, Stanislaus ohne Backsicht auf 
Frankreichs Zustimmung anzuerkennen, fallen Hess. £r wollte 
sieh Ton dem Bundesgeaoesen nicht trennen und brach des- 
halb alle Verhandlungen mit dem Bruder des K<}nigs von 
Polen ab. 

Der Staatakanzler gehetb durch seine Hypothese über 
die etwaigen Pläne der Pforte in volle Abhängigkeit von 
Frankreich. Sehnlichst wilnschte er nun, dass Frankreich 
es Qbemehmen mochte , die türkischen KGnister ober seine 
Ideen imd Gesichtspunkte vollständig an&uklärea , und 
jedes Misstrauen g^en Oesterreich , als ob es bei einem 
etwaigen Eriege der Pforte mit Bussland aus einer freuod- 
lichen Neutralität heraustreten wflrde, zu bannen. Läge es 
doch in den eigenthümlichen Verhältnissen des Staates, wenn 
«ich Oesterreich in keine Verbindungen einlasse, Indem die 
BSoksichtnahme auf Prenssen, es zwinge, sich rahig sn 
verhalten, um Friedrich von jeder Betheiligung fem zn 
halten. 

Kaunitz war nun vollständig damit einverstanden, dass 
Frankreich die Pforte zu einer Opposition g^n die pol- 
nische EönigswaU aufmunterte; selbst wenn sie es nicht zum 
Aenssereten kommen lassen wollte, sollte sie doch bei ihrer 
standhaften Sprache beharren, um dem tDrkischea Mioister 



Dg,l,zc-Uby Google 



17t 

thats&cblich zu beweisen, dass man solidarisch mit ihm vor- 
gehen wolle, gab Eaunitz den Bath, Frankreich mCge inCon- 
stantinopel die Teraichernng ertheilen, dass Oeaterreich ohne 
Zustimmang der Pforte Stanislans Augast nicht anerkennen 
werde. Oesterreich kSnne zwar nicht unmittelbar mit der 
Pforte ein Einverständiss zu erzielen suchen, aber es werde 
erklären, sich nicht von Frankreich trennen zu wollen, 
was, nach der Ansicht Kannitzens, so viel besagen wArde, 
aia ob die drei Mächte unter sich ein Concert abge- 
schlossen hätten.') ' 

In Frankreich war es besonders der Duc de Choiseol, 
der damals keinen geringen Eifer an den Tag zu legen 
schien, die Pforte zu einem Bruche mit Bassland anzutreiben, 
und venu die an Vergennes ertheilten Weisungen dennoch 
mit einer gewissen Vorsicht al^efasst waren, so war dies 
der Einflussnahme des Duc de PrasIIn zu danken. In Wien 
wnsste man dem letztem hief^r grossen Dank. In Coostaati- 
nopel erkaltete indessen der Anfangs etwas lebhafte Eifer sehr 
bald, der Antrag des französischen Botschafters sich mit 
Frankreich in ein Concert einzulassen, wurde at^ewiesen, 
unter dem allerdings nicht ungerechtfertigten Vorwande, 
dass fiber das zu erreichende Ziel unter den verschiedenen 
Mächten keine gleichartigen Ansichten vorhanden seien. So 
unklar und unrichtig die türkischen Staatsmänner die euro- 
päischen Verhältnisse beartbeilen mochten, die Differenz in 
den Ansichten der Vertreter Oesterreichs und Frankreichs 
konnte ihnen nicht verborgen bleiben. 

Kaunitz war eigentlich nicht unzufrieden, dass die 
Pläne des Bundesgenossen zerstoben. Da auch seine Furcht, 
als beabsichtigte die Pforte einen Krieg mit Oesterreich, 
räch beschwichtigt hatte, konnte er daran gehen, die Ver- 
handlungen mit Stanislans Aogust wieder auiznnebmen. 



>J 14. MoT. 1761 an Stuhembei«. (W. A.) 



DgilizcUbvCoOglC 



IW 

Der Gesandte erhielt den Auftrag, in Versailles hiefttr thatig 
zu sein. Kaunitz selbst gab dem Botschafter in Wien zu 
Verstehen, dass man es Oesterreich nicht verübeln könnte, 
wenn es selbstst&ndig zur Anerkennung schreiten sollte, im 
Falle man in Frankreich fortwährend neue Schwierigkeiten 
erheben und die hochgeschraubten Bedingungen nicht herab- 
mindern würde. ') Die französische Regierung kam den Wqu- 
Echen des Staatskanzlers nun auf halbem Wege entgegen. 
Sie ertheilte ihrem Vertreter in Wien den Auftr^, sich 
mit Eaunitz Über die weiteren Massnahmen zu verständigen, 
nur solle man nichts übereilen. Der Ärgwohn des Fürsten 
Eaunitz erwachte, dass Frankreich auf eigene Faust in 
Warschau thatig sein werde, tmi Oesterreich den Rang ab- 
zulaufen.') 

In einem Gutachten erörtert Kaunitz eingehend die 
Gründe, die f&r eine Anerkennung des Eöuigs von Polen' 
sprächen. In Warschau, sagt'er, sitzt Stanislaus August ruhig 
auf seinem Thron; der Krönungsreichstag ist beendet, sämmt- 
liehe Magnaten, auch der Kronfeldherr Branieki haben den 
König als ihren rechtmässigen Henn anerkannt. Nur Radzi- 
will macht eine Ausnahme. Die Hoffnungen, dass die Polen 
selbst oder auch die Türken den grössten Widerstand leisten 
würden, haben sich nicht verwirklicht. Ein längeres Zögern, 
sich mit dem Könige auseinanderzusetzen, sei nunmehr un- 
gemein bedenklich. Denn man drüi^e ihn auf diese Weise, 
sich um so enger an Russland und Preussen anzuschliessen. 
Zwar bezweifelte Kaunitz, dass Polen sich aus seiner Ab- 
hängigkeit von Russland werde befreien können, ihm schien 
schon viel erreicht, wenn nur Preussen keinen grösseren Ein- 
fluss gewann. Er begrüßte es als ein Zeichen von guter 

'] Bescript Em StaThemberg, 10. Jänner 1766. (W. A.) 
') Ad Starhemberg & Febr. 1766. (W. A ) 



IzcJbyCoOgIC 



IHI 

VorbedeutuDg, dass auf dem ErOaungsreichst&ge blas der 
Traotat mit Busslaad rom Jahre 1684 emeaert worden war^ 
mit Preussen aber von einem Vertrt^e uioltt die Bede gewe- 
sen sei Allerdings gebot es die Elugbelt, auf den Bundes- 
genossen Bficksioht zu nehmen, allein nun durfte die Sache 
uicht auf die Spitze treiben. Auch waren für Oesterreich 
noch andere Gesichtspiinkte mas^ebend. Als Nachbarstaat 
wurde es von der Entwickelung der Dinge in Polen hart 
berührt. Kaunitz wies auf die Pläne Busdands bin, im Nor- 
den eine grosse Allianz zu Stande zu bringen, um ein Qe- 
geogewicht gegen die Stellung Prankreichs zu bilden, Eng- 
land W(>rde beitreten, Polen sich selbst Oberlassen, sich da- 
gegen nicht Btemmea kSnnen. Gutes sei nicht viel mehr- 
zu hoffen, desto mehr unangenehmes zu befürchten. ') 

Pur Eaunitz handelte es sich blos darum, den Anstand 
zu wahren. Jedenfalls mnsste Frankreich wegen der dem 
Botschafter widerfahrenen Beleidigung TOllst&ndige Genug- 
tbuung erbalten, die Ansprüche KurBaohsens, Branicki'a 
und womöglich auch Badziwill's befriedigt werden. Auf 
diese Weise konnte man allen Anforderungen Genüge lei- 
sten. Man zeigte seine bundesm&ssige Gesinnung g^en 
Frankreich, ohne sich jedoch grossen Ge&hren auszusetzen. 
In Warschau selbst konnte Oesterreich nur gewinnen, wenn 
man durch dessen ganze Haltung die üeherzeugung gewann, 
dass der Wiener Hof seine Freunde und Anhänger nicht 
im Stiebe lasse. 

Mit grossem Eifer suchte nun Eaunitz, Frankreich, 
Spanien und Enrsachseu für seinen Standpunkt su gewiaaea. 
In Paris rerstand er die Saite erklingen zu machen, die 
nicht ohne Widerball blieb. Er schilderte die Gefahren, 
wenn man die Bepublik sich selbst flberliesse und Bussl&nds 
Bestrebangen, eine nordische Liga zu Stande zu bringen, 



<) ITebei die polnischen Angelegenheiten vom Febi. 1766. (W.A ) 



zedbyGoOgIc 



18» 

erleichtern wflrdä*. In Dresden rieth er dringend zur Kaoh- 
giebigkeit; es verde schwer sein, bessere Bedingungen m 
erhalten, als sie gegenir&rtig angeboten werden. Ohnehin 
hatte Kaunitz es mit Frenden begrüsst, da£s Eursachsen 
seine Bereitwilligkeit, ein Abkommen treffen zu wollen, in 
Warschan erklärt hatte. Denn er sah dadurch „die Schande 
vermieden, fQr äachsen nichts auswirken zu kSnnen". 

Eatlnitz erhielt bald Gelegenheit, die Anerkennnngs- 
irage ihrem Abschlüsse zuzuführen. Den Anlass gab Czar- 
toryski, der mit einer Mission Stanislaas August's nach Born 
betraut seine Anwesenheit in Wien benätzte , um die Ver- 
mittlung des sardinischen Gesandten, Canale, in Anspruch za 
nehmen. Kaunitz erklärte unter bestimmten Bedingungen 
sich nicht abgeneigt, dem Wunsche des KOntgs von Polen 
zu willfahren, und befürwortete auf das wärmste die For- 
derungen Frankreichs und Sachsens anzunehmen. Grstores 
verlangte , dass der Primas sich entweder in Person nach 
Paris begeben oder doch einen Anverwandten dahin mit 
einem Entschuldigungsschreiben absenden, sodann dass der 
König Ton Polen in einem besonderen Briefe an Ludwig X\. 
das Betragen des Primas missbilligen sollte. Kursachsen be- 
anspruchte, dass die Bepublik auf die Ansprache, die sie 
etwa haben sollte, Verzicht leisten möge; der Kurfflrst 
müsste in Besitz seiner in Polen liegenden Güter bleiben, 
die Bächsiachen ünterthanen im Handel und Verkehr an 
allen Begünstigungen der bcTorzugten Nationen theilnehmen; 
endlich eine anständige Appanage für die säcbsichea Prinzen. 
Oesterreich forderte: allgemeine Amnestie, Einsetzung des 
Grossfeldberrn Branicki in sein Amt und Rückgabe der con- 
fiscirten Qüter an Badziwill. Theilweise ging mau in Warsch&Q 
auf diese Bedingungen ein. Bezüglich der Amnestie ertheilte 
Stanislaus August vollkommene beruhigende Versicherun- 
gen, lehnte es jedoch ab, eine RSrnüiche Verordnung zu er- 
lassen, weil sie aberflOssig und auch nach der polnischen 



Cg.lzccbyCoOglC 



181 

Verfaesnng bed6Dklich sei. Per ECnig erUärte ferner, Bra- 
nicki in der zuvorkommendsten Weise empfangen zu wollen, 
die ansdrüokliche Zuerkennui^' seiner Würde nnd die Back- 
gäbe seiner Gflter sei jedoch nicht nothwend^, da ihm die- 
selben noch nie abgesprochen worden seien. Was BadsüwiU 
anbelangt, so seien dessen Gflter allerdings sequestrirt wor- 
den, aber nur deshalb, weil die Gläubiger dies von dem 
Gerichte verlangt hfi.tten, aber man sei bereit, fßr ihn 
etwas zu thnn, ohne ihm jedoch d^ Palatinat von Wilna 
zu Übertragen. Stanislaus 'Anguat machte auch keine Schwie- 
rigkeit mit der Absendnng eines Briefes an Lndwig ZV. 
Eauaitz gab sich damit voUstäodig znftieden. und der Ge- 
neral Poniatowski erhielt zur 0ebeiTeichung dea Notifica- 
tionsschreibens die gewünschte Audienz.') Von Frankreich 
erfolgte die feierliche Anerkennung einige Monate später; 
erst Ende December eutschlosB sich das französische Ca- 
binet, seinen bisherigen Widerstand fallen zu lassen, 

Kaunitz war herzlich froh, die Anerkennnngs&age er- 
led^ zu sehen, und mit besonders stolzem BewusstseinerfflUte 
es ihn, als sich im Laufe der Terhaudlangen herausstellte, 
dass es Stanishius August zumeist nur um die Gewinnung 
des Wiener Hofes zu thun gewesen sei, während er auf di* 
Erledigung der Irrungen mit Frankreich einen gerii^eren 
Werth gelegt. Er erörterte im Geiste schon die Vortheile, 
die ein gutes Einverständniss mit Polen abwerfen wflrde, 
wobei auch Preussen nicht unberücksichtigt blieb. Im letzten 
Kriege hatte der König aus Polen mancherlei Vortheile ge- 
zogen; er versorgte sich daselbst mit Getreide, eigänzte 
seine Heere durch polnische Söldnerschaaren. Dies konnte 
nicht mehr stattfinden, wenn es Oesterreich glückte, innige 
Beziehungen mit dem Könige von Polen an/uknflpfen; aber 



■) IsBtrQCtion an Bevitzky vom T. Sept. 1TT2 , wo dieie Veihält- 
niiae autfObrlicli dugelei^t sind. (W. A.) Einige Angaben bu Theiuet. 



izcubyCoOgIc 



aadk eise effeotire üaterstatXHng von Seite der Kepoblik, bei 
neuen khegerischeu Wirren zwischen Wien und Berlin, h/g 
nicht ganK ausserhalb des Gesichtskreises des Staatskanzlers.') 

Stanialana August und sein Bathgeber entf&lteten in 
den ersten Monaten eine rege Th&tigkeit.*) Zum ersten 
Male dämmerten in den polnischen Kreisen richtige Vorstel- 
lungen d&raber auf, was dem Staatswesen Noth thue. Die 
TTeberiseugung von der Haltlosigkeit der zu allen Beschlflsaen 
des Beichtstagee erforderlichen Stinuneneinhelligkeit, die 
Nothwendigkeit einer besseren Verwaltung, einer geregelteren 
Ordnung des Staatsbaushaltes leuchtete wea^tens einem 
Theile der Nation ein. In Wort und Schrift vielfach er- 
örtert, war es jeden&Us ein Zeichen von Oesandung, dass 
derlei Ansichten nicht Tereinaelt blieben. Eine Kräftigung 
der Staatsgewalt wurde als ein tiefes Bedfirihiss toq ein- 
sichtigen Köpfen anerkannt, die Trostles^keit der inneren 
Verhältnisse und die Ursache der Abhängigkeit von den 
Fremden auf die richtige Quelle zurfickgefährt. Von vorn- 
herein stellten sich jedoch fi^t uuQberstreigliohe Hindemisse 
der Verwirklichung wohlgemeinter Pläne en^gen. 

Die Ursachen lagen aunächst in dem Charakter de^ 
Kftnigs, in seiner StelLui^ zu seinen Oheimen, endlich in 
der Haltung Busslands. 

Stanislaus August war der schwierigen Situation dorch- 
ans nicht gewachsen. Zum B^nerator seines Volkes fehlten 
ihm durchaus die erforderlichen Eigenschaften. AnVerständ- 
nias der sohwier^n Aufgabe gebrach es ihm nicht. Seine 
Kldung war im Vergleiche mit jener seiner Landsleute eine 
umfassende. Ffir Kunst und Wissenschaft zeigte er lebhaften 
iäfer; mit den Literaturen Englands und Frankreichs ziemlich 
vertraut, beschäftigten die religißsen und politischen Fragen, 



*) Bwcript aa ätarhembeig vom T. Not. 1765. (W. A.) 
') Tei^l. den B«ricbt bei Theinu ». &. 0. B. IT, S. S. 94. 



IzcJbyCoOgIC 



IM 

w«lche dieeseits und jenseits des Can&ls arfirtert wurden, 
seine AofineAsamkeit. Llebenswflrdiglceit, ein gewisser Ver- 
sUnd, Qtäat lassen sich ihm nictit absprechen, aber die 
M&Bgel seines CfauaUerB Hessen die ^ten Anlagen nicht 
recht ZDi Enfaltnng kommen. DtiFch seine Sinnlichkeit in 
liebachaften verstrickt, war er Zeit seines Lebens ein 
Spielball r&nkesflchtiger. rerbohlter Franen; leicht bestimm- 
bar, den maimi^ltigsten EinflflBKa zugänglich, raffte er sich 
selten an einem energischen Entschlüsse empor. Seine edlen 
Absichten gingen durchweg in die BrQcfae. Von den refor- 
matohsohen Ideen seiner Zeit erfUllt, strebte er nach dem 
Ruhme, der Republik eine gleichartige Stellung mit den an- 
deren europäischen Staaten bu erringen, wenn sich dies nur 
eben leicht hätte bewerkstelligen lassen. Eiserne Ausdauer, 
Consequenz. die Fähigkeit in der Wahl der rechten Mittel 
fehlten ihm gans. Bald himmelhoch jauchzend, bald zu 
Tode betrfibt, fasste er heute energisohe Entschlösse, um 
morgen in verzagte Stimmaugen zu Tersioken und im Um- 
gange bereitwilliger Frauen eine Entschädigung fSr das 
Scheitern seiner Pläne zu TueheD.*) 

Vor seiner Wahl zum EOnige erfreute sich Stanislans 
keines grossen Ansehens; er hatte bisher in keiner Weise 
Gelegenheit gehabt, im Sffeotlicheti Leben eine hervorragende 
Rolle zu spielen. Die Czartoryski hatten sich nur wideririllig 
mit der Erhebung ihres NefTen befreundet; sie bestimmte 
die Erwägung, dass er sich willig von ihnen leiten lassen 
werde, und sie im Stande sein worden, ihre Reformen durch- 
zusetzen. Stanislans hatte es auch an Versprechungen in 
dieser Richtung nicht fehlen lassen. 

Der König sollte sich platterdings ihren Bathsohlägen 
fügen. Anfangs toden sie auch keinen Widerstand, bald 



') TargL die Cli«r»ktcrtotik des König» in den Berichten dei 
Nuntini bei Ihciner IV, II p. 96. 



IzcJbyCoOgIC 



jeddoh hatte sieh in der onmittelbareD TTtngebaDg des Kfinigs 
eine neue Partei gebildet, deren Tendens znn&chst auf eineBe- 
schrfinkuDg des Machteinflusses der kUnigliclieti Oheime ge- 
richtet war. Der Bmder Stanislaus AngDst'a, der ita Osterrei- 
chischen Diensten stehende General, stachelte ihn an, sich 
der druckenden Berormandang des Eansl^rs von Lithauen zu 
entziehen. Die Freunde des E6nigs, die er nach seiner Er- 
hebung an seinen Hof gezogen hatte, waren in gleichem' 
Sinne th&tig. Bepnin unterstQtzte diese Partei, um g^en 
die CKartoryski ein Qegei^wioht zu bilden. Auch die 
republikanische, russisch feindliche Partei rerschrnftfate es 
nicht, in Petersburg Anknüpf^gspunkte zu suchen und alle 
Hebel zum Sturze der Czartoryski anzusetzen. Von allen 
Seiten wurden die Petersburger Kreise um Unterstützung 
bestürmt; jede Partei h&nfte Klagen Aber Klagen g^en 
die Gegner. 

Die HoffouDgen der Gzartoryski, mit Hilfe Russlands 
die schneidendsten Missbräucbe abzustellen, waren durchaus 
nicht ganz nnd gar illusorisch. Zweierlei Ansichten stan- 
den einander in Petersburg gegenüber, blos darin aberein- 
stitnmend, dass die BepubÜk von Bussland in vollster Ab- 
hängigkeit zu erhalten sei. Faniu vertrat den Standpunkt, 
dass den Polen die M<^lichkeit zur Ordnung ihrer inneren 
Tetbältnisse zu gewähren und insbesondere Beformen auf 
den Gebieten des Handels, der Polizei und Justiz zu gestatten 
seien, um durch Kräftiguog der Bepablik einen nicht un- 
TeräcbtUchen Bundesgenossen bei kflnftigen Verwicklungen 
zu gewinnen. Die Czarin theilte diese Anschauungen nidit. 
Die innere Unordnung sollte so lange forterhalten bleiben, 
bis Stanislaus jene Forderungen, zu denen er sich ver- 
pSichtet hatte, erMlt haben würde. Der KOnig hatte, wie 
es scheint, ohne Wissen seiner Oheime, der mssiadien 
Kaiserin das Versprechen g^ben, die Dtssidentenfe^e 
ihrer Losung zuzufOhren und dahin zu wirken, dass der 



IzcJbyCoOgIC 



IM 

Seicbstog seine Zustimmung znm AbscUasse einer Allianz 
mit Ruesland gebe. 

Catharina wurde anch durch die Bücksiehtnabme auf 
den KOnig von PreuBsen in ihren ÄnBichten bestärkt. Denn 
dieser hielt daran Ttnersohtltterlich fest, daes die heillose 
Unordnung in fest allen Zweigen der Verwaltung erhalten 
werde , da die fortwährende Anarchie den Nftchbarstaaten 
eine dauernde Einmischung ermögliche. König und Mi- 
nister w&ren in dieser Bichtui^ gleicher Ansicht. Eine 
Kräftigung Polens kennte nach der Anseinandersetznng 
Friedrich'a nur nachtheilige Folgen fUr die Nachbarreiche 
nach sich sieben; namentlich der Abschaffung des liberum 
Veto, worauf in Warschau die Partei der Czartoryski los- 
stürmte , müsste man entschieden entgegentreten. Panin 
machte einige Einwendimgen, hob hervor, dass es nicht im 
Interesse der Mächte liege, jede VerfasstingsändMimg zu hin- 
dern; es vftre eine harte Politik, die Polen zu zwingen, 
in der Barbarei zn yerharren, in der sie sich durch den 
Missbrauch des Veto's befunden. Friedrich's Ansichten dran- 
gen bei Catbarina durch. Die Dii^e sollen unverändert 
in dem Zustande bleiben, in welchem sie sich befinden, 
lautete der definitive Besohluss der darin. 

Die Czartoryski, erbittert ober diesen Widerstand 
von Seite Busslands, gelangten nunmehr zur Erkenntniss, 
dass sie bei ihren Beformversuchen anf eine ü nterstOtzung 
von dieser Seite nicht rechnen könnten. Eine Wandlung 
begann sich in iliren Ansiebten zu vollziehen. Ob sie sich 
frflher bereit erklärt hatten, den Plan, ein Schutz- und 
Tmtzbündniss zwischen Bnssland nnd Polen za Stande zu 
bringen, bei dem Beichstage zu befürworten, ist nicht er- 
sichtlich, doch ziemlich wahrscheinlich. Als aber von Bep- 
nin, der nach dem am 30. September 1764 erfolgten Tode 
Kejserlingk's zum Botschafter ernannt worden war, ein hierauf 
bezQglicher Antrag gestellt wurde, unterstfitzten die Czar- 



IzcUbyCoOglC 



18» 

toryski denselbea uioht. Und anoh in eiaer andern Frage, 
die baldVach der Wahl Poniatowski's auf die T^^ordnung 
kam, gingen sie auf die Wünsche Basslands und Prenssens 
nicht ein. Bereits iua 14 September 1764 hatten die Ge- 
sandten Busslands und Preus&ens in Warsdiau ein Memoire 
überreicht, in welchem die Wiederherstellung aller Beehte, 
Freiheiten und Privilegien der Dissidentea gefordert wurde.*) 
Eiuige Wochen darauf, am 28. November, erneuerte Prenssen 
- dieses Ansinnen. Unmittelbar nach Eröffnung des Er&niuigs- 
reichatages, am 29. Norember, präoisirten die beiden Ge- 
sandten ihre Wünsche. Sie verlangten: ungestörte Be- 
ligionsübong für die Dissidenten, Zulassung zu allen Ehren- 
steilen, Würden und Staateämtem, Einräumung eines Sities 
für den griechisch-unirten Bischof von Mohilew im Senat«. 

Schon auf dem ConvDcationsreiohstage war die Oissi- 
denten&age gestreift worden. In dieser Veraammlung, ans 
Anh&ngern der Gzartorvski bestehend , se^te man sich we- 
nig geneigt , den andern Beligioni^eaossenscb&ften grossere 
Beohte sn bewilligen; es fehlte sogar nicht an Stimmen, 
die eine Verschärfung des gegen die Dissidenten bestehen- 
den Gesetzes heischten. Der Primas musste zur Beschwich- 
t^ng der Qemüther mit der Fwderung eintreten, keine 
hierauf bezüglichen Gesetze zu erlassen, sondern blos die 
vorhandenen xu erneuern, um den U&chten keinen Anlass 
zum Hissvei^figen su geben. Es gelang ihm schliesslich 
durchzudringen, und in der zehnten Sitiung, am 8. Mai, 
wurde der Besdüuss gefasst, an den Bestüomungen der 
Constitution von 1717 und der a%emeinea Conßderatiou 
von 1736 festzuhalten. 

Auf dem Ert^nungsreichstage war die Stimmung keine 
bessere. Die Czartoryski verhielten sich jedoch passiv; 
sie theilten den religiösen Fanatismus der Massen nicht. 



■) Abgedruckt bei Martons Becneil T. 1, p. 840 fg. 



Cg.lzccbyCoOglC 



18» 

aber Bie befllrebteten tob der Einrftnmung grösserer Rechte 
an die Protestanten nnd Nichtuoirten eine VerstHrkung des 
mssischeii Einflusses in dem parlamentarischen Körper. 
Wäre Bussland anf die Yer&ssungsreformen , besonders auf 
die Abschaffang des liberum Veto 'jingegangeo, dann besag- 
ten die wenden Sitze, welche eventuell die Dissidenten bei 
der Theilnahme an den Beichstagsverhandl'ungen eiagerSumt 
erhielten, nicht viel ; jedoch bei Aufrecbterbaltnng der Ein- 
stimmigkeit verfügte Bussland Ober eine Anzahl Stimmen, 
die sich jedem Antrage widersetzen konnten. 

Ein Brach zwischen der Familie and der nordischen 
Macht war eingetreten. Jene wahrte sich ihren Einflnss 
dnrch den Beschlnss des Kröanngsreichstages, dass die Con- 
föderation fortbestehen sollt«, wodurch ihr die MJ3glichkeit 
geboten wurde, bis zum nächsten Beichst^ im Besitze ihrer 
Uaehtetellui^ zu bleiben, und der kQhne Gedanke lag ihr 
nicht fem, trotz der Opposition Basslands eine Nenordnnng 
des Staates zu bewerkstelligen. Gelang es, die oppositionellen 
Strömlingen, die in den letzten Monaten g^n die Czarto- 
ryski mit grösserer Vehemenz denn Mher anftraten, zum 
Schweigen za bringen und die weitesten Kreise ftlr das 
grosse Beformwerk zu gewinnen, gelang es namentlich in- 
derhalb der B^emogskreise selbst eine EinmQth^keit zu 
erzielen und die Bildung einer grossen compacten Partei 
anzubahnen , dann war -die politische Umgestaltung des 
Staates, wenn auch nur langsam und allmälig, nur eine 
Fri^e der Zeit. 

Bassland verzichtete nicht anf sein Vorhaben, eine 
Aendemng. der bestehenden Gesetze bezfiglicb der Dissi- 
denten zu erzielen. Der Kaiserin If^ die Begelung dieser 
' ADgelegfflihnt besonders am Heraen. Panin gab den Jüssi- 
denten, die eine kräftigere TTnterstfltzn&g in Petersburg er- 
baten, die Versicherung, dass die russischen Truppen das 
republikanische Gebiet nicht eher verlassen wOrden, bis 



IzcJbyCoOgIC 



IM 

üirea Forderungen Oenflge geschehen seL Schon damals er- 
örterte man den Plan, dasB die Dissidenten im Nothfalle 
eine GonfQderatioa bilden und dnrob russisobe Truppen un- 
terstützt werden sollten. 

Man mu8S es Panin nachröluuen, dass seine dem rus- 
sischen Gesandten in Warschau ertheUten Instructionen 
sehr TersOholich klangen. Bepuin sollte durch Ueherredung 
zu wirken suchen, insbesondere aber darauf hinweisen, dass, 
abgesehen von den vertragsnifiBsigen Verpflichtungen, schon 
die Dankbarkeit gegen die russische Czarin es erheisdie, 
sich entgegenkommend zu erweisen. *) Sei es nicht mög- 
lich Alles zu erlangen, solle den Dissidenten wen^teES 
dasjenige ausgewirkt werden, was fOr sie von Wichtig- 
keit nnd Bedeutung sei Nur für den äussersten Fall 
sollte der Gesandte drohen, dass man sich in Fo^e 
fortgesetzter Hartnäckigkeit geuGthiget sehen wfirde , zn 
Zwai^massnahmen zu greifen. Man wäre in Petersburg 
damals zufrieden gewesen, wenn man nur auf einige Erfolge 
hätte hinweisen können; den Dissidenten Tollkommen Gleich- 
heit zu verschaffen, schien nicht mSgUch; man wflrde sich 
mit einten Privil^en und Rechten und mit einer Garantie 
g^en künftige Verfolgungen begnügt haben. Allein die ka- 
tholische Geistlichkeit stachelte zu Massnahmen an, die in 
Bneslaad sehr verletzen und erregen musBten. Dem griechi- 
schen Cultus gehörige Eiroben waren in den letzten Jahrzehn- 
ten den Unirten eingeräumt worden. Der König machte nun 
dem rechtgläubigen Bischof von Mohilew, Eonissky, Hoff- 
noi^ auf Abstellung der von ihm vorgebrachten Beschwer- 
den; aber dieser erwartete Vergebens von dem Ministerium 
eine Antwort auf seine überreichte Denkschrift. Anstatt 
eine rasche Kntscheidung zu fällen, verwies man die Ange- 
legenheit auf den schleppenden ordentlichen Geschäftsw^, 



] An BepniD IS. October 1764 bd Ssolowjoff. &. 2S. 



IzcJbyCoOgIC 



Itl 

wollte erst Erbindignngen einziehen lassen, liess Kepliken 
anfertigen und erbitterte dadurch die rassische Kaiserin. 

Hit den Tersöhnliohen Weisui^n des russischen Mi- 
nisters stand das Gebahren der Russen in Polen im Wider- 
spruch. Bepnin mischte sich in Alles und Jedes und sparte 
mit YorwQrfen und Drohungen nicht; die Republik sollte 
sich dem Machtgebote Russlands einfach f^eu. Selbst die 
gesandtschaftlißhe Vertretung Polens wollte der Gesandte den 
Wünschen Russlands gemikss ger^lt wissen. Im Nunen Ca- 
tharina's forderte er, dass die Republik am YersaiUer Hofe 
durch keine angesehene Persönlichkeit vertreten sein solle. 
In Warschau musste man davon abstehen, den Fürsten Sul- 
kowski, wie man es beabsichtigt hatte, nach Frankreich zu 
senden; der Kammerherr Felix Lo;ko wurde zu dieser Mis- 
sion bestimmt. Russische' Truppen erschienen in einer grös- 
seren Anzahl in Polen; die Generale nahmen e^enmächt^ 
die Grenzregulinmg vor, nachdem man auf polnischer Seite 
zögerte, die zu diesem Behofe auf dem Krönni^reichstage 
ernannte Commissiou abzusenden. Bussland nahm ein Gebiet 
yon 50 Quadratmeilen mit einer Bevölkerung von 160000 
Familien in Anspruch. *) Kosaken begleiteten den Bischof von 
Mohilew auf seinen Rundreisen, um die versohiedenen Kir- 
chen auszeichnen, die ehemals den Nichtnnirten gehört 
hatten. 

Die Sachli^ in Warschau war eine heltlos verworrene. 
In Petersburg benutzte man die Mission eines russischen 
Staatsmannes, Caspar von Saldem, nach Berlin, Kopenha- 
gen und Stockholm, um ihn Aber Warschau zu senden und 
sieh über den Stand der Dinge daselbst Bericht erstatten zu 
lassen, womöglich auch durch persönliche Erwirkung manche 
Differenzen im Schoese der königlichen Familie zu beeei- 



') Die Depwebeii Easeni bei Uemnuu, riugiBiilie Gegcbicbte 
T. 9U fg. 



izcubyCoOgIc 



_ IM 

tigen nod fQr die Fordernngen Rnsslands zq gewiuieii. 
Der KOnig beklagte sioh Aber seine Oheime, diese Dber 
Repnin, die poInisdieD Minister Ober Preussen. Saldern 
hOrte alle an, Terspneb nnparteüsclie Bericbterstattang, 
drohte jenen, die sieh der DnrchfBbrang der russischen 
Pl&ne abgeneigt erwiesen, mit KinziehuDg oder VervOstn^ 
ihrer Gflter, und erregte nach aUen Seiten Hoffnangen. 
Den Czartoryski gab er den Bath, in Petersborg aber Rep- 
nin Klage an führen, w&hrend er in seinen eigenen Be- 
richten sich in hficbst lobender Weise Ober denselben aus- 
sprach, und bei dem nftebsten Reichstt^e reicUiche Beste- 
chung und Anwendung von Gewaltmassnahmen uuietb, 
mit welchen Mitteln seiner Angabe nach Alles durchEu- 
setzen sein werde. 

Zwischen Berlin und Petersburg bestand in Besug anf 
Polen keine üebereinstimmnng. ECnig Friedrich war durch- 
greifenden MaasDahmen gans abgeneigt. Seiner Ansicht 
nach traten die nissischen Minister zu despotisch and rttck- 
sichtslos auf. Die Dis8ide^ttinfrage lag ihm ohnehin nicht 
so sehr am Herzen, wie der Czarin, und um weiten^ Ver- 
wickelungen zu vermeiden, gab er den R&th, vorliiufig blos 
eine bürgerliche GleicbsteUnng der Protestanten und Grie- 
chen anznstreben. In Petersburg wünschte man lebhaft 
eine activere Betheiligung des Königs. So weit es sich 
darum handelte, durch Noten und Declarationen zu ei^ennen 
zo geben, dass Preussen mit Russland vollständig einver- 
standen sei, zGgerte Friedrich nicht, sich den Wünschen 
Panin's gef&Uig zu erweisen, obzwar er immer und immer 
von zu weit gehenden Forderungen abmahnte und auf die 
Folgen auftnerksam machte, die daraus erwachsen konnten 
indem die anderen Mächte die Wirren in Polen benotzen 
wflrden, sich einzumischen. Er wies seinen Gesandten in 
Warschau an, mit deii russischen Ministem Hand in Hand 
zu gehen , das Verlangen bewaffneter Mitwirkui^ lehnte «r 



IzcUbyCoOgIC 



It» 

beharrlich ab. Nieht einm&l an der Grense wollte er 
Trappen znsanunenziehea , er fOrohtete , schrittweise tiefer 
in die polnischen Angelegenheiten hineingesogen zn werden. ' 
Denn während man in Petersburg, wohl richtiger als in 
Berlin, in der Haltni^ der eorop&ischen Mächte keinen Ornnd 
sah, anf der betretenen Bahn eintnhalten, glaubte Friedrieh 
Oesterreich nnd der Pforte eise grosse Qeneigtheit, eich der 
Polen anzimehmen , beimessen zu sollen. Wiederholt er^ 
klärte er in ganz bratimmter Weise, seinen TerpAichtun- 
tnngen nachkommen, aber von gewaltsamen Massnahmen 
sich fern halten zn wollen. ') 

Die wohlmeinenden Bathsdilftge Friedrich's landen in 
Petersburg ebensowenig QehOr, als die Berichte aus Warschau. 
Dass Stanislaus Ai^nst's dringende Bitten spurlos verhallten, 
war begreiflich, man hatte die ünzuTerläsBJgkeit des Mwmes 
viel zu gut kennen gelernt , um seinen Worten irgend 
Glauben zn schenken, aber auch Kepnin's traurige Scfaildenm- 
gen brachten keine Wirkung hervor. Dieser fürchtete grossen 
Schwierigkeiten zu begegnen, um die allgemeine Confödera- 
tion aufznlfisen, er meldete, man »ei euUchlossen, die Dissi- 
denten auf eine Prosoriptionsliste zu setzen. Dieses, erwiderte 
man ihm, werde man als einen Act des barbariaoben Fanatis- 
mus und eine Beleidigung gegen Bussland betrachten, jeden 
dahin abzielenden Sehritt als eine Kriegserklfirnng ansehen. 
Die Kaiserin, sollte Bepuin erkljLren, werde es nicht bei ein- 
fechen Dröhnten bewenden, sondern die Truppen in Polen 
wie in ein feindliches Land einrficken lassen. 

Ein neuer Reichstag stand bevor. Die Dissidenten- 
fi^e sollte den wichtigsten G^nstand der Verhandlung 
bilden. Ohne Mitwirkung der Czartoryski eehien kein ge- 
deihliches Resultat zn erwarten; allgemein hiees es, nnr 

') Not« des Königs m Solms 4. Not. 1766 b«i ^lUMr, Foi- 
«ehoDgeo IX, 178. 

Be4t: Di« tnU TluUuc Polcm. ^^ 



IzcJbyCoOgIc 



»4 

sie könaten die Sache in die richtige Bahn leiten und zn 
einem gedeililichen Abschln^ise bringen. Die Erkaltung, 
die in den Beziehui^n dieser Familie zu Ru&dand einge- 
treten war, mosste behoben werdea. Bepnin wurde beauf- 
tn^, stell den CzartoryBki zn nähern. Im September 1766 
hatte er mit dem russischen Falatin, August, eine einge- 
hende Besprechung. Der F&rst war mit VeräichemngMi 
seiner Dankbarkeit, seiner Hiagebnng und seines Eifers sehr 
fre^ebig, lehnte es jedoch ab, zn Gunsten der Dissidenten 
einzutreten; er warnte davor, rassische Trappen auf die 
OOter der eifr^en Katholiken zu rertheUen , was nur da- 
zu dienen konnte, die Gemflther aufzuregen und die Leiden- 
schaften zu entfesseln. Bepnin enthielt sich auch dieser 
Massregel, da der KOnig eich in ähnlicher Weise ausge- 
sprochen hatte, um keinen Vorwand zu geben, dass seine 
üebereiluDg Alles verdorben Libe. ') 

In Fetersbui^ machte all dies keinen Eindruck. Die 
Kaiserin nahm die Sache persönlich, insbesondere g^eo die 
Bischöfe von Wilna und Krakau, die ihren Einflose bei den 
Massen benutzten, um Eum Widerstände anzufordern, hegte 
sie grosse Erbitterung. Die auf polnischem Territorium be- 
findlichen Trappen wnrden verstärkt, die Oberste IgelstrOm 
und Carr erhielten die Mission, die Adeligen auf ihren Qd- 
tern anfzusuoben und mit Drohui^en und EinsehQchteruags- 
Tersuchen nicht zu kargen. 

Die Wahlen zu dem bevorstehenden Beiohstage waren 
iodesB beendet; der Ausfall derselben war den rassischen 
Plänen nicht gQnstig. Im AUgemeiaea traten auf diesem 
Selobstage drei Parteien mit rersdiiedenen Zielen hervor. 
Die Geartoryski erstrebten die Fortdauer der bestehenden 
ConfOder&tion, um sich in ihrer Maditstellung zu behaupten. 
War dies zn erreichen, so waren sie auch einer Erweiterung 

') Depflsche von Bepnin 6. Sept. bei Ssolowjoff. S. iS. 



zedbyCoOgIc 



IfS 

der Befngniase der Executive and der Einräumaag grosserer 
Sechte an die Dissidentea oidit abgeneigt , jedoch ohne 
Aussichten aaf Erfolg sehieaea sie nicht gewillt, die Zahl 
ihrer Gegner durch Unterstützung der russificbea Forde- 
rungen in der religiösen Frage zu Termehren. 

Der nicht unbetrElchtiiche Anbang Stanislaus August's 
fasste eine Verstärkung der königlichen Macht und Befreiung 
von dem üebei^evichte der Czartorjski in's Auge. Das Fort- 
bestehen der CoufCderation stand daher nicht auf dem Pro- 
gramme dieser Partei. Zunächst sollte ein Versuch gemacht 
werden, die Abschaffung des Ubentm v^o durcbzosetzeiL 
Drang man damit uicht durch, so wollte man sich mit der 
Erlangung grosserer Befugnisse in finanziellen und militft- 
rischeu Fragen begnügen. Insbesondere die fi^elung der 
Ökonomischen Angelegenheiten li^ Sem KOnige am Herzen; 
fortwILhrend in QeldaOthen, auf eine Uaterstützung Bass- 
lands angewiesen, erstrebte er darchErhOhui^ der Einnahmen 
sich von der trostlosen Abhängigkeit zu befreien. EOaig 
Stanislaus lullte sieb in dem Wabn, dass es ihm gelingen 
werde, in Petersburg f&r seine Bestrebungen eine Unter- 
stfltznng zu erbalten, wenn er sich bereit erklärte, mit seinem 
Einflasse die religiöse Frage im Sinne Susslands zur Ent^ 
Scheidung zu bringen. 

Eiae dritte Partei umfiisste alle jene, die mit der be- 
stehenden Begienmg Oberhaupt unzufrieden waren; einige 
wollten eich mit einer Eindämmung des Einflusses der Czar- 
toryski b^^figen, andere setzten sich ein weiteres Ziel : die 
Beseitigung des EOnigs. Eine Fraction war nicht abgeneigt 
sich an Bussland anzuschliesseo, wenn dieses mit den Gzar- 
tocjski brach und zu einer Beseitigung der auf dem Mberea 
Reichstage eingeführten Reformen die Hand bot. Dafür 
wollten sie Qewährung von Concessioaen an die Dissidenten 
befürworten'. 

Am 6. Ootober 1766 wurde der Reichstag erOfihet. Schon 



IzcJbyCoOgIC 



IM 

m den erstea Tagen trat eine heftige Erregang der Gemfl- 
tlierzn Ti^e. Die Wahl des Marschalls ging zwar in mhiger 
Weise vor sieh, der KSmmerer des Königs, Czapiz, wurde 
ohne Opposition geirShlt, aber der Bischof von Erakan 
konnte den Moment nicht erwarten, am die brennende 
Frage über die Dissidenten sur Debatte zn bringen. Ohne 
ftussem Anlass Hess er schon am 11. October eine heft^ 
Bede vom Stapel. Er verlangte ein neues Gesetz zur Auf- 
recbthaltung der bevorrechteten Stellung der katholischen 
Kirche; für alle Zukunft sollte es verboten sein in dieser 
Beziehung eine Äenderung vorzunehmen. Die Tielheit der 
Secten, die gleicher Rechte theilhaftig sind, setzte er aus- 
einander, wirke nur schädlich. Beriefen sich die Dissidenten 
auf filtere Gesetze, die im Laufe der Zeit zu ihren Dt^anston 
eine Abänderung erfahren hatten, so wies Soltjk auf weiter 
hinauf reichende Normen hin, die gegen die Häretiker ge- 
richtet waren. Hatte nicht schon Wladislaw Jagello sich 
gegen die verpesteten Irrthümer, die damals in Polen Ver- 
breitung fanden, angesprochen und mit Strafen Allen ge- 
droht, die derselben schuldig befunden wurden? Wurden 
nicht im Jahre 1525 die Anhänger der Luther'schen Lehre 
mit dem Tode- und der Confiseation ihrer Güter bedroht? 
Konnten diese Gesetze nicht auf ein höheres Alter Anspruch 
machen, als alte jene Bestimmungen, welche die Dissidenten 
für sich anfOhrtenP 

Dem Könige und seinen Batfagebem kam der Bedeflnss 
der Krakauer Frfilaten nnd der tiefe Eindruck, den er her- 
vorrief, ungel^^. Dem KOnige war ee zunächst um eine 
Erledigung der ökonomisohen Angel^enheiten zu thnn. 
Stanislaue August entwickelte hiebe! kein gemeines Talent 
fßr die Intrigue. In Eussland erweckte er den Glauben, 
dass er in enei^cher Weise thfitig sein werde, um die 
Majorität den Petersburger Wünschen gefügig zn stimmen, nnd 
schon bei den Wahlen hatte er sich beträchtliche Geld- 



IzcUbyCoOglC 



w 

Bnmmen lur Bearbeitung der Laadbotea erbeten; dem Xim- 
Uns g^nflber l^te er eine tiefe Unterwarfig^eit gegen 
die Befehle des F&pates sn den Tag; in Wien fragte er an, 
wie er sich gegen die 'Dissidenten su vrahalten habe, die 
andern k^holisohen Mächte flehte er nnaufhOrlioh um Hilfe 
und Uateistfltzung an. Sowohl die mssisohe als auch die 
katholische Partei sollten ihn für einen der ihren halten und 
dadurch bew(^n werden, den königlichen Präpositionen auf 
dem Reichstage nicht entgegen su treten. Der KOnig hatte 
auch in Petersbnig darauf gedrungen, dass man mit dem 
Antra{;e auf &leich8teUung der Dissidenten nicht sogleich 
nach Eiftfiiiung des ReiebBt^es herausrücken solle, wozu er 
frDher gerathen, und es war ihm auch nach grossen MOhen 
gelungen, eine Fiisterstreckung auf vierzehn Tage zu er- 
halten.' 

Xun sUJrte der Bischof von Erakau die woblersonnene 
Taktik des EDnigs. Stanislaus August ei^iff das Wort, um 
eine Beechlnssfasaung m hindern. Nachdem er dem heiligen 
Eifer des Bisobofes Weihraneh gespendet, hob er hervor, 
welch süBBes Bewuestseiu es ihm gewähre, aber eine Matiwt 
SU herrschen, die fOr die -Lehren der Beligion in solcher 
Weise beseelt sei; er würdige auch die grossen GefiUtren, 
denen man entgegengebe, gemeinschaftlich mOese man zu 
Grunde gdien. oder Beligion und Freiheit retten. Sr halte 
an diesem Gedanken fest; dies sei die Devise, welcher er 
folge. Allein die Forderung des geistlichen Würdenträgers 
gehe zu weit; die ÜnabänderUohkeit eines Gesetzes zu be- 
stimmen, sei nicht Sache der Menschen, dies stehe Gott zu, 
der allein unverrfickbsre Nonnen erlassen kfinue. 

Mit einer geschickten Bedewendnng lenkte Stanislaus 
Augast auf einen andern Gegenstajid die Öffentliche Auf- 
merksamkeit der Versammlung, indem er einigen Mitgliedern 
Wflrden verlieh. Die Rede des Königs, der ganz unvorbereitet, 
aber vortrefflich gesprochen hatte, machte einen bedeutsamen 



IzcJbyCoOgIC 



ItB 

Eindruck. ') Selbst von jenen, die im Wesentlichen nait den 
Ansichten des Krakauer Bischofs fibereinstimniten, hOrte man 
es tadeln, dass er in voreiliger Weise diesen O^eastand 
zur Sprache gebracht habe. 

Hieoiit war die Dissidentenfrage vorläufig von da 
Tagesordnung abgestellt. Die ÄbschafFiiDg des l^ienim velo 
beschftft^te die reichst^lichen Kreise. Man hatte die Ab- 
sicht, diesen Gegenstand durch Stimmenmehrheit zum Ab- 
schlüsse zu bringen, vozu man in sofern eine rechtliche 
Handhabe zu besitzen wUmte, als die ConlVderation noch 
fortbestand, daher die zu einer giltigen Beschlnssf&ssnng 
nSthige Einstimmigkeit nicht erforderlich war. Man hatte 
auf den Mheren Beichst^en den Widerstand Busslands 
gegen die absolute Einführung der HajoritätsheeohlOsse 
kennen gelernt; es schien daher rathsam, auf Umw^fen 
zum Ziele zn kommen, und ohne (ks libartm veto auch 
nur zu erwähnen, doch die Hissbräucfae desselben zu be- 
schränken. Der Torschlag, dass kflnft^hin bei der Wahl 
der Deputirten ftlr den Reichstag und die Gerichtshöfe die 
Majorität entscheiden solle, gelangte zur Annahme. Auf 
vielen Provineiallandtagt'n kam bei der bisher erforderlichen 
Einstimmigkeit keine Wahl zn Stande, viele Districte blieben 
zeitweilig auf dem Beichstage nnvertreten. Die Beseitigung 
dieses Uebelstandes konnte unbedingt als ein Fortschritt gel- 
ten. Die Annahme dieses Gesetzes Hess hoffen, dass ein ander« 
wieht^erer Antr^ ebeu&Us die Zustimmung der Versamm- 
lung finden werde: die Aufiage neuer Steuern nämlich, alle 
militärischen Angelegenheiten, insbesondere die Vermehrung 
des Heeres, sollten künftighin nur durch Majorität ent- 
schieden werden. Bepnin und Benoit stemmten sich he^g 



') Die Rede des Bischofs, des KSniga, sowie die Twb&ndLaiigeii 
bei TheiDw o. a. 0. IIS fg. Der König hat wie DeiuoatbeneB geredet, 
schreibt der Tbomer Resident t. Geret am IJ. Oct. 1766. bei Prowe; 
Polen in den Jahren 17«G— ITes. Berlin 1870. 



IzcJbyCoOgIC 



IM 

gegen diese Pläne. Die Polen klagten, sie seien in ihrem 
Lande nicht einmal Herren zu than, was sie wollten. Wohl, 
erwiederte man ihnen, könnt ihr Verfügungen treffen, allein 
die Yerfassung, instesondere der kostbare Edelstein der- 
selben, das liberum veto, musa unTersehtt erhalten werden. ') 

Stanislaus August gab nieht alle HoShnngea auf, die 
streng katholisch gesinnten Mitglieder des Seichstages fDr 
die Vorschlage der Begierusg xu gewinnen. Nachdem am 
4. November Repnia im Vereine mit den übrigen residi- 
renden Ministera von England, Schweden, Dänemark und 
Frens&ea ein Memoiie zu Gunsten der Dissidenten und 
Niohtnnirten übergeben hatte, berief der EOnig die Bischöfe 
und vornehmsten Senatoren zu sich, um mit ihnen Bück- 
sprache zu pflegen, ob dem Gesuche der Mächte willfahrt 
werden solle. Wollte man an den bisherigen Normen bezüg- 
lich der Dissidenten festh^ten, setzte er auseinander, so 
mässte die Nation daran denken, ihre Unabhängigkeit zn 
sichern, und die geeigneten Massnahmen ergreifen, um den 
EinflusB der fremden Mächte auszuschliesaen. Die Nation 
müsse bereit sein. Alles für die Erhaltung der Keligion 
und der Gesetze zum Opfer zu bringen, der Begierung die 
Vollmacht ertbeilen, die Truppen zu verstärken, um das 
Vaterland zu veitheidigen. Einstimmig bekundeten die Vw- 
sammelten den Entsehluss, nichts zur /ertheidigung des 
Vaterlandes zu unterlassen, die Regierni? mit Waffengewalt 
zu schützen und zu schirmen. 

Gestützt auf diese Zustimmung ad mit Sicherheit auf 
eine Annahme seiner Vorschläge ii dem Reichst^ rech- 
nend, erklärte nuumehi der KOnig dem mssischen Botschaf- 
ter in einer Audienz, er verkenne keineswejgs die Verbind- 
lichkeiten, die er der Kaiserin schuldig sei, doch habe 
er bei seiner Tfaronheste^ng die gewissenhatle Beobachtung 



') Benoit I8t Oct. 1166, FonobuDgeu s. a. 0. 49. 



IzcJbyCoOgIC 



und Aufrecht haltung der Beligiou des Königreiches be- 
schworen; durch Nachgiebigkeit und Schw&che in dieser Rich- 
tung würde sein Thron and Leben in Gefahi kommen, Pflicht 
und Ehre zwii^en ihn, sich mit der Nation xnr Vertheidi- 
gung des heiligen OUnbens zu vereinen. 

Stanislaas August w^te einen Bruch mit Bussland, 
auf die Unterstützung der ganzen Nation bauend. Die Folfn 
halten jetzt Gelegenheit au bekunden, dass sie Qat und Blut 
opfern wollen, um sieh dem russiachen Joche su entziehen. 
Die Annahme der königlichen VorschUge war hiesu Grund- 
bedingung; die erforderlichen Mittel massten dem Monar- 
chen bewilligt werden, um das Land in die L^e au sotaen, 
Dfitbigenfalls energischen Widerstand zu leisten. Es war 
allerdings ein kflhnes Unternehmen, jedoch nicht ganz auf- 
sichtslos, wenn der Nation die Selbstständigkeit und Unab- 
hfingigkeit hfiher ging, als alle kleinlichen Farteiungeu und 
häuslichen Zwistigkeiten. 

Die Bechnung war eine falsche. Bepuin gelai^ es, jenen 
Theil der Deputirten auf seine Seit« zu ziehen, die itaa 
Efinige und seinem Anhange principiell feindlich gesinnt 
waren und nicht die Selbstentsagung besasaen, ihre per^ 
sOnlichen Stimmungen dem Heile des Vaterlandes zum 
Opfer zu bringeu. Die Bischöfe ve^assen ihr dem EOnige 
geleistetes Yersprecfaen , nachdem Bepnin eine Herabmiade- 
rung der Forderungen Russlands in Bezug auf die Dissi- 
denten in Aussicht gefitellt hatte. Die republikaniaclie Fartei, 
die heimlichen Anhänger Sachsens im Beichstage und die 
Bischöfe waren engherzig und kurzsichtig genug, der Oppo- 
sition Bnsslands und Freussens gegen jede TeriassiingsSnde- 
nmg anzustimmen. Noch inuner jedoch besassen der KOnig 
und die Czartoryski die Majorität in dem parlamentarischen 
Körper. Da trat zwischen diesen eine Spannung ein. Die 
Czartoryski moofaten entweder zur Einsicht gelangt sein, dass 
«ine Stärkung der kOn^lichen Gewalt auch ihren Einfluss 



IzcUbyCoOgIC 



MI 

achSdigen kfinnte, oder dass es unter den ffegenwartigen 
TerhSltniBseii g&nz nnmöglich sei durohzudringen , da die 
Nation niebt vorbereitet war, um den eiuiückenden russi- 
acheu Truppen einen erfolgreichen Widerstand entgegen zu 
setzen; genug, sie lenkten in die Verfassungsfrage ein nnd 
befQrworteten die Yertaffnng. 

In Petersburg war man über die Haltung des Königs 
von Polen erbittert; nie und nimmer wollte Inan eine Yer- 
fassungBändening gestatten, selbst zur Waffengewalt war 
man entschlossen. Kuaaische Truppen standen an der Grenze 
%vm Einrücken bereit. Fanin setzte dem preussiseben Ge- 
sandten auseinander, daas nunmehr der betreffende Artikel 
in dem Vertrage von 1764 in Anwendung zu kommen habe, 
der König werde wohl kein Bedenken haben, seine Truppen 
gemeinschaftlich mit den mseiachen operiren zu lassen. 
Friedrich stimmte natfirlicb der Haltung Busslands zu, 
insbesondere dem Plane, die ConfSderation aufzulösen; zu 
einer Erkl&mng eines gemeinschaftlichen Zusammenwirkens 
mit Bussland war er nicht zu bewies, sondern hoffte auf 
eine friedliche Beilegung des Streites. 

StauiBlaua August liess trotz der oppositionellen Stim- 
mui^ in der Versammlung seine Pläne nicht &Uen. Seine 
Minister bemühten sich vergebens die Gesandten Russlands 
and Prenssens umzustimmen. Gegen den Batb der Czar- 
toryski brachte der Grosskanzler Zamojski die Verfassungs- 
' frage und die Diasidentenfrage gleichzeitig an den Beichs- 
tag (21. November). Die Begierung wünschte siuersteine 
Ab^immung Qher den ersten Punkt. Darob entstand grosser 
Tumult. Die Bel^onsfrage, schrie man, müsste zunächst zur 
Erledigung kommen. Der König wurde mit brutalen An- 
griffen flberschüttet und sah sich genöthigt den Sitzungssaal 
XU verlassen. Die Gesandten boten Ällea auf, die erregten 
OemOtiier zu beschwicbt^en und eine Abstimmung über die 
Verfassongsfrage zu erzielen. Am 22. Nov. faeste der Beichs- 



IzcJbyCoOglC 



tt2 

tag den Beschlnss, dass alle StaatSBacheo, alle militärischen 
üod tinanziellen ÄDgel^enheiten künftighin durch Stimmen- 
einhelligkeit entschieden werden sollten. ') 

Allein anderseits (gelang es niclit, dem Reichstage 
mildere Beatimmungen über die Dissidenten zu entreissen, 
die Widerhaarigkeit der Polen in diesem Punkte war nicht 
zu brechen. Vergebens bemfihte sich Repnin, um die Ozarto- 
ryski dafflr zu gewinnen, die Angelegenheit der Dissidenten 
ein^m befriedigenden Ausgang zuzuführen, ihilen alle bürger- 
lichen Aemter und die Gerichtshöfe zugänglich ym machen, 
Theilnahme an der Regierung zu gewähren und ihre Zu- 
lassung zum Beichstage, wenn anch in beschränkter An- 
zahl, auszusprechen. Ebenso fruchtlos waren die Versuche 
Repnin's bei dem Könige; auch hier fand er eine entscMedene- 
Weigerung. Die Dissidenten in die Gesetzgebung einzuführen 
wäre ein Wetterschlag für das Land und für mich persön- 
lich, schrieb er nach Petersburg, die Krone, die ich der 
Kaiserin verdanke, wird mir zum Nessusgewaude, ich bin 
vor die Alternative gesetzt, entweder zum Landesverräther 
zu werden oder mich von der Kaiserin lossagen zu müssen. 

Die Bischöfe machten dem rnssischen Gesandten einige 
Versprechungen, hielten jedoch nicht Wort und brachten, 
nachdem sie die ganze Nacht vorher Berathungen gepflogen, 
am 24. Nov. ein Elaborat vor den Keichstag, welches ein- 
müthig nnd ohne jene Aenderung angenommen wurde. 
Niemaud trat ftir eine Mildemng oder eine Modi&cation ein. 
Im Wesentlichen blieben hiemach die bisherigen gesetz- 
lichen Bestimmungen in Kraft. >) 



') Depeschen von Beooit; FoTschnngeo IX, p. 6* fg. n. die 
abgegebene Beclar&tioii p. 66. 

*) Die Actenetficlie bei Theiner a. a. 0. IV. p. 129; einige 
Notiien ober die Verbuidlungen in den Depeschen Benoit's vom 
26. Nov. 1766, FoTschnngen IX, p. 65. 



IzcJbyCoOgIC 



HS 

In Berlin war man mit dem Ausgang des Reichsraihes 
vollständig znfrieden; die Verfassungsvorschl&ge waren ge- 
scheitert, die Conftderfttion aufgelöst, und daran fand man 
TOlles Genügen, üeber die Dissidenten vertröstete man auf 
spfitere Zeiten. ') Anders in Petersburg. Dort wollte man 
nm jeden Preis die Gleichstellung der Dissidenten dnreh- 
setseo. Die Gzarin konnte nicht surück, die kleine Partei in 
Polen, die sich dem preussisch-russischen EinÜasse ent- 
gegenstemmte, sollte zu Paaren getrieben werden; der Buhm 
nnd die wahren Interessen Busslands und Preussens er- 
heiseliten dies, wie man in Petersburg sagte. 

Man hatte sich in Petersbui^ schon längst mit der 
Eventualität beschäftigt, was zu tbun sei, wenn der Beichs- 
ratb die Anträge Busslauda und Freussens zurOckweisen 
würde, and hierbei den Plan in's Auge gefaest, sich der Geg- 
ner des EOd^s und der Czartorjski zu bedienen. ') Nun schritt 
man an die Ausführung. Der russische Plan war einfach. 
Die Dissidenten in Preussen und Lithauen sollten zur Bil- 
dung von Conflideratioiren schreiten and gegen die Beschlüsse 
des letzten Beichstages protestiren, 15.000 Mann mssische 
Truppen wollte man zur Unterstützung derselben in diese 
Provinzen einrücken lassen. 

Bepnin traf mit den Führern der Dissidenten die er- 
forderlichett Verabredungen; bis zum Frühjahre 1767 ver- 
sprachen diese mit der ConfOderation zu Stande zu kommen. 
Zum Haupte einer gleichzeitig zu bildenden katholischen 
GonfMeration wurde Badziwill auserkoren, der seit dem Re- 
gierungsactritte Stanislaus August's fem vom Vaterlande' in 
Dresden gelebt, nachdem er sieb verpflichtet, im Interesse 
Busslands thätig zu sein und insbesondere der Dissidenten- 



'} Ministerialnote an Solme Ende iTflß, Foracbnngeii IX. S. 168. 
'j Depesche Ton Solms 26. Oct. 1766, Forechongen IX, 8. ITB. 



zedbyGoOgIc 



Sache seine UntetstAtzung angedeihen zu lassen. *) Die 
Bohfaeit seiner Natur scheint sich in den Jahren der Ver- 
bannung nicht ge&ndert zu haben, denn ee wurde unter 
Anderem von ihm auch das Versprechen anständiger Auf- 
führung gefordert. Der Kronreferendar Gabriel Podoski, ein 
Intrigant und Wüstling ersten Banges, dabei anermSdlich 
thätig und reich an Projeeten, war die eigentliche Seele des 
russischen Projectes. Er reiste im Lande umher, die Gegner 
der .Familie" zu bearbeiten und fSr die Bildung von Gon- 
fSderatioaen zu gewinnen. Der Krakauer Bischof, Soltjk. 
■der Palatin in WÜna, Ossoliuski, der Palatin von Kiew, 
Potocki, und mehrere andere einfluSBreiche MELnner zeigten 
«ch nicht abgeneigt, sich der nordischen Herrscherin zur 
Verftigung su stellen. Die Trümmer der sächsischen Partei, 
-wenn auch nicdit an Zahl, so doch au Eiufiuss nicht un- 
wichtig, unterstützten den russischen Gesandten. Die katho- 
lische ConfSderation kam in Lithauen zu Stande; nachdem 
sich einige Wochen frOher die Protestanten in Ihorn con- 
fSderirt nnd den Grafen von Goltz sum Marschall gewählt 
hatten und {^eichzeitig die Griechen von NoTogrodec und 
■den benachbarten Districten unter der Fahrerschaft des 
Generals Graborski zur Conföderation in Sliizk zusammen- 
getreten waren. 

Nunmehr stand die Befriedigung der Dissidenten nicht 
Ausschliesslich im Vordeigrunde. Alle in der jüngsten Zeit 
«ingefQhrten Beformen sollten abgeschafft, die Executive zur 
Tollständ^eo Machtlosigkeit verurtheilt werden. Noch vor 
wenigen Jahren hätte eine Partei in Petersbui^ eine Conso- 
lidimog der Bepublik nicht ungerne gesehen. Damals baute 
man darauf, dass Stanislans Poniatowski sich vollständig 
von Bussland in's Schlepptau werde nehmen lassen, von 



') Einige Stellea ans eeinem Sclireiben an Repnin bei SBo]owjoff 
■8. 08. 



IzcJbyCoOgIC 



den Czartoryeki erwartete maE, daas sie sich zu VoUstreckem 
russischer Itefehle hergeben wflrden. Man h&tte sich ent- 
schieden verrechnet. Panin wollte jetzt den Fehler wieder 
gut machen. Die auf dem ConTocationsreichstage einge- 
setzten unabhängigen Commissionen far Justiz und Finanzen^ 
fUr Milit&rwesen und die Polizei, denen ein grosser Wir- 
kungskreis eingeräumt worden war, sollten beseitigt oder 
mindestens in ihren Befugnissen beschrankt werden; das von. 
dem letzten Beichstage angenommene Gesetz fiber die Wahlen 
der Reichstagsabgeordneten durch einfache StimnjLeneinheit 
wieder abgeschafft, jede Vermehrung der Staatseinkfinfte für 
alle Zukunft abgeschnitten werden. Diese Neaernngen, behaup- 
tete nun Fanin, seienAngrifTeg^en dieFreiheit des polnischea 
Adels, und erfüllt von der Liebe zur Freiheit und Gleich- 
heit, nehme eich die Herrscherin Busslands der Unterdraekten 
an. ') Auf einem Pacificationsreichsti^e sollten die religiösen 
und staatsrechtliehen Fragen ihrer endgiltigen Lösung zu- 
gefUirt, zugleich der Offensiv- und Devensiwertrag zum 
Abschlüsse gebracht werden. 

Auf Stanislaus August nahm mau in Petersburg wenig 
oder keine Bücksicht, trotzdem ihm Bepnin das Wort redete. 
Ohnehin hatte er es grSndlicb mit allen Parteien verdorben. 
Seine Zustimmung konnte wen^ nutzen, sein Widerstand 
nicht schaden. Nach dem Scheitern seiner Pläne hatte sich 
der König wieder dem russischen Gesandten in die Arme ge- 
worfen und in dem Umgänge mit Buhldimen den Schmerz ther 
seine Niederli^en zu verwinden gesucht. Die Ankunft der 
französischen Schauspielerin Clairon beschäftigte ihn ilamals 
lebhafter, als alle Staatsangelegenheiten. 

Der Anklang, den die Bildung der ConfÖderationen 
in allen Theilen des Landes fand, beruhte zum Theil darauf. 



•) Puiia au BepniD nm S. Pebr. 1707 ti«i Tbeiner IV. S, 
S. 165— A7, filvigeiiB RCbon Mbcr gedrackt. 



IzcJbyCoOgIC 



dass die vielen Gegner des ESnigs und der Familie ia dem 
Wahne lebten, man habe in Petersburg mit dieser toU- 
stftndig gebrochen. Die Cooföderatioaen wiounelten von 
Malcontenten, &st aUgemein war der Zudrang zu denselben; 
in diesei' Beziehung erfahrene Polen meinten , dass die 
Betfaeilignng noch nie so gross gewesen. ') Auch die Geist- 
lichkeit wurde grösstentheils gewonnen. Bepnin's Vorgehen 
scheint grossen Kindmck anf sie gemacht zu haben; einige 
sagten, sie w&rea nun belehrt, sie hätten frfiher die Bechte 
der Dissidenten nicht gekannt. Die Bischöfe von Cujavien 
und von Polock erklärten, die Sachen wären nicht so weit 
gekommen, wenn man ihnen ftüher bessere Informationen 
gegeben hätte. Auch Soltyk gab momentan jeden Wider- 
stand auf; der Bischof von Krakau ist nun vGllig russisch, 
sehreibt ein Berichterstatter. ') 

Die Bollen waren vortrefflich Terthdlt. Bei den Con- 
ferenzen, die Bepnin mit massgebenden Persönlichkeiten ab- 
hielt, wurde Jedem eine Provinz zugewiesen, um gleich- 
zeitig die ConfOderationen in's Lehen zu rufen; der eine 
flbernahm Podolien und Yolhynien, der andere Massovlen, 
selbst der alte, mehr als achtzigjährige Branicki verliess 
sein Tnsculum, wo er in den letzten Jahren ein beschauli- 
ches Lehen gef&hrt, um in Fodlachien thätig zu sein. Die 
Seele dieser grossartigen Intrigue war Fodoski, tu dessen 
Hand alle Fäden zusammenliefen. ^) 

Anfangs Juni war Alles fertig. In Lithauen waren 
vierundzwanzig ConfOderationen in den verschiedenen Di- 
strioteq zusammengetreten, zu Marschällen nur Anhänger 

■] Die Berichte von Oeret bei Prowe: Polen in den Jabiea 
1766—68, 8. S9. 

■) Ebenduslbflt S. 86. 

*) Tergl. Eemii>nn'a OeMh. de« iTuiischen Staates V, S. il6, 
nach de^ Depeiohen von Esmq vom Hai 1767. 



Cg.lzccbyCoOglC 



EadziwUrs uad er seihst in Podlachien gewühlt. Am 3. Juni 
hielt er einen feierlichen Einzug in Wiloa, von der Geist- 
lichkeit und den' daselbst befindliohen russischen QeneriUea 
b^rüsst Drei Woohen später kamen zu Badom sämmtltctie 
Marschälle der ConfQderationen zusammen und erwählten 
Radaiwill zum Generalmarschall. 

So weit war Alles glQcklich von Statten gegangen. 
Nun begannen aber erst die grossen Schwierigkeiten bei 
Festsetzui^ des Pri^rammes, oder, wie der technische Aus- 
druck lautet, bei Entwerfung der „Constitutiou" der Ge- 
neraloonRideration. Der Punkt über die Dissidenten machte 
keine Schwierigkeiten, sonst gingen die Meiuuugen ausein- 
■ander. Ein Entwurf Sepnin's, der auch die Forderung ent- 
hielt, daES die Republik auf dem' bevorstebeaden ausser- 
ordentlichen Beicbst^e die Garantie Susslands fOr die auf 
demselben festzustellende polnische Verfassung nachzusuchen 
habe, fand grossen Widerspruch. Viele Termissten in dem 
Schriftstacke einen die Absetzung des EOnigs betreffenden 
Passus. Repnin, entschlossen, jeden Widerstand zu brechen, 
griff zur Milit&rgewatt. Der russische Oberst Carr umstellte 
-das Versammlungshans mit MilitELr, besetzte alle Zugänge 
mit Kanonen, in den Strassen wimmelte es von Soldaten 
mit scharfgeladenen Gewehren und aufgepflanzten Bajonetten. 
Unter den härtesten Drohungen wurden die Versammelten 
gezwungen, „Alles nach Vorschrift zu machen". Kur wenige 
hatten den Muth, es auszusprechen, „dass man sich nicht 
2U Sklaven der Bussen herabwflrdigen und sich lieber wehren 
oder auseinander gehen solle". „Es hat Alles in Badom 
toll werden wollen", erzählt uns ein zuTerUssiger Bericht- 
-erstatter. ') Die ConRderirteD liessen sich endlich herbei, die 
Acte zu unterzeichnen. Oberst Carr drohte Jedem, der nicht 
tieitreten würde, mit der Feindschaft der Kaiserin, mit dem 

') Dm ftDgefDbrton Berichten Oerefs 



izcubyCoOgIc 



»8 

Verloste von Hab und Gnt. Die Marschall« der ConfS- 
derationen wichen der Gewalt, einige ihr Gewissen damit 
berahigend, indem sie dea Unterschriften mehr oder minder 
heschriLnkende Claueels hinzufügten. Auch die meisten Bi- 
schöfe, QDter ihnen der Erzbiechof von Krakan, traten dw 
ConfVderation bei, mit der Glausel, dass sie alle berechtig- 
ten, vertragsmassigen und gesetemfissigen Forderangen der 
Dissidenten zu untersttltzen und zu befördern versprachen; 
andere gefSgigere und milder denkende geistliche WQrdeo- 
ti%er unterzeichneten ohne Vorbehalt die Acte. Die allge- 
meine ConfSderation war gebildet, und wenn auch mancher 
bedeutende Name in dem Scfariftstacke die KatholicitU 
seiner Gesinnung speciell hervorhob und die Vertheidignug 
des Glaubens Ober jene der Freiheit stellte, so waren und 
blieben derartige GeföhlBergösse ohne Belang.') 

Repnin hatte das Echwierige Werk durch ADwendung 
aller Kflnste, durch Gewalt, Lug und Trug su Stande ge- 
bracht. Die G^ner des EOnigs hatten gehofft, dass seine 
Bolle nunmehr ausgespielt sein werde. Dem bisherigeD Her- 
kommen gemäss erlosch mit der Bildnng einer al^meisen 
Confßderation die Wirksamkeit der R^erung; sftmmtliche 
Executivgewalten, König, Senat, Gerichte konnten sur Rechen- 
schaft gezt^en werden. Bepnio wnsste dies an hlDdem, er 
suchte sich dem EOnige geßlUig zu erweisen, der, ohne sich 
activ zubetfaeiligen, dem ntssischeD Gesandten keineSchwierig- 
keiten in den Weg gel^ und onr um Schonung' seiner 
Freunde gebeten hatte*). In der That verdiente Stanislaus 
diese BQckaieht ; er that alle«, was Bepnin wflnsohte. Der Erz- 
büchof von Gneeen war gestorben, der Botschafter wflnschte 
seinen getreuen Helfershelfer, Podoeki, mit dem Primate va 

•) Die ActenrtBcke b«i Theinw 17, S, 3. 166 ff. 

*i Bepnin m Puin den "j' - j^ 1797 b«j Ssolonjoff. S. 6». 



IzcUbyCoOgIC 



belehnen. Stauislaue machte keine Schwierigkeiten. Durch 
die Emenntmg PodOBki's, schrieb Bepnin nach Petersburg, 
verde di« Nation sehen, wie wir diejenigen stattlich be- 
lohnen, welche QD8 gerade und aa&icht^ dienen. ') 

Die Polen waren unberecheDbar. Selbst Repnin tftosoht» 
iieh Über die Persönlichkeit vieler, die ihm entschieden« 
TJntarstatsni^ sagest hatten. Podoski, der, ehe er zum 
Primas befördert worden war, von Ergebenheit ^gen Knss- 
land fiberflosa, veretftndigte sieh nun im Oeheimen ssor Be- 
kämpfung der Dissidenten mit dem Enbischof ?on Krakau^ 
den Bischöfen von Eaminiec, dem Marschall Hniezek und 
andern. Der schlaue Mann wusste, daes man in Born seülttr 
Eniennang sum Ersbischofe Widerstand entgegensetzen werde ; 
er konnte keinen besBern Fürsprecher gewinnen, als den 
Erzbischof von Ejakaa, der in der That sein einflnssreiehea 
Fflrwort im Yatican einl^fte. 

Soltyk bewerkstelligte mit grmser Geschicklichkeit eine 
neue Schwenknng; er wurde die Seele der Opposition. Tor 
Zusammenbenifang der Dietinen erliees er Hirtenbriefe über 
Hirtenbriefe, worin er den 'Segen des Himmels erflehte Eor 
Befestigung des katholischen Glaobens, zur Au&echthaltung 
der Freiheit. Dits hinderte ihn nicht, aebenbei der Czarin 
volles Lob zu spenden, deren Gesinnungen die Bewunderung 
der kommenden Oeeehlechter verdieneu, indem sie deutlich 
zeigen, dass sie Polen gl&eklich machen wolle. Seine poli*: 
tischen Pl&ne gingen dahin, die Confljderatioii zu verl&n- 
gem, um den Einfluss der Czartorysid dauernd in paraly- 
siren, die auswärtigen Mächte zur Einmiscbiuig in die poli- 
tischen Angelegenheiten zu gewinnen und die Dinge über- 
haupt hinauszuziehen, bis der sächsische Kronprinz zur . 
Volljährigkeit gelangt sein würde. Auch der Tod des Königs 
von Preasseo blieb nicht ausser Berechnung; wenn. .dieser 

') Am U. und SS. Juni 1767 bei Saolowjoff S. 07. 

Bteri Di« ente Thwlusg Foleu. U 



.byCoOgIC 



»1» 

erfolgte, konnte daa Eiinraoken s&disiseher Truppen nicht 
verhindert werden.') 

Die Cnrie benotete die Zwisohenseit bis zum Zusammen- 
tritte der Dietinen, um durch Bnndacbreiben die Bischöfe 
anfznmuntem, treu im Qlauben 2u beharren. Der Papst 
wendete sich aa die katholischen Ftlrsten mit der drillen- 
den Bitte, zu Gunsten der gefährdeten Beligion einzu- 
schreiten. Aa Stauislaus Aogust schrieb er: Gott führe ihn 
in Versuchung, weil er zu den Auserwfthlten gleich Tobias 
gehöre; wie dieser mOge auch er als Sieger herrorgehen, 
indem er den Glauben hOher stelle, als die veltliche 
Würde. "0 

Die geistlichen Bundsohreiben und Ermahnungsbriefe 
machten einen tiefen Eindruck. Bepnin schildert in seinem 
Berichte den Aberglauben und religiösen Fanatismus der 
Polen: er glaubt sich in das Zeitalter der £reuzzQge ver- 
setst. Insbesondere Soltjk bereitete ihm kaomLervolIe Stun- 
den. In seinem Beitrittsaote zur ConfOderation hatte er 
versprochen den legitimen Ansprachen der Dissidenten nicht 
entg^nwirken zu wollen; non s^e er Jedem, der es 
hOren wollte, er habe seine Ansichten Ober die Dissidenten 
nicht geändert, er werde ihnen auf dem bevorsteheaden 
Beichst^ treu bleiben. Bepnin Hess kein Mittel unversucht, 
um den Erzbischof zu anderen Ansichten zu bekehren. Auch 
die Geduld hat ihre Grenzen, liess er ihm durch den Primas 
sagen: Soltyk blieb unbeogsam. Bepnin suchte ihn zu be- 
wegen, wenigstens dem Beichst^e fern zu bleiben; der 
Erzbischof lehnte dies ab. Auf ein Compromiss, welches er 
antn^, ging der russische Gesandte nicht ein, da an dem 
Grundsätze der Gteichstellui^ der Dissidenten mit den Ea- 



') Das Sohreiben iSalt^k's an Wielohonld bei SsolowjofF S. öS. 
*) Die Actenstücke bei Theiner a. a. 0. Briefe des Papates an 
Josef, Ludwig XV. und Oarl, an die Biadidfb tind an PodoskL 



IzcJbyCoOgIC 



«II 

'tholiken festgehaltea werden mOsse. Soltyk erklArte, sieh, 
lieber in Stücke haaea zn lassen, als dies zuzugeben. ') 

Am 34. August war der Wahltag. la manchen Wahl- 
-orten konnte nur durch gewaltsames Einschreiten der ras- 
sischen Truppen verhindeit werden, dass die Yersammtung 
nicht resultatlos auseinanderging. In lithauen wurde der 
Land Junker Czacki, einer der wfithendsten Eiferer fOr die 
Beinheit des Glaubens, verhaftet, am seine Wahl zum 
Landboten zn verhindern. Der Falatin von Bava verpflichtete 
-die Qewählten eidlieh, den Dissidenten keine Concesaionen 
machen zn wollen. Dennoch gab sich der Nuntius keinen 
Jossen Erwartungen hin; nur von einem Wunder erwartete 
-er noch ij^end ein Heil, denn die Mehrzahl der Qe- 
fßlhlteu sei der schlechten Sache gOnstig gestimmt. Soltyk 
beklagte sich bei Kepnin aber die Oewaltth&ti^eitea der 
Truppen während der Ereisversammlungen , hinzufOgead, 
die Polen könnten nicht den Despotismus des eigenen Königs 
-ertragen, viel weniger den einer auswärtigen FOrstin, die 
zudem noch betheuere, die Freiheit des Landes schflteen zu 
wollen. Bepnin begnflgte »oh ironisch zu erwiedem: es bleibt 
demnach nichts übrig, als der Kaiserin den Krieg zu er- 
öftren. *) 

Der Eeichstag sollte ein limitirter sein und sich ein- 
&ch darauf beschränken eine Commission zu wählen. Die 
Wahl derselben lag in den'Bänden des KOn^ und 4es 
Marschalls der Conf!}deration; jener hatte die Mitglieder ans 
4en Senatoren, dieser aus dem Ritterstande zu bestimmen. 

') tJBoloirioff &. a. 0., 61. 

*) Se Iddio non ü nutte b boa santa mmno preve^o le pib f aneste 
<luaTreutDTe per b Beligione, Bchileb er am 86. Aug.; bei Theiner, 
p. 2!0 und 221. 

*J Bei TheiDer, Depesche des Nuntius vom 9. Sept. 1T6T in 
Vebeieiiiatiinmnti; mit der Depesche ron Bepaio vom 30. August n. 
la Sept. bei SwdowjofF, 8. 60. 



IzcJbyCoOgIC 



ttt 

. Mit Sieberheit konnte aogeildiDiiiea irerden, dass dieselbe den 
Dissidenten gfinstig gestimmt sein werde. Noch im letztea 
Momente entwickelte der ITnntins eine grosse Robrigkeit, 
am TieUeicht doeb die Abräcbten Bosalaads zu kreozen. Er 
begab sich zum -KOnige, demselben ein Brere des Papates 
fiberreiehend, mit der feurigen Anforderung, der Sache des 
heiligen Glaubens nieht abtrOnnig tu werden. Er habe den 
ganzen Morgen auf den Enieen gelegen, Oottee Beistand 
aninmftn, s^te der König. Dies bezweifdte der Kuntim, 
da seiner Ansicht nadi Stauialaus August in seinem ganzea 
Leben keto Pater Boster gebetet. Von hier begab sieh der 
Nuntius zu den Bischöfen. Der Primas erwiederta, man 
mflsse sich untw den gegenwärtigen Yerhftltn^en klug 
benehmen, mit QQte sei von Bepnin mehr zu «rreicheo, als 
dnrcb hartnftcbigeii Widerstand. Bei dem Orosfimarsehall 
der Confüderation, dem Ffirsten Badziwill, fand der Nuntius 
die Gesellsohaft im Begriffe, sich in den Sitzungssaal zu 
begeben. Er las auch hier ein Sehiiftstfick des Papstes tot 
and suchte in feuriger Ansprache die Gemather tu ent- 
flammen. Er hatte die Genugthunng allseitiges Schluchzet» 
an hören, selbst Badziwill rollten die Thrftnen aber die 
Wangen herab. Als die Vorlesung des Breve geendet, hörte 
man den fiist «nstimmigen Buf, Gut und Blut fSr die 
katholische Kirche opfern zu wollen, und die Versammlung 
erbat sich den Segen des pSpsUichen Vntretets. Noch hatte 
sieh die Erregung nicht gel^, als Bepnin eintrat. Hören 
Sie auf zu schreien, sonst werde ich ein Sp<>takel anbebeUr 
welches stärker sein wird als das Ihrige, rief er der schluchzen- 
den Versammlung zd. Man habe sich auch zur Erhaltui^ 
des katholischen Glaubens conföderirt, erwiderte man ihm 
TOD mehreren Seiten. Niemand will diesen antasten, ent- 
gegnete Bepnin, der Glaube hindere nicht. Jedem sein 
Beoht zu Theil werden zu lassen und die Verträge zu halten. 
Die Versammlung forderte die Freilassong Koiucbowski's. 



IzcUbyCoOgIC 



Hit Schreien ODd Lftrinea richten Sie nichts %m, herrschte 
B($nin die VersammeUenin. Bitten Sie nthig und anständig, 
rielleioht erweise ich Ihnen den gefallen, .itadziwill trug 
nnn die BiUe vor, Bepnin gew&hrte aie. ') 

Die Mi^U(>der der GonfOderation hatten sieh daraber 
geeinigt, dass Badiiwill, der Marschall der al^emeinen 
CoüfCderation, in dem Beichstage den'VoiBits flthreD sollte, 
som Stellvertreter wurde der Marschall der Uthaitiechen 
€onfl>deration, Bnostowgfci, bestiaunt. Bepnin hatte anoh von 
dien Depntirten des Beichst^a die ächriftllohe Erkl&ning 
^fordert, alles bewilligen zu wollen, was Busaland fordern 
würde, und Im Falle sie das Versprechen nicht hielten, sich 
■den Strafen bq nnterwerfen, die fiber sie wfirden verhängt 
werden. •) 

Am 3. October tlond die erste Sitzung statt. Der Kön^ 
«rJif&iet« dieselbe mit der Giklämng, dass er, nachdem die 
Nation sich conflJderirt habe, der Conßderation beitrete. 
Nun kam die IVage Aber die Wahl einer Commission zur 
Serathoflg. Der Bisehof von Erakau eiferte energisch gegen 
den Voraohlag, der Commission ein Entscheidungsrecht zu 
fibertragen; er habe, echloss er seine Bede, seine GQter ge- 
opfert, er sei auch bereit sein Leben zu verlieren. Sich 
an den Efinig wendend, rief er diesem zu, jetzt sei es Zeit, 
das auf dem vorigen Beichstage gegebene Wort einzulösen, 
4ass er lieber Beich und Leben verlieren, als die Beügion 
zu Grunde gehen lassen wolle. Die Bischöfe zoUten dem 
Vorgehea ihres Amtsbruders vollen Beifall. Nur der Frimaü 
▼erhielt sich ruhig wie ein Fiseh, erzählt der Nuntius.*) 



■} Beroht a«f Depatcbea de» Nuntioa bei llKiner, S. 328, 
Bepnin'B bei äaobwjoff, S. 67 ff., n. Benoit'a im L Archiv zu Berlio, 

*) Thäaei, die neuesten ZuBtände der kutholiachen Kirche, S. ITT. 

») Bei Theiner a. &. 0. Bericht daa Nantius vom 30, Sept. u. 
3.0ct; 1767. IV 3, 8S4 fg. 



Cg.lzccbyCoOglC 



tu 

Der Faktin ¥0a Krakau, Wenzeslaus REevuski, sprach in 
ähnlichem Sinne: was würden uueere V&ter, die Vertheidiger 
des Glaubens und der Freiheit, sagen, wenn sie vom Grabe 
aufstanden und in dieser Versammlung erschienen. Der König' 
madite weiteren HerEensergiessungen ein Ende, indem er 
die Sitzung schloss. Die laue Haltung des Primas liess be- 
fDrcbten, dass viele geistliebe Wflrdentrftger diesem Beispiel» 
folgen und den Widerstand g^en die neuen Beligionsgesetze 
aufgeben wQrden. Soltyk bot Alles auf, den Primas herOber 
zu ziehen. Er setzte ihm in einem Briefe auseinander, wie 
viel jetzt von ihm abhinge, er stehe auf dem Paukte ent- 
weder grossen Ruhm einEuernten, oder seine Seele der ewigeD 
Verdammnisa zu überliefern; er m<^ sich aufraffen, aller 
Orten spotte man Aber ihn, nenne ihn den AdjutanteD 
Bepnin's; von vielen Seiten drohe man, ihn wie einen Hund 
aufzuhftngen. *) 

Alle in Bewegung gesetzten Hebel, die , Nation fSr 
den Glauben zu begeistern und eine den Dissidenten gQn- 
stige Beschluss&ssung zu .hindern, boten jedoch wenig Ans- 
sicht auf Erfolg. Die mssischen Trappen wurden in der 
Hauptstadt verstärkt,' Eepnin war tarn Aeussereten ent- 



Der Nuntius griff zu dem letzten Mittel Der Papst_ 
hatte an die Senatoren und die Ritter Breve's erlassen, 
worin er sie zum hartnäckigen, energischen Widerstände 
für die Aufrechthaltung der Religion aufrief. Diases Schrift- 
stück wollte der päpstliche Gesandte in Cffentlidier Sit- 
zung verlesen wissen. Er drang durch. Grosser Beifair 
folgte,, aber jene Begeisterung, die Alles einsetzt ftlr den 
- Glauben, vermochte er nicht hervorzurufend Wohl rafften 
sich einzelne Fischßfe zu dem Anträge empor, eine Com- 



*) TiniTgli come a nn c&ne, bei Theiner &. a 187. 



Dgilizc-UbyCoOglC 



tu 

missioii zn wfihlen, ohne Uu* jedocli ein eatscheidendes Votum 
einzurfinmen; einige Landboten stimmten bei. Die Entscbei- 
dnng wurde vertagt. 

Stanislans Angnst wendete seinen gansen Einflnss anf, 
nm die Schwankenden zn gewinnen. Auch der Primas blieb 
nicht nnthätig. Es gebe nur zwei Mittel, liess er sich ver- 
nehmen, die nnter den gegenwElrtigen YerhflltnisBen an- 
gewendet werden konnten: Glewalt und Klugheit; zur ersteren 
zu greifen sei die Bepublik gegen das mllchtige Sussland 
nicht im Stande, es bleibe demnach nichts Dbr^, als sich 
nachgiebig zu zeigen. In der Sitzung vom 12. October wieder- 
holten sich dieselben Scenen, wie in der ersten. Der Bischof 
von Kiew sprach von der Unbilligkeit der dissidentisehen 
Forderungen, eiferte gegen die Uebergriff« der Truppen, 
gegen die Verhaftung mehrerer Mitglieder. Der Bischof von 
Krakau griff die Schritte der ConflSderation als ungesetzlich 
auf das heftigste an, tadelte die Form der den Landboten 
ertheilten Vollmachten, forderte die Verlesung der den Ab^ 
gesandten an den russischen Hof ertheilten Instruction, 
schlag endlich vor, einen Deputirten an Bepnin zu senden, 
mit der Anfrage, ob die Verhaftungen auf Befehl der Kai- 
serin vorgenommen worden seien. Die VeiBammelten zeigten 
sich damit einverstanden. Der Kfinig machte auch dieser 
aufgeregten Sitzung ein Ende. 

Wie sich die Dinge anliessen, war keine Aossiolit vor- 
handen, auf friedlichem Wege zu einer Verst^digang zu 
gelangen. Ohne Gewalt war eine Gleichstellung der Dissi- 
denten mit den Katholiken nicht m erreichen. Auf die 
Versprechungen der Polen war nicht zn bauen, jede Bede 
entflammte die leicht err^baren Gemfither und machte die 
besten Vorsätze zu nichte. Der ruhige, nflcbterne Verstand 
gelangte 1)€i diesem Volke nicht zu seinem Becht; die ent- 
zflndbare Phantasie trug fast immer den Si^ davon. Repnin 
machte jetzt erst von seinen Vollmachten vollen Gebrauch. 



IzcJbyCoOgIC 



» l> 

Die Bisciiöfe von EcakKU und Kiew, der Palatin ron Erakai^ 
mil; eeinem Sohn wurden verhaftet. Zugleich erlieas Bepnia 
eine Erklärung, worin er die Gefangennajime au rechtfertigen 
suchte; Bie sei erfolgt, weil die Verhafteten sich g^n die 
WOrde der Kaiserin ron Bussland, durch die Ai^priffe auf 
die Beinheit ihrer heilsamen, uneigenn&ta^en und freund- 
schaftlichen Absichten Tergaugen hätten. ') 

1^6 Aufregung in der Hau[)tstädt war eine enorme. 
Der Grosskanster Zamofski übergab dem Könige das grosse 
Siegel; et wolle nicht, sagte er, Minister tu einem Staate sein, 
wo derartige Ungerechtigkeiten, wie Yerhaftuag der BiachOfe 
und Senatoren Vorgenommen würden. Die BemShui^en des 
KOnigä, den Ehrenmann zu halten, waren vergeblich. IHe 
ffischftfe, von denen einige dem russischen Botschafter den 
Bath g^ben hatten, zu jener GewaUmassregel su greifen^, 
«suchten in einer Audienz den Monarchen, sich ftlr die Frei- 
lassung ihrer AmtsbrOder zu verwenden; die Sache hänge 
lediglich von Bepnln ab, lautete die Antwort des Königs, 
der in seiner stillen Beschäftigung, eine neue Kleidertracht 
fQr seine Dienerscliaft zu zeichnen, gestört wurde. Eine 
Deputation, aus drei Mitgliedern bestehend, für jede Laud- 
•ohaft eines, wurde an Bepnin entsendet. Das Ersuchen um 
Freigehnng der Oefangeoen lehnte Bepniu ah. Auf die vielen 
Bitten um freie ' Berathung und Sicherheit der Personen 
erwiederte der Gesandte, die Abgeordneten hätten nichts 
in fürchten, wenn sie jene Beatlmmungea einhielten, über 
welche sich die Conföderation mit der Kaiserin geeinigt habe, 
«oDst würden sie als Aufrüiirer- und Bei>eUen behandelt 
werden. Die Kaiserin habe die Macht, ihren Willen durch- 
d; es handle sich nicht um Ueherl^ang der Vor- 



*>) Abgedruckt bei d'AngeboTg; B«eneil et6. p. S9. 
■} Bericht des Nnntios vom 93. M&n and 87. April 1771 bei 
Tbeiner a. a. 0. 



IzcJbyCoOgIC 



tll 

«dil^, sondern g&os eia&eb su Qaa, was die Czarin 
Twlang«. Bepnin hatte durch sein energiaches Auftreten 
jedenfalls so riel erreicht, dsss jeder Widerspruch yer- 
stunifflte, auch der Nuntius gab seinen Vorsatz, in dem 
Büchstag KU erseheinen, auf. Alles ist rerloren, meldete er 
nach Bom. ') 

Die an Repsin abgesendete Deputation, um denselben 
zu «ner Aenderung einiger Punkte zu bestimmen, erstattete 
am 19. Octftber Berieht. Sie hatte nicht die kleinste Modi- 
fieati«n erlangen kennen. Bepaia beharrte darauf, dass die 
<Joiamis8ion unbeschiflnkte Vollmacht erhalten mflsste Aber die 
Diesidentenfii^e und die Verfassongsändening su besebliessen : 
das Knzige, wozu er sich herbeiliess, war die Anfnabme 
der Cl&usel in die der Commission zu erlheilende Instruction : 
mit Beistimmung der Bepublik, jedoch mit der ausdrück- 
lichen Bemerkung, dass -sie nicht das Becht habe, die rer- 
eisbarten Punkte zu Tei-werfen. Stumm hörte die Versamm- 
Inng den Bericht an. Der Marschall stellte die Anfrage, 
«b sie einrertanden sei. Eine kleine Minorität gab das Zei- 
chen der Zustimmung, die öbrigen Torhielten sich passir; 
da kein Widerstand erfofete, erklärte der Voraitaende den 
Yorsohli^ f^r angenommen. Stanislaus und die beiden Mar- 
schälle untereeichneten sodann das Actenatück. Der König 
bestimmte aus der Mitte der Senatoren, der Coufliderations- 
marschall aus dem Bitterstande die Mitglieder der Gom- 
mieeion. Hierauf wurde der Reichstag bis zum 1. Februar 
rertagt, welchen Termin Bepnin fSr die Beendigung der 
Beiathnngen festgestellt hatte. 

Bepnin hatte auf allen Linien gesiegt. Grollend ver- 
bargen die Gegner Busslands ihren Misamnth, im Stillen 
schäumend und tobend ttber das rOcksichtslose Ver&hren 



') Tntto h perdotto. Schreiben am IB. Oct. 1767, bei Theinw 
p. S34. 



„IzccbyCoOgIC 



tis 

des ruBfäEchen Vertreters. Die aiideTii Ges&ndten hatten an 
diesen Verhaiidlangen leinen Antbeil genommen und er- 
fuhren nun aus dem Munde Eepnin's den Stand der Ange- 
legenheit. Dass RusslaBd dief^mal seinen Willen unverkfirzt 
durchfahren werde, war an und für eich klar; meinte doch 
der Nuntius, nur eine Aenderung des politischen Systems 
in ganz Europa ktjnnte die Freiheit und die Beligion In 
Polen schfltzen. Dies war in sofern richtig, als der kleinste 
Anstoss von Aussen |hingereicht haben würde, einen all- 
gemeinen Anfätuid hervorzurufen. Oeffentlich wagten die 
Polen nicht aufzutreten. Den päpstlieben Gesandten beUgeite 
man unaufhörlich mit Bitten, der Papst solle doch die 
katholischen Milchte zum Schutze Polens an&ufen; in der 
Krakauer Dificese sammelte man Unterschriften sn einer 
Bittscbrin;, durch weichender heilige Vater ersucht wurde, 
der verwaisten Heerde ihren Hirten wieder zu verschaSen. 
Obwohl die Majorität den russischen AntrSgen ge- 
sichert war, fehlte es doch nicht an KrwSgungen mancher- 
lei Art. Die einzelnen Artikel des von Bepnin vorgel^ten 
Elaborats wurden in derCommissioh vielfach angefochten. Man 
war geneigt, den Dissidenten grössere Freiheiten zu bewil- 
ligen, aber die vollständige Gleicbstellaag fandWiderspmch; 
Männer wie der Castellan von Vistiski, der sich zu der An- 
sicht bekannte, dass nur Gott entscheiden kOnne, welcher 
der Seligionen der Preis gebühre, gehörten in Polen zu den 
Seltenheiten. Andere, jedenfalls politisch reifere, wünschten 
bei der Berathung flber die Verfassung die Abschafhug 
des liberum veto. Der Sf^nig erschien selbst in der Gomnois- 
sion, um auseinauderzosetzen, dass Bussland nicht einwiU^en 
werde. Damit war jeder Widerspruch niedergeschlagen. Ge- 
stand doch der Bischof von Cnjavien in naiver Weise anf 
die irouische Frage, ob die Commission auch den Koran 
angenommen hätte, wenn Bepnin es gefordert habep würde: 
man könne g^en die Gewalt nicht ankämpfen. 



IzcJbyCoOgIC 



«I» 

Am 19. November war die Commission mit ihrea Be- 
rathnngen zu Ende. Sie hatte sicli Aber folgende Funkte 
geeinigt: die katholische Beli^on warde als die herrsohende 
in Polen anerkannt; znm EQnig sollte nur ein Katholik 
gewählt werden kOnnen; Jeder, 'der denBekenner einer an- 
deren Beligion auf den Thron bringen, wollte, sollte fDr einen 
Feind des Vaterlandes erklärt werden und des Todes schnl- 
dig sein. Anch die EOn^ia mosete der katholischen Lehre 
angehCren. Der üebertritt von der katholischen Kirche zu 
einer andern wurde fflr ein Criminalverbrechen erklärt. . 
Die nicht unirten Griechen und die Dissidenten — d. h. 
die der evai^elischen IiChre Angehörigen — erhielten voll- 
kommene Freiheit in der AusQbung ihrer Religion und in 
der Verwaltung ihrer eigenen Angelegenheiten, Befreiung von 
der Jurisdiction der katholischen Kirche. Sie hatten klinf- 
tighin keine Beiträge zur Erhaltung der katholischen Kirche 
EU 1 eisten. Die katholischen Majoratsherren sollten fUrderhin ~ 
trotz ihrer faerrscbaftlichen Bechte keinen directen oder in- 
direoten Antheil am Eirehenregiment der Dissidenten und 
nicht unirten Ctriechen, die in ihren Besitzungen sich 
befinden, ausüben können. Die Ersbisthflmer von Mscislaw, 
Orssan und Mohilew wurden für immerwährende Zeiten der 
griechisch nichtunirten Kirche Übergeben. Dem Druck von 
Bflchern und anderen Schriften, der Errichtung von Schulen 
und Seminarien sollte kein Hinderniss in den Weg gelegt 
werden. Die Schlichtung aller kirchlichen Streitigkeiten 
zwischen Katholiken und Dissidenten wurde gemischten zur 
Hälfte aus EathoUken, snr Hälfte ans Dissidenten zusammen- 
gesetzten Gerichten flberwiesen, die Hii^lieder derselben soll- 
ten vom Könige ernannt werden. Einrichtung, Verftissung 
Und Geschäftsgang dieser Gerichte wurden gleichzeitig durch 
besondere Bestimmungen geregelt. Ehen zwischen EathoUken 
und Disstdenten wurden gestattet, die Sohne der Beligion 
des Täters, die TOchter jener der Mutter folgen, wenn itd 



„IzccbyCoOgIC 



Ehevertr^e nicht besondere Bestimmungen getroffen wür- 
den, was jedoeh am adeligen fWiilieo gestattet blieb. Die 
Adeligen nicht unirten Griechen und DisBidenteii erhielten 
den Zutritt zu alles StaatsAmtera, so allen änadenver- 
leihmigen und Begaustignngen, die der Kj}iüg auszntheUeu 
berechtigt ist; die voUkommene Gleichheit derselben in der 
AnsflbuDg alier Rechte wnrde ansdrAcUich aosgespnx^en. 
Diese Bestimmangen sollten als Staatsgrundgesetae ange- 
sehen werden und för ewige Zeiten gelten; ttber die gewb- 
senhafte Eiuhaltung derselben Bassland, England, Freussen, 
Dänemark und Schweden wachen. Wer es wagen warde, 
diese Gesetze anzutasten, sollte als BuhesUirer und Feind 
des Vateriandes angesehen und bestraft werden. 

Hit grosser Uühe war es Bepnin gelungen, hiefQr die 
Znstiniuiiing der Commiseiou lu erlangen. At^esehen von 
den eifrigen Katholiken, die eine Tollstandige Vernichtung 
der rftmischen Eirohe propheieiten und sieh deshalb di^egen 
stemmten, bemflDgelten auch die Protestanten einzelne 
Punkte. Der Abgeordnete der Stadt Thorn war mit der Er- 
klbung der katholischen Kirche zur herrschenden in Polen 
uQEufrieden und machte hierflber und Aber den andern die 
Apostasie betrelfenden Ehmkt einige Vorstellungen. Bepnin 
brachte aber jeden Widerspruch zum Schweigen. ,,Dies wäre 
eine solch' hohe Politik", sagte er dem Thomer Residenten, 
dass Sie solohe noch nicht einsusehea im Stande sind." 
üeberdies stflnde den Protestanten im Falle einer Beein- 
trftchtigung der Weg zu Bnssland ofen, welches darüber 
nie verdriessUch sein, sondern es sehr gerne sehen werde, 
wenn man seine Zuflucht zu ihm nehmen wird. ') 

Aach die Verfassungsfr^n wurden erledigt. Alle Be- 
formen, die in deu letzten Jahren hinsichtlich der fie- 



') Worte Bbpnin's, aus den Berichten dee Thorner Beiidenten 
M Prowe a. a. 0. S. 47 a. 49. 



IzcJbyCoOgIC 



schrantnng des libei-um veto waren eingedUlirt worden, wur- 
den wieder abgeschafit. Das Pri&cip der Einstimmigkeit 
ward in roUster Ansdehonng wieder bei^eetellt und zur Be- 
hebang eines jeden Zweifeln, in einem speciellen Acte die 
einselnes Ajigelegenheiten najuhaft gemacht, die nur durch 
einstimmige BesehlQase ger^elt werden dOi-fen. Das libentm 
veio feierte in volleter ünumschrftnktheit seine Auferste- 
lliing; anch fftr £9a^9w«blen ssUte Stimmeneinheit erfor- 
derlich sein. ') 

Bepnin befUrworCete in Petersburg in alten staatfr- 
rechtlichen Fragen die Festitaltung der Stimmeneinheit, iu 
allen die inneren Angelegenheiten betreffenden Qe^enständeo, 
wie Bechtspflege, Verwaltimg der Staatseinkünfte, Unterhalt 
des bereits bestehenden Heeres die Gestattnng der Stimmen- 
mehrheit. Der verständige Theil der Polen verlangte drin- 
gend diese Aendemng, und Repnin war einsichtig genug, 
darauf hioEUweiseD, wie wichtig und nothwendig es sei, 
diese Wunde zu schliessen. Warum nicht unseren Naohbarn 
gestatten, sich einer gewissen uns indifferenten Ordnung zu 
erfreuen, die ausserdem und bisweilen zum Nutzeu gereichen 
kann, bemerkte die £aiseriQ auf den Bericht Kepnln's*) 
In Folge dessen wurde die Bestimmong getroffen, dass in den 
ersten drei Wo^en nur ßkonomisobe Ajigel^enheiten be- 
rathen und durch Stimmenmehrheit beschloesen werden 
sollen. 

Alle diese Bestimmungen wurden nicht nur als nn- 
verbrQchliche Staatsgmndgesetze angenommen, sondern er- 
hielten eine internationale Bedeutung, durch die Aufnahme 



*) Acte eeptite coatenaot les loü urdiu&lea, c'«Bt ft dire peip^- 
tnelles et mmnableB de la Repub, de Pologne, et Im moti^rea d'Gtet, 
qni ne doivent fitrc decret^ qa'ä Vonammite dsna les dietes libres 
bei Härtens T. I., p. fiTS, Beitdem mehrfach gedruckt. 



') Ssolowjoff a. a. 0., p. 76. 



izcubyCoOgIc 



is einen neuen zwiaofaen Bussland und Polen abzufichlies- 
seaden Staatsrertra^, wodurch die nordisobe Uaclit die Ga- 
rantie für die stricte Befolgung der Staatsgnindgesetze Qber- 
nahm. 

Am 5. März war das wichtige Werk vollbraobt. Der 
EOnig und die beiden Marschälle unteneichneten die Acte 
im Namen der Nation, die ConfDderation wurde aufgelöst, 
die ruEBischea Truppen, deren bisherige Anwesenheit jeden 
Widerstand verstummen machte, verltessen die Hauptstadt, 
um bald darauf auch das Gebiet der Bepublik zu rtnmen. 

Mit eiuem andern Plane, den BossUnd gleichieitig 
znr Durchfahrung bringen wollte, gelang es nicht durchsu- 
dringen. Es ist schon berrorgehoben worden, dass die Oppo- 
sition in Polen von dem Nuntius energisch geschürt wurde. 
In Petersburg war man darflber nicht im Unklaren. Man 
war entschlossen , die G^enbestrebungen der rJ^miscbeu 
Curie ein- ^r allemal lahm zu legen. Zunftohst wollte man 
dem Papste das Becht streitig machen, in Warschau einen 
Nantios zu halten; so weit eine Wahrung der Interessen 
des römischen Stuhles nothwendig sei, soUte dies der Primas 
besorgen. Hiebei gedachte man jedoch nicht stehen zu 
bleiben. Als letztes Ziel schwebte dem leitenden russischen 
Staatsmaone die voUstAnd^ Unabhängigkeit der polnischen 
Kirche und die Büduog eines Nationalconoils vor.') In Rom 
spannte man nun alle Kräfte zum Widerstände an. Der 
päpstliche Vertreter in Warschau stachelte die Anhänger 
Borns zur heftigsten Opposition an, der Papst wendete sieh 
an mehrere katholische Höfe, Qber die Bedrohung der Kirche 
Klage fahrend, den Primas bedrohte er mit dem Banne, 
wenn er es wagen sollte, die Geschäfte des Nnntius zu 
flbeniehmeD. 



') Nach Depeacben Ton Solms aoa dem Jafaie 1I6T. (B. A.) 



IzcUbyCoOgIC 



Der Noatins setzt« Alles in Bewegimg, um das Fro- 
ject zum Soheitem zu bringen. Sie BischOfe wendeten sich 
an den EOoig, um Vorstellungen zu erbeben. Der Kuatius 
reichte ein umfangreiches Memoire ein uud beschwor den 
EOnig, der dem Projecte nicht ganz abgeneigt zu sein schien, 
bei dem Blute Chrieti, diesen harten Schlag von der katho- 
lischen Kirche abzuwenden. Der EOnig versprach sein M9g- 
.lichstes zu thun. Die Bischöfe hatten in der Commission 
nicht den Huth, den Hund zu Offnen, erst als Bepnin den 
Bischof von Livland zum Sprechen aufforderte, iragte es 
dieser, die Ungerechtigkeit des Vorschlages und die schäd- 
lichen Folgen zu betonen. Die Bischöfe zelten bei dieser 
Qel^nheit keinen grossen Muth, sie mieden den Nuntius, 
um sich bei Bepnin nicht Terdftchtig zu machen. 

Im Januar 1768 fanden auch wirklich hierfiber Be> 
rathnngen im Schosse der Delegation statt. Das Froject 
&nd entschiedene Gegner. Nicht so sehr das Recht des 
römischen Stuhles kam hiebei in Betracht, Bei mehreren 
Bischofen nnd bei dem EOnige, der insgeheim zum Scheitern 
der Angelegenheit beitrug, war der Gedanke, dem Primas, 
der den Entwarf, wie die Eirche Polens von Born zn treunen, 
ausgearbeitet hatte, keine grossen Befaguisse einzuräumen, 
ausschla^ebend. *) Auch mochten die freondsehaftliotien 
Vorstellungen EOn^ Friedrich's in Petersburg, der der 
ganzen Sache keine grosse Bedeutung beilegte, den russischen 
Hinister bewogen haben, auf seine Flftne Verzicht zu 
leisten.*) , 

Stanislaus August ergab sich mitWQrde in sein un- 
erbittliches Geschick. Er Uess es aUerdii^ an Elagen nicht 



') Die Barichte des Nantiiu bei TheiDer a. a. 0. S. IT t, 
2i6 und 867. Die Berichte rom 83. Dec. 1707 und vom 16., 17. nnd 
Sl. Jamiur 1768. 

*) Die DepeKhen von Friedrich m Solnu jom Jkhre 1767. (B. A.) 



IzcUbyCoOgIC 



tu 

t'fhleii aber seine ui^lllcUiche Stellaog, uad da^s es ihm 
nicht besohieden sei, seiaem Vaterlande so nQtElich sein zu 
könneii, wie er es wQujjchte. Indess Kepnin verstand es» 
die harte Lage des Königs durch eine h<}here Dotation m 
lindern, die zugleich als Entschäd^&g dienen DUisste 
ffir das tiefe Henleid, welches der grausame Gesandte ihm 
zugefügt, indem er ihm seine Qeliebte, die Frau des Ffitsten 
Adam Czattorjski, abspenstig machte. *) Auch diejeuigen, 
welche Bussland durch ihre Zastimmnng bereitwilligst un- 
teratflbst, heischten ihren Lohn- es war ein fSrmliehes Wett- 
rennen mu Öunst und Gnaden. Fflrst Bepnin schaltete, un- 
umschränkt in Warschau, sein Machtgebot entschied. Die 
Brut^ität und Bflcksichtslos^keit, die er au den Tag legte, 
steht ohne Gleichen da. FQr die Stelluag des Kteigs und 
Überhaupt für die ganze Sachlage ist ein Bericht des Thomer 
Besidenten, von Geret, bezeichnend. Als der Nuntius, erzählt 
dieser, dem Könige ein Memoire flberreichte, worin er sich 
g^en die Aufhebung der Nuntiatur ausbrach, sagte Sta- 
nislaus August zu ihm: Ich kann Ihnen weder helfen, noch 
schaden, die Bepublik macht jetzt Alles, Sie müssen sich 
an die Republik wenden. „So kann der Nuntius nun gehen", 
fQgt unser Berichterstatter hinzu, „die Bepublik zu suchen, 
die nicht einmal die Polen mehr finden können, noch wissen, 
in wem sie jetzt besteht."') 

Badziwill hatte sich ebenfalls nicht zu beklagen, er 
erhielt volle Entschädigung für die Verluste der letzten 
Jahre; eine Commission berechnete, dass die Bepublik seine 



■) Benoit'a Depwche vam S4. Febr. 1768. Ontre cala le prince 
ßepniii Ini & enlove a& maltrewe ce qn! le piqo&t et le dwol» toat 
antant qae le premter aitide (nämlich die -BcschräDkan; der kSoig- 
lichen Oew&It). Le pvince Bopnitt a jag6 a piopoe qnll faloit du 
moins coQSoler te nionarque par qaelqae angmentatian de reveDU. 
Depesche vom S. Janiur. 

") Bei Pro««, Polen io d«n Jahren 176ft— 68, S. ii. 



IzcJbyCoOgIC 



MS 

Ansprache im Belaufe von 6 — 7 Millionen Gnlden za be- 
friedigen habe. Solche Emmgenschaft verdiente in entspre- 
cliender Weise gefeiert zu werden. Nodi am selben Tage, 
an welchem die Conflideration aufgelöst wnrde, trank er 
sich beinahe zn Tode, ') 

■) Eaeen Tom 6. Hän 1T6S bei EeirmanD V. 431. 



B««r: Dia <nta Thailniit 



D,.l.,cOb,G(X1glC 



Sechstes Capitel. 

Die Conföderation von Bar und der TUrkenkrieg. 

In Petersburg freute man sich herzlich Qber die er- 
rnngeuen Erfolge. Kepnin wurde reich belohnt, Panin sonnte 
sieb im Yollgenusse kaiserlicher Huld. 

Da trafen Nachrichten von der Bildung einer neuen 
Conföderation zu Bar in Podolien ein. Der Bruder des 
Bischofs von Kameniec, Krasinski, und Joseph Pulawski 
ständen an der Spitze derselben. Ein EarmelitermOnch rief 
iu den Strassen uud Dörfern zum Eampfe auf; man riss 
sich um die Fetzen seiner Jacke, die besonders bei schwan- 
geren Frauen hoch im Preise standen. Das Mittelalter feierte 
in den Gefilden Polens seine Auferstehung. Man schwur bei 
Gott, der heiligen Dreieinigkeit, der Jungfrau, allen Patronen 
Polens und dem Papste und verpäiehtete sich, den katho- 
lischen Glauben mit Gut und Blut zu yertheidigen. Die 
Haaptstandarte war mit dem Crucifix geschmückt; die Parole 
lautete: Jesus und Maria. Lutheraner, Kalvinistea, nicht- 
unirte Griechen und getaufte Juden wurden nicht aufge- 
nommen. Als Erkennungszeichen diente ein Adler, zu beiden 
Seiten Schwerter haltend, in der Brust ein eiugravlrtcs 
Crucifix mit der Inschrift: Si^ oder Tod. ') 

Die katholische Partei trat fOr die Beinheit und In- 
tegrität des katholischen Glaubens in die Schranken. Nicht 



') Nach dner Copie im Pariser Archive bei St. Piiest a. ik 0. 
. 180. Vgl. Piowe Poleo in den Jahren 1766—88. S. 66. 



izcubyCoOgIc 



M7 

roinder ifehireicli irares die politischen Gegner des Kftoigs, 
'die sieh an dem üaternebmen hetheiligteo. Viele waren im 
Torjahre der Conffidenition Ton Badom beigetreten, in der 
Annahmö, dass Catharina einer Beseitigung des Königs die 
Hand bieten werde. Eine Deputation, an deren Spitae 
Wielohorski stand, war au sie sd diesem Behofe entsendet 
worden. Der Vertauf des Reichstages hatte diese Voraus- 
setzungen zu nichte gemacht, die halben Andeutungen und 
scheinbar zustimmenden Beden Bepnin's hatten sieh als Lu^ 
und Trag erwiesen. 

Polen bot das Schauspiel eines w^ten Wirrwarrs. 
„Es maaa ein Oedipus sein, wer jetzt die Beschaffenheit 
-der Sachen einsehen will", bemerkt der Thorner Besident, 
Ton Geret. An vielen Orten schössen in den nächsten Mo- 
naten die GonfederatLonen wie. Pilze hervor. In fast allen 
Kreisen der Bepublik war die Theilnahme eine grosse, selbst 
diejenigen, welche das ganze Unternehmen laut missbilligten, 
begleiteten es im Stillen mit ihren S^ens wünschen. Die Oster- 
beichte trug ongemeia viel dazu bei, dass diese Verbindun- 
gen nnter dein kleinen Adel, der von Anfang an den Kern 
derselben bildete, viele Anhänger fand, w&hrend die Mona- 
ten sich erst später daran betheiligten. Von den Kanzeln 
wurden Gebete zur Erhaltung der katholischen Kirche ver- 
lesen, der Kt^üig wurde darin nicht mehr erwähnt. ^) Der 
preussisoheGesandte in Warschau hatte nicht Unrecht, wenn 
er seinem KCnige berichtet, daas eigentlich gaus Polen ooa- 
fMerirt sei,') 

In Fetersboig kam die Nachricht nicht ganz uner- 
wartet. Panin wenigstens hatte eine Ahnung, dass die Dinge 
nicht glatt ablaufen würden. Schon im Vorjahre hatte er in 



') Berichte GaretT« bei Prowo 8. 62, 67. 
') 8, Au^et 1766, pnsqne biute 1a Pologne est fonDelleroent 
«onfbdei^. (B. A.) 



IzcJbyCoOgIC 



Beioen Unterhaltungen mit Solms diese £rentualit&t be- 
rOhrt und die Zusicherung einer Unterstatzvog Prenssens- 
zu erhalten gewtlnscht. Fiiedricfa war anf dieses Ansinnen 
nicht eingetningen. Ksn sich seine Voraussicht bestätigt hatte, 
legte der Minister der ganzen Erhebung keine grosse Bedeu- 
tung bei ; die Erneute werde wohl unterdr&ckt werden, wenn 
die Pforte und Oesterreich ferne bleiben, s^te er zu Solms. 
Der Entschliiss, dass die in Polen stehenden mssiscben Trup- 
pen daselbst bleiben, aueh verstärkt werden mttssen, stand 
allsogleich ia den Petersburger Kreisen fest. Nur darfiber- 
war der rassische Minister, der diesmal die Sonderbarkeit 
zeigte, nach rechtlichen Anhaltspunkten fQr das eig^tham- 
liehe Vorgehen Russlands zu suchen , verlegen , auf welche 
Weise dieser Schritt gerechtfertigt werden kOnnte. Drei Mo- 
dalitäten wurden erOrtert. Einmal, der Senat sollte Bussla^id. 
zur Interrention auffordern; allein dem stand entgegen, 
^ass diese Körperschaft hiezu nicht das Secht hatte.. So- 
dann dachte man an die Bildoi^ einer GegenconfVderation, 
welche die Hilfe Busslands anrufen sollte; endlich aber zog- 
man in Betracht, ob die Kaiserin nicht auf die flbernommen» 
Garantie fuasend voi^ehen könnte. Ohnehin besass maa in 
dem Manifeste Anhaltspunkte, daranf hinzuweisen, dass die- 
neue Conföderation auch g^en Rnssland gebildet worden 
sei. Die russischen Staatsmänner gelangten zu keinem Ent- 
schlüsse und Qberliessen es Bepnin im EinTemehmen mit 
den Freunden Busslands Bath zu pflegen. ') 

Dem armen Bepnin wirbelte der Kopf. ') Er hatte ihn 
in den letzten Wochen hoohgetragen, voll Hohnes fiber die 
Polen, mit denen man leicht fertig werden hOnne. Durch 
sein rflcksichtsloses Auftreten schmeichelte er sich, die 



>) Solma Tom 19710. Hin 1768. (B. A.) 
*) Le Pr. Bepnin oe skit plns oa ü en eit, et il me dit, qne la- 
me Ini tonme; Benoit «n 18. April 1768. (B. A.) 



lizcUbyCoOglC 



Wirren endgiltig stuu Abschlüsse gebracht und die Herr- 
schaft Busslands dauernd befest%t zu haben. Nun war die 
Bathlosigkeit gross. Bepnin iragte es Aniai^ nicht ein- 
mal den abmasohirenden russischen Trappen Gegenbefehle 
zu ertheilen. Nach seiner Ansicht mussten die polnischen 
milit&risohen Kräfte mit den Aufetändischen fertig zu wer- 
•den suchen.' 

Stanislatis August gab sich vom Anfang an über die 
Tragweite der neuen Conföderation keiner TftuschuDg hin; 
•er fOrchtete , dass die Bewegung aber ihn hinweggeben . 
wßrde, wenn er an Bussland keine Stütze iUnde, and war 
entschlosseo, die ihm zur Verfügung stehenden Truppen — 
-€3 waren einige B^imeater — gegen die Gonfiiderirtea 
nach Podohen zu schicken. Minister und Senatoren riethen 
-daTon ab. Sehnlichst wünschte Stanislaus, dass der Senat 
beschliesaen mCchte, die Kaiserin zu ersuchen, ihre Trappen 
zur Sicherheit der Bepublik im Lande zu belassen. Man 
■setzte ihm entgegen, man wisse ja noch nicht, welche Ab- 
sichten die Confi^deration von Bar eigentlich im Schilde 
führe, ob nicht die heimischen Kräfte im Stande sein wOr- 
-den mit ihnen fertig zu werden. Man iragte ihn, weshalb 
er gerade jetzt einen solch grossen Eifer ent&lte, wührend 
er sich bei der Bildung der GonfOderationen zu Thora und 
-Sluck ruhig verhalten habe. Sogar die Beschuldigung wurde 
von einigen Seiten gegen den armen Honarchen geschleu- 
-dert, dass er der Anstifter der ConiMeration sei, um nur 
-die Bossen im Lande zu bebalten; Andere behaupteten, die 
Czartoryski wären die Auschürer, Nur zu bald stellte sich 
klar heraus, dass die G^ner des K{>nigs bei der Gonföde- 
ration das grosse Wort führten und auf die Entthronung 
desselben lossteuerten. 

Als ^Bepnin aus Petersbu^ die Vollmacht erhalten, 
hatte, die erforderlichen Massnahmen einzuleiten, setzte er. 
sieh mit dem Primae in Verbindung. Sie kamen fiberein, 



IzcUbyCoOgIC 



daes der Senat die Rackl)enifui]g der Trappen fordern fffUe. 
Eine Partei sprach sich bei den hierüber stattfindende» 
Berathnngen dafQr ans, zuerst einen Versuch bei den Con- 
fdderirten zu machen, um sie zur Miederiegung der Waffen 
zu bewegen. Repnin drohte jenen mit Verwüstung ihrer 
GQter, die das Gesuch an die Kaiserin um BelasBung des 
russischen Corps nicht unterschreiben würden. Dies wirkte. 
Der gesajnmte Conseil unterschrieb, doch hatten die beiden 
Czutoryski/der Erongrossmarschall Lnbomirski und zwei 
andere Mitglieder den Mutb, ihre abweichenden Meinungen 
wenigstens zu Protokoll zu geben. ') 

König Stanislaus beschäftigte sich mit den mannig- 
fachsten Projecten. Theilweise lag ihm das Schicksal seines 
Landes am Herzen; der Vorwurf, dass er an dem Unglücke, 
welches über die Bepnblik hereinbrach, mitschuldig sei, 
nagte an ihm, noch mehr aber bekßmmerte ihn die Er- 
haltung seiner Krone. Bald schloss er siub innig an den 
russischen Gesandten an und betrieb eifiri^t die Vermehrung 
der moskowitischen Truppenmacht, bald suchte er bei seinen 
Oheimen Rath; auch der Gedanke, mit der Barer Con- 
f3deration unter gewissen Bedingungen in Verbindung zu 
treten und das Versprechen zu leisten, ihre ForderuDgen 
bezflglich der Dissidenten in Petersburg zu unterstützen, 
scheint ihm nicht ferne gelegen zu haben.*) Allein Nie- 
mand mochte mit dem unglücklichen Manne in Verbindung 
treten. Von seinen Freunden schlecht berathen, von seinen 
Oheimen, die sieh schmollend zurückzogen, im Stiche ge- 
lassen, ohne Aussicht von den auswärtigen Mächten unter- 
stützt zu werden, blieb ihm nichts übrig, alsAnschluss an 



') Bericht Geret'e bei Prowe S. ST, n. Depesche Benoit'a vom 
30. Hän (B. A.) Letiterer nennt noch Oginiki und den Pslktin Ton. 
B&Ta, erateiei bloa den litbaQiwhen Baadeskuitler Pnedteski. 

") Vgl die Berichte Gereta bei Prowe S. 68, 



IzcJbyCoOgIC 



»II 

Bus^aad, so hart es ihm werden mochte, Kepnin's Schatz 
anzBflefaeQ. 

Di« IfisaioB Mokraaowski's nach Podolien, um mit den 
Conßldenrten zu unterhandeln, blieb erfolglos. Diese hatten 
damals sehen eine bedeutende Einbusse an Leuten erlitten, 
«n Theil sah die Aussichtslosigkeit des ganzen Unternehmens 
ein, wenn die answärtigeQ Mächte nicht vermittelnd und 
onterBtätKend daewischeu tretuL wfirden, allein zur Nieder- 
legung der Waffeu waren sie nicht zu bewegen. Um daa 
Unglftck voll zu machen, welches das Land durch die Kämpfe 
zwischen Polen und Bussen zu erdulden hatte, erhoben Bich in 
der Ukraine die Bauern des griechischen Situs, gegen welche 
die OonfSderirten, angefacht durch priesterlichen Fanatismus, 
' viele Qrausamkeiten begangen hatten. Die Sapon^chen 
Kosaken — Haidamaken nannte man sie in Polen — flber- 
schwemmten die Gegenden Podoüens, plünderten und mor- 
deten, und richteten ihre Wuth besonders gegen Edellente, 
katholische Priester and Juden. Die Zahl der Getödteten 
scbing man auf Tausende an. In Human wurde AUei, wrs 
sich in diese Stadt geSQobtet hatte, am 24. Juni schonungs- 
los ermordet. Die Bussen sahen sich zum Einschreiten ge- 
DiHhigt, um den Orftueln ein Ende zu machen. *) 

Mittlerweile war endlich ans Fetersbnig dw Befehl 
angelangt, gegen die ConfUderirten loszugeben. Die russische 
-Tmppenmacht war nicht sehr bedeutend, sie zfthlte nicht 
viel aber 10.000 Mann,*) die nicht im Stande waren gegen 
die an Terschiedenen Orten auftauchenden GonfOderationea 



'] Die betEmnten Sctiitde rangen 1>estätigt ftnch Benoit, 6. JuU 
17W. (B. A.) üebet dm HiidanuLkenanfttuid Swlowjoff 4. a. 0. S. 79 ff., 
der pdniiche Schriititeller benutzt hat, doch war die Annale, dow 
die Baiwii denielben angeiettelt, bei den Zeitgsnossen fiut allgemein. 
Beaoit'B Depesche vom 18. Jnli 1768. (B. A.) 

') So Tiel nimmt Friedrieb in seinen Memoiren an, andere An- 
gaben Unten hüher. 



zedbyGoOgIc 



332 

energiscli vonsugehen. NamentUcti maclite sich der Mangel 
an leichten Truppen sehr fahlbar. In dem nun ausbrechen- 
den Guerillakampfe wurden von beiden Seiten die grOsaten 
' Orausamkeiteu begangen. Die Polen ermordeten die Russen 
in ihren Quartieren. In LubUn wurden diese von dei ge- 
ssunmten Bev{)lkerung, Männern, Frauen und Eindem, von 
den Dächern beworfen und beschossen. Man schlug sie wie 
die Hunde todt und misshaudelte sie auf die gransamste 
Weise. Man goss Kosaken brennendes Pech in den Hals 
und hieb ihnen Arme und Beine ab. Die Bussen verfuhren 
nicht menschlicher; von den Grausamkeiten des Obersten 
Drewitsch wendet man sich mit Abscheu ab. Die Con- 
fSderirten, welche den Bussen in die Hände fielen, schätsten 
sich glücklich, wenn ihnen nur allsogleich der Eopf ab- 
gehauen wurde. 

Im Juni war die GonfQderation von Bar fast gans 
vernichtet. Die Bussen nabmen diese Stadt mit Stnrm 
(20. Juni); Berdiczew fiel ihnen in die Hände. Joachim 
Potocki and Pulawski sahen sich genothigt über den Duiester 
zurückzugehen. Da taachten in den westlichen G^enden 
der Republik neue ConiMerationen auf. Erakaa war der 
Mittelpunkt einer wichtigen nnd fQr die Bossen gefährlichen 
Verbindung. Der Bischof von Kaminiec, Erasinski, der dem 
Schicksale seines Amtsbruders, Soltjk, durch die Flucht 
entgangen und sich in's Ausland b^ben hatte, um die 
fremden Mächte zur Unterstützung der Republik aufzurufen, 
mahnte in Hirtenbriefen die Gläubigen, zu den Waffen zu 
greifen. Durch eine compacte einheitliche Leitung- hätte 
gerade diese ConflJderation den Bussen n&chtheil^ werden 
können, es machte sich jedoch von Anfang an die frechste 
Zügellosigkeit bemerkbar. Die Bauern, von dem Forsten 
Martin Lubomirski aufgewi^elt, raubten und plauderten 
ohne unterschied Freund nnd Feind, schonten auch {öffent- 
liches Gut nicht und ergriffea nur vor den russischen Streit- 



Dgilizc-ObyCoOglC 



M8 

kräftes die Flucht. ') Nach mehrwöchentlichen Kämpfen 
bem&chtigteii sich die Bussen Krakau's durch Sturm. Auch 
in den andern Theilen der Bepubltk Ternichteten die rus- 
sischen Waffen die schon gebildeten oder erst im Entstehen 
b^ffenen Conföderationen. Die Republik litt unter diesen 
Kämpfen ungemein. Yiele Gegenden waren verwüstet und 
verödet ; Tauseode verliessen das Land und suchten In den 
Nachbarstaaten Schutz und Zuflucht. 

Catbarina war nahe daran ausrufen zu können: Bube 
herrscht in Polen. Da brach der TQrkenkrieg aus. 

Die französische Diplomatie hatte auch nach der An- 
erkennung Stanislaus Augnst's durch die Pforte ihre Be- 
mflhungen nicht aufgegeben, auf die grossen Gefahren auf- 
merksam zu machen, welche dem türkischen Beiche von 
Bussland drohen, wenn es diesem gelSi^ sieb die Bepublik 
dienstbar zu machen. Die Pforteuminister verschlossea sich 
aicht gegea die Bichtigkeit dieser Ansicht, waren jedoch 
nicht zu bewegen aus ihrer Unthätigkeit herrorzutreten. 
Das Misstrauen gegen Frankreich, welches in Constantinopel 
seit dem Abschlüsse des Vertrages Ton Yersailles mit Oester- 
reich Wurzel gefasst, war nicht leicht zu bannen.^ Aach 
trug der preussische Gesandte im Auftr^e des Königs zur 
Beschwichtigung der Pforte bei. 

Schon seit Endo 1767 machten sich jedoch in Con- ■ 
stantinopel kriegerische Tendenzen benaerkbar, die insbeson- 
iiere an dem Sultan einen Vertreter fanden. Gerüchte über 
eines bcTorstehendeu Bruch mit Bnssland waren in der 
türkischen Hanptstadt verbreitet. Der russische Gesandte 
wurde zu wiederholten Malen über den Einmarsch rus- 
sischer Truppen in Polen zu Bede gestellt, gab jedoch 

■) Berichte Essens Tom 13. und 27. Jali 1768 bei Heirmann 
T M8. 

') Sehr belehiend in dieser Beziehung ist du bei Bontaric Ter- 
^tffentlichte Memoire des fraozöaitchen Gesandten. 



IzcUbyCoOgIC 



314 

theils ausweichende Antworten, theila scbfitzte er TJn- 
teontniss vor. So oft Gerüchte nach CoDstantinopel draa- 
gen, über das weitere Yordringen der raesischen Heere 
in Polen, ober verübte Gewalttbaten, bezeichnete Obreekow 
dieselben als ans französischer Quelle stammende Naoh- 
richteo. Der französische Gesandte hetzte und schürte 
dagegen unanfhörlich und machte insbesondere anf die- 
YerfafSungEänderungen anfmerksam , welche von Repnin 
in Warschau durchgesetzt worden waren, lör die Dissi- 
dentenfr^e fand er bei den tflrkischen Staatsmännern kein 
Verständnisa. Die Umtriebe des französischen Botschafters 
hatten längere Zeit nur die Wirkung, dass ein etwas leb- 
hafterer Notenwechsel zwischen den Pfortenministern und 
dem russischen Gesandten sich entspann, in welchem von 
Seite des letzteren die stereotype Redensart wiederkehrte, 
das8 seine Herrin keine Krobemngen machen wolle nnd das 
Einrücken der Truppen durch die Bückaicht auf die eigene 
Ehre und die Erhaltni^ der Freiheit Polens geboten sei. 
Die sonstigen Beschwerden der Pforte über den Bau von 
Festungen in den Grenzländern wurden als unbegründet zn- 
rSckgewiesen. Die friedliche Stimmnng behielt auch am 
Bosporus die Oberhand; der preussische Gesandte meinte, 
es werde leicht sein dieselbe danemd zu erhalten, ««in 
Bussland nur behutsam vorgehen und von beiden Seiten jeder 
Anlass. zn einem Bruche vermieden würde. ') 

Als die Nachrieht von der Bildung der GonfÜder&tion 
Ton Bar in Constantinopel einlief, fibergab der russische 
Minist«' ein Memoire, worin er hervorhob, daes die Cou- 
fOderirten den Namen der Pforte missbrauchen, indem sie 
vorgeben, nnter dem Schutze derselben zu stehen, während 
man ihm und dem preussischen Gesandten wiederholt er- 
klärt habe, dass man an den Beligionsatreitigkeiten keinen 



■) Bericht Zegelin'a vom 2. Slärz 1768. (B. A ) 



Dgilizc-ObyCoOglC 



IM , 

Antheil uehme. Der BeiB-Effeodi betheuerte, da&B te die 
Pforte anter ihrer Wflrde halte, eich mit den FrledenB- 
atJJrem in ii^esd eine Terhindnng einzolassen. Man gab 
aacfa den tbatB&chlioben Beweis für die Bichtigkeit dieser 
Behanptnag, indem an die Fssefaa'B von Bender nnd Chotzim, 
an den Chan der Krim nnd an den Fürsten der Moldau 
Befehle ergii^en, sich jeder Unterstütsung der Polen zn 
enthalten. Obreakow Buchte diese günstige Stimmung der 
Ffortenminister durch reichliche Oeldgesohenke zu erhalten, 
und in den russischen Kreisen schmeichelte man sich, dass 
es durch dieses jn Constantinopel nicht unwirksame Mittel 
gelingen dfirfte, jeder Verwickelung vorzubeugen. ') Ind^s 
die Türken verEcbm&hten es nicht, gleichzeitig von dem 
französischen Gesandten Geld anzunehmen, auch die Kleino- 
dien der polnischen Damen wurden nicht zurflckgewiesen. 

Die Kunde von der Verletzung des türkischen Ge- 
bietes in Balta rief in allen Kreisen eine grosse Erregung 
hervor. Der Divan ti"at zusammen, der Sultan wohnte dem- 
selben bei. Noch immer überwog die firiedlicbe Partei. 
Dennoch erlless man, obgleich man es nidit zum Bruche 
kommen lassen wollte, den Befehl, ein Truppencorps s<^leich 
in Marsch zu setzen. 

Die kriegerifiche Partei gewann t^lich an Boden.*) 

') Mrh baiin nicht die geringste Negociation entTeniren, ohne 
Toiher doTcli Oeechenke den Weg zn einem guten Sncceae vi ebnen. 
Bericht Zegelin's vom 2. Hai 1769. (B. A.) 

') FntnzÖtiBcbei öchreibon Zegelin'B an die Minitter vom 
16. Juli 1768. (B. A.) Les affaires sont ici dana ane gnnde crise et li la 
Snsrie ne donne pu la latbfaction qne la Porte demande et qn'elle 
faxe eracner la Podolie par ses trouppee, la gDene entre la Rnseie 
et la Forte est praeqne Ineritable. C'ert avoir beaaconp gt^& quo 
d'aToiT gagne du teme dang ces ciiconEtancos. La forme da gouTeme- 
ment qnoiqae deapotiqne eet teile que loraqn'ane fois le penple «e 
met es fnrenr le goaTemement n'en est pLut le maistre et doit ceder 



IzcJbyCoOgIC 



Der Mufti beschäftigte sich mit der Sammlung von Koran- 
btellen, die auf den vorliegeDdea Fall Anwendung finden 
kennten. Murad Molla sondirte den preussiacbeu Gesandten 
aber die Stellung des Königs, wenn die Pforte an BussUnd 
den Krieg erklaren wörde. Der Major von Zegelin redete 
dem Frieden das Wort, indem er vorstellte, die Pforte möge 
es doch solcher Kleinigkeit wegen nicht zum Bmche kommen 
lassen. Das Volk der türkischen Hauptstadt wurde durch 
Gerächte von der ELonahme Benders und Chotzims erregt; 
Meutereien brachen aus; die Minister gaben den Kath, die 
Janitscharen an die Grenze rücken zu lassen. Auf die 
Torstellungen Obreskowa. der gleichzeitig volle Genugthnung 
versprach, erwiderte der Beis-Effendi, man sehe sich zu 
dieser Massregel genöthigt, um einem grösseren Uebel, einer 
Empörung, vorzubeugen; man beabsichtige aber nur die 
unruhigen KOpfe aus der Besidens zu entfernen; die Bussen 
möchten nur ihre Truppen aus Podolien zarflckziehen , in 
Polen könnten sie machen was sie wollten, 'j 

Die definitive Entscheidung war nur aufgeschoben. 
Der franeösische Botschafter kam mit neuen Argumenten, 
die Pforte zum Bmche zu bewegen. Das Hans Branden- 
burg, s^e er, habe seit längerer Zeit verschiedene Gebiete 
der polnischen Bepublik in's Auge ge&sst, auch Bassland 
strebe nach Erwerbung von Land und Leuten. Zegelin 
hatte Mühe, diese Ansichten, die Wurzel zu fassen schienen, 
zu widerlegen. So grosse Anstrengungen die Friedenspartei 
machte, die Buhe zu erhalten, sie musste der öffentlichen 
Stimmung weichen. Man steuerte in Constantinopel dem 
Kriege zu, nur darüber war man unschlüssig, gegen wen 
er zu richten sei. Die besten Truppen wurden nach Bosnien 
gesendet, und Zegelin meldete nach Berlin, dass die Bombe 



') ZegeUn'8 Bericht vom 26. JnU 1788. (B. A.) 



IzcJbyCoOgIC 



»17 

wahrscheinlich gegea 4ie Venetianer platzeo werde. ') Ein» 
Partei unter den türkischen Staatsmänaeru wollte den Volks- 
willen dnrch einen Krieg gegen Oesterreich zu befried^en 
suchen. ') In einer Veraammlang der Ulema in den letzten 
Angnettagen, die ßber 8 Stunden dauerte, einigte sich die 
Mehrheit zu dem, Deschluase, daes bisher keine „gesetzmSs- 
sigen UfBachen" vorhanden seien, an Busslaud den Krieg zn 
erklären. Bei dem Sultan jedoch verlor die Friedenspartei 
an Boden. Am 5. September erfolgte die Eotsetaung dea 
Orossvezier Muhsinsade und die Verbannung desselben nach 
Tenedos; der hervorragendste Vertreter der Eriegspartei, 
der Statthalter von Aidin, Hamsa-Fafißha, erliielt das Ve- 
zirat. Noch war jedoch nicht alle Hoffnung, den Frieden 
zu erlialten, aufg^eben; das Corps der ülema war gegen den 
Krieg.') 

Am 22. September erfolgte die Ankunft des neuen 
Veziers iQ Constantinopel. Am 4. October wurde der Kri^ 
gegen Bussland in einer Versammlung des grossen Divan 
beschlossen, und nachdem derrussische Gesandte, in einer 
zwei Tage später stattfindenden Audienz bei dem G-ross- 
vezier, die bestimmte Erklftmng abzugeben abgelebit hatte, 
dass Bussland auf die Garantie der polnischen Verfassung 
versichte und den Dissidenten jede weitere Unterstützung 
entziehen werde, wurde er vom Audienzsaale hinweg nach 
den sieben Tbürmen al^fahrt und als Staatsgefangener 
in Haft gehalten. In Constantinopel war das Gerächt ver- 

') Depeecbe toid 16. August 1768. (B. A.) 

*) Sehon im Jnli Mgte der Mölln id Zegdin: Ich irftnaolie, 
du« dlMd DamoDstrationoii, die wir jetit ^egen die Ibuien >a maclieii 
gen&tbigt sind, sich gegen die Oesterreicber wenden nnd dulnrch 
tuiMT B&nat und TeinesTM wieder erbslten laöcbten. Dep. mh 96. Juli. 
Ton einer antiOaterreichiKlien Partei ancli in det Dep. Tom. 17. Oct. 
die Bede. 

*) Z^relin's Berichte vom 1. u. IG. Sept. 1768. (B. A.) 



IScJbyCoOglC 



_ M8 _ 

breitet , dass dem englischen und preussiscben Gesandten 
dasselbe Schicksal bevorstehe.*) 

Die Kriegserklärung der Pforte kam in Petersbuig 
unerwartet. Es fehlte an Allem und Jedem, an Waffen, 
Munition und auch an Geld. Das Heer trar keineswegs in 
einem kampffähigen Zustande, die Furcht vor den Türken 
gross. Man sprach von einer Entlassung Fanin's, dessen 
Voi^dien an Allem Schuld wäre.") Nur Gatharina tn^ 
den Eopf hoch, sie flberhftufte den Grosskansler mit Gunst- 
bezeugungen , im Yertrauen auf ihr GMck bangte ihr vor 
dem neuen Kampfe nicht, der sie zur Theilung ihrer Streit- 
kräfte, die ia Polen dringend nothwendig wann, zwang. 
In dem tob ihr am lü. November veröffeatlichten Gegea- 
manifeste sprach sie von der Gerechtigkeit ihrer Sache und 
rief den Beistand Gottes an, der ihr zu Ehren seines 
heiligen Namens bald einen vortheilhaften Frieden verleihen 
möge. 

Die Diplomatie entfaltetd während der letzten Monate 
eine grosse Thätigkeit, um den Ausbruch des Sturmes noch 
zu beschworen. Übwohl man in Petersburg und Constan- 
tinopel mit hoehtOneniJeii Phrasen nicht geizte, machte sich 
doch hier und dort eine kühlere Auffassui^ bemerkbar. Am 
Bosporus wurden die friedlichen Strömungen durch die Gnt- 
lassui^ des Groäsveziers nach einer kaum zweimonatlichen 
Amtsthät^keit bemerkbar; der neue Inhaber dieser Würde, 
der Schwiegersohn des Sultans, einer der geschickteren 
Männer unter den damaligen staatsmännischen Kräften, 
war durchaus nicht kampflustig; nur mit Zittern dachte 
er an den Krieg, von dem er nichts verstand. Murad Molla 
iiess den preuasiachen Dolmetsch rufen, um ihm mitzu- 
tbeilen, dasa die Pforte es gerne sehen würde, wenn England 

■) ZegeUn'a Depescho vom 17. October 1768. (B. A.) 
*) Nach dea Berichten von Solmi wu diesat Zeit. (B. A.) 



IzcJbyCoOgIC 



UDd Freuaseu ihre Vemiittliing aab&ten. Der Anfforderung 
-iet Minister folgend, Qbergab Z^elia am 14. Deeember 
ein Memoire, worin er auseinandersetzte, in welcher Weise 
die Misshelligkeiten beigelegt werden könnten. Auch der 
englische Gesandte war in gleichem Sinne thättg. Allein 
der Sultan war trotz aller Einwlrkai^en der Friedenspartei 
von dem einmal gefassten Beschlae^ nicht abzubringen. *) 

Die Eriegswkl&rung der Pforte errate in gewaltiger 
Weise die Gemflther in Polen. Die GontOderirten waren nieht 
in der Lage, noch längere Zeit Widerstand leisten zq kQnnui. 
Die Niedei^esohlagenheit war fast eine al^emeine. Nnn 
war allsogleioh ein Uinschl^ in der Stimmung bemerkbar, 
selbst in der Umgebung des Königs erwartete man eine 
Nachgiebigkeit von Seite Busslands. la Warschau Hess man 
den bisher sorgt&Itig unterdrückten, gegaerischen Gef&hlen 
freien Lauf. Man zweifelte nicht an einer Besiegung der 
russischen Macht. Die kühne Phantasie der Polen sah schon 
eine grosse europäische Coalition gegen die moskowitische 
Macht erstehen; selbst Knglaud und Ffankreich, Oesterreich 
und Preussen hatten ihren gegenseitigen Antagonismus 
äbei-wnnden, um die Flügel des russischen Czars zu be- 
schneiden.*) 

Die BemOhnngen Bepnin's, auf irgend eine Weise die 
Pacification Polens zu bewerkstelligen, waren fhiditlos ge- 
blieben. Die Czartorjski beharrten in vollster Unthätigkeit. 
Vom Hofe hielten sie sich fem und wurden auch bei wich- 
tigen Fragen nicht zu Bathe gezogen. In Petersburg legte 
man auf die ünterstfitzung dieser Männer grossen Werth, 



*) DepeacäißD toq Z^^elin vom Nofember und Decembei 17<8. 
<B.Ä.) 

*) Si purU pubblicamente di im tnttato giä aegnato contn 1& 
Motcovia im 1& Francia, 1a Porta, Tienna, Berlino, Breeda, Bvezia e 
D&netoarcft, « t' S chi Toole che vi abbin ancbe abcedato ringhUterra; 
bei Theiner 8. 274 vom 8. Not. 1768. VrgL auch 8. Not. 176S. 



IzcJbyCoOgIC 



der Gesandte erhielt die Weisnng, sich ihneo zu nahem 
und sie zn gewinnen. In sahireichen Conferenzen zwischen 
Kepnin und den Gsartorjski wurde erOrtert, in welcher 
Weise die Bei*ahigang des Landes erzielt werden kannte. 
Bepnin fragte den Woywoden ron Bassland um seine Ansicht. 
Euer Durchlaucht, erwiderte dieser, haben bisher Alles mit 
dem Kanonenrechte gemacht, es ist an Ihnen, ans Ihre 
Gedanken zu eröffnen. Repnin rerlangte, die Gzartoryski 
möchten sich in Unterhandlungen mit den Conföderirtea 
einlassen, was von ihnen abgelehnt wurde. Sie schlugen die 
Bildung einer GeneralconfOderation vor, au deren Spitze 
sich der König stellen sollte; zugleidi aber sollte Bnssland 
auf die ErruDgenschaften des Vorjahres, insbesondere auf 
die Garantie Verzicht leisten. Bepnin wies dies rundweg 
ab. Dann, antworteten die Czartorjski, werde die Nation 
ganz Polen verheeren lassen und sich nicht darum kümmern, 
wenn auch der grösste Theil der Bewohner ins Gras beissen 
sollte. ') 

Die Besetzung von Zamose und Kaminiec war fflr 
Bnssland von ungemeiner Wichtigkeit , es durfte diese 
FestQDgen nicht in den H&nden der Polen lassen, da sich 
die Türken derselben bemächtigen und die Bfickin^inie 
der Bussen gefährden konnten. Friedrich machte die Peters- 
burger auf die Bedeutung dieser Orte au&nerksam. Repnin 
wurde ai^ewiesen die üebergabe zu fordern; er erhielt 
eine ablehnende Antwort. Der König berief sich auf die 
Landesgesetze, die ihm nicht erlaubten dieser Forderung 
zu willfahren. Bepnin bestflrmte die Ciartoryski, deren 
Einfluss auf Stanislaus August im Steigen war; diöse er- 
widertes: der ganze Landstrich mag lieber von Grund aas 
zerstört werden, ehe den Türken Anlass geboten werde, der 

■) Nach dam Berichte Ton Gent bei Proire a. a. 0. S. 96 und 
Benoit'B Berichts Tom 37. Joli d. IS. Angiut 1768. (B. A.) ' 



izcubyCoOgIc 



Republik den Krieg zu erklären; ea wäre eine ganz un- 
würdige Tfaat, Eameniec zu Qbei^ben. Repnin setzte den 
Leoten das Messer an die Eehle. Was erscheint Ench vor- 
4A«illiaAer, fragte er, der Sieg Bnsalatids oder jener der 
Pforte? Weder das Eine, noch das Andere, lautete die Ant- 
wort. ') Die Vorstellungen Repnin's bei dem Könige, dass es 
sein Intfiresse erheisclie mit Russland Hand in Hand zu 
gehen, da ein Sieg der CoufSderation auch seine Absetzung 
aur Fo^ haben dürfte, machten geringen Eindruck. Es gibt 
ein Stadium des Elends, s^e Stanisl&us zu Repuin, in 
welchem keine Art von GefUiren mehr empfunden werden 
kann; ich bis jetst in diesem Stadium und überlasse mein 
Geschick der Gewalt der Ereignisse. Zugleich betbeuerte er 
seine Ei^benbeit und Anhänglichkeit für Catharina. In 
manchen Momenten hatte er Anwandlungen von Männlicli- 
keit und Thatkraft, er wollte sich in seinem Schlosse todt- 
srfiiessen lasseu, ehe er seinen Platz verlasse. Die Auf- 
forderung des russischen Gesandten, auf dem Schlachtfelde 
seine Schuldigkeit zu thnn, lehnte er ab. 

Der König näherte sich wieder seinen Oheimen, er 
hoffte, Russland werde mildere Saiten anschlagen und sich 
doch zur M^aebgiebigkeit bequemen. Repnin gegenüber führte 
er eine ähnliche Sprache, wie die Czartoryski. Zamoyski, 
der damals im köuiglichen Kalbe seine gewichtige Stimme 
geltend machte, schlug vor, sieh mit den Russen in nichts 
einzulassen, nichts abzuschlagen, sondern beständig auf die 
Unmögliebkeit der AusfiihruDg der russischen. Forderungen 
hinzuweisen und den weiteren Verlauf d»", Dinge ruhig ab- 
zuwarten. 

Endlieh hatte man in Petersburg die Ueberzeugung 
gewonnen, dass die Brutalität Repnin's durchaus ungeeignet 

') Die Durstellong bei Ssolowjoff S, 92 fg. im Glossen un4 
Gänsen durch die DepescIieD von Benoit bestätigt. 

16 
Bsei: Di« data Tb^onj Poleiu. 



Cg.lzccbyCoOglC 



24S 

sei, die Versöhani^ der tiemlither herbei^ufQbren; seine Ab> 
berafang wurde Ende Januar 1769 bescblossen. Es dauerte 
indess noch ein halbes Jahr, ehe sein Nachfolger ihn ab- 
Kiste. Doch wurde seine llVirksamkeit beschrfinkt, indem man 
die Leitui^ der militäriacheu Ängel^nheiten dem General 
Weymam Qbertrag. 

Die Confijderirten hatten trotz der betrftohtlichen Ver- 
luste im Vorjahre ihren Math nicht sinken lassen. Neue Schaa- 
ren tauchten auf und fQgten den Bussen vielen Schaden su; 
die geringen russischen Streitkräfte waren in fortwährender 
Bewegung, von einem Ende des Landes an's andere eilend, 
um jede sieb bildende ConfSderation im Keime zu ver- 
nichten. In manchen Theilen der Bepublik behaupteten sieh 
die ConfSderirten mit GlQck gegen die russischen Waffen. 
Die Erfolge wären bedeutender gewesen, wenn unter den 
Fahrern volle Einigkeit geherrscht hätte. Die Terscfaiedenen 
ConfiJderationen gilben jedoch nicht uach einem gemein- 
samen Operationsplan vor. In der Wallachei, wohia sich die 
ConfSderirten vou Bar hatten flachten müssen, herrschte 
zwischen Fotocki und Palawäki voUständiger Zwiespalt. Er- 
stere'r wollte nur in Verbindung mit der Pforte den Kampf 
wieder eröffnen; Pulawski d^egen war der Ansicht, dass 
man auf die eigenen Kräfte gestützt vorgehen sollte. Fotocki 
entledigte sich seines Rivalen, indem er ihn bei den Tarken 
verdächtig madite. Er wurde verhaftet und nach Constan- 
tinopel gebracht, wo er im Crefängoisse starb. Seine beiden 
Söhne, Kasimir und Franz, machten EinfllUe in Podollen 
und hielten sich während des ganzen Winters am Daiester 
gegen die Bussen. In Lithanen behauptete sich Simon 
Kossakowski, in Krakau Birzinski. Auch in anderen Theilpn 
4es Landes sahen sich die Bussen viel&ch genöthigt das 
Aache Land zu meiden und sich iu die Städte zurückzu- 
ziehen. Die Hauptstadt, Warschau, wurde von Conföderirten 
tunschwärmt; eine Zeit lai^ befürchtete man fast t^Uch 



IzcUbyCoOgIC 



«ine Besetzimg derselben. Heftiger und rascher folgen die 
Xämpfe im Frühjahre 1769 auf einander. In einigen Gre- 
fechten war das Ehegsglttck den ConfMerirten günstig. 
Die beiden Brüder Pulawski waren die Seele der Unter- 
nebmuDgen. In Lithauen kam es zu einer allgemeinen Con- 
föderatioo, die sich jedoch auf die Vertheidignng des Landes 
beschränken wollte; die Eoffnui^ der Polawski, einen Zu- 
2ug ¥0n Streitkräften aus diesen Gegenden za erhalten, 
wurde dadurch vereitelt. Auch war die dortige Gonföderation 
bald nicht mehr in der Lage, üur Unterstützung der "Ge- 
nossen in den andern Theilen der Bepublik etwas zu thun, 
da die Bussen unter Suwarow's Fäbrung die sich ihnen 
en^egenstellenden Schaaren aufrieben. Franz Pulawski fiel 
in einem Gefechte, ein für die Polen fast unersetzlicher 
Verlust. 

Jdittlerweüe war Wolkonski iu Warschau angelangt, 
Das System der rohen Gewalt hatte die Leidenschaften nur 
noch mehr entfesselt, der neue (jesandte sollte durch Nach- 
giebigkeit zu wirken suchen. Bei seinem früheren Aufent- 
halte in Polen hatte er sich daselbst eine Anzahl Freunde 
erworben und war zu den Czartorjski iu innren Besiehun- 
gen gestanden. Die ihm ertheilte Instruction gab ihm einen 
grossen Spielraum. Noch immer lebte man in Petersburg 
in der Täuschung, über eine Partei in Polen zu TerfQgen, 
wahrend nüchterne Beurtheiler schon längst von dem Ge- 
gentheil überzeugt waren. ') Man hatte in Bussland keine 
Ahnung von der leidenschaftlichen Erregtheit des grUssten 
Iheiles der BevClkerung. Nur wegen des Türkenkrieges 
glatibte man einige Bücksichten nehmen zu sollen, aber man 



') D fant une trea gnnde illosion pour a 
le f&it & Petersboarg que la Kussia ait eueora nn paiti on Pologoe, 
je croiB qoe penonne d'ici ne disconTieadra avec mai, qne depuia le 
pTeiniei seigneai joeq'aa dernier manant, tout ne halsso mortellem«nt 
ce qul est HoBcowite. Benoit am 15. Fobr. 1769. (B. A.) 



iizcuby Google 



tu 

wälinte durch kleine Concessioaen die Kühe herstellen zq kön- 
nen. Weder auf die Garantie wollte man rersichten, noch in 
der Dissidentenfrage irgend eise Nachgiebigkeit bekunden. 
Man begnügte sich, dem neuen Gesandten die Weisung mit- 
zugeben, eine Declaration zu verSffentlichea, die darlegen 
sollte, dass die Selbstständigkeit der Bepubtik dnrch den 
Garantievertr^ keine Einbnsse erlitten habe; die Dissiden- 
ten betreffend, sollte Wolkonski keine Initiative ergreifen, 
aber nicht entg^entreten, vena dieee selbst sich herbei- 
lassen soUt«L, auf einige erworbene Rechte freiwillig Ver- 
zicht 3u leisten. 

Wolkonski fand anter dieses Bediuguugea nicht die 
geringste Geneigtheit au einer VerstfLnd^ng. Der ECoig 
sprach sich dahin aus, dass ohne rolLttändige Veraicht- 
leistung auf die Garantie und die Diasidentenrechte die Un- 
ruhen nicht SU bannen seien. *} Vergebens suchte der preus- 
sische Gesandte im Auftrage Friedrichs auf Stantslaus ein- 
zuwirken.'} Zu wiederholten Malen Hess Friedrich den König 
aufmerksam mauhen, dass er nur durch einen inaigen Än- 
schluss an Buseland sich zu behaupten im Stande sei. Sta- 
nislaus August war der Spielball der verschiedenartigsten 
Einflüsse. Bald schien es, als wolle er entschieden die Bussen 
unterstfltzen und er ent<«ndete ein Trnppenoorps g^n die 
Conföderirten, bald überliess er sich ganz den g^aerischen 
Einflüsterungen und flbra'schickte dem Führer der kOni^i- 
chen Truppen den Befehl, sich in keine Action einzulassen. 
£r forderte dann Aufhebung der letzten Constitution und 
Schaffung einer neuen. Man muss sich dies aus dem Kopfe 
schlagen, erwiederte bei solchen Anlässen Wolkonski. Dabei 
verschmähte der König russische Geldhüfe nicht, da seine 
Einkünfte durch die ConRSderirten geschmälert worden waren. 

■) UeDoit am 6. Juli 1769. (Q. Ä.) 

*) Im Jani ertbeilte Friedrich in dieser Richtung wioderbult 
Aufträge. (B. A.) 



IzcJbyCoOgIC 



Ui^ 

Die Frojectcamacher in Warschau hatten goldcme 
'Zfliteii. Wolkonski beabsichtigte die ffildnng einer russisAh 
gesinnten Oeneralconßderation, ein Pias, mit dem eich seboa 
Bepnin viel&ch beschäftigt hatte. Stanislans August und 
die Cxartoryski wiesen immer auf die Unmöglichkeit hin, 
diesem Verlangeu üu entsprechen, indem seh nicht vi» 
Personen finden dürften, die sich nm den EOnig sehaaren 
worden. Nun legten der Graf Branicbd und der Eronkflehen- 
meister Ponioski su diesem Behufe einen Plan vor. TTm die 
Nation zu gewinnen, scUngen sie die Abtretong Bessaiabiens 
und der Moldau an Polen, fär den Fall als die maBischw 
Waffen siegreich sein würden, Tor. ') In Petersborg nachte 
man Uiene, darauf einzugehen. Eine dirtote Erwerbung dieser 
Pi-OTinsen gewährte Bussland keine bedeatendea Vortheile, 
-dag^en erhielt die russisch gesinnte Partei in Polea et«e 
grosse Verstfirkaug, wenn der rechtgläubige moMauisehe 
Adel sich an Polen anschio^s.') 

Uebertriebeae Gerüchte roit errungesen YertbeälMi Sn- 
tens der Türken gelangten Anfangs Septemb« 1169 nach 
Warschau. Die antirnssische Partei am kßnigliehen Hof« 
legte denselben eine grosse Bedeutung bei Die Oiartory^ 
traten aus ihrer Zurßckhaltni^ hervor und bewogen den 
Kfltt^, den Senat einzuberufen. 

Am 30. September fanden sieh etwa diesig Senatoren 
«in, beiläufig der fünft« Tbeil des Heirams. Uan fasste M- 
gende Bestdil&sse: an England and Holland die AntTorde- 
rung zu richten, sich bei der Pforte, die ebenfalls an die 
Republik den Krieg erklärt hatte, zu verwenden und vor- 
zostellen, dass Senat und EOnig den Eatlowltzer Frieden 
nicht verletzt hätten; oacb Petersburg Oginski zu schicken. 



■) 11. Juioar 17S9 Ton B«noit. (U. A.) 

■) Nftch einer I>ep«eclie »on Kunn sd ffslkonski bei Ssolowjoff 



IzcJbyCoOgIC 



U9 

um Aber Bepnis Klage eh ftkhi-en nnd die Kaiserin za 
ersndieii, von dem im Vorjahre mit Gewalt erzwangenea 
Trsctate abzustehen^ die rassischen Truppen ans dem Lande 
znrückzaberufen und die gefangen gehaltenen Senatoren 
ft«i zu geben; endlich die Garanten des Friedens von Oliva 
anfzurnfen, damit den Dissidenten nicht grossere Beebte 
bewilligt würden, als ihnen beim Abschlnsee dieses Friedens 
zugesichert worden waren. In eitlen ninsionen be&ngen, 
täuschte man sieh Qber die Stimmungen der H&fe bezSglicb 
Polens. Mit Zuvereicht rechnete man auf einige Nael^e- 
bigkeit von Seite Bnsslands nnd auf eine Interreation der 
andern Mächte. Nur allzubald wurde man aus dieser Täu- 
schung gerissen. In Wien war man nicht geneigt zn Gunsten 
der Republik ii^nd einen Schritt zu thun. Der E<}njg Ton 
Preufsen, auf den man starke HoJßiiingen gesetzt hatter 
lieas dem EOnige aagen, dass es am besten wäre, wenn er 
sieh die Freundschaft der Czarin bewahren wflrde.') Ans- 
Petersburg kam die Nachricht, dass man den Gesandten 
nicht empfangen werde. Panin richtete im Kamen der 
Kaiserin die Auflforderung.an Stanislans August, den 6e- 
schlnss der Senatoren zu rectificiren. *) Das Aeosserste, wozu, 
man sieb in Petersburg herbeiliess, war die Abgabe einer 
Erkl&mng, worin man darlegte, nichts einwenden zu wollen^ 
wenn die Dissidenten freiwillig atif eim'ge der verlangten 
Kechte Verzicht leisten wollten. Stanislaas Angnst war 
momentan so sehr im Schlepptan seiner Oheime, dass er den 

') Iiiunedi»tdope»che w Beooit Tom 15. Not. 1769. (B. A.) 
') FaniD Bcbricb wOrtÜGh am Sl. Od. : ni nn eDDemi cache, 
nj an ennemi declarä de l'Imp. n'anroit pQ U toacher dane Qti point 
plas direct, plns immediat et plus sensible. S. U. I. ne sanroit dis- 
cerner de dUTerence, oa a la rigueui eile ne trODTera qu'nne trös pe- 
tite, entre la decUratiou la pln« positiTe d'one niptnie fonnelle et le 
denaven des actea les pIns antbratiqne«, eniaii^ de TantoTiM d« tout» 
une nation. (B. A.) 



Dgilizc-ObyCoOglC 



»4J_ 

TorBtellungen Wolionski's und Benoit'a, die von ihm innigen 
Anechlnss anBossland forderten, sich nnEi^änglich erwies. 
Er gab -niederholte YersiebemngeD seiner Änh&nglichkeit an 
die russische Monarchin, aber auf die Forderong, mit seinen 
Oheimen zn brechen, ging er nicht ein. '^ 

Daneben spielten andere Intrignen. In der unmittel- 
baren TJn^bung des KOnigs arbeiteten dem sächsischen 
Hause ergebene M&nner auf seinen Sturz. Selbst Mitglieder 
der Czartoryski'schen Familie knflpften Verbindungen mit 
Dresden an. Die Vergangenheit umkleideten sie mit einem 
idealen Schimmer; man könne erst jetzt ermessen, sagte 
Pflrst Adam Czartorjski, wie viel die sÄchaisehen Könige 
zum Buhme Polens beigetragen , und er bedauerte es 
lebhaft, dass sie die Krone in ihrem Hanse nicht erblich 
gemacht hätten.*) Der Primas hatte seinä Anhänglich- 
keit an das Kurförstenhaus nie verleugnet und nur zeit- 
weilig grosse Ergebenheit gegen Russland und Hingebung 
an Stanislans geheuchelt, nm an's Ziel seiner WQnscbe zu 
gelangen. !N'un hielt er die Zeit gekommen, an die Verwirk- 
lichung alter Lieblingsideen zu gehen.*) Die sfiohsische Partei 
zählte unter dem angesehenen A^el einen grossen Anhai^; 
die Potocki und Sangusko gehörten ihr an. Der Primas rech- 
nete fast mit Sicherheit daranf, dass Catharina den König 
fallen lassen werde, und liess in dieser Eichtung in Petersburg 
in massgebenden Kreisen sondiren, und insbesondere darauf 
hinweisen, dass Stanifl&us August's Erhaltung auf dem Throne 
die Pacification der Bepublik fast unmi^licb maehe ; man möge 
daher diesen Anstand beseitigen und der Nation die Freiheit 
einräumen, sich einen König zu wählen. *) Die Dresdener Po- 

') Benoit vom i&. Nov. 176«. (ß. A.) 

*) Euen Tom 10. u. 20. Febr. 17e8. (Dresd. Archiv,) 

■) Bericht des Nuntius vom 2. Dec 1768 bei Theiner. ».».0. 318. 

') Benoit am S. April 1769. Solma am SOvSO. Man 1769. (B. A.) 



Cg.lzccbyCoOglC 



t4g 

lililter entfalteteB eine ^osae Bührigkeit, die zum Theil bis 
in 's folgende Jahi 1770 hinein dauerte. Besonders dieEnr- 
füretin war ungemein thätig, Nach allen Sichtungen knüpfte 
sie Verbindungen an, in Berlin suchte sie während üirer 
Anwesenheit die Ansichten des Kjinigs zu erforschen, ') in 
Wien und Paris machte sie Schritte, eine th&tige3(itwirkang 
dieeer Uächte zu erlangen. Zu? ÜQteraMtzMng der ConfSA»- 
rirten brachte sie grosse Opfer. Itie polnitehen Magnatea, die 
sich naoh Dresden mit der AnfiE^e flbei die etwaige Ai^nahme 
der Ei'OQ« gewendet, erhielten eine will^hrige ^i\twort.*) 

In Petersburg herrschte niiAt dnrchwegs die Abay^ht, 
Stanislaus August um jeden Frela zu halten. £ine nieht 
uobeträchtliehe Partei, sein Nebenbuhler C^egor Oriow an 
der Spitze, arbeitete an seinem Storze. Friedriolt trat ent- 
schieden fflr Stanislaus in die Schranken. Catharina hatte' 
nicht einen Augenblick gesehwankt. Sie konnte Stanislaus 
nicht leichten Kaufes den Gegnern Preis geben, i^r eigen- 
stes Werk nicht Terniehten. pie Q^gfei; de^ ^Onigs waren 
aberraaoht, als sie aus dem Munde Wolk^naki'? etfoUren. 
dass die Kaiserin die Beseitigung desaelbeq nie angeben w«Kl& 

Auch in Bom fand Stanislaus Augi^st Gnade. Stoß 
Haltung am 30. September hatte bei dem heiljgev Vater 
Sündruck gemacht. Die Bischöfe der Bepublik vu^d^n dor^h 
ein Breve ermahnt, für ihn zu wirken, dar XuQtiua erhielt 
die Aufgabe zugewiesen als Vermittle tfaltig zijl ^ifi. 

') Hieitber AufscblQHe m dsm Bnahe roB Weber. Ibtn ^^ko- 
nia Wftlpurgis. Bd. I. S. 236. 

') Der Agent (de Bumo) «rhieLt if» N^hwb 4w V^iV^i^f«^ KP 
4. JqU 1769 folgende Antwort: Si Monseigneur L'Etecteur est ein 
regalement Boi de Pol., gnnd Dac de Lithnuiie S. A. E. einploien 
de bonne foie au premiera conre de Tthiiope se» boaa oSluea et la 
Toye de la negociation, en faTem de la ^apublique, saus I'a^gi^er, ou 
«tre tenue par qaeli^ue titie que cela paisae l'eke, i^e lui faarnir de 
i'argent on de la accourir et de l'etayer de son armee, (Dr. A.) 



zedbyGoOgIc 



241 

Der päpstliche Gesandte war aflchterner als sein Auftrag- 
geber, er sah nur zn gut ein, dass jene Zeit, in welcher 
päpstliche Nontien eine derartige ersprieseliehe Wirksankeit 
entfalten konnten, vorQber war. Selbst aas dem Munde 
«l&iger Katholiken hOrte er die Worte: nian wolle sich Dicht 
'den Befehlen des Papstes ffigeu und lasse sieh nicht gebieten, 
«inen E6nig zu hassen oder zu lieben. Aach eotsprach das 
VersDbnni^werk nicht den perslulichen Ansichten des 
Nnntins, der mit den Coufiiderirten sympatlusirt» und üb«E 
deren Fortschritte die gOostigsten Beritte nach Bwa 
sendete. Seiner Meinung nach war das gania Beaelun^i des 
Königs voll Lng und Trug, der trotz der op^sitioneHaa 
Haltung, die er dem rns&ischen Gesandten gc^nd^r va 
Dachau trag, mit demselben einrerstaiviben sei. Aaeh ssbÄea 
«s ihm unklug, gerade im gegenwärtigen Momente fär den 
KOnig einzutreten, da bekannt war, daes Frankreich nur die 
Absetzui^ desselben im Auge hatte und sich gerade des- 
halb der ConfOderirten anzunehmen gewillt war. 

Noch war die Generalconfßderation nicht zu Stands 
gekommen. In Polen selbst liessen es die Russen danu nichb 
kommen. Man wählte die an der polnischen Grenze geljegene 
Stadt Bielitz zum Gentralorte aus. Auch Uer fehlte es je< 
doch an der n9thigen Eintracht. Durch mannigfache lotriguen 
gelang es, die Wahl des GeneralmArscha.llfl der ConfSdjer^ion 
auf Michael Krasinski zu lenken. Da disear sieh in der 
Tfirkei aufhielt, auch seine Anwesenheit dssalbst für noth- 
wendig erachtet wurde, abemahm Graf Pac die Fnactioaen 
«Ines Geueralmarschalls. Mühselig hatte man eine Eioignog 
erzielt. Sie sollte nicht lange dauern. Noch vor Tlntersaich- 
uang des Ein^ngsactes trennte eich d^r FaJWin toq 
Massorien, Michael Mostowski, von den Genossen in Bielitz 
und häufte gegen Michael Erasinski die mannigfachsten 
Beschuldigungen. Fürst Sulkowski war damb«- verstimmt, 
dass er bei der Wahl der Fnnctionäre vollständig über- 



IzcJbyCoOgIC 



guigen worden var; ans Bache suchte er jede weitere Zn- 
sammentnnft der Conföderirten dnrch Anstachelnng eines 
OsteiTeichischen Gener&Is zn hindern.') 

Ton der eigenen Eraft der Polen war das Befreiungs- 
verk des Landes nicht zn erwarten. Davon abgesehen, dass 
die grosse Hasse der BeviIIkeruDg der grossen Sache fem 
bliel), herrschte nnter den Leitern der Bewegnog die grösste 
Uneinigkeit und die klaffendste Zwietracht. Der Gedanke 
der ünterordnnng war und blieb den Polen fremd, die win- 
zigen persJJnlichen Intere^en der Einzelnen drängten sich 
überall in den Vordergrund. Eleinlicher Ehrgeiz und jämmer- 
liche Eitelkeit machten sich breit und beeinträchtigten ebe 
jede auf das grosse Ganze gerichtete Wirteamkeit. Der 
einzige Hofiiiungsanker in diesem Wirrwarr Ton Meinungen 
und Tendenzen war auf das Dazwischentreten des Anslandes 
gerichtet. Seit Jahr und Tag war man in dieser Biehtung, 
besonders in Constantinopel und Paris thätig. Erasinski 
wendete sich gleich in den ersten Wochen, nachdem die 
ConflJderation von Bar in's Leben getreten war, an den 
Sultan mit der Bitte, dass der Grossherr dem Tatarenchan 
den Befehl geben sollte, gegen Bussland vorzugehen. In 
Constantinopel war die Stimmung damals diesem Ansuchen 
flicht günstig. Drillend rieth man vom Bürgerkrieg ab, 
empfahl Mässigung und Vereinbarung mit den Bussen.*) 
Der Bischof von Eaminiec begab sich nach Versailles. Polen, 
sagte er dem ft&nzOsischen Würdenträger, werfe sich Frank- 
reich in die Anne; es wolle jeden König von Frankreich 
annehmen, einstimmig werde man die Erblichkeit aus- 
sprechen. Den Schilderungen der Polen zn Folge nahm das 
ganze Land an dem Anfstande Theil, eine bedeutende Armee 



*) BemnatiD, Geschichte des rasBUcben Staates T. S. 466—70. 
*) Tgl. Theiner a. a. 0. 366, Bericht Aea Nuntfas voir 18. Hai 



IzcJbyCoOgIC 



J5I _ 

-war schon gebildet, mehrere andere im Bilden begriffen. 
Choiseal lehnte nicht ab, versprach eine Geldnnteistützong 
und die Absendung eines BeToUmachtigten. 

Ein Herr de Tanlfes wurde zn dieser Mission aaser- 
sehen, lieber Ungarn nahm der Franiose seinen Weg. Nach 
mannigfacher Irrfahrt fand er den Grafen Fotocki in der 
N&he Ton Chotzim, die unter seiner Fflhrnng stehende 
Schaar wurde auf einige tausend Mann angegeben. Taulfes 
aberzeugte sich durch den Augenschein, dass es kaum so 
viel hundert waren. Fast ähnlich war es mit der Haupt- 
armee bestellt. Der franzfisisdie Agent war Scharfsinn^ 
genug, sogleidi zur Ueberzengung zu gelangen, dass die 
Cosföderation aussichtslos seL Er erwartete vergebens Auf- 
klftmngen Aber einen geordneten Plan ; man sprach ihm von 
einem Heere, von Munition und Artillerie, die doch nir- 
gends sichtbar waren. „Ich habe in diesem Lande", so lau- 
tet sein Bericht an das französisehe Ministerium", nicht ein 
Pferd gefunden, das verdient hätte in die St&Ue des Kö- 
nigs aufgenommen zu werden, und kehre daher mit dem 
Gelde zurQok, weil ich keine Mähren kaufen wollte." ') Bei 
dieser Sachlage war die in Paris Anfangs Torhaodene Bereit- 
willigkeit, der Conftderation eine belangreiche TJuterstOtzung 
angedeihen zu lassen, rasch TerS(^en, nm so mehr, da man 
sich auch flberzeugt hatte, dass es nicht gelingen därfte, 
Oesterreich fQr eine Betheilignng zu gewinnen. 

Die Yersailler Kreise wurden von polnischen Projec- 
tenmachem förmlich Oberläufen. Mokranowski, Wieloborski, 
Bzevuski, Ozarowski verweilten l&ngere Zeit in der fhinzOsi- 
Bcben Hauptstadt. Jeder von ihnen repr&sentirte die Bepu- 
plik, ohne die Berechtigut^ nachweisen zu kßnnen, im Na- 
men der Nation zu sprechen. 

Die Verlegenheit des franzfisischen Premierministers 



. Priest Etodea litenira et poUtiqoes. S. ISfi. 



IzcJbyCoOgIC 



SS« 

stieg, als Stanislaus am Schlosse des Jahres 1769 in Folge 
des Senatsbeschlueses seinea Gesaudtea nach Paris sendete, 
mit der dringenden Bitte , zu Gousteu der Bepublik einige 
Schritte zn thun. Die in Paris anwesenden Polen brand- 
maiktea ihre Landsleute als Verr&ther und g&ben Choiseul 
den Bath, sich mit ihnen in keine Verbandkng einzulasswL 
Der OranzOsische Premier war nnsohlQssig, was nnn zu 
thun sei. VorlftuSg wollte er es nach kriner Seite rerderbeu. 
£in Agent begab sich in sünena Auftrage nach Teschen, 
um sich durch den Augenschein Qber dea Stand der Ange- 
legenheiten der ConRiderirten zu unterrichten; gleichKeitig 
erhielt aber Stanislaus August durch Jakubowski die beru- 
higende Versicherung, dass das fransSeische lEiBisterium 
seine Gegner nicht zu unterstQtaen gedenke, sich auch nicht 
dnmit beschäftige, einem Audern die Erone der Fiasten 
i^uzBwenden. Der König war ehrlicher, als sein MioKter. Mo- 
kranowski, der Mitte 1769 zum zweiten Male und diesmal 
mitbestimmten Vorschl^n nach Paris kam, wurde von 
Ludwig gewarnt, an eine Entthroauug'des Königs von Polen 
zu denken, da er seine Hand nicht dazu bieten werde. Ghoi- 
seul dag^en nahm die Versohlte freundlich und beißlUg 
auf, zeigte sich anch nicht abgeneigt Subsidien zu gewfthr« 
— es wurden zwei Millionen verlangt — uad einen d«i 
sächsischen Prinzen zum Throne zu befördern. 

Der französische Premier tn^ sich mit dem grossMi 
Plane, eine grosse Coalition gegen Bassland zn Stande zu 
bringen. Die Pforte befand sich schon, theilweise durch 
französische Einöttsterungen angestachelt, im Kampfe g^ra 
die moskowitische Macht, in Stockholm entMtete die fran- 
zösische Partei eine grosse Bübrigkeit, in Wien und in 
Berlin war die Diplomatie geschäftig, um diese beiden 
Mächte zu gewinnen. Erst -kurz zuvor Kuea die Verbin- 
dungen zwischen Frankreich und Preussen durch gegeiw 
seitige Beschickung mit 6eean<lt«i wieder in Gang gebracht 



IzcUbyCoOgIC 



worden. Hau unterhandelte Qber den Abschlass eines Haa- 
delsvettrages und wollte diese Gel^enheit ausbeaten, um 
Friedrüdi II. de» Allianz mit Eussland abspenstig zu macheü. 
Der Preis war verlockend genug: £öDig Friedrich sollte 
durch Ermetand und Curlaud geködert werden. *) Die Pi&ae 
ChoiseuI'B, die Stellung Russlands zu ersohQttera, konnten 
durch UuterstQtzuDg der ConfSderirten grössere Vortheile ab- 
werfen, als durch jene des wankelmfith^n, schwachen EOnigs 
-vaa Polen ; Cboiaeul trat mit den au&t&ndischen Polen in 
Verbindiii^ und rerschrnfthte es nicht, zur Beschwichtigung 
des unglficklichen Monarehen, diesen Schritt mit einer Lflge 
Sil bemänteln. Er habe, liess er Stanislaus August erklären, 
-nur unter der Bedingung der Gonföderation Hilfe sageei^, 
nachdem diese das Versprechen gegeben, mit dem Könige 
Hand in Hand geben za wollen. 

Anfai^ 1770 erschien der Oberst Dumouhez bei den 
ConfMerirten, mit ausgedehnten Vollmachten von Choiseul 
Tersehen. Ueber M&ncheti und Wien hatte er sich nach Eperies 
in Ungarn begeben, wo sich der Oeneralrath der Conföderirten 
befand. Der Franzose war nichts weniger als erbaut, nachdem 
er einen Einblick in da« Thun und Treiben der ConfSderirten 
gewonnen hatte. Die sogenannten Fflhrer machten einen 
grossen Aufwand, vertändelten die kostbare Zeit mit Ga- 
stereien, Fharaospiel und Tanz. Die Truppenmacht belief 
sieh auf 16 — 17.000 Mann unter mehreren unabhängigen 
Führern, die gegen einander Toll Misstrauen waren, sich 
gegenseitig befehdeten und einander die Truppen abspenstig 
zu machen suchten. Es war grösstentheils CaTallerie, ohne 
Kriegszueht, ohne Gehorsam, sohlecht bewaffnet und be- 
ritten, in einem regelmässigen Kriege Widerstand zu leisten 
unfähig. An GeschQtz und Fussvolk fehlte ^ ganz und 



') Eigenhändige Depesche FTiedrich's an Sulms vom 15. März 
1769. (B. A.) 



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tu 

gai. Von einem eiaheitliehen Plane war keine Spur zu än- 
den. Dumouriez war eifrigst bemüht, dem Haltet abzu- 
helfen. Von Frankreich kamen Ofßciere, insbesondere Ar- 
tilleristen, 4000 Mann In&nterie hatte Karl von Sachsen 
Tersprochen, die Bildung eines zahlreichen Fnssrolkes wurde 
in Angriff genommen, ein gut gefugter Kriegsplaa entworfen. 

Der Sturz des Herzogs von Choiseul war ein harter 
Schl^ für die ConfCderirten; sein Nachfolger, der Herz<^ 
von Aiguillou, liess zwar den ConfOderirten die versprochenen 
Hilfsgelder, 6000 Ducaten, auszabieu, aber sonst kehrte 
er sich von den politischen Plänen seines Vorgängers ab. 
Auch gelang es Dumouriez nicht, die einzeluen Führer zum 
Aufgeben ihrer selbststfindigen Plftae zu bewogen. Niemand 
wollte dem andern gehorchen, keiner sich unterordnen. Man 
sch&mte sich nicht, bei den auswärtigen Mächten um Geld 
zu betteln, betrachtete es aber, als eine Schande für den Adel, 
sich den Anordnungen eines Fremden zu fügen. Man übertrug 
die Begriffe von politischer Unabhängigkeit der Einzelnen, 
die doch den Btiin des Landes herbeigeführt, auf das mi- 
litärische Gebiet, wo nur durch Zucht und Ordnung Erfolge 
zu erzielen sind. Täglich bereit für das Vaterland sein Le- 
ben in die Schanze zu schlagen, hatte der Pole nicht die 
Selbstentsagung, um sich dem Genossen zu beugeu. 

Die Beilegung der polnischen Wirren hing von dem 
Ausgange des Türkenkrieges ab. Verlief dieser ungünstig 
für die russischen Waffen, dann musste man in Petersburg 
auf aUe Errungenschaften des letzten Jahres Verzieht leisten. 
Errang Buasland den Sieg, so gerieth die Bepublik in noch 
grössere Abhängigkeit von der moskowitischen Macht. Dies 
erkannte man'in Petersburg ganz wohl und rüstete mit 
aller Energie, nachdem die Vermittlui^Tersuche gescheitert 
waren. Die Feindseligkeiten begannen schon im Winter 
1769 durch den Einfall des Tatarenchans, Krimgirai. Mit 
dem gri>SBten Theil seines aus 100.000 Mann bestehenden 



IzcJbyCoOgIC 



Heeres drang er tu Neuserrien vor. Es w&r em Vernicli- 
tnngszug. In den Greo^ebieten wurden beinahe 150 Dörfer 
in Asche gel^, über 40.000 Menschen sammt ihren Heer- 
den weggeführt. Ein weiteres Resultat hatte dieser Zug 
nicht. Bussen waren nirgeuds zu sehen, die festen Plätze 
wurden nicht angegrifen. Schon nach einigen Wochea trat 
der Chan seinen Bückzug an, entliess seine Schaaren, um 
sich von den mühseligen Austrengangen des kurzen Streif- 
znges zu erholen. Einen Monat später war er nicht mehr 
unter den Lebenden, wie man erzählt, durch Gift hinveg- 
gerafft, welches sein Arzt ihm überreicht haben solL *) 

Im Frühjahre brach der Grossvezier in langsamen 
Märschen ge^en die Donau auf. Die russisohe Armee, welche 
der Fühmi^ des Fürsten Alexander Michailowitsch Galitzin 
anvertraut war, war Mitte April an der Donau angelangt 
und wi^te am letzten Tage des Monats einen Angriff auf 
die Festung Chotzim, der jedoch abgeschlagen wurde und 
den russischen Feldherrn zum Bückzuge über den Dniester 
nftthigte. lu vollster Ünthütigkeit vergiagen die nächsten 
Wochen. Der mittlerweile an der Donau angelangte Gross- 
vezier Hess die Zeit unnütz verstreichen. Auch die Bossen 
unternahmen nichts. Erst Ende Juli versuchten sie zum 
zweiten Male einen Ai^iff auf Chotzim, mit demselben 
Besultate wie im April. Der Grossvezier begnügte sich mit 
diesem kleinen Erfolge; die Bussen in ihrem Lager auf- 
zusuchen wagte er nicht und verzettelte die Zeit mit einem 
nutzlosen Zuge gegeu Bender. Der Sultan berief ihn zu- 
rück und bestrafte seine kriegerische Unfähigkeit nach Ja- 
cobinerart mit dem Tode. Sein Nachfolger, Moldawandschi 
Ali-Pascha holte sich die erste bedeutende Niederlage. 
Der Vachtrab seines von der Hauptarmee getrennten Hee- 



IzcJbyCoOglC 



ree wurde von den Bussen gänzlich vernichtet. Die Ent- 
mnthigung im tQrkiächen Heere war eine al^emeine; in 
hastiger Flncfat eilte es Aber die Donau zurflck und iGst» 
sich, ohne einen weiteren Schlag za wagen, auf. Cho- 
tzim fiel den Russen in die Hflnde. Die Besetzung der Mol- 
dau war die Frucht dieser Erfolge; die mit den Russen 
sympathisirende Bevölkerung begrüsste dieselben mit Jubel. 
Iq den nftcbsten Wochen wurde auch die Hauptstadt der 
Wallache! von den Russen besetzt, der R«st des Landes 
beim Beginne d«s nächsten Frlthjahres, nachdem ein tflrki- 
sches Herr b« Giurgewo geschlagen worden war, unter- 
worfen. Hier hatte der unmittelbar vor Ausbrach des Krie- 
ges von der Pforte eingesetzte Hospodar, Gregor Ghika, an 
der BilduQg einer russisch gesinaten Partei im Einrerständ- 
nisse mit der Geistlichkeit mit Krfolg gearbeitet. Auch in 
Asien waren die russischen Waffen während des Feldzuges 
vom Glucke begünstigt. 

Das Jahr I77U erschien. Man machte während des 
Winters in Rassland die gewaltigsten Anstrengungen, um 
beim Beginne des FrQhjahres den Kampf mit erneuter Ener- 
gie aufzunehmen. Catharina trag den Kopf hoch; sie spot- 
tete Ober Choiseul, dem sie den Besitz einiger wichtigen Orte 
zu danken hatte. ') Nicht blos zu Lande sollte im Frühjahre 
der Kampf erneuert werden, auch die Flotte war dazu auser- 
sehen Lorbeeren zu eruten und zu dem Ruhme der Monarehia 
einen neuen Kranz hinzuzufdgen. Der alte Plan, die Befrei- 
ung der griechisch-christlichen Bevölkerung von dem mosel- 
männischen Joche, beschäftigte schon im Jahre 1769 die 
Kreise der nordischen Residenz. Alens Orlow befürwortete 



') Elle troare pkisenter 8Qr le remercimeut qa'füle devoit au 
Dnc de Choiscul de Ini avoir procure par ses intrigaes ]a possemiaQ de 
trois forteresseB, Celles de Chotxim, d''A2of et de Tagenrog. Solins am 
26. Sept. ü. 6. Oct. 1769. (B. A.) 



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w 

eitrig die AiisfBhruDg. Schon im Jahre 1765, als man den 
Ansbrucli eines Krieges mit der Pforte befSrehtete, hatte 
man Verbindnngen ai^knflpft, die seitdem nicht abgebro- 
chen worden waren. Die griechische BeTölkemng war dem 
unternehmen günstig. Im Jahre 1769 hatte Orlow eine Be- 
sprechnng mit den Häuptern ans der Maina und Bumelien 
za Pisa. Die Zusage, za den Waffen zu greifen, sobald rus- 
sische Truppen auf der Halbinsel erscheinen würden, wurde 
gegeben. ') 

Das gross angelegte Unternehmen scheiterte vollstän- 
dig. Die Vernichtung der türkischen Flotte bei Tschesme 
(5. Juli 1770) war der einzige Erfolg, dessen sich die Bus- 
een rühmen komiten. Die Niederlage der Türken war aller- 
dings eine gewaltige, seit Lepanto die grCsste; allein, sonst 
erzielten die Russen weder auf dem Festlande noch in den 
griechischen Gewässern irgend ein bedeutendes Resultat. Eio 
Versuch, die Durchfahrt durch die Dardanellen zu erzwin- 
gen, scheiterte, da die Pforte eiligst die daselbst befindli- 
chen Befestigungswerke durch den Freiherm T. Tott in Ver- 
.theidigungszustand setzen Hess und die Beschiessung der- 
selben fruchtlos blieb. 

Desto glänzender waren die Erfolge der Donauheere. 
Der Tatarenchan Kaplan Girai erlitt durch Kumänzow am 
18. Juli eine gänzliche NiederlE^e und etwa 14 Tage später 
ereilte dasselbe Geschick am Kaghul den neuen Grossvezier 
Chalil Pascha, der an Feldheirntalent seinen Vorgänger 
nicht überrage. Die Türken, an Tmppenzahl den Russen 
weit überlegen, ergriffen beim ersten Stosse die Flucht: der 
Fall Ismail's, Kilia's, Bender's, Akjerman's und Brailow's, 
die in den nächsten Monaten von den Bussen besetzt wur- 



') Balhiece widmet der AuseiDanderaetzung dieser VerhilltDiBge 
ein nm fangreiches Capitcl seines Werkes, welches jedoch vielfach der 
Befisioa tiedürfte. 



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»SB 

den, war die Fracht dieser Siege. Nur Ociakow hielt t^fer 
Stand. Die Herrschaft in der Moldan und Wallaohei war 
gesichert, die tatarische BevOlkerang zwischen Donau und 
Doiester erkannte die Oberhoheit der Czarln. 

Die bedeutenden Fortschritte der rassischen Waffea 
erregten fast aller Orten Staunen und Verwruidernng. All- 
gemein war es bekannt, dass die früher furchtbare Xürken- 
macht ihren Zenith längst flberschritten, und die Un^^- 
keit der Herrscher war eine notorische Thatsache. Aber 
die Ereignisse der letzten Jahre abertrafen alle Ervartung. 
Die Freunde Busslands hatten solche Erfolge nicht fDr miß- 
lich gehalten, und jene, deren Sympathien auf Seite des 
Halbmondes standen, ohne die militELrischen Kräfte der 
Pforte zu überschätzen, waren überrascht fiber den trosttosen 
Marasmus, welchen das türkische Staatswesen offenbarte. 
Choisenl wartete nur auf die ersten bedeutenderen Erfo^e 
der Türken, um zu ihrea Gunsten einen Schritt zu thun; 
vielleicht wäre es der französischen Staatskunst gelungen, 
die Znrückhaltni^ der Wiener Kreise lu brechen. Selbst 
wenn Choisenl am Buder geblieben wäre, war nun an eine 
ÜDterstfltzuDg der Pforte nicht zu denken. Düster blickte 
man an der Donau in die Zukunft; die Nachbarschaft des 
rasaischeD Adlers war gerade keine angenehme Perapecti?e. 
Auch Friedrich kamen die Siegesberichte auü der russischen 
Hauptstadt ungelegen; mit dem ihm gewOhnliohen Scharf- 
blicke erkannte er, dass jede von Bussland gewonnene 
Schlacht das Friedenswerk nicht nur erschwerte, sondern 
wahrscheinlich einen europäischen Krieg in seinem Schosse 
Larg, dem roRubeugen sein eifrigstes politisches Be- 
mühen war. 

Und doch waren dem Wiener Staatsmanne die Hände 
gebunden, so lange die Bundesgenossenschaft Bnsslands mit 
Freussen unerschflttert fortbestand, und die Friedens- 
liestrebungen Friedrichs mussten resnltatlos bleiben, wenn 



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Bassland es ansschliesaUcli mit der Bek&mpfaog der TOrken 
zu thnii hatte, ohne das Dazwieohentreten einer dritten 
Macht fOrchteu za müsseii, GrQnde genng, um in Wien und 
Berlin allmftlig trotz aller noch bestehenden Abneigaug das 
tiefe Bedflrfniss nach einer Verständigung fQhlbar zu machen. 



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siebentes CapJtel. 

Oesterreich und Preussen. 

Vielfach wurde behauptet, dass die Massnahmeu Russ^ 
lauds in Polen e^ntlich von Friedrich ai^er^ wordett 
seien. Diese Ansicht ist nicht richtig, mindestens nicht in 
ihrem ganzen umfange. Denn gerade in Bezug auf Polen 
bestanden zeitweilig DiiTerensen zwischen Berlin und Pe- 
tersburg. Friedrich billigte es vollkommen, wenn der rus- 
sische Gesandte in Wai'schau angewiesen wurde, nicht 
die geringste Verfassungsänderung zu gestatten und allen 
Reformversuchen entgegenzutreten; er selbst trug durch 
seine Erörterungen viel dazu bei, da^s Panin seine frühere 
Ansicht, die innerhalb bestimmter Grenzen eine Kräftigung 
der königlichen Gewalt zulassen wollte, modificirte. Da- 
gegen vertrat Friedrieh in der Dissidentenfrage einen ab- 
weichenden Standpunlct. Er bestritt Russland das Recht, 
der Republik in dieser Richtung Vorschriften zu machen. 
Alle seine Bemühungen jedoc-h, einer gemässigteren Auf- 
fassung zum Dui'chbniche zu verhelfen, blieben fruchtlos^ 
\icbt au dem Minister, an der Kaiserin prallten alle wohl- 
gemeinten Vorschläge ab, und Panin erwiderte iu gtereo- 
tj'per Weise awf alle Vorstellungen, die Friedrich durch 
seinen Gesandten machen Hess: die Czarin könne nicht 
Diehr zurQck. Auch der Hinweis des Künigs auf die 
Rüstungen Oeaterreichs, wovon viele Berichte meldeten, 
verschlug in Petersburg nicht. Man fUrchte einen Kri^' 
mit Oesterreich nicht, setzte Panin dem Grafen Solms aus- 



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MI 

«inuider, wenn man in Wien die Beligion 2um Vorwande 
nebmea würde, um den Polen eine TJnterBtOtzang ange- 
deihen zu lassen, verde man in Ungarn und Siebenbürgen 
■die Griechen aufwiegeln. Fanin ermangelte nicht hinzuzu- 
fügen, dass Knssland für den Fall eines Krieges mit Oester- 
reich die Unterstützung Preussens beanspruche. 

Die ^Nachrichten von kriegerischen Teudenzen Oester> 
reichs und Frankreichs hatten in Fetersbui^ in der Begel 
nur die eine Wirkung, dass sodann das von der Czarin seit 
jeher in's Auge ge&sste Project einer nordischen Liga wie- 
der aufgenommen wurde, um der österreichiseh-franzasischen 
Allianz, die mau für inniger hielt als sie eigentlicb war, 
-entgegengestellt zu werden. Der Plan war ein umfasBender. 
Russland, Preussen, England, Holland, Danemark und Schwe- 
den sollten die Mitglieder dieses grossen nordischen Bünd- 
nisses bilden ; auch Sachsen und einige kleine deutsche 
F&rsten hoffte man herbeixiehea zu kOnnen. Den ent- 
schiedensten Qegner fand dies Project an Friedrich. In 
Petersbjui^ befürwortete man iosbesonders eine Annähe- 
rung zwischen Preussen und England, mit welch' letzterem 
man gerade in Verhandlungen über den Absehluss eines 
neuen Tractatcs stand. Auf das BUndniss mit dem Insel- 
staate legte Pauin grossen Werth, nicht blos mit Kück-, 
sieht auf Frankreich, sondern weil er eine materielle Unter- 
stützung an Geld erwartete, welches die russiäche Politik 
in Poles, Dänemark und Schweden nur zu sehr bedurfte. 

EJinig Friedrich war speeiell einer Allianz mit Eng- 
land nicht geneigt, davon abgesehen, dass er von roruhereiu 
-die Maglichkeit bestritt, die verschiedenen Staaten zu einem 
Bunde zu vereinen. In Petersburg verzichtete mau nicht 
so leicht auf einen Gedanken, der nicht blos in politischen 
Combinationen , sondern auch in den persönlichen Anti- 
pathien der Cearin gegen die Yersailler Staatsmänner vnir- 
zelte. Saldem erhielt im Jahre 1766 die Mission, sich nach 



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m 

Berlin, Eopenliageii and Stockbolm zu begeben, and man 
kntipfte an seine Sendnng die Hofihang, daes es ihm ge- 
lingen werde die Bedenken Esuig Friedrichs zu zerstrenen. 
Der Widerstand Friedrieh's gegen eine Terbindung mit Eng- 
land war jedoch nicht zn brechen. Ihm gentigte seine Defen- 
sivalliaaz mit Bnssland als Garantie für die Erhaltong der 
Buhe, offensive Tendenien l^en ihm fern. Die Verpflich- 
tungen, die ihm der Vertrag mit Knssland auferlegte, hatte 
er bisher getreulich erfüllt und sich fast manchmal mit 
Widerwillen zur Unterstützung der mssisoben Forderungen 
In Warschau he^egeben. Saldem, der sich heransnahm, 
einen etwas herrischen Ton anzuschlagen, erhielt von dem 
ECnige die Antwort, dass er stets der Freund der Bussen, 
aber niemals ihr IMener sein werde. *) 

So sehr man in Petersburg dem Bathe Friedrieh's in 
allen bedeutsamen Fragen lauschte, in den polnischen An- 
gelegenheiten verfolgte die Czarin onverrflckt und unbeirrt 
ihr Ziel: die unbedingte, widerspruchslose Herrschaft Buss- 
lands f&r die Daner aufzupfianzen. Ein Widerstand war nicht 
zu erwarten, so lange die Polen, sich selbst nberlHSsen, anf 
die ünterftfitznng einer auswärtigen Macht nicht rechnen 
konnten. Die eitlen Bemdbungen Frankreichs verlachte man 
an der Neva, und gegen Oesterreich war Preussen ein sicherer 
Bundesgenosse. Gerade um die Zeit, als die russische Politik: 
sich in Warschau hart am Ziele wfthnte und alle Vorberei- 
tungen zu einem gflnstigeu Erfolge getroffen waren, ver- 
breiteten sich eine Anzahl Gerüchte, die in Petersburg die 
Aufinerksamkeit auf den Donaustaat hinlenkten. Fast all- 
gemein hiess es, dass in Oesterreich gewaltig gerOstet werde. 
Kaiser Joaef's Bestrebungen um Ausbildung der Militär- 



*) Die Depesche Saldern's, abgedmckt bei Smitt, EV^^ric U et 
Cfttharine II. 8. 101 ; hiemit tu vergleichen die »hlreichen Depeecbea 
des KOnigB Bber dteten Gegenstand. Forachnttgen IX. S. 167 ff. 



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tu 

macht mOgen A&za den Anlass gegeben uud Fhedrich's 
Daratellnngen fiber die kriegerische Stimmiing in Wien diesen 
Glanben befestigt haben. SvssJand nahm fOr den Fall eines 
Eingreifens Oesterreiclis die Mitwiitnng Prenssens in An- 
spruch. Dem Einige blieb keine andere Wahl, als die Zu- 
s^ zu ertheilen und sich eine entsprechende EntschfLdigung 
znsichern zu lassen. In Petersburg war man ohne ZOgem 
einverstanden, und deutete auch ah, auf wessen Kosten sie 
erfolgen soUte. ') Der KOnig kam einer Anffordemng nach, 
und sendete den Entwurf eines Trairages im Fehmar nach 
Petersburg.») Preussen übernahm hiemach in Warschau 
keine weitere Terpflichtung, als Bussland in activer Weise zu 
ucterstätzen, und ehe noch der Vertrag znm Abschlüsse ge- 
langte, erhielt Benoit den Auftrag, gemeinschaftlich mit dem 
russischen' Botschafter eine Declaration zn flberreichen. Im 
Falle jedoch Oesterreich sich der Katholiken annehmen and 
in Polen Truppen einrücken lassen würde, verpflichtet sich 
Preussen mit seiner ganzen Uacht eine Diversion in österrei- 
chisches Gebiet zu machen, wogegen Kussland durch einHilfs- 
corps, erforderlichen Falles auch durch seine gesammte Armee 
den ECnig zn unterstützen Kbemahm, wenn ein AngrifTOester- 
reiche gegen Frenssen erfolgen sollte. Die Kaiserin verlangte 
flherdies noch die HinzufQgung eines Artikels, welcher den 
E6nig auch zur Unterstützung flir den Fall verpflichten sollte, 
wenn ein Krieg mit der Pforte aiiebreehen würde. •) Friedrich 
fügte sich dem Ansinnen, brachte jedoch die Modification 



') Mr. de PaDin m'a repete eipieuemeDt que l'Imp. sa Sonve- 
raine desiroit de Vona le faire tronver snr le compto de la PaisBance 
eDDeniie qai anroit engag^ ]a gnerre et qn'dle reniendait hntei, de ne 
paa poser les armeB avant de l'aToir «ffecta^ etc. SoliiiB.'aiD leysS.Mari 
1767, in ibolicber Weise schon fiDIieT am 12. Febr. 1767. (B. A.) 

*) Finkenitein und Hetzbei^ legten deneelbea am SO. Jannar 
1767 dem KSnige vor, 

') Depesche tod Solms vom Cy16. Harz 17S7 ans Moskaa (B. A.) 



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MI 

an, nur dsna zu einer Hilfeleistung gegen die Pforte rer- 
bonden zu sein, wenn diese der angreifende Theil sein 
wtlrde. ') 

Dem weiteren Dräi^eu BuselandS, duroh Demonstra- 
tionen and Zu?aminenziehung YOn Truppen aa der polnischen 
Orenise sein Eijiverständniss zu bethitigen, setzte Friedrich 
fortvähreDd hartnSckigen Widerstand entgegen. Man m^ 
ihn in Buhe lassen, schrieb er an Solms, er habe nicht den 
geringsten Verwand sich in die polnischen HSndel tiefer ein- 
zumischen; er habe die Allianz mit ßussland geschlossen, 
den Frieden zu erhalten, nicht aber ihn zn brechen.*) Noi 
in einem Falle war er geneigt, seine TJnterstQtznng nicht 
zu entziehen, wenn die Polen beabsichtigen sollten, ihre 
Verfassung zu äudem. 

Fanin wünschte, Preussen möge in Ähnlicher Weise 
wie Rnssland die Garantie der mit dem polai^eben Beichs- 
tage vereinbarten Verfassung öbernehmen. Der König lehnte 
Anfangs, als dieser Gegenstand zur Sprache kam, auf An- 
rathen seines Gesandten in Petersburg ab, zeigte eich aber 
später nicht abgeneigt, darauf einzugehen, auch gegen den 
Abschluss einer Allianz mit der Bepublik erhob er keine 
Einwendung. Nur darauf bebarrte er oonseqnent , dass die 
Begiemngsform in Polen eine Aendemng nicht erleiden 
dflrfe.^) Man trug sich in Petersbui^ mit dem Plane, dem 
Könige von Polen einen stJtndigen Bath au die Seite zu 
stellen. Friedrich war entschieden dagegen. Er befürwortete 
eine Auflösung der Commissionen ftlr Krieg und Finanzen 

') Die Darstollang beruht anf Actenstücken des Berliner Archive ; 
Acta, betreffend die iwiachen St. k. Hajeetät und der ruBü. Sfiiseriii 
eBcblosBonon geb. ConTCotion. 

'l Imtnediatdupesche ui Bolms vom SO. Oot. 1707. (B. A.) und 
P. S. e. Not. 17G7 an SoIidb. J'ai concln mon alliance msc U Bnssie 
poar coaserver la Paii, raus noD poar la rompre. 

') Immediatdepesdie an SolmB Tom 6. u. 9. Januar ITGB. (B. A.) 



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und die Wiedereiurftomong der Befugnisse derselben au den 
Kronfeldherru und den Grossschatzmeister, deren Wirkungs- 
kreis im Jahre 17(54 beschränkl; worden var; auch die 
ökonomischen Angelegenheitea sollten seiner Meinung nach 
nur durch Einstimmigkeit entschieden werden. Die wich- 
tigsten AenderuDgeu in der Verfassung, die auf dem pol- 
nischen Beichsb^e des Jahres 1767 von Bussland durch- 
gesetzt wurden, hatte Friedrich angeregt, und die wieder- 
holten Vorstellungen des Königs Aber die gefährlichen Fol- 
gen, die eine St&rkuag der kftniglichea Macht und die Ab- 
schaffung des liberum veto nach sich ziehen würde, fan- 
den in Bossland eiu um so geneigteres Qehör, nachdem 
man sich überzeugt hatte, dass Stanislaus August sich nicht 
Tolldtändig dem Willen Busslands fägte and die Cisartoryski 
offen und geheim den russischen Flauen Widerstand ent- 
gegeusetzteo. 

Seit dem Ausbruche des BQrgerkrieges redete Friedrich 
versöhnlichen Schritten das Wort. Vom Anfang an hatte 
«r eine Ahanng von den ernsten Verwickelungen, welche 
die ConfSderation von Bar nach sich ziehen würde. Als er 
noch keine genauen Nachrichten über die grosse Theilnahme 
hatte, welche dieselbe in allen Schichten fand, nahm er an, 
dass die der Bepublick aur Verfügimg stehenden Truppen 
hinreichen werden, die Emp&mug zu bewältigen, und er 
zweifelte nicht darau, dass Stanislaus August seine eDer- 
gische Mitwirkung nicht versagen werde. Seiner Ansiebt 
nach sollte daher Bepuia sich vollkommen passiv verhalten, 
weil die Türkei leicht diesen Anlass ergreifen könnte, aji 
Bussland den Erleg zu erklären.') Die Berichte seines Ge- 
sandten in Warschau klärten ihn bald über den eigent- 
lichen Stand der Dinge auf. Ganz Folen ist von dem Dä- 
mon der Bevolte besessen, meldete Benoit schon Anfangs 

') IiDuedintdepeacho an Benoit vom IS. April 1768. (B. A.) 



Dg.lizcUbyCoOglC 



Mi 

April. Nnn rieth der König in Warsohan und Petersburg aur 
BeilegüBg der Wirren, gleichgiltig durch welche Mittel man 
so rasch als mSglich dieses Ziel erreiche. ')j 

In manchen Momenten empfand er Hher die Ver- 
legenheit der Knasen, die sie sich durch ihr unkluges Yor- 
gehen zugezogen, eine tleine Freude, ein anderes Mal bezeldi- 
net er als das beste Resultat, welches Mr Frenssen aus diesen 
Wirren erwachsen würde, dass die Polen nicht sobald dar 
ran denken werden, Handel und Industrie zu pflegen. Unter 
den grossen Soigen des Tages vergass er auch die materiellen 
Interessen seines Landes nicht und trug Benoit aöf fflr den 
Verschleiss preussischen Tabaks bei den russischen Truppen 
Sorge zu tragen. 

Friedrich 's Haltung der Republik gegenflber war einzig 
und allein durch politische HotiTe geleitet. Preussen war 
grossen Gefahren ausgesetzt, wenn in unmittelbarer Nähe das 
Sarmatenreich seine eigene Hilflosigkeit bemeisterte und ein 
geordnetes, gelenkig gefugtes Staatswesen an der Weich- 
sel den chaotischen Wirrwarr Qberwand. Die alte Tradition 
Brandenburgs wurde von dem EOnige festgehalten; es ist 
kein neuer Gedanke, den er durch seine polnische Politik 
einführte, höchstens könnte man sagen, dass er rücksichts- 
loser und consequenter als seine Voi^nger daran festhielt. 
Die dominirende Stellung Bufslands kam auch ihm zu Gute, 
so lange die russische und preussische Allianz fortbestand, 
und der Gedanke von der Nothwendigkelt derselben hatte 
im Laufe der Jahre bei dem Könige an Boden gewonnen. 
Innerlich Terathtete er die Barbaren, auf welche die poU- 



') ImmediatdepeBcbe vom 5. Mai 1T6S. Je sonhuteioia bien 
qn'on pent ttoaver mojen d'y pacilier lea troublee et peo iinporte de 
quelle naoUTe qn'on j parrint, pouna qu'il fnt poesible de les appii- 
eer, d. am 22. Mai ; Le pltu aTaotagenx sehn tnon »ia eetoit de 
tacher B'accomcider b Taimable avec les Polonais snr les griefB qa'ils 
pretendeDt aroir. (B. A.) 



zedbyGoOgIc 



M7 

tische Constellation ihn hinwies, nnd in manchen Momenten 
besohlich ihn die Futdit, dass die nordische Macht seinem 
Staate ge^rlich Verden kOnnte. Nor die Brwagong gewährte 
ihm dann einen Trost, dass die Dinge nicht besser wOrden, 
wenn Bassland in innigster Yerbindnng mit Oesterreich 
stünde.') 

Der Ausbrneb des mssiseh-tüikischen Krieges bereitete 
dem Könige schwere Sorgen. Wir stenem einer grossen 
Krise üu, schrieb er an seinen ßmder, und man wird 
sich gltlcklioh sddtzen müssen, mit heiler Haut herauszn- 
hommen. ^ Von wekhem Standpunkte er auch die möglichen 
WechselMle betrachtete, er sah nicht rosig in die Znknnft. 
Selbst wenn Oesterreich und Frankreich den orientalisohen 
Wirren gegenüber sich vollständig passiv verhielten, an ihn 
selbst trat die harte Verpflichtung heran, den Bedingungen 
seines Traetates mit Bussland genflge su leisten. Das Opfer 
wurde ihm sehr schwer. Er mnsste sich entschliessen, entwe- 
der ein Hil&corps zu stellen, oder Subddiengelder im Be- 
trage von 480.000 Thaler zu bezahlen. Er schwatzte keinen. 
Moment letzteres vorzuziehen. 

Solms erhielt die Weisui^, die russischen Kreise zur An- 
nahme von Geld zu bewegen. Friedrich stellte vor, dass er auf 
diese Weise seine Macht zusammenhalte, um nOthigenfalls, 
wenn Frankreich oder irgend ein anderer Staat sich in die 
polnischen Angel^enheiten einmischen wollte, entg^entreten 
zu können. Panin theilte An&ngs die Ansicht des KOnigs nicht ; 
längere Zeit betonte er, dass wenn man sich in Petersburg' 
mit Subsidien begnttgen würde, die Gegner der preussisch- 
mssischen Allianz die Kutzloagkeit derselben hervorheben 
konnten. In Wahrheit war er Anfangs darüber im Unkla- 
ren, ob die russischen militärischen Kräfte ausreichen 
dürften, um gleichzeitig gegen die Pforte den Krieg mit 

') Friedrich au FinkeiiBteia, i, November 1767. (6. A.) 
') An Heinrich 8. Dec. 1768. OeovreB T. XXVII. S. 812. 



IzcJbyCoOgIC 



»<8 

Energie zu fCibren imd in Polen das Feld gegen die ConfC- 
derirten sn 1>eliaupten. Allmälig befreondete er sich mit 
dem Vorschlage Friedrichs, dem eia Alp vom Hersen fiel, 
als er endlich hierüber bevnhigt wurde,') 

Momentan brauchte der KOnig seinem Lande nur ein 
Geldopfer aufzuerlegen. Allein es stand allem Anscheine 
nach za beMrchten, dasa der Krieg weitere Dimensionen 
annehmen werde. Von Frankreich wnsste man es bestimmt, 
dass es in Constantinopel znm Ausbruche des Kampfes bei- 
getragen, von Oesterreich nahm man als sicher an, dass es 
mit dem AUiirteu im Bunde sei. Betheil^e sich aber der 
Donaustaat an dem Kriege, dann honnte Friedrich nicht 
passiYer Zuschauer bleiben. Für diesen Fall wflnschte er 
denn doch nicht ganz ohne Nutzen für sich das Schwert 
für Eussland ziehen zu mössen. In der Verlängerung 
des erst 1772 ablaufenden Vertrages mit Russland auf 
weitere zehn Jahre sah er eine Entschädigung für diejenigen 
Dienste, die er etwa Bnssland würde leisten müssen. 

Schon Ende 1768 gab er der Kaiserin den Wunsch 
nach Erneuemug des Vertn^es zu erkennen. Catharina 
drückte ihre Freude darüber aus uud überliess es Frie- 
drich , einen Entwurf auszuarbeiten , der bei den Verhand- 
lungen als Grundlage dienen sollte.*) Ende Januar 1769 
wurde derselbe nach Petersburg gesendet. Der Hanpt- 
vertrag bestand in «iner wörtlichen Wiederholung des be- 
steheaden Tnictates von 1764; der Schwerpunkt lag auch 
hier, wie damals, in den geheimen Artikeln, deren er 
fQnf enthielt. Hiemach verpflichtete sich Friedrich zur 
Erhaltung Stanislaus Angnst's auf dem Throne und zum 
Schutze der polnischen Verfassung; in einem zweiten Ar- 

') Vrgl. dun Brief Friedrich's an Heinrich vom 8. MSm 176» 
a. a. 0. 

. TS 1. Ol 23. Dec. 1768 ^ , . 

') Depesche von Sotae vom --=—-_--- (B. A.) 



IzcJbyCoOgIC 



U9 

Ükel wurde die Convention von 1767 bekräftigt; bezüglich 
Schwedens wurde die Aufrechthaltuog der Verfassung sti- 
pulirt, wenn es aber zu einem Kriege kommen sollte, eine 
neue Vereinbarung in Aussiebt genommen. Dagegen verlangte 
der EOnig die Garantie der von ihm schon 1752 getroffenen 
und mit den Hitgliedeni .seines Hauses vereinbarten Be- 
stimmnug, dass die beiden Markgrafthdmer Anspach nnd 
Bayreuth bei ihrem Heimfalle an das Haus Brandenburg 
mit der Erone Frenssens verbunden werden sollen.' Um 
lue russisohoD Staatsmänner mit den preussischen Vorschlä- 
gen au befreunden, wurden in einem besonderen Schrift- 
stücke die Vortheile einer Allianz mit Freussen in's helle 
Licht gesetzt. Friedrich l^te dar, dass wenn zwischen 
Bussland und Oesterreich einerseits und zwischen Freussen 
und Frankreich andererseits eine Allianz bestönde, Bnssland 
eine geringe ünterstatzung von Oestern:^ich erhalten kSnnte, 
weil dieses beftlrchten müsste, von Frankreich in den Nie- 
derlanden und Italien angegriffen zu werden. ') Dagegen ge- 
währe die Allianz mit Freussen dem russisohen Staate grosse 
Vortheile, besonders könnten Dänemark und Freussen in 
Schweden thätig sein, um zu verhindern, dass diese Macht 
sich Frankreich in die Arme werfe. Hit grosser Qewandt- 
heit ist gerade dies Argument herausgriffen, da die Be- 
strebungen in Stockholm zur Aeudernng der Verfassung 
dem russischen Staatsmanne grosse Sorgen machten. 

In gewohnter Weise Hess sich Fanin Zeit, ehe er das 
Gegenproject fertig hatte. Im Allgemeinen stimmte er mit 
den vom KOnige hervorgehobenen Gesichtspunkten Qberein. 
Die an den Tag gelegte Bereitwilligkeit, mit Russland ge- 
gen Schweden gemeinsame Sache zu machen, fand grossen 
Anklang. Faniu wünschte jedoch einige tief einschneidende 



') ConüdantioDB bot Vftllunce des Autrichiens oa iev Fniesieos 
c 1b Raseie, laquelle est plus aventageuse ä cette dcmiere puis- 
ce, lorequ'elle est en guerra avec Ics Turce. (B. A.) 



IzcJbyCoOgIC 



119 

Aeoderui^en; namentlich sollte Preassen fQr den Fall eines 
allgemeinen Krieges bindendere Verpflichtungen überneh- 
men. ■) Erst Anfangs Mai war das russische Elaborat fertig. 
Die angebrachten Hodiflcationen gingen Aber die gemachten 
Andentungen weit hinaus. Zunächst forderte man, dass 
Preussen mit Dänemark gemeinschaftlieh fiir den Bestand 
der gegenwärtigen schwedischen Verfa'^'Qng zu wirken habe; 
ferner sollte Friedrich die Verpflichtnng eiaer militärischen 
Hilfeleistung übernehmen, wenn Sachsen io Polen Truppen 
einrflcken lassen würde, am die Wahl eines Prinzen seines 
Hauses 2u unterstützen; endlich sollte Friedrich noch die 
Beschützung der Dissidenten in ihren erworbenen Bechten 
aberuehmen. Daittr wurde dem König der Besitz der Mark- 
graftbOmer, „in sofern derselbe mit dem Beich^esetse nicht 
im Widerspruch stand", garantirt.*) Die Dauer der Allianz, 
die Friedrich auf zehn Jahre geschlossen wissen wollte , 
worde auf acht beschränkt. 

Friedrich war höchst unwirsch, ala er die russischen 
Ansprüche kennen lernte. Gleich nach dem Empfange der 
Berichte seines Gesandten schrieb er unter dem ersten Ein- 
drucke: man mache sich in Petersbui^ über ihn lustig, jede 
Allianz beruhe anf G^en^eitigkeit, die hier nicht eingehalten 
werde, man fordere viel und gewähre nichts. ') Unter diesen 
Bedingungen wollte er tou einer Erneuerung des Tractates 



') Mals, Bäg'te FaDin, comme cette litoation etoit snscep- 
tible de cbangement et ponmut füre naitre des «T'eDemeii&, qni ren- 
4roit cette gueire pluB etendne, et peut Stie generale dans t'Europe, 
il aeroit neccwaire de m coDcerter d'avuca et de coDcerter des m»> 
anres n preadre ea pardüe ocmbIod. Sohns am 6/lT. Febr. 1769. 
(B. A.) 

') Depesche Ton Solms Toro — g— ü - ^'^^ '"'*' ^ ruasiache 
Contreproject. {B. A.) Die beschränkenden Worte bei der Garantie 
der HarkgraftbQiner ]auteteii:*et confotmement aui loii de l'Bmpira. 

■} Friedrich an Solnu, »4. HU 1769. (B. A.) 



IzcJbyCoOgIC 



»71 

mit BosBland nichts wissen. Die Leute werden schon kom- 
men, schrieb er an Solms, dnrch die in Fetersbarg hinsn- 
gefSgte Clansei bleibe Alles dem Belieben Russlands anbeim- 
gestellt, Kaiser nnd Reich kOnutea leicht bei der confusen, 
sich widersprechenden Beichsgesetzgebnng Schwier^keiten 
machen. Audi die Fassung des Schweden betreffenden 
Artikels konnte Friedrich niobt annehmen; er sollte sich 
rerpflichten allen jenen Massnahmen beizustimmen, die 
Bnssland und D&nemark su ergreifen fQr gut befinden 
würden. ') Fanin wäre geneigt gewesen einzulenken, aber er 
fand am Hofe Widerstand. Orlow war gegen jede Uebenufame 
einer Verpöichtung bezOglich der Mar^rafthSmer. Die Ver- 
handlungen z(^en sich in die Lftnge, und Friedrich hatte 
keine Grflnde zu drängen. Sein Tertrag mit Russland lief 
erst in dritthalb Jahren ab, Eile tbat nicht NotL Noch 
ein anderes Motir bestimmte ihn, die Verhandlung hinaus- 
zuschieben. Seine Zosammenkunft mit Josef stand bevor. 
Vor Allem wOnschte er die Fline und Absichten des Kaisers 
kennen zu lernen. Vielleicht bot eine Verständigung mit 
Oesterreich grosseren Vortheil, *) — 

Die Politik des österreichischen St^tskaozlers war in 
diesen Jahren eine vollständig zurückhaltende. Kaunits 
konnte die Niederlage, welche er bei der polnischen KO- 
nigswahl erlitten, nicht verwinden. Viel zu sehr gewohnt 
«ine tonangebende Bolle zn spielen, sah er sich zur Untbft- 
tigkeit verurtheilt. In einer der bedeutsamsten, die Monari^e 
tief berührenden Fn^, in der polnischen, konnte Oester- 
reich das Gewicht seines Wortes and seiner Macht nicht 
tax Gehui^ brineen. Zumeist waren es unrichtige Voraus- 
setzungen und Hypothesen, die Kannitz in ihrem Kreise fest- 
hielten und eine nQohteme, unbefangene Auffassung nicht 



') Minüterialdepeacbo Ende Mai 1769. (B. A.) 

*) Friedrich lui Finkenttoin *om 3. Atigiut eigenhändig. (B. i..} 



Dgilizc-ObyCoOglC 



s» 

aufbommeD licssen. Der Gedanke tod der „uurub^en 6e- 
sinDiing" Frenssens Bpukte nnaufhSrlicIi ia seinem Kopfe. 
, Bei ifam stand eB felsenfest, dass Friedricb's Politik nur 
die Vernichtiing Oesterreichs im Auge habe. Die Alliaas 
mit Frankreich batte desshalb fQr ibn nicbts von ibrem 
Wertbe rerloren. Scharfsinnig genug, um die in Versailles 
in einigen Kreisen gegen Oesterreich herrschende Stimmung 
8u ahnen, liess er keine Gelegenheit TorQbergehen, ebne die 
Bedeutung der j^sterreichiBch-französisehen Allianz gebfib- 
rend hervorzuheben und alle d^gen etwa auftauchenden 
Bedenken zu zerstreuen. Fortwährend erörterte er die Frage, 
ob in Paris nicht etwa die Ansicht durchschimmere, dass 
die Allianz niit Preussen für Frankreich vortheilhafter sei, 
als jene mit Oesterreich. £r versäumte keine Gelegenheit, 
um den franiCsischen Staatsmännern den bedeutsamen Werth 
eines Eioverständoisses mit Oesterreich ku Gemüthe sii 
führen, nnd war unerschöpflich in Eirläuterungen der Prin- 
cipien, die dem bestehenden politischen Systeme zu Grubde 
lagen. 

Eaunitz suchte die Vortbeile der Verbindung mit Frank- 
reich auszubeuten; ihm bangte nur vor den Verpflich- 
tungen, die sie Oesterreich auferlegt«. Der Ausbruch eines 
neuen Kampfes zwischen England und Frankreich wurde 
in fast allen politischen Kreisen nur als eine Fr^e der 
Zeit angesehen. Man wusste, dass Choiseul im vollsten Kin- 
verständnisse mit Ludwig XV. der Ausbildung der Marine seine 
Thätigkeit zuwendete, worin man fQr England ein genügendes 
Motiv zum Friedensbruche sah. Oesterreich war aber dnreh 
seinen Tractat unter gewissen Bedingungen znr Antheilnahme 
an einem etwaigen Kriege verpflichtet. Die Beschränkung 
desselben auf die See ward daher ein Ziel, welches sich 
die politische Thätigkeit des Staatskanzlers steckte; iu 
London nnd Versailles waren die Minister beauftragt, in 
diesem Sinne tb&tig zu sein. Besonders Frankreich mosste 



IzcJbyCoOgIC 



tn 

davoa Oberzet^ frerden, dass ein Seekrieg allein in seinem 
Interesse gelegen sei, w&breiid ein Landkrieg grosse Ge&hren 
in sich berge. ') Oing Frankreich auf die- Gesichtspankte des 
ßßterreicbisctieii Staatskaazlers ein, so wurde gleichzeitig 
nocli ein anderer Zweck erreicht. Eine concentrirte Thätig- 
keit Frankreichs auf die Ausbildung der Seemacht beseitigte 
eine jede, von demselb'^n drohende Gefahr, wenn sich viel-' 
leicht im Laufe der Zeit ein TJmschwui^ in der franzOäscben 
Politik durch Aunnllimng^ des BOndnisses mit Oesterreieh 
Tollziehen sollte. Denn das Misstrauen gegen die Macht an 
der Seine konnte man in Wien trotz aller FreundschaftsTersi- 
cbemngen nie ganz bannen. Bald hegte man gegen Frankreich 
den Argwohn, dass es die Eroberung Hollands plane, bald be- 
mängelte man, dass es auf dem Seichstage inBegensbnrg gegen 
Oesterreieh schüre. In Versailles dagegen wurde wieder jeder 
Schritt des Österreichischen Staatskanzlers mit Argnsaugen 
fiberwacht. In der Vermählung des Kaisers Josef mit einer 
kurbaierisehen Prinzessin witterte man Absichten auf Baiern 
und unterhielt deshalb eip reges Einverständniss mit Zwei- 
brücken. Kaunitz gab seinen Bemühungen nm Anerkennung 
Stanislaus Augnst's den Anstrich, als werde er nur von 
der Bücksicht auf die beiderseit^en Interessen Frankreichs 
und Oesterreichs geleitet; in Versailles sah man darin das 
Bestreben, durch Yennittelung des Königs von Polen mit- 
Bossland anzuknüpfen, und hatte Oesterreieh im Terdacht, 
dass es demselben eine Osterreichische Erzherzogin Term&h- 
len wolle. 

Kaunitz gab sich alle Mflhe, die zeitweilig zwischen- 
Wien und Versailles auftauchenden Differenzen zu beseitigen, j 



') Ad Starbembeig 7. Not. 176fi, und Torläoflge AnmerkaDgeiir 
was der BotBchafter Mercj mit dem Forsten Starbsmberg nSher tu 
flberlegen, tu venbreden und in beobachten baben wird, HKri 176Si. 
<W. i.) 

B««i: Die ante Thalluif Palrnt. 18 



„IzccbyCoO^I'^ 



»74 

und die fraDzösischen Staatsmäoner ia guter Stimmnng zu er- 
halten. Indess er hatte nicht immer freie Hand. Seit dem 
Ableben des Gemahls der Kaiserin im Jahre 1765 hatte dar 
Staatskanzler mit einem neuen Factor zu rechnen. Joaef wnr^p 
zum deutschen Kaiser gew&Mt und erhielt auch als Mit- 
r^ent Einfiuss auf die Geschäfte. Trotz der Beschränkung 
seiner Wirksamkeit auf die innere Politik, insbesondere auf 
die militärischen Angelegenheiten, die ihm ganz öberlassen 
wurden, musate mit der Zeit seine Ansicht auch auf die 
auswärtige Politik von mas^ebender Bedeutung werden. 
Die Stellung Oeaterreichs als Grossmacht war mit der deut- 
schen Kaiserwarde doch inn^st veräochten, «nd viele Fragea 
berührten den Donanstaat und das deutsche Beich gleioh- 
mäss^; der bisher unumschränkte Einfluss des Staatskanz- 
lers wurde auf diese Weise vielfach beeinträchtigt. Die 
bisherige Einheitlichkeit in der Leitung der ausffärtigea 
Politik ging in die BrQche. Der erfahrene Staatsmann und 
der jnnge Monarch theilten nicht durchweg dieselben Anr 
sichten, und Kaunitz fand sich ^urch die neuen Gesichts- 
punkte, die der Kaiser vertrat, häaäg beirrt und gehemmt. 
Tod dem ersten Momente an, al^ Josef Einfluss auf 
die Geschäfte erhielt, kam vielfach ein neues Leben in die 
österreiehisehB Politik. Der junge Kaiser besass einen durch- 
dringenden Verstand, ein scharfes Ürtheil, sogar Geist. Seine 
Bildung war eine sorgfältige, sein Wissen ein umfassendes. 
Mit Liebe und Hingebung widmete er sich den Geschäften ; 
sein Wunsch, sich zu unterrichten und Kenntnisse zu sam- 
meln, war fortwährend rege. Was ihm abging war Gründlich- 
keit des Denkens und WoUeas. Kicht an Ener^e fehlte es 
ihm, wohl aber an Oonsequenzj ausdauernde, bohrende Arbeit 
war ihm nicht eigen. Von der organischen Entwickelung 
eines Staatswesens besass er keine rioht^en Ansichten. Seine 
Intentionen waren die besten, seine Vorsätze die edelsten, 
sein Streben das anerkennenswertheste, die Ziele, welche er 



IzcJbyCoOgIC 



m 

sich setzte, die hJiclisten. Kein Begent in Oeaterreicli hatte 
wohl je eine solch klare Vorstellang, wie weit dieses Staaten- 
gebUde von einem wirklichen Staate entfernt sei, wie Josef; 
allein er Übertrag jene Ansichten, die er sich aus der Be- 
trachtung anderer Staaten gebildet hatte, auf Oesterreich und 
übersah jene bedeutsam klaffende Kluft, die eine Parallele 
nicht gestattete. Sein brennender Ehrgeiz trieb ihn von einem 
Frojeete zum andern; er wollte ernten ohne zu säen, unge- 
duldig ersehnte er die Frucht, ehe noch das Saatkorn Wurzel 
gefasst haben konnte. An Eaunitz &nd er bei Lebzeiten 
Maria Xheresia's, wen^stens in den ersten Jahren, keine 
rechte Stütze. Der Staatskanzler war zwar einsieht^ geni^, 
um die Berechtigung der Josefinischen Bestrebungen auzu- 
erkenneu, aber die inneren Angelegenheiten waren ihm 
gleichgültig snd in der auswärtigen Politik wünschte er seinen 
Kinöuss unverkürzt zu erhalten, und nur unwill^ tttgte er 
sieh in einzelaen Punkten den WQuschen des Kaisers. Josef 
war kein unbedingter Bewunderer der französischen Allianz. 
Sich mit dem Plane tragend, die kaiserliche Gewalt zu 
einem hohen Ansehen zu bringen, sah er in Frankreich 
einen O^ner derartiger Bestrebungen. Der Habsburger und 
Lothringer regten sich in ihm.. 

Bei einer Terhältnissmässig unbedeutenden Frage trat 
der Gegensatz zuerst schroff hervor. Die kleine Stadt Bemo, 
an der italienischen BiTiera gelegen, machten sich seit lange 
^;is deutsche Reich und die Eepnblik Genua streitig. In 
4em Frieden Ton Aachen hatte Ludwig XV. die Garantie 
fQr die Unabhängigkeit derselben übernommen. Der Kaiser 
nahm Bemo als ein Lehen des deutschen Reiches in An- 
spruch; Genua wendete sich an Frankreich. Ghoiseol griff 
die Sache auf nnd sagte der Republik seine Unterstützung 
zu. Der fi-anzOsische Minister drohte die Ansprüche der- 
selben selbst mit den Waffen zu unterstützen. Die Auf- 
regung in den Wiener Kreisen war eine wuchtige. Kaunitz 



IzcJbyCoOgIC 



17t 

sab das Werk seines Lebens Ober deä Haufen geworfen. 
Die EaiBerin neigte sieb der Auffassang des Staatskanzlers 
zn, der entscbiedeD einer Nachgiebigkeit das Wort redete.*) 

In einem einzigen Funkte b^egnete sich die Öster- 
reichische Politik mit jener Frenssens: die Erhaltung des 
Friedens war das anfrieht^te Streben des Staatekanzlers. 
Als im Jahre 1766 fast allgemein angenommen wurde, dass 
der Ausbruch eines Kampfes zwischen den alten Neben- 
bnhlem, Frankreich und England, bevorstehend sei, wttnsdite 
Eannitz die Femhaltnng desselben vom Continente. Mochten 
andere sich herumschl^en, wenn nur Oeaterreich sich der 
Buhe erfreute; der atillsitEende Tbeil konnte, wie Eannitz 
sagte, bei einem kanfbigen Frieden nnr an Ansehen und 
Einfluss gewinnen.") 

Er Hess sich auch in der That zu diesem Behafe in 
Unterhandlungen mit England ein. Zn einem Tractate war 
er jedoch nicht entschlossen, um in Frankreich keinerlei 
Misstranen bervorEnrufen; eine schriftliche Erklftmi^ oder 
ein feierliches mllndliches Versprechen sollte genflgen, die 
Neutralität Deutschlands sicher zu stellen. In Versailles 
wurde die österreichische Auflassung von Choiseul ent- 
schieden bekämpft, in den unschuld^en Schritten des 
Fflrsten Eannitz sah der französische Minister eine Abkehr 
von der Allianz. Die Bemühungen, den Minister Choiseul 
zu einer andern Ansicht zn bekehren, blieben resaItatlos> 
Harte Anseinandersetzungen erfolgten. In Wien suchte man 
nachzuweisen, dass man dadarch dem Defensivtraetate mit 
Frankreich nicht abtrtlnnig werde. Vergebens setzte der 
Österreichische Gesandte auseinander, dass sein Hof an der 
Allianz mit Frankreich entschieden festhalte, dass die 



') Ueber die AngelegeDheit von St. Bemo finden sich eine- 
grosse AdzbIiI von Vorträgen im Wiener Ärebive. 

*) SS. April 1766 «a den frunOtischen Gesandten. (W. A.) 



lizcJbyCpOglC 



»77 

-Oöfabr einer nordisobea Liga durch die Bestrabongen Oester- 
j*eich3 vermindert würde. Choiseul war niciit nmzostinmiea. 
iS&a. mnsste sicli in Wien bequemen, die schon begon- 
nenen Verhandlungen mit England fallen zu lassen.') Die 
Nothwendigkeit, den franzSsischen Minister 2U besohwich- 
"tigen, erschien um so bedeutsamer, da vor Kurzem das 
Gerflcht nach Wien gedrungen war, dass man in Versailles 
nur auf den Tod des Königs von Prenssen warte, um das 
ganze politische System über den Haufen zu werfen. Kaunitz 
l^te demselben eine grosse| Wichtigkeit bei und wendete 
€ich mit ZnstimmuDg der Monarchin direct an Choiseul um 
Auskunft. Der franzAsisehe Minister betheuerte zwar, dass 
an all' dem kein wahres Wprt sei, auch bekannte er sich 
.selbst als warmen Anhänger des im Jahre 1756 geaolilos- 
«enen Sündoisses, allein aus dem ganzen Tone der Antwort 
ging doch hervor, dass die Verstimmung in Faria einen 
hohen Qrad erreicht hatte, und Kaunitz hielt es für notb- 
wendig, das Misstrsuen der französischen Kreise durch einen 
J)egQtigenden Schritt zu beheben.*) 

Eine vollständige Uebereiostimmung in allen Fragen 
^er auswärtigen Politik bestand zwischen Wien und Vei-sail- 
les flberhaupt nicht. Kaunitz hätte es sehr gerae gesehen, 
wenn Frankreich in den ersten Begterungsjahren Stanislans 
Ai^^ust's sich der polnischen Angelegenheiten energischer 
angenommen hätte, natflrllch nur in soweit, als daraus kein 
&ieg erwuchs. Denn jedenfalls fand Oesterreich , wie sich 
4bt Staatskanzler ausdrückte, seine Eechnuog auch d^iei, 
wenn der preussisch-nissische Einfluss in Polen ein Gegen- 
gewicht erhielt. Mit gelindeu Mitteln in Warschau Hindernisse 

') CoDfeieniprotokoll vom 8. Sept. 1766. Beacripte an Uercj 
vom 13. Aog. n. 13. S«pt. 1796. (W. A.) 

*) Eannitt an ChoUenl vom 8. Juli 1766; Antwort darauf vom 
18. Jnli, endlich ein Sctareibea von Kaoaiti vom Aogust. (W. A.) 



IzcJbyCoOgIC 



ober HinderoiBse m bereiten, sich in Constantinopel fQr Sta~ 
nislans AnguBt zu verwenden, schien ihm ganz angezeigt, 
nnr wünecbte er sieb dabei im Hintergründe zn bslten, mn 
veder in Berlin noch in Petersburg irgend welchen Yerdaebt 
zu erwecken. Choiseula Anlänfe, eins tiefere Verständigung 
über Polen herbeisnfQhren , lebute er ab. Tbeilweise lag' 
die Ursache auch in der Differenz der in Wien und Ver- 
sailles herrschenden Ansichten. Kannitz hatte sich mit der 
Thatsache, dass Stanislans in Polen Efinig hiess, ausgesöhnt; 
die Besdiränkung des russischen Einflusses in Warschau 
blieb ihm Hauptsache. Dies war aber nur durch eine Unter- 
stützung des Königs zu erreichen, indem diesem die Hand- 
habe geboten werden mueste, sich der Abhängigkeit tod 
Russland zu entwinden. Bei Chotsenl fand Stanislaus Angust- 
keine Gnade, er schürte und arbeitete in Constantinopel 
gegen ihn, und ehe in dieser Sichtung eine Aenderung ein- 
trat, wollte sich Eaunitz in keiner Weise allzutief einlassen. ') 

E&unitz liess sich aus seiner lR.ictiTi>ät nicht heraus- 
locken, obwohl er sich über die Schädigung Österreichischer 
Interessen durch die Steigerung der russischen Macht voll- 
kommen klar war, ja dieselbe vielfach überschätzte. Der 
nordischen Liga legte er eine grosse Bedeutung bei; er 
witterte daiin ungeheuere Gefahren fZr das Erzhaus. Ueber- 
siebt man den Stand und Zusammenhang der gegenwärtigen 
Weltläufte, schrieb er im Frühjahre 1766, so erOfiiet sich 
eine düstere Perspective von den gefthrlichen Wirkungen 
einer nordischen Allianz insbesondere für Oesterreich. Er 
bestürmte und ermahnte in Paris, dem überhand nehmen- 
den Einflüsse Kusslands in Dänemark und Schweden ent- 
gegenzutreten; Oesterreich selbst sollte aber im Hintergründe 
blähen. 

Ein besonderes Behagen überschlich ihn, wenn die rus- 



') SS. Dec 1766 am Hei«j, (W. A.) 



IzcJbyCoOgIC 



«» 

sisohe Politik irgend eine Schlappe erhielt. Mit dem Verlaufe 
des polniscbeD Beichstsges im Jahre 1766 war es deeshalb on- 
gemein Enfhedea. Die Freude war nur eine ephemere. Auf 
dem Beichst.^e des folgendeiL Jahres schieo Busslaad seine 
dominirende Siellnng in Warschau für ijie Dauer zu be- 
festigen. Die pobiische Frage wnrde eine immer brennendere, 
nnd nur mahsel^ konnte sich der &aterreichiBche Staats- 
kanzler der an Um gestellten Zumuthungea erwehren. Mit 
besonderem Eifer Hess es sich Choisenl nan angelten sein, 
Oesterreicb zu einem energischen Auftreten zu bewegen, 
nm mit Frankreich und der Pforte gemeinschaftlich dem 
Umsicfagreifen Bufslands ein Halt zuzurufen. Kaunitz be- 
harrte bei seiner Passivität, selbst die Vorwürfe soi^loser 
TJuachtsamkeit und indolenter Gleichgältigkeit Uces er, so 
sehr sie an ihm auch nagten, über sich ergehen. Er ver- 
kannte die grosse Bedeutung der von Bussland Hbernomme- 
nen Garantie der polnischen Veriässung durchaus nicht, er 
sah ganz richtig, dass man in Petersburg dadurch fSr alle 
Zeiten unter dem scheinbarsten Vorwande Truppen in Polen 
balten kfinue. Allein er spähte vergebens nach Mitteln, 
diesen üebelständen vorzubeugen. 

Eriegerieehe Allflren, die man in Berlin und Peters- 
burg bei dem Staatskanzler voraussetzte, hatte er nicht. In 
Wien dachte man nicht an den Krieg nnd legte auch den 
vermeintlichen preussischen Bfistungen keine gross« Be- 
deutung bei. Freuesen wolle sich blos dem russischen Hofe 
gefällig erweisen, habe jedoch keinerlei Absieht Erleg zu 
führen, schrieb damals Eaunitz an Mercy. ') Man war in 
Wien weit davon entfernt sich in die polnischen Wirren einzu- 
mischen. Mit einer gewissen Furcht erwartete Eaunitz, dass 
sich die Bepublik in ihren Nßthen an Oesterreich wenden 
könnte, und er wünschte sehnliehst, dass ihm die Verlegen- 



■) 8. Man 1767 an Uercj. (W. A.) 



zedbyGoOgIc 



h«it, daim eine Antwort ertheilen zu mttssen, erspart würde. 
Und als alcli herausstellte, dass sich die Dinge in Warscban 
besser abwickelten, als er erwartet hatte, athmete er tief 
auf. ') Auf die Torwürfe der fraaz%iscfaen Ministw hatte er 
immer die Antwort in Bereitschaft, dass es noch andere Staa- 
ten gebe, die durch die unbequemen Fortschritte Russlands 
ebenso lebendig interessirt wären. Die Pforte stand obenan. 
Blieb diese nicht ruhig und liesa Alles geschehen? Und 
doch drohte gerade ihr von Seite Buaslands durch die Be- 
herrschung Polens grosse Gefahr. Femer Freussent Nach 
den Darlegungen des Staatskanzlers musste die SuperioritU 
Bnsslands in Warschau dem EOnige sehr bedenklich und 
seinem Interesse Euwiderlaofend erscheinen. Und wenn sieh 
in Zukunft ein Umschwung vollzog und Bassland wieder in 
innigere Beziehungen zu Oesterreioh trat, so war die Gefahr 
für Prenssen um so grosser, je festeren Foss Bussland in 
Polen gefaset hatte. Kannitz sah keine Ml^Iiehkeit, sich 
itgendwie für Polen nätzUch erweisen zu können. Mit Dro- 
hungen allein, meinte er, würde sich Bussland nicht schrecken 
lassen, „da aaf der einen Seite die Pforte etwas Ernstliches 
nicht vornehmen will und auf der andern der König von 
PreuBsen nicht will".*) 

Die fortwährenden Bearbeitungen Frankreichs in Con- 
stantinopel riefen bei Eaunitz die mannigfachsten Bedenken 
hervor. Während er es einerseits tadelte, dass die Pforte 
so nnthätig und indolent dem Treiben Bnsslands in Polen 
zusah, fürchtete er doch den Ausbruch eines Krieges, der 
auf Oesterreich keinesfalls ohne BGckwirkung bleiben und 
seiner Ansicht uacb nur fOr Prenssen Vortheil abwerfen 
konnte. Das Problem, in welcher Weise die verlorene Stel- 
lung in Warschau wieder gewonnen werden könnte, ohne 
desshalb einen Krieg hervorzurufen, beschäftigte in diesen 



■) An Mercy 31. Hin n. 16. Aug. 1767. (W. A.) 
•) An Mercj 6. Ort. 1767. (W. A.) 



IzcJbyCoOgIC 



Jahren der politischen Unthlltigkeit den Staatskaazler un- 
«ufhörlieh. Ein momentan anftaacheDdnr Qedanke, durch 
«ine Hetanziehnng Englands ein besseres Yerb&ltniss zu 
Petersbui^ ansubahnen und die Stellung Preussens daselbst 
2u erschflttern, musste ans Backsicht für Frankreich su 
■Grabe getragen werden; eine Anregung Frankreichs, eine 
Verständigung mit Berlin zu suchen, um* sodann g^en 
Bnssland Front zu machen, wurde von dem JlslerreichiscbeQ 
<je8andten bei der ersten ErJtffnung abgelehnt. 

Dieser von d«m französischen Minister hingeworfene 
'Oedanke fasste aber doch aUmälig Wurzel in dem Geiste 
-des Fürsten Eauoitz. Wen^e Wochen, nachdem «r die ab- 
lehnende Haltui^ des Grafen Meroy rollständig gebilligt,') 
«rOrterte er in einer Denkschiüt die Möglichkeit einer An- 
näherung an Frenssen. 

Die Beziehungen der beiden Kachbarstaaten zu ein- 
ander hatten seit dem Frieden an Innigkeit nicht gewonnen. 
Beiderseitig stand man mit vollem Mii«stranen einander 
g^enflber. Die gegenseitige Entfremdung dauerte nach wie 
vor fort; doch dürfte die Behauptung nicht allzu gew^ 
«ein, dass Friedrich sich weit mehr mit dem Gedanken 
befreundete, zu dem Xachbarstaate in bessere Beziehungen 
zu treten, als es an der Donau der Fall war. In manchen 
JUomenten empfand er viel xu sehr die Last der russischen 
Allianz, die oft harte Zumuthungen an ihn stellte. In Peters- 
burg schraubte man nicht selten die Forderungen empor, 
da man wnsste, dass der EOnig anf das BOndniss mit Buss- 
land angewiesen war. Ohne seine Allianz mit Bnssland Ilsen 
zn wollen, gewährte eine Annähenu^ an Oesterreich oder 
Frankreich doch eine Handhabe, den hochmtltbigen Ton der 
russischen Ansprüche dämpfen zu kSunen. 

An&ngs 1766 machte Friedrich einen hierauf bezüg- 

■) F. S. ftn Hercj vom 20. Nor. 1T«7. 



IzcJbyCoOgIC 



liehen Yersucb. General Hord sondirte den Osterreichtschea 
Vertreter in Berlin, Kugent, ob man in Wien nicht an eine 
Wiedererobemng Schlesiens denke, und als er die Ver- 
eichemng erhielt, dass man darauf vollständig verzichtet 
habe, richtete er an denselben die weitere Frage, ob es 
nicht im Interesse der beiden Nachbarstaaten liege, in eine 
i^rmliehe Allianz zu treten. Da der General später noch 
einmal auf diesen G^enstand zurückkam, glaubte Nugent 
annehmen zu dürfen, dass der König der Sache nicht ferne 
stehe. ') 

Der KOni'g wurde zu diesem Schritte durch die Be- 
mOhnngen Englands bewogen, eine; Verständigung zwischen 
den beiden dentschen Staaten herbeizuführen, um die Neu- 
tralität derselben bei einem Wiederausbruche eines Krieges 
mit Frankreich zu sichern. Der Gedanke vom Jahre 1755 
lebte wieder auf, und die britischen Staatsmänner glaubten 
nnn erreichen zu können, was ihnen damals missglOekt war. 
Friedrich hatte seinen Widerwillen gegen England nicht 
überwunden; gegen ein Specialabkommen zwischen Freussen 
und dem Inseletaate hegte er nicht ungegründete Be- 
denken; es schien ihm einfacher, sich direct mit Wien zn 
verständigen. Der misstranische Staatekanzler i>ah in diesem 
entgegenkommenden Schritte einen Oesterreicb gelegten 
Fallstrick, um es in London oder Paris zu vordächt^en. 
Er war nicht abgeneigt, wie wir gesehen, mit England 
eine schriftliche oder mündliche Erklärung über die Einhal- 
tung vollständiger Neutralität auszutauschen, aber eine Ver- 
bindnog mit Freussen bezeichnete er als ein weitaussehendes 
Werk, welches unmöglich zu Stande kommen könnte. Nugent 

'} Vrgl. hierüher and über Am Folgende meine AbbftiidlDitg: 
Die Zasammcnkflnfte Friedrich's II. n. Josefs 11, in Neisse und Neu- 
stadt, im Archiv fttr SaterreicbiBcho Geschichte XLTIL Band, II. S. 
. S8& fg. ; mannigfache Berichtignng verdanke ich dem kdnigl. Arcbiv« 
XD Berlin. 



IzcJbyCoOgIC 



»83 

frnrde utgevieaea, im F&lle der Eön^ selbst in einem 6e- 
spräcbe die Angelegenheit berühren würde, sich mit der 
Erwidenuig zn begnügen, dass man in Wien sehnlichst die 
AntVechthaltung der Bnhe wünsche und besondei's mit dem 
EQnige im besten £iiiTeniehmen leben möchte.') 

Auch ein weiterer Versuch !Priedrich*3, vielleicht durch 
«ine persönliche Zusammenkunft mit dem Kaiser bessere 
Beniehungen zn dem Wiener Hofe anzubahnen, blieb ohne 
Besnltate. Josef hatte dem prenssischeo Gesandten in Wien 
gelegenheitlich seinen lebhaften Wonsch au erkennen gege- 
ben, die persönliche Bekanntsohaft des Königs zn machen, 
was diesem als Anhaltspunkt dienen mochte, um im Som- 
mer eine Begegnung mit dem Kaiser anzuregen. Kaunits, 
anfangs dagegen, stimmte schon nach einigen Tagen za und 
befürwortete die Zusammenkunft. Jedoch der Widerwille der 
Kaiserin war, wie es scheint, nicht zu fiberwinden. Friedrich 
war schon auf dem Sprui^e abzureisen; erst in der letzten 
Stunde widerrief er die ertheilteu Befehle. ') 

Wozu der österreichische Staatskaazler diesmal nur 
schweren Eerzens seine Zustimmung gegeben, ,um den 
König Dicht zu verletzen", befürwortete er Anfangs 1768 
in lebhafter Weise. In einer Denkschrift aus den ersten 
Tagen dieses Jahres legte er die hiebei massgebenden Qe- 
sichtspnnkte dar. Die Eutwickelung , welche die Dinge in 
Polen nahmen, gab hiezu den äusseren Anlass. Die ihm 
von Frankreich wiederholt in 's Gesiebt geschleuderten Vor- 
würfe sorgloser Unachtsamkeit und grosser Gleichgiltigkeit 
schmerzten ihn tief. Sr wusste nur gut, mit welch' ge- 
spannter Aufbierksamkeit er Personen und Zustände ver- 
folgte, wie sehr er nach dem Momente lechzte, thätig sein 



') Ad Nngeot 22. April 1766, atigedraekt in mMB«r Abband- 
lang S. 471. 

') Vrgl meine Abbandlnng S. 362—96. 



IzcJbyCoOgIC 



»84 

2D tßnnen und nur durch die politische Sachla^ sich gehemmt 
fühlte. Das infiaisoh-preuBsisohe BfladniBa drückte ihn zn Bo- 
den. Die Hoffanngeu auf die Polen selbst erwiesen sieh als 
eitel nnd hohl. Die Berichte, die ihm ans gater Quelle zuflössen 
— ein Abhä Petanski lieferte sie — zeigten ein Bild trostloser 
Verwirrung. Die Gefahr tür den Norden Earspa's, in rolläte 
Abhäng^keit von der moskowitisohen Macht zu gelangen, 
war unbedingt eire grosse. Wie Eiannitz damals die Den- 
kung^art Friedrich's beurtheilte, hätte es dieser nicht un- 
gern geq,ehen, wenn von irgend einer Seite dem Vordringen 
Busslauda Schranken gesetzt würden. Auf diese Annahme 
fassend, gab Kanaitz den Bath, dem EOnig tou Preussen 
die Mittheiinng zu machen, dass man entschlossen sei, bei 
-der polnischen Bepublik den Antrag zum Abschlüsse eines 
ähnlichen Vertrages zu stellen, wie ihn Bussland mit dem 
polnischen Beichsti^e eben vereinbarte; man sei aber geson- 
nen, keinen Schritt in dieser Biohtung zu thnn, wenn man 
nicht die vollftändige Znsichernt^ des K{)nigs erhielte, 
Oesterreioh nicht nur keine Hindemisse in den Weg zu 
legen, sondern einen ähnlichen Freundschafta- und Oarantie- 
vertrag mit der Bepablik tu acUi^ssen. Auf die neuen Trac- 
tate gestutzt, erhielten sodann Oesterreich und Preussen ge- 
nügende Anhaltspunkte, der Alleinherrschaft Bnsslands in 
Warschau Schranken zu setzen. An der Einwilligung der 
Polen war nicht zu zweifeln, und lehnten sie ab, so wurde 
doch das Eine gewonnen, dass es nun offenkundig war, 
welche Aufmerksamkeit man in Wien den polnischen Ange- 
l^enheiten schenkte.') 

Dieser Antr^ des Staatskanzlers scheint jedoch nicht 
'die Billigung der kaiserlichen Majestäten gefunden zu 
haben. Den Gedanken, dnrch Vermittlui^ von Preussen 



') CoDBidentioiu sni l'etat dei a&irei ea Polog^e le 1. Jan- 
rier J7Ö8. in den Docamenten p. 1 C 



IzcJbyCoOgIC 



tu 

ans der isolirten Stellung herauszutreten, Hess der Staats- 
kanzler indess nicht fallen. Es sebeint, dass die Absendung 
eines Qsterreichiscbeu Staatsmannes, Ziosendorf; nach Ber- 
lin, den Zweck hatte, die dortigen Stimmongea zu erkunden. 
Eaunitz, der früher in allen Denkschriften darauf hiage- 
wiesen hatte, dass Friedridi sich nur mit Plänen zur Zer- 
splitterung Oesterreichs trage, bezeichnete jetzt die Ten- 
denzen des Königs als friedliche ; er sei Kusslands eigentlich 
Oberdrflssig und wäre nicht abgeneigt, mit Oesterreich in 
ein besseres Verhältniss zu treten. Desshalb hielt er es auch 
fQr wünschenswerth, das Misstrauen Friedrich's in Bezug auf 
Schlesien zu bannen and ihm die üeberzei^;ung beizabrin- 
gen, dass Oesterreich nicht wieder an eine Wiedererobemng 
der verlorenen Provinz denke. 

Lebhaft wflnscbte Eaunitz eine Zosammenkanft des 
Kaisers mit dem KOuige. Er verkannte zwar nicht die grosse 
Gefahr dieses Vorschlages. Wie leicht kounte Friedrich dnrch 
seinen Geist und die ganze Ueberlegenheit seines Wesens einen 
tiefen Eindruck auf den Kaiser machen, ihn vielleicht von 
der französischen Allianz abzukehren suchen. Er sprach sich 
auch darüber unumwunden gegen, Josef ans; mit einer ge- 
wissen Furcht, schrieb er ihm, vrürde er einer Entrevue 
mit dem EOnige von Freussen entg^ensehen, aber er baue 
auf die Klugheit, besonders aber auf die Kaltblütigkeit des 
Monarchen. Katmits nahm an, dass vielleicht schon im Laufe 
des Jahres 1768 dieser Gedanke sich verwirklichen kOnnte, 
und er entwarf zu diesem Behufe Instructionen für seinen 
kaiserlichen Herrn.*} Besonders die Nachricht, die schon Ende 
August in Wien angelangt war, dass der Bruch zwischen 
der Pforte und Bussland unausweichlich sei, steigerte bei 
dem Staatskanzler den Wunsch einer baldigen Begeguui^ 
des Kaisers mit Friedrich. Indess ging der Sonuner des 



') Eaanitt u Jowpb in meiner Abhuidlnng $, W, 



IzcJbyCoOgIC 



Jahres 1768 vorQber, ohne dtias sieh die beiden Monarchen 
kennen gelernt hatten. 

An dem Ausbruche des Krieges zwlachea Russland 
und der Pforte hatte man iu Wien nicht den geringsten 
Antheit. Zegeliti war schlecht unterrichtet, wenn er von 
einet Betheil^ng Oesterreiehs an den Anfhetssereieit des 
Grafen Vergennes nach Berlin berichtete. Dieser hielt sich 
sogar dem österreichischen Gesandten gegenüber ganz ver- 
schlossen. Kaunitz bezweifelte es auch sehr, dasa die Dar- 
legungen des französischen Botschafters bei dem Pforten- 
minister Eindrnck machen würden. ') Koch im September 
glaubte er nicht an eine ernstliche Absicht der Pforte, sich 
in einen Krieg mit Rnssland einzulassen, nur war er vorsichtig 
genug, dem Internuntius Weisungen für den Fall zu erthei- 
len, wenn die Pforte die Haltung Oesterreiehs zur Sprache 
bringen sollte. Russland, sollte er darlegen, sei von dem 
Bündniss mit dem Wiener Eofe zuerst abgesprungen; es 
bestünde daher für Oesterreieh keine Verpflichtung zu irgend 
einer Unterstützung. 

Der Ausbruch des Krieges kam dem Staatskanzler 
ganz ungelegen und eind Betheiligung an demselben lag 
ihm damals sehr ferne. £r spottete über die Türken, die 
den Antrag stellten, dass Oesterreieh mit ihnen gemein- 
schaftliche Sache machen möge.'') Die Stellung Stanislaus 
August's schien ihm nun eine unhaltbare; nichts blieb ihm 
nun mehr übrig, als Flucht zu den Russen oder nach Dan- 
zig. Welche Wendung die Dinge sodann nehmen würden 
war ihm noch nicht ganz klar, im Stillen schmiedete er 



') 8. Januar 17$S an BrogDtud. (W. A.) 

'j „Die Herren TQrken werden nnn Politioi und denken tat 
Mittel, Bicb selbstcn ihr Unternehmen gegen BuBeland zu erleichtern 
und DIU mit in partem cnraram eininflecliten." An Uercj 7. Novem- 
ber 1768. (W. A.) 



zedbyGoOgIc 



PlMe, um im geeigneten Momente mit nQtzlicheii Vorächlä- 
gen zur Hand zn sein. ') 

Staatsmänner haben in der Begel ein schlechtes 6e- 
dächtniss. Eaunitz machte keine Ausnahme. E!r hatte seine 
Niederlage in der polnischen Frage ganz vergessen und 
that sich auf die Consequenz seiner Politik nicht wenig zu 
Gate^ Mit dem Facit des politischen Calcnls war er sehr 
znfrieden. Er heglOckwänschte sich, in keiner Allianz mit 
Busstand zu stehen und den Bearbeitungen Friedrioh's in 
Petersburg freien Lanf gelassen zu haben; Oeaterreich kjjnne 
nun die Hände ruhig in den Schoss legen und mit aller 
Gemfithlicbkeit zusehen, wie zwei gefährliche Mächte sich 
aufreiben, während Friedrich sich in grosser Terlegenheit 
befinden und darauf Verzicht leisten mOsse, „die russische 
Freundschaft und das türkische Vertrauen mit einander zu 
vereinbaren", und mit Ungeduld sah er den Entschliessungen 
des KOn^ entgegen, um dessen politisches S/stem genau 
benrtheilen zu kennen. Im Hintei^runde schlummerte noch 
die süsse Hoffnung, dass der Erleg mit der Pforte in Peters- 
burg die gute Wirbung haben werde, die TJeberzeagung 
von der Grösse des Verlustes der österreichischen Allianz 
zu erwecken und die leichtsinnige Politik Bnsslands in's 
helle Licht zu setzen. ^) 

Als bald nach erfolgter Kriegserklärung von verschie- 
denen Seiten Versuche zur Beilegui^ des Streites gemacht 
wurden, wollte auch der Staatskauzier nicht zurückbleiben. 
Eifrigst trug er den Türken die Mediation Oesterreichs an, 
nicht ohne zugleich auf die nachtheil^en Folgen einer Vermitt- 



') nWie dann eine Epoqne erschieDen in taja scheinet, wo ein 
vernünftiger Betrag von ereprieaslicber Wirkung Bejn und nütiUcba 
ToTSoblige zur Welt bringen kSnnte", Iq dar citirten Depesclie. 

*) An Brognard 4. Nov. 1788. (W. A.) 



IzcJbyCoOgIC 



Inng Englands lünzuweisen. um die Pforte zu flberzengeii,. 
wie werthvoU gerade Oesterreioh für sie sei, nahm er da». 
Verdienst in Ansprach, dass Friedrich mit Bücksicht aof 
den Wiener Hof sich darauf beschränke, Subsidien an Boss- 
laod zn geben. *) Ueberhanpt Hess er es an guten Bath~ 
schlE^en nicht fehlen. Seiner Ansicht nach mosste die Pforte- 
aJs wichtigsten Endzweck die Beschrftakung des allzu gros- 
sen Einflusses Busslands in Polen in's Auge fassen. Dies 
konnte aber nur erreicht werden, wenn es gelänge, aUe Par- 
teien in Polen zu vereinigen; alle EntthionungägedankeB 
des K^mgB mussten &hren gelassen werden. Der bedeut- 
same Einfluss Frenssens ia Conatantinopel war Kaunitz ein 
Dom im Auge, und um das Feld frei zu haben, wünschte ' 
er die Entfernung des preussißohen Gesandten aus der tür- 
kischen Hauptstadt durchsetzen zu können. ') 

Die Aussichten, noch im letzten Momente die rusäseh- 
tflrkischen Wirren beilegen und den Ausbruch des Krieges 
hindern zu können, schwanden jedoch allmäUg; weder die 
preussischen noch die Österreichischen Bemühnugen waren 
von einem Erfolge gekrOnt. Denn auch Kümg Friedrich 
hatte seinem O^andten Weisungen ertheilt, in dieser Bich- 
titng thfttig zu sein.^ Nach den Berichten ans der mssiscbea 
Hauptstadt wftre man unter gewissen Bedingungen zu einem. 
Abkommen nicht abgeneigt gewesen. Der österreichische 
Staatskanzler wurde desshalb in seinen Ansichten, znPreussea. 
bessere Beziehungen herzustellen, um so mehr bestärkt. 
Welche der beiden Mächte aus dem Kampfe siegreich her- 



') P. S. 20, Dec. 1768 au Brognard. (W, A.) 

*} 7. Febr. ITM an Brognard: Ea wäre aebr %u Tflaschea, 
wenn die Pforte Teranlasst Verden könnte, den prcaBÜBcheii Hiuiitor 
fortznachicken , dessen Senig aie als ihren Feind Dicht nnr wegen 
seiner hohen and gleichsam bedrohlichea Sprache, sondern auch w^eo. 
der an Bnssland in bezahlenden Sabaidiengelder ansehen konnte. 

*) Ad Zogelin 1. Janaar, S. Jannai n. fi. Fehmar 1TS9. (B. A.^^ 



IzcJbyCoOgIC 



m 

Tor^g: der Donaustaat wurde dadurch auf das tie&te be- 
rührt, und wena er durch die Verhältnisse genöthigfc, in 
der einen oder andern Weise aus seiner Inactivität hervor- 
treten musste, so war dies nur möglich, wenn m^ von 
Seite Freussens die Gewähr Tollständiger Sicherheit hatte. 
So tief wurde allseitig das Bedflrfnifls nach besseren Be- 
ziehungen £u Preussen gefohlt, dasa selbst die Kaiserin 
ihre Ahoeignng fahren Hess und eine Zusammenkunft ihres 
Sohnes mit ihrem Qegner für nfitslieh ond heilsam hielt ') 

Schon im October 1768 hatte Nugent hierauf bezQg< 
liehe Aufträge erhalten; in einer Audienz, am 15. November, 
entledigte er sich derselben. Dem Könige war dieses Ent- 
gegenkommen des Wiener Hofe», wenn auch unerwartet, 
doch nicht unerwQnscht. Er zeigte sich sehr erfreut ober 
die friedlichen Gesinnungen der Kaiserin. In Bezug auf 
Deutschland denke er wie sie, sagte er dem Gesandten; 
wenn Freussen und Oesterreich sieh Terständigen , sei ein 
Krieg auf deutschem Boden nicht zu befürchten; die Kai- 
serin und er hätten viele kostspiel^e Kriege ohne irgend 
welchen Nutzen mit einander geführt. Den Antrag des 
Königs EU einer Neutralitätsconvention nahm Nugent zur 
Berichterstattung. Auch die Znsammenkmift kam zur Sprache. 
Friedrich zeigte sich hierzu nicht abgeneigt.^ 

Eine grosse Bedeutung l^te Friedrich der ganzen Sache 
nicht bei; *) er neigte sich zur Annahme, dass man in Wien 
über einige Funkte eine Vereinbarung sucbe, und er wollte 
deshalb weitere Eröfihungen abwarten. Finkenstein hegte 
ein grösseres Misstrauen gegen diese AnnäherongSTersnche 
Oesterreichs. Er sah darin das Bestrehen, die Intimität 



') Haria Theresia an Kaaniti eigenhändig am 26. Jannair 1760. 
(W. A.) 

'} Nach Depecchen von Nugent TrgL meine Abhandlong S. 403. 
■) 16. Not. 1768 Friedrich an Finkenstön. (B. A.) 

BoiiIOvsntaTlMiluigFalui. 19 



„IzccbyCoOgIc 



2»« 

Freussens und Busslaads zu lockeru; vielleicht auch eia 
geheimes EiOTerütändiiiss mit Frankreicli, wo man sich mit 
der KatthroQung des KOnig^ von Polen trage und hief&r 
auch Preussen zu gewinnen h&ffe. Kur eine ConventioD 
bezüglich Deutschlands für den Fall eines Eri^es zwisoliea 
Fi-ankreich und England billigte der Minister, aber auch 
damit wollte er gewartet wissen, bis der Krieg ausgebrocliea 
sein wQrde, da min son^t in Peters')i)rg nur Verdicht er- 
wecken werde. *) 

Die Darlegungen seines Ministers scheinen auf Fried- 
rich nicht ohne Eindruck geblieben zu seiu, denn als 
Kugent in den ersten Tagen des Jahres 1769 dem Könige 
eröffnete, dass der Kaiser im Herbste Schlesien besuchen 
werde und es dem Könige öberlasse, den Ort der Zusammen- 
kunft zu bestimmen, erhob er mannigfache Bedenken. Aus 
Paris war die Nachricht eii^elangt, dasä zwischen Oester- 
reich und Frankreich Verhandlungen über die polnischen 
Angelegenheiten stattiUnden, wobei auch die Absetzung des 
Königs Stanislaus nur Sprache gekommen sei. Der K9nig 
erwiederte daher dem Seterreichischen Gesandten: Ehe die 
Zusammenkunft stattfinde, müssten doch noch mancherlei 
Punkte geregelt werden. Vornehmlich hatte er die Haltung 
Oesterfeichs in den polnischen Angelegenheiten im Auge, 
worüber er in's Klare zu kommen wünschte. Aus dem in 
Constantinopel veröffentlichten Manifeste ging hervor, dass 
die Pforte die Entthronung des KOnigs von Polen anitrebte. 
Mau nannte die mannigfachsten Prätendenten: den Prinzen 
Conti, ein Mitglied des sächsischen Hauses, auch den 
Sehwi^ersohn der Kaiserin, den Prinzen Albert. König 
Friedrich hatte nun Oesterreieh im Verdacht, an dem türki- 
schen Schriftstücke mitgearbeitet zu haben. Mit besonderer 
Betonung hob er gegen Nugent hervor, dass ei' in dieser 

') FinkensteiB au Friediicli 17. Nor. 1768. (B. k.) 



l,3cJbyC00gIC 



BMiehang gebuDden sei, und redete einem Frieden zwischen 
Bussland nnd der Pforte das Wort. Änch Finkeasteia spntcli 
im besonderen Auftrage des Monarchen mit N'i^ent Qber 
die Entthrounng des Königs von Polen und wOnschte diesen 
Stein des Anstosses aus dem Wege geräumt zu haben. ') 

Kaunits ahnte nicht, dass die Berichte des Kön^ 
Ober die Tenneintliohes Absichten Oesterreiohs in der polni- 
schen Fr^ ans französischen Quelten flössen, er sah' daher 
in den Auseinandersetzungen desselben nur die verdeckte 
Absicht, der Zusammenkunft Oberhaupt auszuweichen. Vor 
einigen Wochen hatte er allerdings dem Grafen Mercy den 
Auftrag ertheilt, den Duc de Choiseul auszuforschen, jedoch 
biuzQgefägt, dass sich im g^enwärtigen Momente nichts 
festsetzen lasse und jeder voreilige Schritt za vermeiden 
sei. Auf einen Anwurf Cboisoul's, einem österreichischen 
Prinzen die polnische Krone zu verschaffen, war Eaunitz 
nicht eingegangen. *) In der Antwort an Nugent wies er 
daher die Betheiligung an einer Absetzung des Königs Sta- 
nislaus. als eine mflssige Erfindung zurück. Man könne sich 
schmeicheln, schrieb er dem Gesandten, österreichischerseits 
bessere Proben von der Beurtheilung der Weltumstände und 
der Staatsinteressen der Monarchie gegeben zu haben, als 
dass dieser Argwohn auch nnr die geringste Berechtigung 
nahen könnte. Auch war der Staatskanzler darQber verletzt, 
dass man ihn in«Berliu in einer vollständigen Abfa&ngigkelt 
von Frankreich wähnte. 

König Priedrioh war durch diese Darlegung nicht be- 
friedigt, er hatte eine bestimmte Eridämi^, namentlich 
ober Polen erwartet, während Nugent diesen Punkt nur 



'} Anuer den in meiner Abbaadlnng %. a. 0. S. 23 angeführten 
ScbriftBtftcken, sind noch beiiQtit die ivigcben Friedrich and Finien- 
Btcin gewecliiolten Briefe in den Jahren 1768 and 1789 im Berliner 
Stuatearohive. 

') An Mercj 26. Nov. 1768. (W. A.) 



IzcJbyCoOgIC 



nt 

flüchtig berührte ; auch auf das Neutralitätsrersprechen be- 
zl^Iich Deutschlands, welches der Gesandte vor einigea 
Wochen in den Vordergrand gestellt hatte, kam er nicht 
wieder zurück. Indess Friedrich brachte alle Bedenken^ 
die sich gegen die Zusammenkuuft ihm aufdrängten, zum 
Schweigen. ') 

Grossen Erwartungen gab man sich in Berlin Ober die 
Bedeutung dieser Begegnung nicht hin. KOnig und Minister 
stimmten darin überein, dass es dem Kaiser blos darum zu 
thun sei, die Be>:auDt3chaft des preussisohen Monarchen 
zu machen, und dass man in Wien auf bestimmte Abma- 
chungen, die man Anfangs erstrebt zu haben schien, verüich- 
tet habe. Erat einige Monate später, als die Verhandlnngea 
mit Bussland über die Erneuerung des Vertrages langsam 
fortrückten und in Petersburg grosse Fordeiungen an den , 
König gestellt wurden, um dafür verhäUnissmässig geringe 
Gegenconcessionen zu gew&hren, machte sich bei Friedrich 
eine andere Auffassung bemerkbar, und es schwebte ihm 
die Möglichkeit vor, durch eine Verständigung mit Oester- 
reich sich von Bussland etwas unabhängiger zu machen. 

Friedrich's Ansicht war nicht ganz richtig; für den 
österreichischen Staatskanzler war die Zusammenkunft ron 
vitaler Bedeutung. Er dürstete darnach, an der Beilegung der 
russisch-türkischen Wirren Antheil zu nehmen. Die Pforte 
war bisher nicht geneigt, auf eine VermitUung einzugehen 
und wünschte eine Betheiligung Oesterreichs an dem Ksjnpfe. 
Nun schien die Sachlage gQnst^er. Ans Constantinopel er- 
hielt man Berichte, dass man daselbst einem Frieden geneigt- 
sei; auch in Petersburg waren, wie einige Anzeichen bekun- 
deten, friedliche Dispositionen vorhanden, da man sich da- 



') Vrgl. meine Abhandlung a. a. 0. S. 407. Aoasardem noch 
BriefelFriedrich'B an Finkensteia vom II. Febr. und Ton FinkeuBteiiL 
an den König vom 11. u. 13. Febr. 17G8. (B. A.) 



IzcJbyCoOgIC 



2» 

«elbat, wie Kaunitz wenigstens aDnahm, wegen Geldmangels in 
der grCisatea Verl^enheit befand. Von Preossea erwartete er, 
da83 es zu einer Ausgleichung der Irrungen gerne beitragen 
werde; die gut unterrichtete österreichische Diplomatie hatte 
in Erfahrung gebracht, dass Friedrich seinem Vertreter in 
-Constanlinopel den Auftrag, gegeben , gemeinschaftlich mit 
England oder Oesteneich auf einen gütlichen Vergleich hin- 
zuarbeiten, Indess nicht um die Beilegung der orientalischen 
Wirren allein war es dem Staatskanzler zu thun, sondern um 
zugleich eine Handhabe zu erhalten, in Warschau eine actire 
Politik zu beth&tigen. Denn nach seiner Ansicht lagen die 
Ursachen der mssiBch-tQrkischen Irrungen in Polen. Hier 
musste sich daher Russland zu Goncessionen bereit erklären, 
nicht blos bezüglich der Dissidenten sich mit freier BeU- 
■gionsQbung begnügen, sondern überhaupt alle Neuerungen, 
■die in den letzten Jahren zu Stande gekommen, wieder auf- 
heben, endlich auf die übernommene Garantie entweder ver- 
zichten, oder dieselbe wenigstens auch durch England, 
Prenssen und Oesterreich übernehmen lassen. *) 

Die Ungeduld dos Fürsten Eaunitz spiegelt sich auch 
in den vielerlei politischen Projecten, die sein geschäftig 
fruchtbarer Geist ausheckte, ab. Die Annahme, dass die 
Tfirken in dem Kriege mit Bussland den Kürzeren ziehen 
und endlich zu einem äusserst nachtheiligen Frieden die Hand 
bieten kennten^ verbitterte ihm manche Stunde. Kusslands 
EinfluBS in Polen stand dann unverkürzt da, seinem Macht- 
gebote konnte sieh sodann Niemand widersetzen. Dies zu 
hindern, lag seinep Meinung nach nicht blos in Oesterreichs, 
sondern auch in Preussens Interesse. 

Sanuitz ersann nun ein ganz origioales Project, wo- 
durch die politische Situation mit einem Schlag eine andere 



') An Nngent im Juinai 1769 abgedrnekt in meiner Abhand- 
lung ft. a. 0. 8. 4S8. 



Cg.lzccbyCoOglC 



Gestalt eriialteQ sollte. Der bishetige Gegensatz swisohen 
I^eofiGeD mid Oeäterreich beförderte Tielfocb das Änsobwel- 
len der ruesiacbea Mfuiht; eine BebebnDg desselben ver- 
scbenchte alle Gefabr fßr die Kukuoft. Der preussische Be- 
sitz Scbleeiens stand einer TOllkommenen AnssObuung der 
b^den Naobbarstaaten im Wege. Eaanitz verfiel am dar- 
auf, den gegenvEb'tigen Moment dazu auszubeuten, um 
Scblesien, wo triebt ganz, doch guten Tbeils, zwar nicht 
gleicb, sitei bei Erlöschung des prcnssischen Mannsstammes, 
obne Krieg and ohne grosse Gefahren wieder zn erhalten. 
Und biezu sollte die Pforte hilfreiche Hand bieten. 

Kaunitz musste selbst das Faradoxe seines Planes 
füblen. „Der Gedanke", schreibt er in Beinem Yortr^e, 
„dass der Türke unter Mitwirkung des Königs von Prenssen 
Eure Majestät zu Scblesiei verhelfen soll, ist an sich so 
ausserordentlich und chimärisch, dass ich mit mir selbst 
gekämpft habe, ob ich es wagen soll, denselben vorzulegen 
und' mich der Gefabr des Auslacbeus auszusetzen." Nur durcb 
die Erwägung, dass es seine Pflicht sei, ein Projectzar 
Wiedergewinnung SehlesienB, desseu DnrcbfQhruog nicht un- 
mögUeh, sondern sogar wahrscbeinlicb sei, nicht vorzuent- 
halten, liess ihn endlich alle Bedenklichkeiten überwinden. 

Kaunitz behauptet, dass sich das wesentliche Staats- 
isteresse 0est«iTeich8, Preuss.ens und der Türkei bei Dureh- 
fQbrung seines Plimes vereinigen lasse. Oesterreicbs Vor- 
tbeil lag viel zu sehr am Tage, als dass es notbwendig 
gewesen w&re, sich in aosfübrlicbe Darlegungen einzulassen. 
Die TQrkej, dies war ebenfalls gewiss, würde zu Allem und 
Jedem bereit sein, was dazu beitragen koonte, sie aus ihrer 
g^n wütigen Lage zu befreien. Und Prenssen? Nun dieses 
sollte auch keinen Verlust erleiden, die Mittel fUt seine 
Schadloahaltung bot — Polen. Curland und ein Theil des 
polnischen Preussens waren gewiss ein entsprechendes AequJ- 
valent fUr die Abtretung Schlesiens. 



Dg.lizcUbyCoOglC 



Die Zurückdrftngiing Rnsslanda aus Curland und Polen, 
behauptete Kannitz, sei von weBentlichem Interesse, und ei- 
zVeifelte auch nicht daran, da?s ein solch einsichtiger Po- 
litiker, 'Wie Friedrich, nur nothgedrungen an der Allianz mit 
BÜssIand festhalte, die doch seinem wahren Interesse nicht 
entsitreche. 'Er benrtheilte ausnahmsweise die Politik seines 
Gegners richtig, wenn er dessen Verbindung mit Rnssland 
durch die Gegnerschaft Oeeterreiehs erklarte. Die princi- 
pielle Opposition der beiden Nachbantaaten zn einander 
wurde aber durch Wiedergewinnung Schleeiens beseitigt. 
Eine Handhabe zur Anbahnung eines derartigen TTeberein- 
kommens erblickte Kaunitz in der Nachricht, dass Friedrich 
eich damit beschäftige, die Succession der weiblichen Linie 
seines Hauses zum Grundgesetze seiner Monarchie zu ma- 
chen. Di63 konnte nnr durch Unterstützung des Kaisers 
bewerkstelligt werden. 

Hatte man aber in Wien in den letzten Jahren den 
Gedanken an eine Wiedereriaogimg Schlesiens nicht roU- 
ständig in Abrede gestellt? Hatte nicht Nugent erst vor 
Enrzem Weisnngen in dieser Richtung erhalten? Auch 
dafflr wusste der erfinderische Eopf des Staatskanzlers Batb. 
Man entging allen Schwierigkeiten, indem man die Ehre, 
den ersten ÄHwurf in dieser Sache zu machen, der Pforte 
tlberliess. Brognard hatte berichtet, der Grossvezier habe 
ihm durch den Dolmetsch sagen lassen, es sei nunmehr die 
beste Gelegenheit, Schlesien dem KSnig von Preussen wiedeV 
abzunehmen; die Pforte sei erbStig, ein derartiges Unter- 
nehmen auf das kräftigste üu unterstotzen. Diese Eröffiinn- 
^ gen sollten als Anhaltspunkte bentltzt werden, um die tflr- 
kischen Staatsmänner ftlr den Yorschlag Oesterreichs zu 
gewinnen. Und da es sich fQr die Türkei blos darum ban- 
delte, den innigen Alliirten Bnsslands von seinem Bundes- 
genossen abzuziehen und eine active Betheiligung desselben 
am Enege zu verhindern, so konnte es ihr gleichgiltig sein, in 



„IzccbyCoOgIC 



J96 

welcher Weise die laolinmg der nordischen Macht bewerk- 
stelligt wurde. TTm aber Friedrich's Zustimmnng_ zu erlangen, 
was Kannitz nicht für unmöglich hielt, seilte ihin nicht bloB 
die Aussicht auf Curland, sondern auch auf eine beträcht- 
liche Geldsumme gemacht werden. Die Pforte hatte sich 
bereit erklärt , Oesterreieh mit Geld unter die Arme zu 
greifen. Diese Geldsumme wünschte Kaunitz Preussen zuzu- 
wenden. Das GeldTersprecben und die anderen reellen Vor- 
theile, führte er aus. kannten nicht verfehlen, einen tiefen 
Eindruck auf den K6nig zu machen. Ein Garantievertrag 
zwischen der Pforte, Oesterreieh und Preussen sollte das 
Werk krönen. ^) 

Gewiss, einen eigenthümlicheren und originelleren Plan 
liOrfte wohl schwerlich der Premierminister Oesterreiohs 
zu Tage gefordert haben. Er war indess tou der Durch- 
führbarkeit desselben überzeugt und that sich auch auf die 
Grossartigkeit dieser Idee nicht wenig zu Gate. Er vei^Ucb 
seinen Plan mit jenem im Jahre 1749 ausgesprochenen 
Projecte, als er die Allianz mit Frankreich zum ersten Male 
befürwortet hatte. Auch damals wurde sein Yorschlag als 
chimärisch bezeichnet, welcher später sich dennoch realisirt 
hatte. Und auch jetzt zweifelte er nicht, dass es seiner 
diplomatischen Gewandtheit gelingen werde, dies allerdings 
noch schwierigere Problem zu lösen, wenn ihm nur freie Hand 
gelassen würde in der Auswahl der Mittel und Personen, 
obzwar er zuge^nd, dass er nun bei rorgerückterem 
Alter die „Keckheit früherer Tage" vermisse. 

Eine detaillirt ausgearbeitete Depesche an den Inter- 
nuntius Brognard lag diesem aUeruuterthäiiigsteD Vortrage 
bei. Kaunits mochte hoffeu, die Zustimmung des Kaisera 
und der Kaiserin zu erhalten. Von vornherein konnte aller- 



') Vortrag vom 3. Dec. 1769. (Wiener Archiv.) 



Cg.lzccbyCoOglC 



_2»7 

"dings als ausser Zweifel stehend angenommen werden, dass 
Maria Theresia nnr schwer sich bewegen lassen werde ein- 
zuwilligen. Nicht als ob ihr die Wiedergewinnung Schle- 
siens weniger am Herzen gelegen wäre; aber es war für sie 
eine harte Zumuthung, sich mit den üngUnbigen zur Be- 
Icämpfung BuBslanda zu verbinden; aneh war jene Spann- 
kraft des Geistes, welche ihr in jungen Jahren eigen war, 
im Laufe der Zeit verloren gegangen. Aber ihr zur Seite 
stand als Uitregent ihr Sohn, in der BlQthe der Jahre und 
der Exaft, mit dem brennenden Ehrgeize, eine Rolle zu 
spielen, sich und Oesterreich zur Geltung zu bringen. Das 
Widerstreben der Mutter konnte nur dem Sohue zu besiegen 
gelingen. Für diesen bot das Kannitz'sche Project des Ver- 
lockenden TieL Der Beistimmung des Sohnes schien der 
Staatskanzler gewiss. 

und doch war es Josef, der seine Zweifel an der Durch- 
fohrbarkeit ausfahrlieh darlegte und damit die Sache zum 
Scheitern brachte. Der Schüler war vorsichtiger als der 
Meister und erörterte mit nüchterner Ruhe die ungeheuren 
Schwierigkeiten, die der Verwirklichung entgegenstanden. 

Er zog zunächst die Geschicklichkeit des Mannes in 
Zweifel, durch dessen Hände die Unterhandlung gehen sollte. 
Brt^ard, der damalige Vertreter Oesterreich^ in Constan- 
tinopel, schien nicht die geeignete Persönlichkeit zu sein, 
4er man ein solch schwieriges Werk anvertrauen konnte. 
Sodann hielt er es nicht für wahrscheinlich, dass die Pforte 
Äuf den Vorschlag eingehen werde. Was konnte man der 
Pforte bieten, als die Aussicht, den Kampf gegen Russland 
Abzukürzen. Wurde Oesterreich, wenn es von Seite Preus- 
sens für alle Zukunft sichergestellt ward, für die Pforte 
nicht ein weit gefUhrlicherer Feind als Russland? Und 
musste die Pforte nicht schon ans diesem Grunde sich wenig 
geneigt zeigen, wenn sie ihr eigenes Interesse zu Rathe zog, 
Oesterreich zur Wiedergewinnung Schlesiens zu verhelfen? 



IzcJbyCoOgIC 



1W 

Josef beartbeilte auch den Gef^er seines Hauses ricb- 
tiger als der Staatskanzler. Er bezweifelte es, dass Fried- 
rich seib B&ndniss mit Kussland einer Allianz mit Oester- 
reioh und der Pfbrte opfern werde. Sodann schlug er die 
Bedeutung Schlesiens ffir die prenssiscbe Uonarcliie hoher 
an als Kaunitz, er setzte die Yortheile, wielche Friedrich 
dadurch besitze, in's helle Licht und hielt es i^r unmCg- 
lich, dass er Schlesien abtreten werde, um — Curland und 
ein Stück Polen dafür einzutauschen. Nur ein Land tonnte 
als eine angemessene Entsohädigung f6r Schlesien nach der 
Ansicht Josefs angesehen werden, — Sachsen. 

Ferner zugegeben, dass Friedrich zn gewinnen war. Ohne 
Krieg konnte eine solche Yerändernng der Eart« Enropa's 
nicht erfolgen nud Josef schlug die Wechselftlle desselben 
nicht gering an; erbrachte die ungeheuren Schwierigkeiten 
eines Kampfes mit Rnpsland in Anschiß. Endlich, Eaunitz 
hatte auf die andern Mächte Enropa's gar keine Rfleksicht 
genommen. Josef hob hervor, dass England oder Frankreich 
von Russland gewonnen werden könnten. ') 

Ohne Einwirkung war das Kaunit7:'sche Elabomt auf 
Josef doch nicht geblieben, es bot des Verlockenden viel. 
Es konnte nicht schaden, meinte er, die Pforte zu sondiren. 
Brognard sollte diesen Gedanken als den seinigen ausgeben 
und durch einen geheimen Canal dem Grossvezier mittheilen 
lassen, damit man imStande sei, eventuell Alles in Abrede stel- 
len zu kennen. Die Kaiserin stimmte den Ansichten ihres Soh- 
nes bei. Eine definitive Entscheidung wurde auf diese Weisö 
jedenfalls hinausgeschoben. Kaunitz beeilte sich dem zu 
entsprechen und legte nach einigen Ti^en eine modificirt& 
Weisung an Brognard vor. Eine Absendung derselben er- 
folgte nicht ; die Kaiserin, wahrscAeinlich durch ihren Sohn 

') Not« de S. M. rEmperenr Bur un Projet de nouvean sjateme- 
politiqae m ent«ni«r prea de la Porte. 1768. (W. A.) 



IzcJbyCoOgIC 



U9 

bestimmt, liess dem StaatskaDzler sagen, dass sie aaf die 
Dm'chßhruDg seines Planes verzichte. — 

Der Tag der Znsammenkunil nahte heran. Josef traf 
um Mitternacht am 24. August anter dem Kamen eines 
Grafen Falkenstein mit einem kleinen militärischen Gefolge 
in Neisse ein. Vier T^e blieben die beiden Fürsten bei- 
sammen, in ihren Unterhaltungen militärische und politische 
Gegenstände berührend. - 

Die Lineamente, innerhalb deren sidi der Kaiser bei 
seinen Gesprächen mit dem EJtnige bevegen sollte, waren . 
ihm von Eannitz in einer sorgfältig ausgearbeiteten In- 
struction TOrgezeichnet worden. Eannitz Hess fast keinen 
Punkt unerOrtert, von dem man annehmen konnte, dass er 
gestreift werden wflrde. In der That hat sich Josef an die 
Darlegungen des Staatskanzlers treu gehalten und dieser 
hatte vollständige Ursache mit ihm zufrieden zu sein. 

Vor Allem sollte der ECnig die Ücberzeugni^ ge- 
winnen, dass der Kaiser zu dieser Zusammenkunft nur 
durch den lebhaften Wunsch bestimmt worden sei, seine 
Bekanntschaft zu macheu, und von dem lebhaftesten Ver- 
langen beseelt sei , ein besseres Verständniss zwischen , 
den beiden Hfifen anzubahnen und das bisherige Hiss- 
trauen vollständig zn zersUiren. Der Kaiser Hess es in 
dieser Beziehung an den erforderlichen Redensarten und 
Versicherungen nicht fehlen : 2u wiederholtenmalen betonte 
er, nur der Wunach, den grossen Monarchen kennen zu 
lernen, habe ihn zu seiner Reise bestimmt. Friedrich kargte 
ebenfalls nicht mit schmeichelhaften Erwiederungen, er sprach 
von wahrer Freundschaft und dem Wunsche voUkonmiener 
Anss'lhnniig. Auch des abwesenden Staatsmannes wurde 
gedacht. Der KSnig bezeichnete Kannitz als den ersten 
Kopf Europa's; wogegen der Kaiser der Bewunderung des 
Staatskanzlers für den Köiiig Worte lieh. 

Kaunitz hatte vorausgesetzt, dass Friedrich die Allianz 



.byCoogIc 



zwischen Oesterreicb und Frankreich zuiu Gegenstande seiner 
Gespräche mit dem Kaiser macheu werde. Gerade darauf 
legte er Gewicht, dem Könige die Üeberzeugung beizu- 
bringen, dass dies Bflndniss auf festen, unerschütterlichen 
Grundlagen beruhe. Obwohl er im ]Jaufe der letzten Jahre 
die Hohlheit der Beziehungen zu Versailles kennen gelernt 
hatte, so war er dennoch bemfibt, diese grosse That seines 
I;ebens als den tiefen Bedflrfnissen der Monarchie ent- 
sprechend darzustellen. Bas Bflndniss mit Frankreich, sollte 
der Kaiser erklären , wurzle tief in den Interessen beider 
' Staaten; man k6nne es ein gutes Geschäft nennen, wobei 
jeder Theil seine Rechnung finde. - 

Der KSnig hütete sich eingehende Auseinandersetzungen 
über diesen Punkt zu veranlassen. Josef aah sich genOthigt 
den Gegenstand zuerst zu berflhren. Friedrich begnügte sich, 
die Stellung Oesterreichs dem Bundesgenossen gegenüber 
zu loben; er vermied es sichtlich den Gegenstand tiefer zu 
erörtern. Er beneidete danials Oesterreich um seine Verbin- 
dung mit Frankreich nicht. Ueber die militärische Tüchtig- 
keit der Franzosen legte er eine grosse Geringschätzung an 
den Te^; wenn sie über Krieg oder Taktik reden, sagte er 
einmal, komme ihm dies vor wie das Plappern eines Papageies. 

Auch forschte der König nicht darnach, wie man in 
Wien über sein Bündniss mit Bussland denke. Kaunitz 
wünschte nun, der Kaiser mfige sich dahin aussprechen, 
dass es ganz anderer Natur als die österreichisch-französische 
Verbindung sei, indem es auch die Möglichkeit einer offen- 
siTen Tendenz in sich berge. Josef kam nicht in die Lage 
diese Bemerkung zu machen. Wohl wurde über Bussland 
gesprochen, der König hob selbst die grosse Gefahr, die ron 
diesem Staate dem übrigen Europa drohe, hervor; er leugnete 
nicht, dass ihm die Allianz mit Bussland nothwendig sei, 
wenn sie ihm auch manchmal unbequem werde und viel 
Geld koste; es werde eine Zeit kommen, meinte er, wo 



IzcJbyCoOgIC 



3fl 



weder Oesterfeich noch Freossen im Stande sein durften, 
dem weiteren tJmaich^eifen Eusslands Schranken zu setzen, 
ganz Europa werde dann znsammenhalten mOssen. Josef 
stellte sieb vollständig gleichgQltig. er erwiederte: der König 
bilde die Avajitgarde. 

Gerade die brennendsten Fragen des Tages wurden 
nor flAchtig und obeEflächlich berührt. Friedrich lenkte 
wohl das Gespräch zu wiederholtenmalen auf den Krieg 
Bnsslands juit der Pforte und regte eiae Mediation Oester- 
reichs an. Die Pforte sollte dieselbe anrnfeu. Gelang es ihm 
Oesterreich tüi diese ÄuR'assui^ zu gewinnen, so war wenig- 
stens eine äussere Veranlassung geboten, um in Petersburg 
FriedeosTersuche zu machen. Allein er vermied es ein be- 
sonderes Gewicht darauf zu legen, um nicht das Misstraneu 
Josefs zu erregen. Auf den Auwurf Friedrich's entgegnete 
der Kaiser, eine einseitige Aufforderung von Seite der Pforte 
geuQge wohl nicht, beide kriegfahrenden Theile mQssten 
die Mediation verlangen. Dass aber von Bussland in dieser 
BichtuDg ein Schritt zu erwarten sei, bezweifelte Friedrich 
TDit Becht. Der polnischen Angelegenheiten geschah nur in 
Verbindung mit dem russisch-türkischen Eri^ Erwfthnui^; 
eine eingehende ErSrteTung der dortigen Verhältnisse fand 
nicht statt. Wohl aber hatte der Kaiser Gelegenheit, die 
Throncandidatur des Primsen Albert in Abrede zu stellen 
and die ftsterreichische Auffassung auseinanderzusetzen, 
durch welche Mittel die Buhe in Polen hergestellt worden 
konnte. Der Kdnig begnQgte sich mit der Bemerkung: 
BoBsland werde schwerlich auf solche Vorschläge eingehen. 
Die Anfri^e Friedrich's, ob er nach Petersburg schreiben 
solle, wie sehr man in Wien die Herstellung der Buhe in 
der Türkei und Polen wünschte, beantwortete Josef mit 
souveräner Gleichgflltigkeit; es sei ganz indifferent, sagte 
er, was der Kftnig zur Kenntniss des russischen Hofes bringen 
wolle, er solle, schreiben, was er fOr angemessen erachte. 



DgilizcObyCoOglC 



Nur über einen Punkt wurde eine Eiaigoi^ eni^t. 
Friedricli r^^ zuerst die Keutralitftt isx beiden' Staaten 
für den Fall eines AusbrnchB des Kri^ea an. Kaunitz hatte 
hjefOr Torgesorgt. Jos^ Terstftndigte sich mit dem Könige 
Qber die Form der Verabredung und SbMgab demaelbea 
den ihm von Kannitn zn diesem Behnfe mitgegebenen Ent- 
wurf eines Briefes. Hierin wurde ^ne Neutralität Oester- 
reiohs und Freussens bei allen bevorstehenden Kriegen Tor- 
geschlagen. Friedrich konnte hierauf nieht eingehen, da er 
durch seinen Vertrag mit Bussland besflgUeh Polens und 
Schwedens gebunden war; er war geneigt, einem auf Deutsch- 
land und beide Staaten, Oesterraich undPreussen, sich besie- 
hfludea Neutralit&tGversprechen zusustimmeu. Josef ging 
hierauf ein; zunächst nur aus dem Urunde, wie er in seinen 
Aufiseichnungea sagte, um das Misstrauen des KOnigs nicht 
wachzurufen. 

Kaunitz hatte in seiuer Instruction an den Kaiser 
auch noch andere Punkte tierOhrt: die baierisehe Suoces- 
sionsfrage, Anspaoh und Baireuth, die fi^elung der Erb- 
folge in Prenssen. Allein alle diese Gegenstände kamen gax 
nicht zur Sprache, nur mit dem Prinzen Heinrich hatte 
der Kaiser Gelegenheit aber die fränkischen Herzogthümer 
ein^e Worte zu wechseln. *) 

So sehr man in Wien seit Jahr und Tag eine Beg^- 
nui^ der beiden Fürsten gewünscht hatte, naehgerade schliß 
man die Bedeutung derselben nicht hoch an. Der Kaiser 
legte der Nentralitätsabmachung keinen besonderen Werth 
bei; die ganze Sache sei eigentlich hj}chst unschuldig, schrieb 
er, mui sei durch nichts gebunden und w&re bei einem Kriege 
vollkommen in der Lage zu thun, was man wolle, sich ein- 
zumischen oder fem zu bleiben. Auch Kaunitz theilte diese 
Ansicht Josefs; die zwischen den beiden Monarchen aus- 
gewechselten Briefe, setzte er der Kaiserin auseinander, 

'} VigL du DeUil in meiner Abhuiillimg. S. 407 ff. 



IzcJbyCoOgIC 



eathalten eigentlich nichts mehr ala eine einfache Bestätiguog 
der durch die Verträge ohnehin bestehenden Verpflichtungen ; 
die Briefe hättea ebenso gut ungeschrieben bleiben kOnnea. 
Dagegen empfand er, und wahrscheinlich auch die Kaiserin, 
ein besonderes Bebten Aber den gerade nicht günatigen 
Eindruck, den der König auf Josef gemacht hatte. 

Ganz anders bei Friedrich. Nicht ohne Erwartungen 
hatte er, wie wir gesehen, die Reise angetreten, den Äbschluss 
eines Vertrages mit Russland aus dem Orunde verzSgett, 
um Zu sehen, ob in Neisse nicht etwa eine Vereinbarung 
mit Oesterreioh zu Stande ksme, die es ihm ermöglichen 
würde, die Fesseln der russischen Allianz wenigstens theil- 
weise abzustreifen. Aus diesem Grunde betonte er in seinen 
Gesprächen mit Josef die Nothweudigkeit eines beiderseitigen 
guten Einverständnisses. Indess dieser wich eingehenden Aus- 
einandersetzungen aus; es erfordere dies eine reife Ueber- 
legung, sagte er dem Könige, käme man nur vorläufig Über 
die Neutralität übereio, so werde sich alles Uebr^e künftig- 
hin schon bewerkstelligen lassen. Er beruhigte den König 
über Schlesien, aber ein weitergehendes Abkommen, wor- 
auf Friedrich Werth zu legen schien, wollte er vertagt 
wissen. Der König gab zu, dass ea allerdings schwer sei, 
zu einem versöhnten Gegner volles Vertrauen zu fassen, 
sprach aber die Hoffnung aus, die Zeit werde das „patrio- 
tische deutsche System" zur Keife brii^en; er regte den 
Gedanken an, dass die Monarchen einander bei etwa auf- 
tauchenden Differenzen zuerst schreibea möchten, ehe die 
Minister sich der Sache bemächtigen. Josef leugnete nicht 
die Tragweite eines beiderseitigen Bündnisses; allein auf 
die von Friedrich gewünschte Verabredung wollte er nur 
für den äussersten Fall eingehen. Auch nach seiner Rück- 
kehr schlug der König den Nutzen dieser Zusammenkunft 
und das eiDgegangeoe Nentralitätsversprechen höher an, 
als CS in Wien der Fall war. In seinem Briefe an Finken- 



IzcJbyCoOglC 



atein sprach er Bicb sehr gQnstig über Josef aus; er glanbe^ 
dass er nichts BOses wolle und gut gesinnt sei; er enrartete 
mit der Zeit bessere Beziehungen zu Oeeterreich hei^estellt 
zu sehen. Eb l&sst sich nicht in Abrede stellen, dass er eine - 
ehrliche und offene Verständigung mit dem Nachbarstaate 
fluchte. Die Briefe, die Friedrich an Finkenstein schrieb, 
lassen darüber keinen Zweifel aufkommen. ') 

Indess vollkommen be&iedigt war auch Friedrich Qber 
die Besultate seiner Reise nicht, jedenfalls musste er jeden 
G-edanken, seine Beziehungen zu Russland loser zu gestalten, 
bald fahren lassen. 

Bei seiner Rückkehr nach Berlin harrten seiner Berichte 
seines Gesandten, die ein Entgegenkommen Ruaslands bekun- 
deten. Die Zusammenkunft in Neustadt war hierauf nicht 
ohne Einfluss. Die Beschränkung bei der Garantie der frän- 
kischen Markgrafthümer wurde nach Panin's Ausspruch als 
nicht gemacht betrachtet; bezüglich Schwedens lauteten die 
Erläuterungen zufriedenstellender. Finkenstein, von dem Eo- 
nige befragt, sprach sich t^r die Erneuerung des Vertrages^ 
aus, und im September übersendete Friedrieh einen modificir- 
ten Entwurf an Solms. Die Hilfsleistung an Kussland war 
genau präcisirt, jedoch die Verpflichtung flbernommen, sich 
den etwaigen Versuchen Sachsens in Warschau, einem Mit- 
gllede des kurßrstlichen Hauses die polnische Krone zu ver- 
schaffen, zu widersetzen. Nicht minder übernahm Friedrich 
bezeuch des Kdnigs toq Polen, der polnischen Verfassung, 
der Dissidenten besondere Verbindlichkeiten. Im Falle von 
Schweden ein Angriff auf Bussland erfolgen oder die schwe- 
dische Verfassung vom Jahre 1720 eine einschneidende Aen- 
derung er&hren sollte, verband sich der KOnig zu einer 

*) TTgl. du Schreiben Friedrich'« &n FinkooBtein bei Banke- 
die deotscben M&chte und der Faratenbiuid; ein uidcree an den Mi- 
nister stimmt &Bt wörtlich mit der Depesche ui Solma fiberein, abge- 
drnckt bei Smitt, Prüderie U. et Catherine II. p. 1. 



IzcJbyCoOgIC 



»8 

Diversion gegen Scbweden, und zwar nathigen&Ils duicti Be- 
setzung von Schwediscli-Foinmern. Weitere Verbindlichkeiten 
wollte Friedrich nicht übernehmen, obzwar das ihm von rub- 
sischer Seite Anfangs des Jahres gemtchte Anerbieten ver- 
lockend genug war. ') Diesmal beeilte man sich in Petersburg 
an die Unterzeichnung des Vertrages sa schreiten , da man 
eine Allianz zwischen Prensseii und Oesterreich befürchtete. 
Am 12. October 1769 wnrde der neue Vertrag, dessen Dauer 
auf acht Jahre festgestellt wurde, unterfertigt.^ 

') Je Boia fond^, qu'on ue fem rien ici pour empechei V. H. 
de a'entparer de StralBond et de tonte 1» Pomeranie soedoUe et qn'OD 
ne s'opposera point qn'elle ne Taiineie poar toujoara ä aes aatre» 

Pi i o 1 M- December 1769 ,„ . , 

Etats. Solma am .■ ; ■.., ..,,„ (B. A.) 

10. Jannar 1770. ^ ' 

*) Der Schweden betreffende Artikel laeret abgedtockt in dot 

Üenvret de Frederic le Grand T. XXVII Iftre partie p. 381. 



' : Dl» snM ThtiloBf Folaiu. 



IzcJbyCoOgIC 



Achtes Capitel- 

Die Öaterreiclnach-preussiflche Mediation und die 
Zusantmenkunft in Neustadt. 

Der erneuerte Yertrag mit ßussland, der dem KOoige 
neue grosse Opfer auferlegte, gewährte ihm nicht die sichere 
Beruhigung, dass der Kampf im Orient nicht weitere Di- 
mensionen aunehDien werde. Das erste Kriegsjahr war vor- 
Ubei^egangen, ohne dass eine der kämpfenden Parteien er- 
kleckliche Erfolge aufzuweisen hatte. Die Eroberung Cbotzims 
am Ende des Feldzuges wollte nicht viel besagen. Bei sei- 
ner genauea Kenntnis^ Catharina's und ihrer Staatsmänner 
zweifelteFriedrich nicht daran, dass RuBsland hochgeschraubte 
Forderungen stellen wQrde, wenn das Kriegsglück seinen 
Waffen fürderhin lächeln sollte. Jetzt war es noch möglich, 
unter massigen Bediugungen den Frieden herbeizuführen. 
Friedrich war in dieser Richtung nicbt unthätig. Durch 
Zegelin liess er die Stimmungen in der türkischen Haupt- 
stadt erforschen; in Wien durch seinen Gesandten dem 
Fürsten Kaunitz seine Geneigtheit anzeigen, in Verbindung 
mit Oesterreich die Mediation zwischen der Pforte und Buss- 
land zu übernehmen. Hier war man über diese Eröffnung 
hoch erfreut. Der Verlauf des Krieges hatte die Gesichts- 
punkte, denen Fürst Kannitz beim Beginn desselben gehul- 
digt, vollständig über den Haufen geworfen. Er war zeitweilig 
von der Annähme ausgegangen, dass die Kräfte der Bussen 
und Tflrken einander die Wage halten und keiu Theil über 
den andern ein entschiedenes üebergewicht erlangen .würde. 



IzcJbyCoOgIC 



807 

Traf diese YorauBsetzung zu, dana war der Krieg nur von 
grossem Nutzen und eine längere allgemeine Ruhe zu er- 
warten, wenn Bussland und die Pforte sich Tollständig er- 
schöpft und eine Anzahl von Jahren nOthig hatten, um die 
erlittenen Verluste zu ersetzen. 

Die Dinge hatten nun. eine andere Wendung genommen. 
Bussland hatte einige Erfolge errungen, und wenn dieselben 
auch nach der fast allgemein herrschenden .Ansicht; mehr 
dem GlQcke als der Tflchtigkeit der Feldherren nnd Heere 
SU danken waren, sie Hessen sich einmal nicht I&ugnen und 
warfen das ohnehin durch die Macht der That»achen auf- 
gedrungene, erkünstelte politische Kartenhaus des Staats- 
kauzlers über den Haufen. Wie leicht konnte Kleinmuth 
die Türken übermannen und sie bewegen, einem nacbthei- 
ligen Frieden die Hand zu bieten! Unstreitig erlangte dann 
Bussland grosse Vortheile ' und für lange Jahre hinaus, be- 
kam es die Hände, wenigstens was die Türkei anbelangt, 
freL Der Staatakanzler sah im Geiste die Dictatur Buss- 
lands im Norden für die Dauer befestigt. In Schweden ver- 
mochten alle diplomatischen Künste der Franzosen nicht 
Bussland ans dem Felde zu schlagen; Dänemark, fast aus- 
schliesslich mit dem Austausche Holsteins beschäftigt, musste 
sich aus diesem Omnde der moskowitischen Macht will- 
fährig enreisen; in Polen gebot der russische Machteinöuss 
unbedingt, mit Preussen war Catharina im Bunde. „Frei 
von Seite der Pforte", schriel) der österreichische Staats- 
kanzler in diesen Tagen, ,4n Schweden und Polen Meister, 
Ton Dänemark und Prenssen wen^stens nicht gehindert, 
hat Ako Bussland ■ die nordische Dictatur in Händen und 
die Liga in seiner Gewalt, welche nur noch darch ethische 
Subsidien beseelt zu vrerden nOth^ hat, um den gefSbrüch- 
£ten Ausbruch zu veranlassen." ') 



') An Thngut 6. Juiuar 1770. (W. A i 



IzcJbyCoOgIC 



M8 

Die .systematische iDactivit&t^' Oesterreicfas erschien 
dem Fürsten XauDitz, nachdem die ümst&nde eine solche 
Aenderni^ erfahren, nicht mehr am Platze za sein. Er sann, 
nach Mitteln, am den gefflhrlichen Folgen einer russischen 
Superiorität vorzubeugen. Dies Ziel war schwer zu erreichen., 
wenn freussen seine Mitwirkung versagte, leicht, wenn der 
König, wie Eaunitz meinte, sein wahres Interesse verstaiid. 
Seit seiner Entrevue mit Josef hatte sich die Schroffheit des- 
Mberen Yerh&ltnisses etwas gelindert, eine Terstftadigiuig. 
wenigstens aber einige nicht unwichtige Punkte war auge- 
b&hnb worden. Die frfiher in den Wiener Kreisen herrschende 
Meinung, Friedrich erspähe nur den geeignetsten Moment, 
um abermals aber die Monarchie herzuEallen, war einer 
anderen Auffassung gewichen. Nicht etwa die Friedensliebe 
Friedridi's schlug man hoch an, man war nur der Ansicht, 
er werde dies Wagniss nicht wieder unternehmen, nachdem 
er in dem letzten Kriege seine Kr&fle mit den Österreichi- 
schen gemessen und oft beinahe an den Band gftnzUcher Ver- 
nichtung gebracht .worden war. Ferner nahm Kaunitz fast. 
als gewiss an, dass der König die zunehmende üeb^rmacht 
Russlands mit scheelen At^en verfolge und sich den ihm 
kttnftighin drohenden Gefahren nicht ganz verschliesse, wenn 
@r aucb an dem BQndniss mit dem Petersburger Hofe nicht 
gerüttelt wissen wollte. 

. In der That waren Friedrich und Eaunitz. allerdings 
darin einverstanden, dem Kriege wo möglich durch eine- 
etwaige gemeinsame Vermittlung ein Ende zu machen. Hie- 
Ton abgesehen, ^gen die Richtungen scharf auseinander. 
Kaunitz überzeugt, dass die Herstellung des Friedens im. 
Oriente nur durch die vereinigte Mediation Freussens und 
Oesterreichs erreicht werden kCnne, .&sste dabei zugleich 
Polen in's Auge und wollte durch ein Zusammenwirken mit 
dam Könige gleichzeitig die Angelegenheiten in Warschan. 
geordnet und geregelt wissen, am dem üebergewichte Buss- 



Cg.lzccbyCoOglC 



301 

lands daselbst ein Ende zu machen. Ferner war .der fister- 
reichieche Staatskanzler von der üeberzeugung durchdrun- 
gen, daas BussUnd nur dadurch bewogen werden dflrfte 
einem Frieden die Hand zu bieten, wenn die Mediation mit 
-ernstlichem Nachdruck betrieben und selbst Demonstrationen 
nicht ausser Acht gelassen wfirden. In beiden Punkten war 
Friedrich nicht gewillt, mit dem Staatskanzler unbedii^ 
Hand in Hand zn gehen. Seiner Tendenz entsprach es voll- 
kommen, wenn Oesterreioh in entschiedener Weise g^en 
Bussland Front machte, seine eigenen Friedensmahnungen 
konnten dadurch um so grösseren Eindruck in Petersburg 
machen. Eaunitz war der Ansicht, Friedrich sei im Irrthum, 
venn er annahm, eine entschiedene Haltung Oesterreichs 
allein werde in Petersburg Eindruck zu nuchen nicht ver- 
fehlen. Friedrich sollte sich entschliessen, von zwei Hebeln 
das kleinere zu wählen und seine Kebeurücksichten fClr 
Bassland eine Zeit lang bei Seite zu setzen, eine gleich 
ernsthafte Sprache reden und ähnliche Demonstrationen 
g^en den Petersburger Hof in Seene setzen, wenn ein Er- 
-folg, nämlich die Wiederherstelluug des ehemialigen Systems 
und Oleichgewicbts, erreicht werden sollte. Noch hatte Kau< 
nitz nicht alle Hoifnung aufgegeben, seiner Ansicht bei dem 
Könige zum Siege zu verhelfen. Vorläufig sollten aber blos die 
nßthigen Vorbereitungen getroffen werden, um, wenn eine Eini- 
gui^ mit Friedrich über die Modalitäten des weiteren Vor- 
gehens erzielt wurde, allsogleich an's Werk gehen zn kOnnen. 
In Siebenbürgen wurde die Zusammenziehung eines 
Armeeoorps beschlossen. Es bedurfte grosser Geschicklichkeit, 
um die Bedeutnug dieses Schrittes der Pforte im richtigen 
Lichte zu zeigen, denn in Constantinopel war mau über die 
Stellung Oesterreichs nicht vollkommen beruhigt. Die Türken 
3Ch6pften|Verdaclit,dasa diese militärischen Massnahmen gegen 
sie gerichtet seien. Kannitz suchte sie durch die Darlegung 
thunlichst zu bemhigen, dass nur der bedenkliche umstand. 



IzcJbyCoOgIC 



die W&Uachei im Besitse d«r ßnssea sn wissen, die Ver- 
anlassung der Truppenzusammenziehung sei. Man wolle sich 
auf alle Fftlle gegen die nisaiaehe Nadibarschaft in Bereit- 
schaft halten, die österreicliisehe Grense decken, dem rus- 
sischen Hofe durch diese Demonstration* Gelegenheit zum 
Nachdenken geben. Gleichseitig gab mau in Const&utinopel 
zu verstehen, maa sei bereit noch mehr zu thnn, überhaupt 
Allem die Hand zu bietea, was zur Beförderung eines Frie- 
dens beitr^en könnte. Russland werde i^ich jedoch nicht 
so leicht d&2U bequemen, es komme daher hauptsächlich 
darauf an, dass die Pforte bei dem Könige von Preussen die 
geeigneten Schritte mache, um ihn nicht nur zurMitflber- 
nabme der Mediation, sondern auch zu einer erusthaften 
Unterstatzung, im Falle jene fehlschlagen sollte, zu bewe- 
gen. Nur dürfte die Pforte nicht durchblicken lassen, dass 
Oesterreieb ihr angerathen diesen Schritt zu thun. Sie 
müsste im Gegentheil heucheln, als sei sie bezüglich Oester- 
reichs nicht ganz ausser Sorgen; wemi der preussische Ge- 
sandte sich angelegen sein lassen werde, den Ministern jeden 
Verdacht zu benehmen, dann sei zu hoffen, dass die Bemü- 
hungen, Preussen zur Ergreifung geeigneter Massnahmen 
zu bestimmen, nicht fruchtlos bleiben würden. 

Der Flau des Fürsten Kaunitz war gut erdacht. Nur 
täuschte er sich, wenn er im entferntesten wähnen konnte, 
dass Friedrich so leicht dem russischen Bündnit^a werde ab- 
spenstig gemacht werden können. Oesterreieb allerdings 
wagte dabei gar nichts. Dean, selbst wenn Kussland von 
diesen Versuchen Kenntniss erlangte, erfuhr es nur, was 
es ohnehin schon wusste, dass man in Wien mit sorgsamen 
Blicken seinen Fortschritten folgte. Der Einfluss Oesterreichs 
in Gonstantinopel konnte dadurch nur gesteigert werden, 
und wenn Preijssen sich weigerte, den Wünschen der 
türkischen Minister nachzukommen,'] kam es iu Gefahr, 
seine ganze Stellung bei der, Pforte einzubüssen, jeden- 



IzcJbyCoOgIC 



a n 

&lls ein, wenn auch kleiner Krfolg ßeterreichischer Staats- 
knnst. ') 

Die Hoffniing, die Pfortenminister mj^güchst rasch in 
diese Action bineinznzieben, mnsste nur zu bald wieder auf- 
gegeben werden. Vei^ebens bemtllite sieb Thugat, von Ze- 
gelin auf das Wärmste nnterstütst, in Constantinopel dem 
Frieden das Wort zu reden. Preussen macbte Bich anhei- 
schig, die Bürgschaft zu übernehmen, dass man in Wien 
nur freundschaftliche Qesinnnngen gegen die Pforte hege. 
es empfahl die Annahme einer Vermittlimg OeBterreichs 
und erklärte sich bereit ebenfalls daran Theü nehmen zu 
wollen. ") Noch war indess die kriegerische Stimmung nicht 
verraucht. Anstatt auf diese Vorschläge einzugehen, flragte 
der Reis Effendi, ob Oesterreicb sich nicht mit der Pforte 
gegen Bussland Terbinden würde, und begleitete diese In- 
sinuation mit der Enthüllnng, dass noch unmittelbar vor 
der Kriegserklärung Rnsfiland in Gemeinschaft mit Preussen 
die Pforte durch Anerbietung grosser Geldsummen habe be- 
wegen wollen, die Wsffen gegen Oesterreich zu kehren. 
Die Pforte sei gewillt, auf jeden Antrag des Wiener Hofes 
einiugehen; durch eine gegenseitige Verständigung werde 
man allen Mächten Gesetze vorzuschreiben im Stande sein; 
insbesondere hinge es nach der Vertreibung der Russen aus 
Polen von Oesterreich ab, entweder die Wahl eines anderen 
Königs vornehmen zu lassen, oder Polen mit der Pforte 
zu theilen. Den Vorschlag Tbugut's lehnten die Minister 
unter dem Vorwande ab, dass die Pforte bei einer neuen 
nnd nicht bedeutenden Macht wie Preussen nicht den ersten 
Schritt tbun könne, und gleichzeitig erklärten sie dem preus- 
sischen Dolmetsch, dass man sich schwer zur Annahme der 
Mediation Oesterreichs zu entschliessea in der Lage sei. da 



■) Bcecripte an Thagat vom fi. a. 19. Jaauar IT70. (W. A.) . 
') Von Tbnpit 17. Febr. 1770. (W. A.) 



IztUbyCoOglC 



all 

man demselben nicht trauen dürfe und befürchten mOase, es 
verde bei dieeer Gelegenheit Belgrad wieder erhaschen wol- 
len! ') Einige der türkischen Staatsmänner sehnten allerdings 
den Frieden herbei, allein sie wagten es nidit für densel- 
ben einzutreten, aus Furcht, sich die Ungnade des Sultans 
zuzusiehen. Zegelin meinte: die Pforte werde nur dann in 
Fnedensunterbandlungen eingehen, wenn diese im Namen 
RuBslands erbeten würden. *) 

Der erste Versnch des Fürsten KaunitE, mit Bilfe der 
Pforte das sehnsuchtsvolle Ziel zu erreichen, war missglückt. 
Bis znm Ausgang des nächsten Fehlzuges wollte er auf 
weitere Schritte in dieser Sichtung Terztchten. Friedrich 
ging von ähnlichen Gesichtspunkten aus. 

Zeitweilig, wenn auch vorübergehend, lullte man sich 
iu Wien mit dem Gedanken ein, dass vielleicht Russland 
die Initiative zum Frieden ei^reifen werde. Man wähnte, 
dafis die Zusammenziehung von Truppen in Siebenbüi^en in 
Petersburg nicht ohne Eindruck bleiben werde. Bohd, der 
preussische Gesandte, machte wenigstens in dieser Sichtung 
die Mittheilung, dass Bussland seinen Verdacht gegen Oester- 
reich zu erkennen gegeben; sein EOoig habe jedoch die 
Antwort ertheüt, es seien dies nur Vorsichtsoiaesnahnien. 
Saunitz wQosehte, Friedrich möchte doch bei einer noch- 
maligen Anfrage antworten, die in Siebenbürgen getroffenen 
Anstalten bezweckten blos die eigene Sicherstellung; Oester- 
reich sei fest entschlossen, an dem g^enwärt^en Kampfe 
sich nicht zu betheiligen, so lange Russlaud durch seine 
Eroberungen nicht das Gleichgewicht im Orient vollständig 
aas den Fugen bringe, für welchen Fall es vielleicht 
sich geuQthigt sehen würde, aus seiner Passivität hervor- 



') Thngnt vom 24. Hin 1770. (W. A.) ZegeUn vom 3. Febr. 
1770. (B. Ä.) 

') Z^elin'B Berichte vom 17. Febr. u. 17. Hin 1T70. (B. A.) 



IzcJbyCoOgIC 



81» 

zutreten, oline im Voibineio bestimmea m ktinnen, zu wel- 
chen Hassnabmen es sieb entscbliessen werde.') Die Eau- 
nitz'scben Erklärungen waren immer in rorsicht^er Weise 
darauf berechnet, auf alle mAglicben Eventualitäten An- 
wendung zu ünden. Jedenfalls Hessen die dunklen Worte 
des Staatskanslers eine doppelte Auslegung zu. Bai^n sie 
«inerseits kfihne Thatenlnst zum Schutze der Pforte, so 
war auch die M!>glichkeit einer Verständigung über die 
TOrkei nicht angeschlossen, wenn der gebotene Preis der 
Mühe lohnte. 

Die diplomatischen Verhandlungen traten während des 
Sommers vor den kriegerischen EreigoiESen in den Hinter- 
grund. Krat die Nachrichten von dem Missgesebick, wel- 
ches die Flotte betroffen, rüttelte die türkischen Minister 
empor. Kriegerische Gelüste und friedliche Strömungen 
wogten unklar durcheinander. Bald wurde in einer Versamm- 
lung, an welcher sich die Minister und eine Anzahl Legisten 
in der Bebausui^ ies Mufti betheiligten, beschlossen, dem 
Sultan die Nothwendigkeit des Friedens vorzustellen; bald 
tauchte wieder die Furcht vor der Armee auf; man hielt 
die Ruhe in der Hauptstadt fQr geerdet; es hiess, der 
Sultan werde sich an die Spitze der Armee stellen und habe 
schon den Befehl gegeben, die erforderlichen Vorbereitungen 
zu diesem seltenen Ereignisse zu treffen. Doch behaupteten 
schliesslich die friedlichen Tendenzen die Oberhand. Der 
Reis Effendi und der Kaimakam redeten dem Frieden das 
Wort. 

In den ersten Augustt^en liess der Reis Effendi 
Thugut sagen, die Pforte werde binnen Kurzem die Ver- 
mittln!^ Oesterreiehs fUrmlich anzurufen bereit sein. Thu- 
gut ftbergab in Folge dessen ein Memoire, worin er die 
Geneigtheit seines Hofes darauf einzugehen in vor^icbtigei 

') 19. Juni 1770 an Thugut (ff. A.) 



izcubyCoOgIc 



tu 

Weise aussprach.*) Schon am 13. Au^usL äbersuadete 
Tbugat das Schreiben des Eaimakam an den gtaaUbansler, 
ein zweites an Colloredo; gleicbzeit^ erhielt Zegelin ein 
ähnliches SchriftstQck an Finkenstein eingehändigt.'') Thu- 
gut wiisste auch zu herichten, dass England alle Minen 
springen lasse, um an der Mediation Äntheil zu nehmen; 
«B habe sich sogar kut liesahlung der Kriegskosten anhei- 
schig gemacht.') 

Als diese Depeschen iu Wien einliefen, stand gerade 
eine sweite Zusammenkunft Josefs und Fiiedrich's, diesmal 
auf österreichischem Boden, bevor. Dieselbe erhielt schon 
dadurch eine grössere Bedeutung, dass auch der Staats- 
kanzler daran Autheil nehmen sollte. Küunitz befand sich 
in Austerlitz, als ihm die vorläufige Anze^e aus Constan- 
tinopel zuging, dass die Pforte die Vermittlung Oesterreicb.s 
anzunehmen gesonnen sei. Die Bussen hatten im letzten 
Feldzuge Siege Über Siege erfochten, Füi'st Kauuitz sah sie 
schon die Donau überschreiten, ohne dass ihnen die Türken 
Widerstand entgegensetzen konnten. Er fiberdachte alle 
Eventualitäten, wie das Vordringen des nordischen Kolosses 
gehemmt wfrüen könnte. Seiner Meinung nach war das 
Mittel ein höchst einfaches. Wenn Öesterreich und Prenssen 
sich mit einander verbanden nud die antirussische Partei 



') Se Is fulgida Port& deaidera Talta mediazione di Lora Mae8ta. 
Thugut'a Depesche vom 7. Augast 1770. 

') Die DnterBchiede in diesen Schriftstücken in einet Depeaclie 
Thngut'B Tom 13. Aag. 1770 hervorgehoben. Der Schluüssati an £au- 
nitz enthielt die Worte: Dass der österreichiache Hof durch seine 
Veimittltiiig an der Herstellung des Friedens auf eine solche Art, 
durch weldie die Ehre der Pfurte in den Angoa der flbrigen HSfe 
nicht ZD nahe getreten würde, arbeiten tnSge; in dem an Pieussen 
gerichteten Schreiben stand der Pasaus : Durch Eure Vermittlung uud 
wie Ihr Euch dtuu anheischig gemuht. 

') Thngttt vom 13. Aug. 1770. (W, A.) Zegelin vom 13. Aug. 
1770. (B. A) 



IzcJbyCoOgIC 



in Polen znr Mitwirkung herangezogen wärde, wurde Bass- 
land genöthigt die Segel zn streichen. Die Absetzung des 
Königs wurde hiebei tob dem Staatskanzler nicht bezweckt, 
im Gegentheil eine AuasOhnnng aller- Parteien zum Behufe 
einer Bek&mpfong Busslands in dunkle Aussicht genommen. 

Bisher hatte Oesterreicb den Confiiderirten gegenüber 
eine eigenthamliche Stellung eingeaoounen. Alle Anwürfe, 
die von Seiten derselben gemacht wurden, um eine ünter- 
st&tzung oder wenigstens isdireet eine Ftirderung zu erlan- 
gen, beantwortete man in Wien ausweichend. Man erkannte 
dieselben nicht als kriegführende Macht an und lehnte es 
anch ab, einen Qesandten in ofGcieller Weise zu empfangen. 
Man gewahrte den Flüchtigen ein Asyl, ohne aber die 
Grenzeu der Neutralität, innerhalb deren man bleiben wollte, 
zu überschreiten. Seit dem Ausbruche des Türkenkrieges 
wurde man zumeist auch von dem Gesichtspunkte geleitet, 
zur PaciäcatioD des Landes, selbst wenn die Möglichkeit zum 
Eingreifen vorhanden gewesen w&re, nicht beizutragen, damit 
die in Polen anwesenden russischen Streitkräfte nicht heraus- 
gezogen und gegen die TUrken verwendet werden kSnnten. ') 
Die ConßJderjrten verzichteten nie auf die Hoffnung, dass 
man sich in Wien vielleicht doch bestimmen lassen dürfte, 
ihnen unterstützend unter die Arme zu greifen, wozu der 
Verkehr des Kaisers mit einzelnen Führern und die orakel- 
hafte Sprache des Staatskanzlers beigetragen haben mögen. 
Bestimmte Zusicherungen dürften sie schwerlich erhalten 
haben, wenn auch der Gedanke, sich der Conföderirten bei 
geeigneter Gelegeuheit 2u bedienen, in den Gombinatiouen 
des Staatskanzlers eine Stelle einnahm. Bisher freute man 
sich in Wien blos ober die Verlegenheiten, die den Bussen 
aus den polnischen Wirren erwuchsen. 

Unmittelbar vor der Zusammenkunft in Neustadt 



I Instruction an Bevitiki. (W. A.) 



IzcJbyCoOgIC 



8 II • 

befendea sich der Marschall der GonfOderation, Graf Fac, 
und der Marschall einer ProTinzial-GonfSderatioiL, Lninsky, 
in Wien, der Kaieerin ftkr das Asyl zu danken, welches sie 
den FlCtehtigeu in Ungarn gew&hrt habe, sodann aher auch 
um eine UnterstOtzung Oesterreichs in Anapruch zu nehmen. 
Die Stellni^ der Conf5deration wurde mit einem Schlage eine 
andere, wenn es ihnen gelang, die Anerkennung Oesterreichs 
zu erwirken. Da Eaunitz von Wien abwesend war, so warde 
die VerhaniUnng mit seinem Stellvertreter, dem Grafen 
Pergen, gepflogen. Die Forderung ging dahin, Lninaki als 
Vertreter der ConfÜderation anzuerkennen und von demselben 
ein B^kabigongsschreiben entg^enzunehmen. Man wollte 
sich begnQgen, wenn dieselbe nur erfolge, übrigens jedoch ge- 
heim gehalten wQrde ; es sollte dem Vertreter blos Gelegenheit 
geboten werden, sich den massgebenden Kreisen zu nähern und 
in fortwährender Berührung mit denselben zu bleiben. Die 
ConfSderation beabsicht^te damals den Fürsten BadziwÜl 
nach Constantinopel zn entsenden, und es wurde das Ansu- 
chen in Wien gestellt , demselben zur Fortsetzung seiner 
Eeise einen Pass zu gewähren. Ausserdem verlangte Graf 
Fac, man möchte den von den ConfiMerirten. aufgestellten 
ZoUeinnehmera fj^statteu, sich an der ungarischen Grenze 
außnihalten; endlich forderte er ungehinderten Briefverkehr 
mit den ConfSderirten in Oesterreicb und die Erlanbniaa, 
ihre Kanonen, Waffen u. dgl. aus Ungarn nach Polen brin- 
gen zu dürfen.^) 

Auf den Bath des Grafen Kaonitz, dem der Act zur 
Begutachtung übersendet wurde, entschied die Kaiserin. *) 



') Promemoria poiir «on Exceltence le Cte de Pwgen. (W. A.) 
') B«pouEe8 margiiialea aa Pro-Meinoria remis a Vionne pftr le 
Cte de Pac an Comto de Pef^en Au»terliti lo 30 Aont 1770. {W. A.) 
FQr die fiesinuung der Kaiwrin ist ihie ReKolution beieichnend. Sie 
schrieb aaf den Vertrag : Nach dleseu remarquen des P&rateii EaonitE 
zu eipodiren. Die termc ein wenig hamitleydendei seind UDglQcUicli 
genug. Vtrtra^ 28. August 1770. 



IzcJbyCoOgIC 



817 

Von einer Anerkenanng der ConfSderation war nat&rlicli 
nicht die Bede. Freies Asyl sollten die Flaohtlinge auoh 
künftighin hekommen , wenn sie keinen Missbrauch nUt 
dieser Gnade treiben wflrdeu. Badaitrill und seine B^leiter 
sollten F&sse erhalten, aber ihr Charakter in dem Scihrift- 
Btficke nidit erwähnt werden. Die TJtiberfllhrut^ voo Kriegs- 
geräth aus Ungarn nach Polen wurde gestattet, nur durfte 
dasselbe, wenn es einmal die Grenze QberBchritten, nicht 
mehr znrflokgebracht werden. Die Aufstelloiig Ton Zoll- 
einnehmem wurde nicht bewilligt. Hierbei waltete ein 
eigenthümlicher Grund ob. Mau fürchtet« nOmlicb, dass 
die Polen bei etwaigen weiteren Versuchen Oesterreichs, 
sich polnisches Gebiet zuzueignen, den Beweis liefern wür- 
den , dass der Grund und Boden , auf dem die ZoUst&tteu 
errichtet waren, Eigenthum der Bepnbiik sei. So wenig 
auch die Concessionen besagen mochten, bei Eaunltz war 
die Uflcksicht massgebend, nicht alle und jede Verbindung 
mit den GonfSderirten abzubrechen, und auf Bussland, falls ■ 
es Kunde davon erlangte, Eindruck zu machen. >) 

Durch die bevorstehende Begegnung mit Friedrich 
hoffte Eaunitz jedenfalls Klarheit in die Situation zu brin- 
gen. Er bereitete sich auf dieselbe sorgfältig vor. Zunächst 
sollte der KOnig ein klares Bild von den Principien der 
österreichischen Politik erhalten, um dadurch die Ueberzeu- 
gung zu gewinnen, dass man in Wien kriegerischen Ten- 
denzen ganz abhold seL Aus diesem Grunde musste das 
actuell bestehende politische System, nftmlieh die Allianz 



*) Elle (die EtüseriD Maria Theresi») observerft quo, soit pour 
doDiiar s penMr ä Ift Baasie, euppoB^ qne ces Tepantw parvieaneat 
ii.M connaisMnce, soit pour ne pas &ter tonte aepeaaw a des gena, 
dont pent-^TO on ponnoit avoii beaoin duis pen, duis one des i^ 
ponae n^advee je me soia aetvi ä deaaein de Veipreeüoii : de t'etat 
oa sont encore lea choaea. Eaunitz an Uaria Thereai» vom 
30. Angoat 1TT0, abgedmckt in meiner Abhandlosg a. a. 0. 497. 



iiztubvCoOglc 



318 

Oesterreicbs mit Frankreich einerseits, soirie jene affischeu 
Preussen und Bnesland andererseits, als das einzige den 
Interessen der beiden Nachbarstaaten entsprechende darge- 
stellt werden. Was die künftigen Beziehungen zwischen 
Oesterreicb und Preussen anbelai^, so nahm sich Eaunits 
vor, die grossen VortheUe danulegen. die aus einer gegensei- 
tigen Verständigung erwachsen würden, die auch, trotzdem 
man beabsichtigte an der Allianz mit Frankreich festzuhalten, 
leicht bewerkstelligt werden könnte. Im Laufe des Gesprft- 
ches wollte er die Gelegenheit benützen, einige Andeutuageu 
über die grossen Gefahren des Anwachsens von Bussland lu 
machen. Eaunitz hatte seine vor Jahr und Tag ausgespro- 
chene Ansicht nicht geändert, dass es eines Vertrages zwischen 
Berlin und Wien nicht bedürfe; es reiche vollständig ans, 
und die grossen Vortheile k{)nnten nicht ausbleiben, wenn 
man sich mündlich aber die wichtigsten Fr^en der Politik 
rerständige; die Entscheidung über Krieg und Frieden in 
Europa l^e dann in der Hand der Bundesgenossen. Auch 
sollte dem ECnig nicht verhehlt werden, dass die Fort- 
schritte Russlands den "Wiener Hof sehr beunruhigen, und 
Oesterreich bei eiuer etwaigen Störung des Gleichgewichts 
im Oriente sich genOthigt sehen könnte, auf energische 
Massuahmen fürzudenkeu. 

Obwohl Eiannitz in Constautinopel rührig gewesen war, 
um seiner Zeit von der Mediation uicht au^esohlpsseu zu 
werden, beabsichtigte er Friedrich gegeuüber in dieser Be- 
ziehung eine grosse Qleichgiltigkeit an den Tag zu legen. 
Das Beispiel von Hubertsburg sollte erhärten, dass es am 
besten sein würde, wenn die beiden kriegfQhrenden Theile 
ohne Dazwischenkunft eines Dritten die streitigen Punkte 
ordnen und ein Abkommen treffen. Dagegen wollte er 
hervorheben, dass die polnischen Angelegenheiten wohl 
eine grosse Aufmerksamkeit verdienen. Wenn der König in 
ihn dringen sollte, wollte er ihm auch seine Ansicht über 



IzcJbyCoOgIC 



die einz^e mi^gliclie Art, wie die Ruhe in der Republik 
hergestellt werden kCnnte, darlegen. Die Führer der ka- 
tholischen Partei und der Dissidenten mOssten znsanimen- 
treten, die Sachlage einer mhigen und nachtemen FrOfong 
unterziehen und auf Grundlage dieser Berathung eine Ver- 
einbarung zu treffen anehen' An diesen Conferenzen sollte 
auch ein. Abgeordneter Ton Seite des Königs von Polen 
theilnehmen, und wenn ein Ausgleich erzielt worden sei, die 
Zustimmung der Kaiserin von Russland, erentueU auch 
deren Garantie verlangt werden; die russischen Truppen 
konnten sodann das Land verlassen. Kaunitz hielt diese Idee 
*f(lr die einfachste der Welt, alle Parteien wflrden zufrieden- 
geeteÜt, das Zartgefühl der Czarin werde nicht verletzt; ihm 
blieb die Ehre, das grosse Werk zu Stande gebracht ku 
haben. Nach ein oder zwei Jahren konnte sodann auch von 
Oesterreich und Preussen die Garantie abgefordert werden, 
die man sodaun flbemehmen mQsste, um nicht Russland die 
Alleinherrschaft in Polen zu belassen, 

Auch über viele blos Deutschland betreffende Fragen 
nahm sieh Kaunitz vor, mit dem Künige zu sprechen; fiber 
den Kaiser und seine Stellung zu den EurfOrsten, aber' 
die Gefahr einer Auflösung des deutschen EeiohskCrpers. 
Die baierische Erbfolgefr^e wollte er ebenfells berühren, 
ohne sich jedoch in eingehende Erörterungen einzulassen, 
sondern sie ganz einfach ab eine Angelegenheit hinstellen, 
deren Erledigung erat in künftigen Tagen bevorstehe. Mit 
einem Worte, so weit es eben in den Tendenzen und in dem 
Charakter des Staatskanzler» lag, er beabsicht^te ehrlich 
und grQndlich dem Monarchen Preussens einen Einblick in 
das woh^egliederte politische System, als dessen Schöpfer 
und Träger er sich ansah, zu gewähren. . 

Innerlich schmeichelte er sich, dass der König seine 
lieber legen heit nothgedrungen anerkennen und gegen seine 
logischen Argumentationen nichts eiuwenden werde. Schon 



IzcJbyCoOgIC 



Ton jeher war der Qedaake ihm ein petalicher, daes Fried- 
rich ihm Dicht die Anerkeuanng zolle, die ihm gebOhre, 
und gerade durch die UnuDwandenlieit nad Offenheit seiner 
Darlegungen sollte der Kfiuig die Ueberzeugong tob der 
Ehrlichkeit seiner Politik gewinnen.*) 

Friedrich langte am 3. September um halb zwei ühr 
in Neustadt an. Gleich in seinem ersten G-espr&cbe mit dem 
Staatskanzler , welcheB nach Tische in einer Fensternische 
stattfand, gab Friedrich dem Wunsche lebhaften Ansdruckr 
den Frieden zwischen Bassland und der Pforte hergestellt 
ZD sehen. Eaunitz zweifelte nicht, dass dies des EOnigs 
ehrliche Ueberzei^ong sei; doch schenkte er dem Zusätze* 
desselben keinen Glauben, dasa er auch im Einblicke auf 
die etwaige Stellung Oesterreichs die Beendigung des £jie- 
ges ersehne. Kaunitz hielt den König nur ganz egoistischer 
Motire für übig', seiner Meinung nach lag es in dessen 
Interesse, die an Bussland zu verabfolgenden Subsidien zu 
ersparen, sodann aber kOnne er sich endlich der Finsicht 
nicht verschliessen, dass die Vergrdsserung Busslands auch 
dem preussischen Staate gefährlich werden mlisse, ohnehia 
ein Gesichtspunkt, den er lange genug ausser Acht gelassen 
hatte. Dass Friedrich den Frieden herbeiwOnsehte, aus Furcht, 
dass der Krieg grössere Dimensionen annehmen und er 
selbst genöth^t werden könnte, sieh daran zu betheiligen, 
schien der österreichische Staatsmann nicht emstlieb genng- 
in KrwE^^g zu ziehen. Der König hielt es nicht fär un- 
möglich, dass der Friede noch im Laufe des Winters ge-^ 
schlössen werden könnte, weni^ die TOrken etwaige massige 
Bedingungen Russlands nicht abweisen wflrden. um Kaunitz^ 

') EuDiti ä l'Impentrice Tom ST. Aogust ITTO. (W. A.) Ein 
hdchat interessantes StBok, ans desaen Vei^ldch mit dem tou mir 
in meiner AbUandluog a. &. 0. S. 600 Ter5ffentl[chtea Briefe vom 
IS Sept. 1870 herrorgehl, wie sorgrältig Kauniti swn gonies Qespräclk 
mit dem Könige im Vorhinein dorctidacht hatte. 



IzcJbyCoOgIC 



»»I 

Sil sondirea, warf er hin, BoBsland werde Asow fordern 
nnd in der Moldau nud Wallache! sieh mit Einsetzung un- 
abhängiger Fürsten begnügen. Die der Tfirkei noch zur Ver- 
fügung stehenden Mittel atellte er sehr gering dar und 
fand darin fQr sie einen Grund mehr, einem Frieden unter 
diesen Bedingaugen die Hand zu bieten. 

Schon hier trat die Differenz in den Ansichten des 
KCnigs nnd des FQrsten Eaunitz hervor, denn dieser stimmte 
mit Friedrich nur in dem einzigen Funkte fiherein, dass 
der Abschlags des Friedens allerdings wQnschenswerth sei, 
nur durfte Russland seiner Ansicht nach so wenig Vortheile 
als mißlich erhalten. Ton diesem Gesichtspunkte geleitet 
musste er die Widerstandsfähigkeit der Pforte höher an- 
schlagen, als er sie im Grunde hielt. 

Das erste Gespräch machte auf Kaunitz keinen guten 
Eindruck. Viel zu sehr gewohnt seine eigenen Ideen io 
pedantisch doetrinftrer Weise darzulegen, von allgemeinen, 
von ihm als, absolut unantastbar aufgestellten Grundsätzen 
auszugehen und zu Führungen fortzuschreiten, eine gewisse 
fireite liebend, war ihm die Gesprächsweise des E9n^, der 
in kurzen Sätzen, die er leicht hinwarf, seine Ideen ent- 
wickelte, nicht logisch genug. Er erblickte darin Mangel 
an Ordnung, an logischer Schulung; er sah sich in seinen 
Erwartungen getäuscht. Er benutzte eine Gelegenheit, um 
dem KCnige zu sagen, dass nach seiner Ansicht Finasserien 
nichts weniger als fein seien, und wollte aus dem Verlaufe 
des nächsten Gespräches ersehen, „ob die Lection gewirkt 
habe". 

Eannitz woide in Folge dies«' Unterredung in seinem 
Vorsatsse, dem EOnige eine gründliche Darl^^ui^ der lei- 
tenden Ideen der österreichischen Politik zu geben, nur 
noch mehr bestärkt. Die Zurückhaltung des Königs hielt 
er fQr Misstrauen, welches sa bannen er sich zur Aufgabe 
setzte, wenn die Zusammenkunft nicht resnltatlos verlaufen 

Ba*i: Di* «tri* TtaUui« Folau. 31 



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an 

mut kaine ^grfissere Sotfrendung diatreten sollte. Im Wesent- 
liebm «Kren «s jene tiesiolitspunkte, die er T«r seiner Ab- 
reiae toh AiuteriJtt sorgsa« eotworfea hatte, die er ia einer 
Ungeien Ünterrednog dem Könige auseiDandeisetste. 

Mit besoiiderer AasfUiitiehkeit verbreitete er sich eo- 
dana. daröber, wie erwttnscht und fruchtbringend eine Ter- 
aOtiMgaag zvieahBü Oesterreich ual Pmoesen w&k. fi^annitz 
bttüe so. di««m Behafe idie -wioht^sk« Ornndeatze in sebt 
Pinkten »unrnmengefaist. Im Falle der KOnig denselben 
:iB8tiiimenirted«, sollte ein einfaohes mflndtiabM oderschrift- 
liefacs YeraprecbeB , sieh denselben Goofonmien 2u wftllen, 
geaigen, welches ireit grfisaere Kenste leisten werde, als 
adle Tract&te der Welt. Der StaatekuiBkr war anf sein 
Elaborat nicht wenig stolE. Im Grande igenoiuaen ea^elt 
der Deealt^, wie daa Schriftstftok T«n einen Zeitgenossen 
getauft wurde, einige allgemeine Sätne, Ohne weseiitlieb 
praktische Bedeutimg. llan sollte einander versprechen, 
freundschaftliche AufkltlrungHi zu vertangea , wenn Ver- 
dacht oder Misstrauen kOnfflig auftauchen «rün)». Man 
werde stets mit Freimnth und Aufrichtigkeit mit einander 
verhandeln. Einer werde dem Andern kwnen sehftdlichea 
Tsrsohlag machen oder einen Mcben, 4er nicht auf Qegen- 
s^igkeit fasse. Man werde sich b«etret>ea, ^e Söfe durch 
Wort nnd That von der aBfricht^n Freundschaft ob4 
gegeoBeitJgen Hüohaehtung, welche zwischen Preusseci and 
OeBterreich bestehe, zu Uberzsugea. Oesterra<dt werde bei 
Bnsdaad, Prenssen bei Frankreich kciue Ann&henmgsrer- 
suche machen, nm das bestehende System nicht zu lockern. 
Wenn Bos^and in Wien oder Frankpeich in Betha Allianis- 
anträge machen sollten, werde «ne tuS^liohst rasche gegen- 
seitige Mittheilung erfolgen. Unternehmungen von einiger 
Bedeutnmg werde man sich vorher mittheüen. Der Eine 
werde den Tortheilen des Andern kräae Hindenüflse machen, 
wem es sich blos um unbedeateode Ding« handelt; bei 



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8 » 

Objeoien vod frösserei Bedeutung werde man elnaader 
beDaohriolitigeii und mit einander ein auf Gegenseitigkeit 
beruhendes AhkNames tu sehMessan suchen, woraaf sodaini 
der Eioe dem Aaden eriorderliehen Falls die nftthige Ua- 
teratfltanng angedeihen lassen we^de. TJeber kleine und 
epeciellä Dinge wwdft nwn Tenneiden in UnterbaadluBg von 
Staat zu Staat m traten, da nichts so Behr geebnet ist, 
d«i OfBud zu Enteweiiagen zu legen. Endlieh, maa verde 
sich gegenseitig von aUen Insinuationen Mittheilungen 
machen. ') 

Kaunits setzte die groase Bedeutung dieser za verein- 
barenden OrnndsätEe auseinander. Friedrich zeigte sich Ton 
den Erörterungen de» Stiaatskaulers entzflckt. Nichts stehe 
im Wege sieb sack dem „politischen Catechismus", wie 
dieses Aetenstäck getauft wurde, zu richten. Inständig und 
sa wiederholtes Malen bat er um eine Copie, um diese 
GrundsAtie immer ror Ai^a zu haben. Kaunits lehnte 
dies mit der Bemerkung ah, daes er erst die Weisungen des 
Kaisers einholen mflsse. 

KOnig Friedrich l^e nur darauf ein besonderes G-e- 
wi«ht, der österreiehisf^ea Politik bezOgUch der orientali- 
schen Frage auf den Önmd ku sehen. W&hread der Nacht 
war der Courier mit den Schreiken des Kaimakams angelangt. 
Friedrich sprach es offen aus und gab auch sn, dass Oester- 
reich. an dem Kampfe sieh betheiligen m&sse, wenn die 
Bussen die Donau fllierschreiten sollten, er yerheblte auch 
nicht, dass er kein pasairei Beobachter bleiben konnte, 
wenn der Krieg vielleicht auf polnischen Boden hiuflberge- 
spielt würde, da seine Verpflichtungen sich gerade auf dies 
Land bezieben ; etwas aoäeres w&re es , wenn der Kampf 
auf die Donanftrstentbfimer »ch beeebrftnken sollte. Man 



') Dw C&teckisms polttiqoe »bgedntaki m mdusr AbtUDdhug: 



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tu 

kenne aber nie wissen, wie weit die Dinge, wenn einmal ein 
Conäict eingetreten, sich verwirren, aus welchem Grunde essein 
Wunsch wäre, w«iq Oestarreich flberhaupt nioht in die Lage 
käme, eich mit Bussland zu flberwerfen. Schon Tags znror 
hatte er einige der Bedingungen namhaft gemacht, von 
denen er voraussetzte, dass sie von Bussland werden ge- 
fordert werden. Er hatte damals durchaus keine positiven 
Mittheilnngen darüber von Petersburg erhalten, -sondern 
gerade diese Punkte nur hingeworfen, um aus der Antwort 
des Staatskanzlers den Standpunkt des Osterreichischen Hofes 
kennen zu lernen. Er kam nunmehr nocbmab auf dieselben 
zDrOck. Auf Azow und die Krim werden die Bussen un- 
bedingt bestehen, von ihren Fordenmgen bezaglioh der 
Moldau und Wallachei jedoch ablassen; die polnischen Dinge 
werden sich regeln lassen. Machen wir Frieden, ich bitte 
Sie, schioES der £<)n)g seine Darlegung, hindern wir, dass die 
Türken nicht mehr zu einem neuen Feldzuge gezwungen wer- 
den. Ich bitte Sie, machen wir den Frieden, wiederholte 
Friedrich noch einmal, das Ersuchen beiftlgend, der Staats- 
kanzler möge ihm seine Ansichten darüber eröffuen. Kaunitz 
erwiderte: Die gegenwärtige Sachlage verdiene die ernsteste 
Aufmerksamkeit, da eine bedeutende Vermehmug der ms- 
sischen Macht die Sicherheit Oesterreichs und Preussens für 
die Zukunft ungewiss mache ; im gegenwärtigen Augenblicke 
sei der Krieg ein geringeres üebel, als die Unthätigkeit, da 
man noch auf die Mitwirkung der Pforte uud Polens rechnen 
kOnne. Oesterreich könne sieh nicht entscMagen, sieb zum 
Kriege zu entschliessen, wenn Bussland bedeutende Erobe- 
rungen zu behaupten gesonnen sein sollte, oder verlangen 
würde, dass Polen auf einem Pusse bleibe, wodurch dies 
Königreich zu einer russischen Provina würde. Wenn der 
König sich nicht entschlösse, mit Oesterreich gemeinschaft- 
liche Sache zu machen, so könnte man in die Lage kom- 
men, ihn angreifen zu müssen, sei es, um eine Diversion 



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gegen Bflssland bq machen, oder um einen Feind, wie Freas- 
sen, nicht im Bücken za haben. Er glaube annehmen zu 
dQrfen, dass es dem König ebenso wenig als Oesterreich oon- 
venire, dass ein Brach zwischen den beiden Nachbarstaaten 
eintrete; es bleibe demnach nichts fibrig, als znr baldigen 
HerbeifQhrnng eines Friedens th&tig zu sein. 

Eaunitz hatte sich voi^esetzt, fiber die Mediation eine 
gewisse Oleiohgiltigkeit an den Tag zn legen. Dieser Punkt 
seines Programmes erftihr eine Äendemog, da mittlerweile 
die Pforte die Vermittelung Oesterreich fSrmlich naol^«- 
sncht hatte. Der Staatskanzler gestand dem Könige offen, 
dass Oesterreich die Tflrkei zu diesem Schritte bewogen 
and seine eigene Betheiligung nur för den Fall in Aus- 
sicht gestellt habe, wenn auch die Preuasens abverlangt 
wflrde. Nun sei allerdings eine grossere Wahrscheinlichkeit 
fQr eine Beendigung der Wirren Torhanden, da die Pforte 
wenigtens dem Frieden sich geneigt zeige, w&hrend frOber 
weder Bussland noch die Pforte etwas daTon wissen woll- 
ten. Es handle sicli jetzt nur noch um Bnssland. 

In Petersburg habe der EOnig mehr Einfluss ; er 
mSge daher dnreh die stärksten Mitte! der üeberredung 
die Kaiserin zu bewegen suchen, Oesterreiohs Mediation 
ansunehmen und sich rerständigen Bedingungen zu fQgen; 
er aolle in stärkerem Masse dem Frieden in Petersburg 
das Wort reden, als er es bisher gethan; dies läge auch in 
seinem Interesse. Weigere sich „seine Kaiserin"') der Me- 
diation zuzustimmen, so konnte man sich zur Annahme 
berechtigt halten, dass ^e die Dinge auf das Aeusserste 
treiben wolle; Oesterreich aber würde sich gezwungen 
sehen, einen Entschloss zn fassen, der die Fortschritte 
Kuaslands aufhalte. 

Friedrich war der Darlegur^ des Staatskauzlers 



') Der Aosdrnck „San Imperatrice' kehrt in dem ActenstQcke 
oft wieder. Tr^L raeine Abbandlong a. a. 0. S. 180 o. ISl. 



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mit grosser Aufmerksamkat gefolgt ; « sohlen aocb die 
Stichliftltigkeit der Argumente ZMCogeben. Eb entsprach 
seisen Intcntionea ToUkommen, wenn er Aateb den Hin- 
weis anf die etwaige Haltung Oelegenhelt orbielt, in P»- 
tersbnrg ernstlich zum Frieden «n mahnen. Seine bi&berige» 
BemQhnngen waren im Wesentlichen wirknngslos gebliebeo, 
vielleicht winkte ein grosserer Erfolg, wenn er aaf die 
Geftbr einer Betheilignng Oesterreiehs an dem Kampfe 
aufmerksam machen koBnte. Indess bei seiner Stellnng zm 
Bnselaad nnd bei seiner genauen Kenntniss des Charak- 
ters der Kaiserin ipnsste es ihm gawagt eräoheinen, st&rkere 
Mittel der üeberredung anzuwenden, wie Eannitz Torsohkg. 
Er entgegnete daher nur, die KaiBerin sei stelz, sahr ehr- 
geizig und sehr eitel, man kftune zu ihr als Frau lueht 
wie tu Mnem Hinist» sprechen, man mfisse rfleksichtsTOll 
auftreten, um sie nicht zu reizen, aber, setzte er hinzu: 
Liefern Sie mir die Waffen, damit ich Ruseland Pnroht 
einjagen kann. Er warf den einen und den andern Tor- 
schlag hin, in welchw Weise sich dies erreichen Uesse; 
„könntet ihr nicht Bomantow sagen lassen, ihr hoffet, er 
werde die Donau nicht flberechreiten, oder Frankreich su 
bewegen suehen, die Erkl&mng absugeben, dass es eneh 
mit 100.000 Mann m nnterstatzen gedenke, wenn ihr esch 
eiitachliessen würdet^ an die Russeu den Krieg zu erklftien, 
Mls diese die Donau fibfrsebreiten? Ihr wQrdet mir die 
Nachricht mittheilen, ich machte davon in Petersburg 
Gebrauch, ohne Zweifel, die« würde Eindruck machen." 

Es waren dies leicht hingeworfene Qedanken, die der 
Eftnig selbst nicht ernstlich nahm. Kaucitz boten sie An- 
lass, sich Aber „diese kindischen Idera" verwundern zu 
kSnnen, die er von einem Manne von solchem Qeiste nicht 
erwartet hatte. Der Staatakaniler machte dem KOiL^ den 
Vorschlag, an die Kaiserin zu schreiben; ohnehin habe er 
einen natürlichen Aulass, indem er sie über die Zusammen- 



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vn 

kanft in Neustadt werde anterrichten mtlssen; auch habe 
er ja tod Constantiiiopel Depeschen erhalten, mit d«r 
Nachricht, dsss die Pforte -die Mediation aar beiden H9fe 
verlange. Er sollte in Fetershnrg s»ne Bereitwilligkeit dar- 
legen, steh dieser Aufgabe tuterztehen zu wollen, and hin- 
zufügen, dass er ans vereoMedenen Gesprftehen mit dem 
Ktüasr OBd dem Staatskanzler auch die Oeneigtheit der- 
selben entnommen habe, zor Eerst^ung des Friedens mit 
beitragen zn helfen, wenn Busslaud in Wien die Yermitte- 
Inng rerlai^en sollte. Gleichzeitig sollt« der Esnig aber 
bemerken, dass er zvta keine Erliitterang bei dem Kaiser 
und Kaunitz gegen Bassland wahrgenommen, aber die 
TTebenes^ong gewonnen habe, dass bei einer Fortdauer des 
Sampfes und einer beträchtlichen Aenderung des Oleich- 
gewrehtes im Orient der Wiener Hof entschlossen zu sein 
scheine, dies zu bindern, weil er ein derartiges Ereigniss äla 
imvereinbar mit deai Staatawobl betrachte. Kaunitz meinte 
auch fwner, ee w&re gst, wenn die Kaiserin von Bnsslaad 
zu «ner Beilegang der polnischen Wirren bewogen werden 
kennte, und zwar noch vor B^nn der Friedensverhand- 
Inngeo mit der Pforte, denn dadurch wQrde ein wesent- 
liches HiodeiuisB aus dem Wege gerSnmt. Die Kaiserin 
möge einen Paoificationsplan aosarbeiten and denselben in 
Wien nnd Berlin mitthellen lassen ; finden diese HOfe ihn 
aufifohrbar, so wflrden sie sieh beiMhen, den Kütäg von 
Polen nnd die Parteien dafOr zn gewinnen, va& wenn diese 
nicht darauf «ingeben wollten, bleibe es Kussland noch immer 
aohein^eetelU, sie mit Waffengewalt zn zwingen; anch 
kßnnt«! die beiden HQfe die "Oarantie ffir die Aufrechter- 
haltnng der Facificxtion fiberaefamen, sobald die Kaiberin 
ihre Truppen aus Polen zurückgezogen haben wfirde. 
Kannits scfaloss seine Auseinandersetzungen mit der Ter- 
Sicherung, dass er dem Könge hier iriclrts vorschl^, was 
er TÖtitA selbst thfite, wenn er an dessen Stelle wäre. 



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W8 

Friedridi fand, dasa die .Vorschläge des StaatBkanders 
im Grossen und Ganssen entspEecheod seien ; ohne eine 
bindende Zusi^e zugeben, begnügte er sich zu erwidern: er 
werde sich denselben eonformiren und sich AufieLchnuDgen 
machen, um ja nichts zu vergessen. Der Eon^ konnte mit 
dem Kesultate seiner Zusammenkunft im Gründe genommen 
zufirieden sein, er hatte Gelegenheit gehabt, die Politik des 
Staatskanzlers kennen su leinen. Zu einem Abkommen mit 
Oesterreich konnte er seine Hand nicht bieten, da ihm die 
Bunde^eoossenschaft mit Bussland Ton viel in hohem 
Werthe war, um sie wegen einiger Abtretungen in der 
Tfirkei auf's Spiel zu setzen. Wie leicht konnte zwischen 
Petersburg und Wien eine Verständigung erfolgen, die 
ohnehin von einigen ruBsischen Staatsmännern längst in's 
Auge gefasst war. Ueber die bedenklichen Folgen einer 
Vei^rösserung Busslands war er sich vollständig klar, 
sprach er es doch Kaunitz gegen&ber aas, daea er die von 
Petersburg für den Westen drohende Gefahr nicht gering 
anschlage, allein einen vollständigen Systemwechsel hatte 
er deshalb nicht im Plane. Seine Absicht, das an- 
gehahnte, gute Einvernehmen mit Oesterreich .aufrecht zu 
erhalten, bekundet deutlich der Vorschl^, den er am 
letzten Tage dem österreichischen Staatskanzler machte, 
sich von Zeit zu Zeit flher neu aufl^uchende Fragen per- 
sönlich zu verständigen , besonders wenn Veräaderungen 
eintieten, die dies wünschenßwerth machen. In solchen Fäl- 
len könnte eine Zusammenkunft nur sehr vortheilhaft sein. 
Kaunitz lehnte dies mit der Bemerkung ah, die Minister 
an beiden H6fen würden dazu genügen, wenn die Wahl nur 
auf geeignete Persönlichkeiten fiele; bei gan£ besonderen 
Ereignissen würde sich ein Wiedersehen leicht bewerkstel- 
ligen lassen. 

Kaunitz schmeichelte sieh, daas seine Auseinander- 
setzungen grossen Eindruck auf den König gemacht haben ; 



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seiner Meinung nach vollzog sich ein totaler Umschwung in 
äerDenkungsart des £0nigs. Ich gl&ube, daes er mit anderen 
Empfindungen flher uns und fQr uns at^ereist ist, als die, 
welche er mitgebracht, schrieb er an die Monarchin. Er 
baute darauf, dass der EOuig in der ron ihm selbst vor- 
geschlagenen Fonu an die Kaiserin von Bussland schreiben 
werde, und wenn diese die Mediation ablehne, so habe man 
sich wenigstens in keiner Weise blos^estellt. Ferner nahm 
£annit2 an, dass der König mit grosser Gelehrigkeit auf 
sein« Ansichten fiber die Beilegung der polnischen Wirren 
eii^^l^ngen sei. „Ich habe Grund zu glauben", bemerkt 
Eaunitz in seinem Berichte an die Kaiserin, „dass er uns 
nun kanftighin tränen wird, so weit es ihm möglich ist. 
Jemand zu trauen, und daes auch wir ihm mehr trauen 
dürfen, alf dies bisher vemfluftig gewesen wäre."') 

Auf den politischen Katechismus kam der KOnig bei 
Gelegenheit Öfter zurück und erbat sich eine Copie ; Eaunitz 
blieb unerbittlich. In seinem Bericht an die Kaiserin hebt 
er herror, dass der König auch das Schriftstück unterzeich- 
net hfitte, weUD der Kaiser es gethau. Von Wien aus erhielt 
Friedrich eine Abschrift zugesendet; am 15. I^ovember 
abermittelte der preussische Gesandte ein von dem Könige 
eigenhänd^ geschriebenes, jedoch nicht unterzeichnetes 
Exemplar dem Staatskanzler. 

') Vrgl. meine Abhandlung &. a. 0. S. 499— SS3. YrgL die 
Mittheilnng an den engliBchen Vertreter bd Banmer II, SBfi. 



B«'«r: Di» tau Thalluii P(g»j, 

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HARVARD LAW LIBRARY 
FROM THE LIBRARY 

OF 

RAMON DE DALHAU Y DE OUVART 

MARQUES DE OLIVART 

Received December 31, 1911 



1 



AKIgIc 



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